Denkmal des Monats


„Für unsere Kinder“

Die ehemalige jüdische Schule in Schwerte

Die ehemalige jüdische Schule in Schwerte, neben dem jüdischen Friedhof am Nordwall gelegen, ist eine von neun erhaltenen jüdischen Elementar- oder Volksschulen der Zeit vor 1918 in westfälischen Klein- und Mittelstädten. Der kleine Winkelbau ist das letzte aufrecht erhaltene Bauwerk in Schwerte, das an die jüdische Gemeinde der Vorkriegszeit erinnert. Die Bauinschrift über dem Eingang „Für unsere Kinder“ steht für die einstige Hoffnung auf eine glückliche Zukunft, die sich nicht erfüllte. Derzeit läuft das Eintragungsverfahren in die Denkmalliste der Stadt Schwerte.

Schwerte, ehemalige jüdische Schule am Nordwall. Foto: LWL/Flüge

Eine jüdische Unterrichtsstätte für Schwerte

Nachdem die Zahl der schulpflichtigen jüdischen Kinder bis 1895 auf ca. 30 gestiegen war, erhielt die Elementarschule der jüdischen Gemeinde Schwerte und Westhofen 1898 einen eigenen kleinen Schulbau und konnte aus den beengten Verhältnissen der Synagoge wegziehen.

Das Haus wurde zwischen Februar und Oktober 1898 als „einklassige Schule nebst Lehrerwohnung und Abortanlagen“ errichtet. Auf den Lehrer Salomon Sänger, der sich maßgeblich für den Neubau eingesetzt hatte, folgten nacheinander sechs Lehrkräfte, deren Entlohnung die kleine Synagogengemeinde überforderte. Ab März 1920 gab es keinen Elementarunterricht mehr. Das Schulgebäude diente danach als städtische „Hilfsschule“. Jüdischer Religionsunterricht fand in Schwerte bis 1939 statt. Fast alle Schwerter Juden wurden in der Zeit der NS-Herrschaft deportiert und ermordet, einige flohen, nur einzelne kamen zurück. Seit 1945 war das Gebäude Wohn- und später auch Geschäftshaus.

Liste der im Jahr 1885 schulpflichtigen jüdischen Kinder in Schwerte. Akte des Magistrats der Stadt Schwerte (100/94). Foto: LWL/Flüge

Lage der Schule am Nordwall neben dem jüdischen Friedhof, angrenzend an den Denkmalbereich Historischer Stadtkern Schwerte südlich des Nordwalls (graue Markierung). Rot markiert das Schulgebäude von 1898, blassrot die sekundären Anbauten. Kartengrundlage: Geobasis NRW, Datenlizenz Deutschland – Zero – Version 2.0; Ausschnitt und Bearbeitung: LWL-DLBW/Flüge

Das Schulgebäude

Der gewinkelte Grundriss gliedert den Bau in ein zweigeschossiges Wohnhaus und den ursprünglich eingeschossigen Klassenflügel. Die Schule wurde als unterkellerter Backsteinbau in zeitüblicher Ausführung errichtet. Oberhalb des Haupteingangs im Winkel des Gebäudes ist eine Sandsteinplatte in die Wand eingelassen. Die Inschrift lautet: „Für / unsere Kinder / 1898.“ Bemerkenswert sind die feinsinnige Bescheidenheit in Form und Ausdruck sowie jedes Fehlen einer konfessionellen Einbettung der Inschriftenaussage.

Der Klassentrakt wurde nach dem Krieg aufgestockt. Im Inneren ist der Eingangsbereich mit Zugang zum alten Treppenhaus und Durchgang zum Klassenflügel noch erkennbar. Aus der Bauzeit erhalten sind die Treppe zum Obergeschoss im Neorenaissancestil, außerdem Teile der wandfesten Ausstattung in der ehemaligen Lehrerwohnung. Die Lehrertoilette war damals im (heute abgebrochenen) Abtrittsgebäude der Schule hinter dem Haus untergebracht.


Unverputztes bauzeitliches Mauerwerk an der Westseite des Hauses. Foto: LWL/Flüge

Bauhistorische Stellung

Das Baudatum 1898 steht in einer Reihe mit anderen jüdischen Volksschulen in Westfalen. Interessant ist die sukzessive Loslösung der Schulen, die durchaus am allgemein zeitüblichen Schulbau orientiert waren, von der Synagoge. Dies verdeutlicht das bis in die Zeit der Weimarer Republik zunehmend emanzipierte Staatsbürgerverständnis der jüdischen Bevölkerung.

Ihre villenartige Gestaltung unterstrich die Wertschätzung der Schulen, erwirkte aber auch, dass sie nicht aus der umgebenden Wohnbebauung herausstachen. Architekturgeschichtlich bemerkenswert ist, dass das Schwerter Beispiel als Flügelbau gestaltet wurde. Damit entspricht es einem nach Funktionen gegliederten Bautyp, der sich bei Klein- und Dorfschulen erst im Gefolge der Moderne stärker verbreitete.

Ansicht des Gebäudes vom Nordwall aus, links Lehrerwohnhaus, rechts sekundär aufgestockter Unterrichtssaal. Im Eingang im Gebäudewinkel die Widmungstafel. Foto: LWL/Flüge

Bedeutung als Kulturerbe – „Für unsere Kinder“

Nachdem die ehemalige jüdische Schule nach dem Zweiten Weltkrieg von institutioneller Seite kaum Aufmerksamkeit erfahren hatte, änderte sich dies in den letzten Jahrzehnten. Im Jubiläumsjahr 2021 „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ entstand für das Haus die Chance, als Denkmal eingetragen zu werden – eine gute Basis, um die Geschichte der jüdischen Schülerinnen und Schüler von Schwerte sichtbar zu machen und mit den Kindern und Jugendlichen von heute ins Gespräch zu kommen.

Die ehemalige jüdische Schule in Schwerte wurde vom Autor unter dem Titel „‚Für unsere Kinder‘ – die ehemalige jüdische Schule in Schwerte wird zum Denkmal“ im Sonderheft Jüdisches Leben in Westfalen-Lippe – Denkmäler als Orte der Identifikation, Erinnerung, Mahnung und Zukunft (Denkmalpflege in Westfalen-Lippe 2021/2), S. 27–33, ausführlicher vorgestellt.

Inschrifttafel mit Widmung „Für unsere Kinder“ und Baujahr 1898 über dem Schuleingang. Foto: LWL/Flüge

Bernhard Flüge


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