Barrierefrei zum Medienscout

Fragen und Antworten

Josef Köjer ist Schulleiter der Moritz-von-Büren-Schule, LWL-Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Hören und Kommunikation, an der vier Kinder im Rahmen eines mehrmonatigen Pilot-Projekts der NRW-Landesanstalt für Medien zu "NRW-Medienscouts" ausgebildet wurden. Zusammen mit zwölf Regelschülern lernten die Jugendlichen in ganztägigen Workshops, welche Chancen und Risiken elektronische Medien bergen. Als „Medienscouts“ werden die 12- bis 16-Jährigen ihre Mitschülerinnen und Mitschüler bei der Online-Kommunikation begleiten und helfen, wenn es Probleme gibt.

Die "NRW-Medienscouts" gibt es schon seit 2009. Wie kam das erste inklusive Pilot-Projekt in Ihre Schule?

Wenn es darum geht, Barrieren abzubauen, sind Hörgeschädigte und ihr Umfeld immer schon vorn mit dabei. Dies ist eine der ältesten Schulen für diese Menschen in Deutschland. Schon seit 1830 macht sie sich verdient darum, ihnen echte Teilhabe zu ermöglichen.

Inklusion bedeutet doch vor allem, dass Menschen uneingeschränkt teilhaben: am gesellschaftlichen Leben, an Bildungschancen. Auf diesem Weg sind wir schon lange. Als wir 2013 von den Medienscouts hörten, war uns deshalb sofort klar: Da machen wir mit!

Bis der inklusive Pilot starten konnte, hat es aber dann doch noch etwas gedauert. Warum?

Als wir uns anmelden wollten, hieß es zunächst: „Förderschulen sind da nicht vorgesehen.“ Tatsächlich hat sich Günther Kröger, der Leiter des Kreismedienzentrums Paderborn, dann sehr für uns eingesetzt. Damit hat er großen Anteil daran, dass der inklusive Pilot überhaupt möglich wurde - und dass mit der Liboriusschule in Paderborn sogar eine weitere LWL-Förderschule teilnehmen kann.

Warum brauchen hörgeschädigte Schüler eigene Medienscouts?

Unsere Schülerinnen und Schüler nutzen alle Medien, die Normalhörende auch nutzen - auch das Internet. Aber sie sind gefährdeter, weil sie Vieles sprachlich und inhaltlich nicht so gut verstehen. Sie nehmen das Internet anders wahr und kommunizieren anders darüber als gut Hörende.

Was genau ist anders, wenn Ihre Schüler im Internet surfen?

Hörgeschädigte nehmen Bilder im Internet zu oft für bare Münze. Sie sind stärker darauf angewiesen. Doch Bilder können täuschen. Hintergrundinfos stehen meistens im Text. Das ist für unsere Schülerinnen und Schüler schwerer verständlich und führt zu Missverständnissen.

Oft erlebe ich, dass unsere Kinder Wörter nicht kennen. Ihre Hörerfahrung und ihr Wortschatz haben deutliche Lücken. Ein Beispiel aus vielen, die ich selbst erlebt habe: „Hütte“, klingt ähnlich wie „Hüte“. Die Schüler wissen nicht, was „Hütte“ bedeutet oder setzen es mit dem klanglich ähnlichen Wort gleich. Das macht es ihnen auch im Internet schwerer, gut zu verstehen.

Andererseits ist das Internet eine riesige Chance für unsere Kinder, besser zu kommunizieren - auch mit Menschen, die weit weg sind. Es ersetzt ihnen zum Beispiel das gute alte Schreib- und Bildtelefon.

Wie kam es dazu, dass das Projekt hier in den Räumen der Moritz-von-Büren-LWL-Förderschule stattfand? Warum nicht in einer der teilnehmenden Regelschulen?

In den anderen Schulen haben wir beim Ortstermin zu viele Barrieren vorgefunden. Stellen Sie sich die Geräuschkulisse an einer Regelschule vor. Sie macht es unseren hörgeschädigten Kindern unmöglich, am Unterricht wirklich teilzuhaben.

Bei uns in der Moritz-von-Büren-Schule hat der LWL frühzeitig gehandelt: Hier liegt in allen Räumen Teppich. Akustikdecken schlucken störende Schallreflektionen, denn die verhindern Verstehen. Und wer nicht versteht, kann nicht am Unterricht teilhaben. Unseren Kindern fällt es eben sehr schwer, zwischen Nutz- und Störgeräuschen zu unterscheiden. Auch deshalb unterrichten unsere Lehrer mit Klassenhöranlagen. Jedes Kind hat auf seinem Hörgerät eine Audio-Verbindung zum Lehrer-Headset.

Was war der größte Erfolg, den Sie im Projekt erlebt haben?

Es war schön, wie begeistert unsere Gäste von der Lernsituation an unserer Schule waren: „Es ist so schön ruhig hier.“ Das kam übrigens von den Lehrern und von den Jugendlichen. Alle sind gern wiedergekommen, haben sich auf die Zeit bei uns gefreut. Da konnte ich einen großen Aha-Effekt beobachten: Wenn Barrieren abgebaut werden, ist das gut für alle. Da fühlen wir uns alle wohl. Und wir lernen dann besonders gut, wenn wir uns wohlfühlen.

Eine Freude war es auch, wie gut unsere Schüler und die Gäste zusammengearbeitet haben. Sie haben sich schnell prima verstanden.

Dabei gab es anfangs Vorurteile: „Sind die anders als wir? Kann ich mit denen sprechen oder verstehen da alle nur Gebärdensprache? Kommen wir miteinander klar?“ Davon ist bei den Medienscouts heute nichts mehr übrig.

Unser Ziel als Lehrende ist immer, dass unsere Schülerinnen und Schüler selbstverständlicher mit anderen Teilen der Gesellschaft kommunizieren. Auch in diesem Punkt ist das Projekt ein voller Erfolg geworden.

Was haben die Jugendlichen aus dem Projekt "Medienscouts" mitgenommen?

Selbstbewusstsein, einen großen Schub Sozialkompetenz und viel Verständnis füreinander! Das haben sie miteinander in Rollenspielen, beim Erfahrungsaustausch und an lebendigen Beispielen aus ihrem Alltag gelernt.

Unsere Schülerinnen und Schüler erleben immer wieder, dass sie schlecht verstehen und viel nachfragen müssen. Dazu brauchen sie starkes Selbstbewusstsein. Die „Medienscouts“ waren eine schöne Lernsituation, um das zu trainieren - übrigens auch für die normalhörenden Kinder. Schließlich gehen sie alle mit einer neuen, wichtigen Rolle aus dem Projekt.

Was wünschen Sie sich für das Projekt in der Zukunft?

Ich wünsche mir, dass es unseren Medienscouts gelingt, ihren Mitschülerinnen und -schülern zu vermitteln, wie sie verantwortungsvoll mit den neuen Medien umgehen. Und ich wünsche mir, dass sich alle künftig besser und respektvoller behandeln.

Das Projekt lehrt uns Hilfe zur Selbsthilfe: Jetzt werden unsere 16 Medienscouts Wege finden, sich Respekt zu sichern und ihr neues Wissen auf Augenhöhe in ihren Schulen weiterzugeben. Das passt zum Leitbild unserer Schule und ihrem Ziel. Es lautet: „Hörgeschädigte Schüler lernen, ihr Leben selbstbestimmt zu führen und zu gestalten.“

Wir Lehrer waren sehr angetan vom Projekt. Wir haben das sichere Gefühl: Das wird gelingen.