Denkmal des Monats


Pionierbau wiederentdeckt

Der Wasserhochbehälter Wittekindsberg in Porta-Westfalica

Unterhalb des Kaiser-Wilhelm-Denkmals liegt im Wald versteckt ein aufwändig gestalteter kleiner Baukörper. Er bildet den repräsentativen Eingang zu einem unterirdischen Wasserbehälter von 1887. Dieser zählt zu den frühesten Beton-Hochbehältern bundesweit und zu den ersten größeren Betonbauwerken in der Region. Der Behälter ist Teil der zentralen Wasserversorgung von Minden, mit deren Bau 1887/88 die Stadt ebenfalls eine Vorreiterrolle einnahm.

Eingangsbauwerk und daran anschließender Behälter unter einer Erdaufschüttung. Foto: LWL/Stegmann 2015.

Bereits seit den frühen 1870er-Jahren mehrten sich in Minden die Stimmen, die existierenden Brunnen im Stadtgebiet durch ein zentrales Wasserwerk mit Leitungsnetz und Hausanschlüssen zu ersetzen. Die erste moderne Wasserversorgung dieser Art auf dem Kontinent war 1842–1848 nach englischem Vorbild in Hamburg entstanden. Eine zentrale Wasserversorgung galt zu jener Zeit als state of the art im Hinblick auf Hygiene und Komfort. Gleichzeitig verbesserte sie die Versorgung mit Löschwasser, was für die dicht bebauten Bereiche der Mindener Innenstadt besonders wichtig war.


Plan zur Erweiterung des Hochbehälters von 1933, Städtisches Tiefbauamt Minden. Quelle: Stadt Porta Westfalica, Bauakte Wasserhochbehälter Wittekindsberg.

 

Nach Vorüberlegungen beauftragte die Stadt 1885/86 den Zivilingenieur Walter Pfeffer aus Halle an der Saale – einen der wichtigsten Protagonisten im Wasserwerksbau des 19. Jahrhunderts – mit Planungen für eine zentrale Wasserversorgung. Er schlug vor, das Wasser mit dampfkraftbetriebenen Pumpen am Weserufer zu heben und es dann entweder direkt in das Leitungsnetz oder zur Speicherung über eine mehr als 4 km lange Leitung in den Wasserbehälter Wittekindsberg zu pumpen.

Der Standort in der damals selbstständigen Gemeinde Barkhausen liegt deutlich höher als das Stadtgebiet von Minden, sodass ausreichender Leitungsdruck bei den Verbrauchern allein durch die Schwerkraft erreicht werden kann – daher die Bezeichnung „Hochbehälter“. Mit der Wahl des Bauplatzes verband sich außerdem die Hoffnung, das Versorgungsgebiet bald auf weitere Gemeinden ausdehnen zu können.


Foto von 1934 von der Errichtung des Erweiterungsbaus: betonierte Kammern ohne die spätere Erdaufschüttung. Quelle: Sammlung Mindener Wasser.

Der Behälter zeichnet sich als bewachsener Hügel hinter dem Eingangsbauwerk ab, da er zum Schutz vor Temperaturschwankungen eine Erdaufschüttung erhielt.

Das Bauwerk von 1887 besitzt auf einer Grundfläche von 13 x 21 m zwei überwölbte Kammern mit insgesamt 900 m3 Fassungsvermögen. Vom Eingangsbau (der Vorkammer) führen jeweils lange Treppen hinab bis auf die Sohle.

 

Die Besonderheit des Behälters besteht darin, dass er nicht in der damals üblichen Weise aus Mauerwerk mit wasserdichtem Verputz hergestellt wurde. Vielmehr handelt es sich um massiven Stampfbeton ohne Eiseneinlagen, der im Inneren mit einem Zementputz abgedichtet ist. Moderner Beton hielt um die Mitte des 19. Jahrhunderts Einzug in das deutsche Bauwesen. Erst in den 1880er-Jahren errichtete man größere Behälter aus dem neuen Material. Insofern lagen kaum Erfahrungen mit solchen Bauten vor, als die Biebricher Firma Dyckerhoff & Widmann den Behälter für die Stadt Minden ausführte.


Repräsentativ gestaltetes Eingangsbauwerk, Detail der Hauptfassade mit Inschriftentafel, 2015 (Quelle: LWL/Reck).

Eines der Argumente für den massiven Behälter, der teurer war als ein vergleichbarer freistehender Eisenbehälter, war dessen Erweiterbarkeit. In der Tat erfolgte 1933/34 die Erweiterung des Behälters im Süden um zwei, jeweils von fünf Gewölben überspannte Behälterkammern mit insgesamt 2.200 m3 Volumen. Zwei Durchbrüche in der Wand des ursprünglichen Behälters schufen die Verbindung zur ebenfalls in Beton hergestellten Erweiterung.

Der Behälter von 1887 weist eine für Ingenieurbauten zeittypische gestalterische Zweiteilung auf: Die nicht-öffentlichen technischen Bereiche sind in damals modernster Bauweise in sachlich-funktionaler Form gestaltet. Das sichtbare Eingangsbauwerk prägt hingegen eine nach zeitgemäßen Vorstellungen repräsentative, historisierende Gestaltung mit Motiven der Wehrarchitektur in Naturstein sowie einer Inschriftentafel. Die repräsentative Gestaltung verweist auf die Bedeutung der neuen Wasserversorgung.


Bis heute ist der Behälter in Gebrauch. Die Stadt Minden sichert über ihre Tochtergesellschaft Mindener Wasser den behutsamen Umgang mit diesem wichtigen Denkmal der Bautechnik-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte.

Knut Stegmann