Mit viel Ehrgeiz zum Traumberuf

Nach Abschluss der Förderschule absolviert Wolf-Hagen Rösler eine Ausbildung zum Bäckergesellen

Von Wilhelm Adam Löhne (WB).
Früh stand für Wolf-Hagen Rösler fest, dass er einmal Bäcker werden will. Zwar konnte der junge Löhner keine reguläre Schule besuchen, aber sein persönlicher Ehrgeiz hat ihm notwendige Türen geöffnet: Heute ist er Auszubildender im zweiten Lehrjahr in der Bäckerei Simon.

Sie unterstützen Wolf-Hagen Rösler (vorne): Klaus Gebert (von links), Lehrer Thomas Roland, die ehemalige Klassenlehrerin Heidrun Estermann, Dirk Kucharewa von der Handwerkskammer, IFD-Mitarbeiter Kay Sallach, Mutter Birgit Rösler, Kristina Steffen vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe und Ausbilder Arno Simon. Foto: Wilhelm Adam

Schnell erkannte Mutter Birgit Rösler, dass ihr Junge anders war als Gleichaltrige. Er sprach nicht, bildete auch als Vierjähriger eher Laute, statt vollständige Worte. Heute hat die Mutter Gewissheit über das Schicksal ihres Sohnes. Wolf-Hagen Rösler lag in seiner sprachlichen Entwicklung im Vergleich zu seinen Altersgenossen zurück, ihm wurde eine Lernbehinderung attestiert. Der heute 19-Jährige besuchte die Schule am Weserbogen in Eidinghausen – eine Einrichtung des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL), die junge Menschen auch in ihrer körperlichen und motorischen Entwicklung unterstützt.

Während des Schulbesuchs wird dem jungen Mann klar, dass er Bäcker werden möchte. "Mit einer Backmischung Zuhause fing alles an", erzählt Mutter Birgit Rösler. Mit seinem Bruder bereitete Wolf- Hagen seinen ersten Kuchen zu und bewies sein handwerkliches Geschick: »Auch in die Schule hat er regelmäßig selbst gebackenen Kuchen mitgebracht«, erzählt seine ehemalige Klassenlehrerin Heidrun Estermann.

Während seiner Schulzeit absolviert Wolf-Hagen Rösler ein Praktikum in der Bäckerei Simon. Kay Sallach vom Integrationsfachdienst Herford (IFD) im Übergang Schule-Beruf hat ihn dabei mit der LWL-Förderschule begleitet. »Schule trifft Arbeitswelt« (STAR) heißt das gemeinsame Projekt, das Jugendlichen wie Wolf- Hagen Rösler Starthilfe in das Berufsleben geben soll. "Ein Sprung ins harte reale Leben" sei das Praktikum für den damals 16-Jährigen gewesen, sagt Sallach. "Das hat er toll gemacht."

Mut zahle sich in der Zusammenarbeit seines Dienstes mit Betrieben immer aus, sagt Kay Sallach. Zu oft würden Förderschüler stigmatisiert. "Da heißt es schnell: Der schafft das sowieso nicht. Und das stimmt nicht." Und auch sie habe die Bäckerei vorab nicht über Besonderheiten ihres Sohnes informiert, betont Mutter Rösler.

Foto: Kristina Steffen - LWL

Bäckerei-Inhaber Arno Simon kommt gut mit Wolf-Hagen Rösler zurecht. „Klar mussten wir zu Beginn bestimmte Unwegsamkeiten klären „, berichtet der Bäckermeister. „Wie gut kann er sich konzentrieren? Wie nimmt er Anweisungen auf?“ Doch aus einem Praktikum wurden schließlich drei: Denn mit Ehrgeiz und Willen überzeugte der junge Mann nicht nur Arno Simon. „Er wollte einfach“, sagt der Bäckermeister. „Er ist mit Leib und Seele dabei.“ Und auch für Simons Angestellte stand anschließend schnell fest, dass Wolf-Hagen Rösler eine Ausbildung machen wird. „Die Entscheidung habe ich mit ihnen gemeinsam getroffen“, betont Arno Simon. „Es war für mich wichtig, dass alle dahinter stehen.“ Nur welche Art Ausbildung könnte der Löhner absolvieren? Für eine Werkerausbildung, wie sie die meisten Förderschüler absolvieren, hätte es kein regionales Angebot einer Berufsschule gegeben.

Doch heute absolviert Wolf-Hagen Rösler eine Vollausbildung zum Bäckergesellen und besucht parallel das Leo-Sympher-Berufskolleg in Minden. Dort kommt er heute ohne fremde Hilfe zurecht. „Eine Leistung, die sehr für ihn spricht“, sagt Klaus Gebert. Der Teamleiter für Rehabilitanden und Schwerbehinderte an der Agentur für Arbeit des Kreises Herford weiß: „85 Jugendliche mit einer Behinderung beginnen in den Kreisen Herford und Minden-Lübbecke eine Ausbildung, nur jeder zehnte macht nach der Förderschule eine Vollausbildung.“ Alle anderen absolvierten eine in der Theorie weniger anspruchsvolle Werkerausbildung. Klaus Gebert: „Sie arbeiten normalerweise in einer Bildungsstätte, mit nur kurzen Zeiten in einem regulären Betrieb.“

 Das Projekt STAR

Die Abkürzung steht für „Schule trifft Arbeitswelt“, ein Projekt, das die Landschaftsverbände Westfalen-Lippe (LWL) und Rheinland (LVR) gemeinsam mit dem Ministerium für Arbeit Integration und Soziales NRW im Jahr 2009 ins Leben gerufen haben. Eingebunden sind die Regionaldirektion NRW der Bundesagentur für Arbeit und das Ministerium für Schule und Weiterbildung. Das Projekt richtet sich an Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf in den Bereichen geistige, körperliche und motorische Entwicklung, Hören und Kommunikation, sowie Sehen und Sprache. Die Landesverbände haben regionale Integrationsfachdienste (IFD) damit beauftragt, STAR vor Ort zu verwirklichen. IFD-Mitarbeiter begleiten Jugendliche bereits drei Jahre vor der Schulentlassung auf ihrem beruflichen Orientierungsprozess.

___________________________________________
Quelle: Westfalen-Blatt Nr. 227 - vom 30.09.2014
Ein Artikel von Wilhelm Adam
http://www.westfalen-blatt.de/