Denkmal des Monats


Klassische Moderne in Ostwestfalen

Rheda-Wiedenbrück, Rektoratsstraße 3, Wohnhaus

Zum Denkmal des Monats Januar 2019 hat der LWL das Wohnhaus in der Rektoratsstraße 3 im Stadtteil Wiedenbrück gekürt.
Es wurde 1968 nach Plänen des Bielefelder Architekten Joachim Georg Hanke (geb. 1931) erbaut. Den zugehörigen Garten plante das Landschaftsarchitekturbüro Roehse und Fischer aus Gütersloh. Bauherren waren die Eheleute Christine und Leo Lübke, Inhaber der Möbelfabrik Interlübke in Wiedenbrück. Für Leo Lübke sen. hatte Hanke schon 1962 die Fabrikgebäude gebaut.

Das Wohnhaus Rektoratsstraße 3: Die Straßenfront. Foto: LWL/Brockmann-Peschel 2017

Der nur wenig außerhalb der Wallanlagen des historischen Ortskerns gelegene flachgedeckte Stahlbetonbau war nicht nur für das Fachwerkstädtchen Wiedenbrück, sondern auch für ganz Westfalen ungewöhnlich progressiv. Er sollte der Familie Lübke als modernes Domizil und zugleich auch als „Schauraum“ für die Möbel der Firma Interlübke dienen.
Den Geschäftspartnern und Kunden, die hier gelegentlich empfangen wurden, präsentierte man die berühmten weißgrau lackierten Schrank- und Regalwände in der Wirkung von raumbildenden Wänden und Raumteilern, zum Teil fand auch die heute nicht mehr lieferbare Variante mit Alubeschichtung Verwendung. Im Wohnbereich wurden die weißen Regale und sogenannten Endlosschränke kontrastiert durch dunkelgebeizte raumhohe Holzpaneele und Türen. Die Böden waren mit heller, grobschlingiger Wollauslegeware bedeckt.


Das Wohnzimmer: Der Blick in den Garten. Foto: LWL/Brockmann-Peschel 2017

Während der von der Straße weit zurückgesetzte weiße Kubus zum öffentlichen Raum bis auf eine verglaste Pflanzen-Vitrine und die gläserne Haustür komplett geschlossen ist, ist er zum Garten an zwei Seiten mit großen Schiebefensterfronten ausgestattet. Diese sind von einem bedachten Umgang umgeben, der als wetterfester Freisitz dient. Vom Wohnraum hat man den Blick in den Garten und auf die Ems. Da das Grundstück hier abfällt, hat das Haus an der Gartenseite ein erhöhtes Kellergeschoß. Kontrastreich stehen zwei knorrige, hochgewachsene Schwarzkiefern rechts vom Hauseingang im Vorgarten des niedrigen, geschlossenen Baukörpers.


Das Wohnzimmer. Die weißen Regale kontrastieren mit den dunkelgebeizten Holzpaneelen und Türen. Foto: LWL/Brockmann-Peschel 2017

Hanke, der in Ostwestfalen ein umfangreiches Oeuvre an Wohnhäusern, Kirchen und Fabrikbauten geschaffen hat, wurde nach eigener Aussage u. a. durch Bauten des Architekten Richard Neutra inspiriert. Der aus Wien stammende Neutra war 1923 nach Amerika gezogen und dort Vertretern der klassischen Moderne wie den Kollegen Walter Gropius und Mies van der Rohe begegnet.
Die Villa stand nach dem Tod von Christine Lübke im Jahr 2013 zum Verkauf und wurde unter Denkmalschutz gestellt. Sie wurde mit Teilen des Inventars 2014 versteigert. Der neue Eigentümer verkaufte sie 2017, nachdem sie für seine Zwecke doch nicht geeignet schien, weiter an den Enkel des Erbauers. Enkelsohn Leo Lübke und seine Frau gingen mit großem Respekt vor dem Baudenkmal daran, alles behutsam instand setzen zu lassen. Das Ausmaß der notwendigen und von ihnen gewünschten Veränderungen war denkbar gering und erfolgte in enger Abstimmung mit der Unteren Denkmalbehörde der Stadt Rheda-Wiedenbrück und der LWL-Denkmalpflege.


Das Esszimmer, im Hintergrund das Wohnzimmer. Foto: LWL/Brockmann-Peschel 2017

Die energetische Ertüchtigung des Flachdachbungalows beschränkte sich auf die Dämmung und Erneuerung der Dacheindeckung des Flachdachs. Die zum Teil sehr großen Aluminiumfenster wurden erhalten und mit neuen Doppelverglasungen versehen. Die Regal- und Schrankwände wurden zum Teil vor Ort überarbeitet und neu lackiert, zum Teil aus dem Programm der Firma Interlübke artgleich erneuert. Der helle Wollteppichboden konnte ebenfalls in der Region nachgefertigt werden. Er bildet nicht nur einen wichtigen optischen Kontrast zu der teilweise dunkelgebeizten wandfesten Ausstattung der Wohn- und Schlafräume, sondern hat auch die Funktion, den Schall im Stahlbetonbau zu schlucken, weshalb man erfreulicherweise an ihm festhielt.
Selbst das gut gepflegte Badezimmer mit seinen kleinen quadratischen, weißgrauen Fliesen auf dem Boden und an den Wänden wurde bis auf wenige Details erhalten. Auch dies ist ein Beweis für die Zeitlosigkeit von guten Lösungen. Das derzeit nicht mehr benötigte Schwimmbad im Keller wurde reversibel überdeckt und die Fläche mit einer eingestellten Leichtbauwand unterteilt, um hier ein weiteres Zimmer einrichten zu können.
Der denkmalwerte Garten wurde ebenfalls behutsam instand gesetzt. Es erfolgten Gehölzpflegearbeiten, Nachpflanzungen und die Reparatur der Gehwege in Abstimmung mit der Gartendenkmalpflege.
Seit dem Sommer wohnt die Familie in dem neuen „alten“ Haus und fühlt sich dort sehr wohl. Für die zuständigen Denkmalpfleger ist dieser Fall ein besonderer Glücksfall.

Barbara Pankoke