Ansicht mit Stehermaschine. Foto: LWL/Herden-Hubertus

Die Radrennbahn in Bielefeld an der Heeper Straße

„Schmuckstück der Fahrradmetropole“

Wie in ganz Europa hatten sich seit dem dritten Viertel des 19. Jahrhunderts auch in Bielefeld, der Hochburg der deutschen Fahrradindustrie, Sportler und Zuschauer für Radrennen begeistert. Nach „wilden“ Straßenrennen des 1924 gegründeten Radclubs Zugvogel (RCZ) und dem populären Rennen „3mal rund um Bielefeld“ mit 350 Fahrern aus ganz Deutschland, entstand als Aschenparcours die erste Bielefelder Radrennbahn, die mit einem Rennen am 15. Oktober 1931 in Anwesenheit von 6000 Zuschauern eröffnet wurde. Die Bielefelder Fahrradhersteller unterhielten eigene „Rennställe“, der RCZ brachte national sehr erfolgreiche Fahrer hervor.

Schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Radsport in Bielefeld wieder aufgenommen und kam erneut zu großen Erfolgen. Bald gab es beim RCZ erste Überlegungen zum Bau einer großen Radrennbahn und im Jahre 1950 beschloss der Bielefelder Stadtrat die Errichtung einer Radrennbahn auf einem städtischen Grundstück östlich vor der Stadt und stellte dafür 350.000 DM bereit. Mit Beteiligung des RCZ wurde eine Betriebsgesellschaft gegründet, in deren Nachfolge seit 1965 die Stadt Bielefeld als Eigentümerin die Radrennbahn betreibt. Die Pläne fertigte der Architekt Clemens Schürmann aus Münster, der selbst im Jahre 1908 einen Fahrer-Vertrag mit der Fa. Dürkopp & Co. abgeschlossen und bis 1922 an allen großen Rennen sehr erfolgreich teilgenommen hatte. In Konzeption und Konstruktion kamen die Erkenntnisse der Ingenieursbaukunst und des erfahrenen Profi-Radsportlers zusammen.

Sieger auf der Zielgeraden, 5.9.2012. Foto: LWL/Herden-Hubertus

Durch die Aufschüttung und Verfestigung von Kriegsschutt, Müll und abgeschobenem Mutterboden wurde ein ovaler Damm errichtet, auf dessen Innenseite über vorgespannten Stahlseilen als Substruktion eine 333,3 m lange fugenlose Betonbahn gegossen wurde. Die Bahnlänge ergibt bei drei Runden, also eine Strecke von exakt 1000 m bei zwei Geraden mit zwei 180-Grad-Kurven. Wegen der Steilkurven von 46 Grad, die den Fahrern extreme Kurvenneigungen ermöglichen und einem allmählich angelegten Übergang der Bahnneigung nach innen auf die Geraden, werden Geschwindigkeiten von bis zu 80 km/h erreicht. Das gilt bei den Ausdauerrennen mit Schrittmacher-Motorrädern - „Steherrennen“ genannt, bei denen die Radsportler im Windschatten der stehend vorausfahrenden Motorrad-Partner fahren – ebenso wie auch bei Sprints, den „Fliegerrennen“. Das Verhältnis von Überhöhung der Kurven und Neigungen der Fahrbahngeraden war für spätere Projekte beispielhaft.

So handelt es sich bei der Bielefelder Bahn um den besonderen Typ einer sonst nur noch in Chemnitz ausgeführten kombinierten Flieger- und Steherbahn. Eine Experten-Kommission des Bundes der Deutschen Radrennbahnen und des Bundes Deutscher Berufsradfahrer bezeichnete die Bielefelder Bahn nach der Fertigstellung als „Schmuckstück, das der Fahrradmetropole würdig sei". Sie verspreche neue Rekorde und zähle zu den schnellsten Pisten Europas. Zum Eröffnungsrennen am 14. Juni 1953 fanden sich 15.000 Zuschauer ein und feierten die Rennfahrer. Noch heute üben die Radrennen auf dieser fast 60-jährigen Sportanlage, auf der regelmäßig z.B. Qualifikationsläufe für die Europameisterschaft stattfinden, eine besondere Faszination aus.
Für diese erste fugenlose Spannbetonbahn in Deutschland besteht Sanierungsbedarf, insbesondere, nachdem vor einigen Jahren ein Stahlseil im Bereich unterhalb der Zielgeraden durch Blitzeinschlag beschädigt worden war.

Der LWL zeichnet diese für die Geschichte des Profisports und die Entwicklung der Architektur von Radsportbahnen bedeutende Sportstätte und zugleich herausragendes Beispiel der Ingenieursbauleistung im Bereich der Spannbetontechnik als Denkmal des Monats November aus.

Anne Herden-Hubertus M.A.