Arbeit wichtig für Genesung

Fragen & Antworten

Gudrun Tönnes ist Ergotherapeutin und Theaterpädagogin. Sie leitet die Agentur LebensART, die Angehörige von Menschen mit psychischer Erkrankung und Mitarbeiter in Integrationsunternehmen berät. Als EX-IN Trainerin bietet sie Fort- und Weiterbildungen für Menschen mit Psychiatrieerfahrung an. (EX-IN (Experienced-Involvement) ist eine spezifische Weiterbildung für Menschen mit Psychiatrieerfahrung zu Genesungsbegleitern und Dozenten)

Frau Tönnes, wie weit können wir schon von der Inklusion von Menschen mit psychischen Erkrankungen sprechen?

Wir machen die ersten Schritte dahin. Dabei ist mir besonders wichtig, dass alle Menschen – die mit und die ohne Behinderungen – aufgrund ihrer Fähigkeiten wahrgenommen werden, nicht wegen ihrer Beeinträchtigungen. Jeder Mensch hat etwas, das ihn auszeichnet und mit dem er auch für andere interessante Beiträge leisten kann. Das gilt vor allem für das Arbeitsleben, das für viele Menschen einen besonderen Stellenwert für das Selbstwertgefühl und das Empfinden von Gesundheit einnimmt. Wenn man zum Beispiel auf einer Party erzählt, dass man wegen einer psychischen Erkrankung nicht arbeiten kann, verstummt schnell das Gespräch. Gegen diese Sprachlosigkeit müssen wir ankämpfen: In der Gesellschaft, aber auch während der Therapie der Erkrankten. Der Aspekt Arbeit und sinnvolle Beschäftigung sollte so schnell wie möglich in den Genesungsplan aufgenommen werden. Wenn wir das berücksichtigen, wären wir bei  der Inklusion von Menschen mit psychischen Erkrankungen ein ganzes Stück weiter.

Gibt es dafür positive Beispiele – und wo besteht Verbesserungsbedarf?

Ebenso ist die Arbeitstherapie zum Beispiel in Tagesstätten ein guter Schritt. Sie ist aber viel zu langfristig im Rahmen dieser Sonderwelt angelegt. Für viele Menschen mit einer psychischen Erkrankung würde ich mir wünschen, dass aus einer reinen Beschäftigung zur Tagesstrukturierung möglichst bald wieder richtige vor allem bezahlte  Arbeit wird. Im Arbeitsleben sind die Integrationsunternehmen eine gute Idee. Menschen mit und ohne Behinderung arbeiten zusammen, das ist ein richtiger Ansatz, das fördert die Genesung, vor allem wenn die Menschen das Gefühl haben, im „echten“ Leben dazuzugehören und nützlich zu sein.

Sie sprechen die Therapien an. Wo kann in den psychiatrischen Einrichtungen die Inklusion noch stärker verankert werden?

Wir haben den richtigen Weg eingeschlagen, indem wir in die Therapien die Angehörigen und psychiatrieerfahrene Menschen mit einbeziehen. Beide ergänzen als Experten durch Erfahrung die Experten durch Ausbildung, also Psychologen, Psychiater, Pflegekräfte, Sozialarbeiter etc. sehr sinnvoll, weil sie ihre persönliche Erfahrungswelt mit dem entsprechenden Verständnis  einbringen. Das fängt schon bei der Aufnahme an, wenn für die akut psychisch Erkrankten aus ein, zwei Missverständnissen ein großes Problem erwachsen kann. Genesungsbegleiter, die Hoffnung vermitteln und Mut machen, können helfen, solche Reibungspunkte zu überwinden. Dieses Modell wird beim LWL mittlerweile erprobt.