Eine Frage der Einstellung?

Die Arbeitslosenquote von Menschen mit Schwerbehinderung liegt mit 13,9 Prozent fast doppelt so hoch wie bei Menschen ohne Behinderung. Das ist ein Ergebnis des Inklusionsbarometers der Aktion Mensch.

Haben es behinderte Menschen schwerer, eine Arbeit zu finden und zu behalten? Welche Nachteile oder Vorteile haben Unternehmen, die behinderte Mitarbeiter beschäftigen? Und: Welche Hilfen gibt es für sie?

Ein Interview mit Dr. Monika Peters und Eva-Maria Jäger-Kuhlmann vom LWL-Integrationsamt.

Warum haben behinderte Menschen es so schwer auf dem ersten Arbeitsmarkt?

Eva Jäger-Kuhlmann:

Für schwerbehinderte Menschen ist es auch heute noch schwieriger einen Arbeitsplatz zu finden als für nichtbehinderte Menschen. Dennoch muss man sagen, dass sich in den letzten Jahren Einiges verbessert hat. Soziale Verantwortung hat heute einen Wert in den Unternehmen.
Auch der demografische Wandel bietet hier Chancen: Wir erkennen in Deutschland gerade, dass die Ressource Mensch endlich ist. Behinderte Facharbeiter sind auch eine wertvolle Ressource.

Auf welche Haltung treffen Sie bei den Unternehmen?

Peters:

Leider gibt es bei einigen Entscheidern das Vorurteil: ‚Wenn ich so jemanden einstelle, dann werde ich ihn nicht mehr los, wenn es Probleme gibt.‘ Trotzdem sehen wir: Viele Arbeitgeber sind sehr wohl bereit, behinderte Menschen einzustellen. Die einmalige Prämie, die sie dafür von uns erhalten, ist da eher ein Bonbon und gibt nicht den Ausschlag.

Jäger-Kuhlmann:

Schwerbehinderte Menschen stehen zwar unter einem besonderen Kündigungsschutz. So steht es im 9. Sozialgesetzbuch. Dies bedeutet aber nicht, dass ein schwerbehinderter Mensch unkündbar ist. Auch bei behinderten Menschen wird beispielsweise nicht jedes Fehlverhalten toleriert. Neben den Interessen des schwerbehinderten Menschen haben wir immer auch das Interesse des Arbeitgebers im Blick. Für uns ist es entscheidend, ob zukünftig das Arbeitsverhältnis störungsfrei gestaltet werden kann. Dies gilt bei allen vom Arbeitgeber vorgetragenen Kündigungsgründen. Schließlich soll es allen Beteiligten gut gehen. Wir kümmern uns darum, vermitteln, bieten Hilfen an und helfen Barrieren abzubauen. Wir lassen ein Unternehmen nicht allein, wenn es Probleme gibt.

Erleben Sie das oft: Zahlen Unternehmen lieber eine Abgabe, um keinen behinderten Menschen beschäftigen zu müssen?

Jäger-Kuhlmann:

Das erleben wir auch anders: Wer schon gute Erfahrungen mit behinderten Menschen gemacht hat, stellt oft sogar mehr als die geforderten fünf Prozent ein.

Viele öffentliche Arbeitsgeber erfüllen die Quote gern über. Aber wir möchten mit unseren Angeboten auch die Unternehmen erreichen, die die gesetzliche Pflichtquote (noch) nicht erfüllen und Ausgleichsabgabe zahlen oder aber nicht beschäftigungspflichtig, weil sie weniger als 20 Mitarbeiter beschäftigen.

Auch diese Arbeitgeber versuchen wir - auch mit Hilfe unserer Kooperationspartner - mit unseren Angeboten zu erreichen und zu motivieren, schwerbehinderte Menschen einzustellen.

Wie wollen Sie das erreichen?

Peters:

Von der Kehrmaschine bis zum Kapitänspatent haben wir schon einiges mit Förderung möglich gemacht - und damit oft mehr bewirkt als ein bestehendes Arbeitsverhältnis zu sichern.
Wir haben tatsächlich einmal einem seelisch beeinträchtigten Mann ein Kapitänspatent finanziert. Ich durfte erleben, wie er sich damit einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt gesichert hat. Heute ist er sogar erfolgreich selbstständig.

