Denkmal des Monats


Die Gartengrotte der Villa Lohmann

in Witten

Schon seit Jahrhunderten gehören künstliche Felspartien, Grotten und Gewässer zur Ausstattung von Gärten und Parks. Eingebunden in landschaftlich gestaltete Bereiche bürgerlicher Gärten waren sie vor allem im 19. Jahrhundert beliebt. Wer etwas auf sich hielt, ließ seinen Garten mit einer Grotte ausstatten, zuweilen kombiniert mit einem Teich in organisch geschwungenen Formen.


Die Fotomontage aus dem 19. Jahrhundert zeigt die Familie Lohmann vor einer gemalten Grotte. Hierin deutet sich die Wertschätzung an, die der Grotte und der mit ihr verbundenen Gartengestaltung von der Familie entgegengebracht wurde.

Der Fabrik- und Brennereibesitzer Gustav Lohmann (1847–1934) ließ sich um 1875 das repräsentative Wohnhaus an der Ruhrstraße in Witten in direkter Nachbarschaft zur familieneigenen Kornbrennerei errichten. Zu seiner Villa gehörte auch ein von Mauern umgrenzter, reich ausgestatteter Garten mit geschwungenen Wegen, einem bewegten Geländerelief, großzügigen Rasenflächen, Baumgruppen und Zierbeeten. Eingebettet in die Gartenanlage war eine malerische Szenerie, in der die Grotte, der ihr vorgelagerte Teich mit der Bogenbrücke und die rahmende Bepflanzung zu einer gestalterischen Einheit, ähnlich einem Bühnenbild, verschmolzen.

Spätestens seit den 1940er-Jahren hat der einst kunstvoll hergerichtete Garten infolge von Kriegseinwirkungen, Sturmschäden und gestalterischen Vereinfachungen viel von seiner Einzigartigkeit verloren. Die Gartengrotte geriet in Vergessenheit, der Teich wurde zugeschüttet.


Im Zuge der Nachinventarisierung der Gartenanlage im Jahr 2018, die aufgrund einer beabsichtigten Neugestaltung der Gartenanlage erfolgte, wurden bei Aufräum- und Rodungsarbeiten in einer unbeachteten Ecke des Gartens die freigelegte Grotte samt Teich und Brücke „wiederentdeckt“. Schnell war klar, dass hier ein aufwändig gestaltetes und seltenes Relikt eines gründerzeitlichen Gartens überkommen ist. Grotte, Teich und Brücke wurden im Mai 2019 in die Denkmalliste der Stadt Witten eingetragen. Dem Garten insgesamt konnte aufgrund der zu starken Veränderungen allerdings kein Denkmalwert mehr zugesprochen werden.

Die Grotte zeigt einen annähernd ovalen Grundriss. Ihre Rückseite besteht aus aufgemauerten Natursteinen, während die Schauseite der Grotte mit den drei Öffnungen dem Teich und dem Garten zugewandt ist. Zwei der Öffnungen erschließen die Grotte über einen Gartenweg, die mittlere Öffnung bietet einen Ausblick über den Teich hinweg in den Garten.


Blick aus der Grote auf den Teich und die Brücke, Foto: LWL/Weiß

Ob es sich bei dem für den Grottenbau verwendeten Gestein um porösen Kalktuff oder um Schlacke aus der Eisenverhüttung handelt und welche Art von Mörtel verwendet wurde, bedarf noch weiterer Untersuchungen, die im Zuge der Erarbeitung eines Restaurierungskonzeptes vorgenommen werden sollen. Die zum Grottenbau verwendeten Steine wurden so gesetzt, dass sie wie natürlicher Fels wirken. Die freien Formen der künstlichen Grotte waren nur durch in das Mauerwerk eingelegte, nicht sichtbare Eisenarmierungen möglich, die die Konstruktion stabilisierten.

Beim Bau der Grotte und der Brücke wurden stellenweise Pflanzmulden geschaffen, die bepflanzt wurden und den naturhaften Charakter der Grotte verstärkten. Der auf historischen Luftbildern erkennbare dichte Gehölzbestand im Umfeld der Grotte legt nahe, dass u. a. schattenertragende Pflanzen wie Moose, Farne und Efeu die Grotte begrünten.


Ziegelsteine bilden das Teichufer und Teichsohle, Foto: LWL/Weiß

Der Teich schließt unmittelbar an die Grotte an. Er zeigt eine Uferlinie, die einer „8“ ähnelt, und wird an der Engstelle von einer Brücke überspannt. Sohle und Böschung des Teiches werden aus sorgfältig verlegten Ziegelsteinen gebildet. Als spiegelnde Fläche setzte der Teich in Verbindung mit der Grotte und Brücke einen markanten Akzent im Garten. Die Brücke erfüllte nicht allein den Zweck, den Übergang über den Teich zu ermöglichen, sie war auch ein symbolhaftes, romantisches Ausstattungselement inmitten der naturimitierenden Szenerie.

Die denkmalpflegerische Bedeutung der Grotte im Garten der Villa Gustav Lohmann liegt unter anderem darin, dass Grotten als Ausstattungselemente bürgerlicher Villengärten kaum überkommen sind. Nach derzeitigem Kenntnisstand ist das Wittener Grottenbauwerk in Verbindung mit dem Teich das einzige in Westfalen-Lippe erhaltene Beispiel für eine künstliche Grotte in einem Privatgarten aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

 

Uwe Siekmann und Marcus Weiß