Denkmal des Monats


Ein vergessenes Stück Mittelalter

Der gotische Sakristeischrank der katholischen Propsteikirche St. Laurentius in Arnsberg

Die katholische Pfarrkirche St. Laurentius in Arnsberg ist aus dem um 1170 gegründeten und 1803 säkularisierten Prämonstratenserstift Wedinghausen hervorgegangen. Die Nachnutzung der Stiftsgebäude erfolgte durch die Kirchengemeinde und die katholischen Schulen. 1859 wurde die ehemalige Stiftskirche St. Laurentius zur Propsteikirche erhoben.

Seit 2015 wird der Ostflügel des ehemaligen Stiftes Wedinghausen saniert. Mit der Shalom-Gemeinschaft wird das Gebäude nach über 200 Jahren demnächst wieder von einer Glaubensgemeinschaft genutzt. In diesem Ostflügel befinden sich der vormalige Kapitelsaal und die Sakristei.

Die Sakristei ist ein eigenständiger Raum, in dem sich die Geistlichen vor dem Gottesdienst aufhalten und diesen vorbereiten. In speziellen Schränken werden dort die für den Gottesdienst notwendigen Gewänder (Paramente) und Utensilien aufbewahrt. Für die Aufbewahrung und Bereitstellung ist der Küster zuständig, der daher auch als Sakristan bezeichnet wird.

Ehemaliges Stift Wedinghausen, der große Schrank an der Nordseite der Sakristei. Foto: LWL/Barthold 2019

Im Zusammenhang mit Bauarbeiten im Obergeschoss des Ostflügels kam es zu einem übermäßigen Staubaufkommen in der darunterliegenden Sakristei. Da die Decken und Wandanschlüsse in der Sakristei völlig intakt erschienen, blieb nur eine Nische an der Nordseite als Staubquelle übrig. In dieser steht ein großer Sakristeischrank, der aus zwei übereinandergestellten, unterschiedlichen Schränken zusammengesetzt ist, die umlaufend mit breiten Leisten verkleidet sind. Um die Ursache der Verschmutzung zu finden, wurde der Schrank eingerüstet, die Verkleidungen entfernt sowie im oberen Schrank ein Brett der Rückwand gelöst und seitlich verschoben. Als Staubquelle zeigte sich ein Loch in der Decke, das wohl 1865 entstanden war, als man nach einer Reparatur der Sakristei den oberen Schrank nicht mehr passgenau einbauen konnte.


Da die Sakristei als historisch besonders wichtiger Bereich gilt, wurden diese Arbeitsschritte von der Restauratorin Heike Wehner (Firma Ars colendi) und vom Bauforscher Peter Barthold von der LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen (LWL-DLBW) begleitet und dokumentiert. In diesem Zusammenhang wurden erstmals Einblicke in die Bauweise beider Schrankteile möglich. Während der obere Schrank mit seinen hohen Zweifüllungstüren auf Grund der Konstruktion in das 17. Jahrhundert zu datieren ist, weist der untere Schrank in seinem Kernbestand in das Mittelalter. Der untere 3,82 m lange, 1,97 m hohe und 0,85 m tiefe Sakristeischrank wurde als Kastenmöbel gebaut. Drei aufrechte Bretter im Inneren bilden vier hohe Fächer, die ursprünglich durch quer eingebundene Böden in insgesamt acht gleich große Fächer unterteilt wurden.


Sakristeischrank, Detail des mittelalterlichen Abschnitts mit Auszug. Foto: LWL/Barthold 2019

Die Schrankfront ist als profilierte Rahmenkonstruktion ausgearbeitet und ermöglichte es, jedes der acht Felder mit zwei Brettertüren zu verschließen. Ein Feld enthält noch diese ursprünglichen Bretttüren. Um die Paramente hängend unterzubringen, wurde der Schrank in den folgenden Jahrhunderten zweimal für den Einbau größerer Türen umgebaut. Die heute noch vorhandenen Brettertüren sind außen mit aufwändigen Eisenbändern am Rahmen befestigt. Jede der Brettertüren ließ sich mit einem runden Griff aufziehen, und zwei Türen konnten jeweils mit einem abschließbaren Riegel verschlossen werden.
In den mittigen, horizontalen Rahmenteilen befanden sich Schlitze, aus denen mit Hilfe eines Zuggriffes in Dreipassform Brettauszüge herausgezogen werden konnten. Diese Bretter waren als Zwischenablage für die möglichen Schrankinhalte wie Paramente, Bücher, Kelche und weitere Gerätschaften nötig.


Ein Vergleich mit dem erhaltenen Sakristeischrank sowie der bauzeitlichen Sakristeitür der Soester Wiesenkirche ermöglichte, die Entstehungszeit des Arnsberger Schrankes nunmehr neu zu bestimmen. Viele Übereinstimmungen in der Konstruktion und besonders bei den verwendeten Beschlägen sind frappierend. Die Sakristei der Soester Wiesenkirche ist zusammen mit dem Hauptchor entstanden, der kurz nach 1330 eingewölbt wurde und um 1340/50 einen neuen Hochaltar erhielt. Spätestens zu diesem Zeitpunkt müssen Tür und Schrank in Soest vorhanden gewesen sein. Vor diesem Hintergrund spricht vieles dafür, dass der Wedinghauser Sakristeischrank ebenfalls um 1340/50 entstanden ist, vielleicht sogar in der gleichen Werkstatt wie das Soester Vergleichsbeispiel.


Der wiederentdeckte gotische Sakristeischrank ist für die Möbelforschung weit über Arnsberg hinaus ein wichtiger Fund, da nur wenige so alte Möbel noch bis heute erhalten sind. Für das ehemalige Prämonstratenserstift Wedinghausen hat der Schrank ebenfalls eine große Bedeutung. Er entstand wohl noch in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts und damit zur gleichen Zeit wie das berühmte Hochgrab (Tumba) mit der zugehörigen Grabplatte des Grafen Heinrich II. und der Gräfin Ermengardis, das sich bis 1804 in dem der Sakristei südlich folgenden Kapitelsaal befand. Während aber Tumba und Grabplatte seitdem mehrmals den Standort wechselten, steht der Sakristeischrank in gleicher Funktion seit über 650 Jahren noch immer da, wo er hingehört – in der Sakristei.

Peter Barthold