Denkmal des Monats


Kraftfahrerkapelle St. Christophorus in Telgte-Raestrup

Eine Kapelle für die Gemeinde und für Durchreisende

Als etwas abgelegen kann man die Lage der Kraftfahrerkapelle St. Christophorus in Telgte-Raestrup bezeichnen und manch ein Autofahrer auf der Bundesstraße 64 mag sie im Vorbeifahren kaum wahrgenommen haben. Dabei hätte die Kapelle mehr Beachtung verdient, ist sie doch nicht nur ein junges Denkmal, sondern eines, das in seiner Doppelfunktion wohl einzigartig ist.

Der Blick auf St. Christophorus von Osten. Die Bundesstraße verläuft links neben dem Bildausschnitt. Foto: LWL/Hofmann

Blick in die Turmkapelle mit der Gedenktafel für die Unfalltoten. Foto: LWL-Hofmann

Ein Zeichen der neuen Zeit

Bevor 1964 die Weihe von St. Christophorus stattfand, hegten die Raestruper drei Jahrzehnte lang den Wunsch nach einer eigenen Kirche für ihre weit außerhalb von Telgte gelegene Bauerschaft. Schon in den 1920er-Jahren hatten sie einen Kapellenbauverein gegründet. Ab Ende 1944 wurden Gottesdienste auf dem Hof Rusche gefeiert, zunächst in der Küche und danach in einer Baracke, die der Krieg hinterlassen hatte. Doch ihr neuer Gottesdienstraum sollte mehr sein als „nur“ Bauerschaftskirche.

Im Bauantrag heißt es: „Die Kirche ist nicht nur als Gemeindekirche, sondern vor allem für vorbeifahrende Autofahrer (Ähnlich den Autobahnkirchen) geplant.“

Autobahnkirchen waren zu diesem Zeitpunkt ein junges Phänomen: Die erste war erst 1958 an der Autobahn 8 entstanden; 1959 folgte in Exter (heute Ortsteil von Vlotho) die zweite Autobahnkirche Deutschlands, die gleichzeitig die erste in Westfalen war. Eine Besonderheit ist die Errichtung von St. Christophorus an einer Bundesstraße. Das Auto wurde gerade zum Massenverkehrsmittel. Mit dem Verkehrsaufkommen stieg auch die Zahl der Verkehrstoten. Zu ihrem Gedenken wurde im Turm von St. Christophorus eine Memorialkapelle eingerichtet, in der Gedenktafeln mit den Namen und Lebensdaten von Unfallopfern angebracht sind. Auch der Gottesdienstraum dient nicht nur der Gemeinde, sondern ist für die Vorbeifahrenden als Stätte für stille Einkehr und Gebet geöffnet.


Der Gottesdienstraum ist von Licht und Leichtigkeit geprägt. Foto: LWL
Das Zelt als Vorbild zeigt sich in der Holzbinderkonstruktion des Daches. Foto: LWL/Hofmann

Ein programmatischer Bau

Errichtet wurde St. Christophorus nach Plänen des Münsteraner Diözesanbaumeisters Eberhard Kleffner unter Bauleitung seiner Frau Christa Kleffner-Dirxen. Sie entwickelten einen Zeltbau auf etwa quadratischem Grundriss als Holzbinderkonstruktion mit eingestellten Backsteinwänden. Der Turm mit steilem kupfernen Pyramidendach ist über seitliche Zugänge mit dem Kirchenbau verbunden. Dazwischen liegt ein begrüntes Atrium.

Das Zelt war als Motiv für den Kirchenbau der 1960er-Jahre beliebt und ist hier als Heimstätte des Reisenden besonders passend. Ebenso programmatisch wie die Bauform und das Patronat des heiligen Christophorus ist die in den Grundstein eingemeißelte Marienanrufung „ITER PARA TUTUM“ – „Bereite einen sicheren Weg“. Dabei handelte es sich auch um den Leitspruch des kurz vor der Errichtung verstorbenen Bischofs Michael Keller.

Der Grundstein von 1961. Foto: LWL

Büste des heiligen Christophorus, gefertigt 1964 von Ernst von Briel. Foto: LWL

Ein junges Denkmal

Heute gehört die Kraftfahrerkapelle zur Pfarrgemeinde St. Marien und ist aus dem regen Gemeindeleben nicht wegzudenken. Mit ihrer Doppelfunktion und der Lage an einer Bundestraße ist sie zumindest westfalenweit einzigartig und von überregionaler Bedeutung. Im Oktober 2020 wurde St. Christophorus in die Denkmalliste der Stadt Telgte eingetragen. 2021 ist nicht nur das Jahr des 60-jährige Jubiläums ihrer Grundsteinlegung, sondern auch ihres ersten „Geburtstages“ als Baudenkmal.

 

Jakob Hofmann