Jäger-Kuhlmann:

Wir bieten zahlreiche verschiedene Leistungen an. Das wissen viele Unternehmen leider nicht. Wir gehen in den Betrieb und schauen uns die Situation an. Dann können wir bedarfsgerecht und schnell entscheiden.

Was hält Unternehmen denn dann noch davon ab, einem behinderten Menschen dauerhaft Arbeit zu geben?

Peters:

Unternehmen machen sich oft unnötig Sorgen über zusätzlichen Aufwand. Und Viele wissen nicht, wie viel Hilfe sie von uns bekommen können - nicht nur, um barrierefrei zu werden. Das geht von Schulungen für Bürotätigkeiten bis zum Motorsägeführerschein für den Garten- und Landschaftsbau.
Unsere Job-Coaches sorgen dafür, dass behinderte Menschen an ihrem Arbeitsplatz die Qualifikation erhalten, die sie für ihre Arbeit brauchen. Egal, ob das ein Lese- und Schreibtraining für eine Köchin ist, die Rezepte notieren soll, ein PC-Training oder der Treckerführerschein.

Bei behinderten Menschen stehen oft ihre Defizite im Vordergrund. Gibt es besondere Stärken und Fähigkeiten, die Mitarbeiter mit Behinderungen in Unternehmen einbringen können?

Jäger-Kuhlmann:

Zunächst einmal: Wir wollen weg von der Defizitorientierung, sondern - wie bei Nichtbehinderten auch - das Augenmerk auf die Stärken des Mitarbeiters richten. Welche das sind, das kommt natürlich auch auf die Behinderung an. Ich beobachte zudem, dass viele behinderte Menschen hochmotiviert sind, weil sie diesen Arbeitsplatz behalten wollen. Deshalb sind sie oft sogar leistungsbereiter als Nicht-Behinderte.
Und: In vielen Berufen spielt zum Beispiel eine Körperbehinderung gar keine Rolle. In einem Call Center ist wichtig, dass der Rollstuhlfahrer zugewandt ist und eine gute Telefonstimme hat. Da kann er mindestens so leistungsfähig und erfolgreich sein wie seine Kollegen.

Das klingt ja fast so, als wäre eine Behinderung eine Art Zusatzqualifikation?

Jäger-Kuhlmann:

Ja, eine Behinderung bedeutet nicht immer nur Defizite...

Peters:

...sondern oft auch besondere Stärken.

Jäger-Kuhlmann:

Da gibt es zum Beispiel das Unternehmen, das bewusst einen Hörbehinderten eingestellt hat. Neben der passenden Qualifikation dieses Menschen für den Job war die Behinderung eine Herausforderung für das Team. Das Unternehmen sah darin die Chance, dass die Mitarbeiter im Kontakt mit diesem Menschen neue kommunikative und soziale Fähigkeiten trainieren konnten.

Peters:

Noch ein Beispiel: Ich habe da die junge Frau mit Down-Syndrom vor Augen, die jetzt mit einer halben Stelle in einem Altenheim arbeitet. Dort hilft sie nicht nur in der Küche, sondern betreut die alten Menschen auch liebevoll persönlich. Und die finden diese lebhafte, fröhliche Frau toll, von der sie eine Extra-Portion Zuwendung bekommen.

Wohin wendet sich ein Unternehmen, wenn es (mehr) behinderte Mitarbeiter beschäftigen möchte?

Jäger-Kuhlmann:

An uns! Wir freuen uns über jeden Interessenten und helfen ihm gern dabei, den richtigen Ansprechpartner zu finden.
Wer bei uns landet, ist gut aufgehoben.

Ich höre oft von Unternehmen „Warum gibt es da so viele Ansprechpartner? Das ist unübersichtlich.“ Da helfe ich dann gern, die richtige Anlaufstelle zu finden. Wir sehen uns da auch als Lotsinnen.