Eine Perspektive für den Ruhestand

Fragen & Antworten

Andrea Frank ist Leiterin vom Haus Regenbogen in Recklinghausen, das zum Evangelischen Johanneswerk gehört und vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) gefördert wird. Durch tagesstrukturierende Maßnahmen wird dort Menschen mit Behinderung im Alter ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht.

Frau Frank, wer kommt in das Haus Regenbogen, um tagesstrukturierende Maßnahmen zu nutzen?

Die Menschen mit Behinderung, die zu uns kommen, haben ihr Arbeitsleben hinter sich gelassen und brauchen eine Alternative zur Werkstatt. Sie sind meist ganz allein zu Hause und haben wenig Möglichkeit, ihre Freizeit so zu gestalten, dass sie damit zufrieden sind. Sie wissen nicht, wie sie die neu gewonnene freie Zeit gestalten sollen und wie sie mit anderen Menschen in Kontakt kommen können. Und genau da setzen wir mit unseren Maßnahmen an. Wir gucken gezielt für jeden Einzelnen, was willst du, was kannst du und welche Unterstützung brauchst du, und dann machen wir individuelle Angebote.

Die Angebote können z.B. Museumsbesuche, Sportangebote oder Kunstkurse sein. Was unterscheidet die von Ihnen angebotenen Aktivitäten von einem allgemeinen Hobby?

Der Unterschied ist zum einen die Betreuung. Wie beim Wohnen, werden die Senioren bei uns auch während der Freizeitaktivitäten von Personen angeleitet und betreut, wobei auf eine heilpädagogische Orientierung geachtet wird, die den pflegerischen Ansprüchen der Besucherinnen und Besucher gerecht wird.
Zum anderen ist es wichtig, dass die Aktivitäten nur in seltenen Fällen innerhalb des Wohnraums stattfinden. Durch die Trennung der Lebensbereiche Wohnen und Freizeit schaffen wir zwei Lebensräume mit jeweils eigenständiger Organisation sowie fest zugeordneten Räumlichkeiten und Betreuern.

Sind die Bewohner innerhalb dieser Räumlichkeiten dann hauptsächlich unter sich?

Im Gegenteil. Es wird viel Wert darauf gelegt, dass sie Anschluss an Vereine oder Kontakt zur Gemeinde haben. Gerade der Austausch mit anderen Menschen, ob im Café, im Museum oder beim Sport, bereichert den Charakter und das soziale Verhalten. Ein Beispiel: Wir betreuen eine Frau, die sehr gerne kocht, auf dem Markt frische Zutaten einkauft und gerne ins Museum geht. Die Seniorengruppe hingegen ist für sie uninteressant. Sie möchte eher unterwegs sein, nimmt gerne auch Kontakt zu jüngeren Menschen auf. Das unterstützen wir natürlich. Bei uns kann man sowohl in der Gruppe aktiv sein, wo man eher unter sich bleibt, als auch eine Einzelbetreuung in Anspruch nehmen, bei der man auf andere Weise unter Leute kommt.

Warum ist es gerade wichtig, erwachsenen Menschen eine Tagesstruktur zu bieten? Haben sie nicht im Laufe ihres Lebens gelernt, ihren Alltag zu organisieren?

Durch den Ruhestand fällt bei unseren Bewohnerinnen und Bewohnern der gewohnte Tagesrhythmus weg. Früher sind sie in Werkstätten oder anderen Einrichtungen einer Arbeit nachgegangen, wodurch der Tag zeitlich, räumlich und auch inhaltlich strukturiert wurde.
Die Angebote der Tagesbetreuung finden täglich zu festgelegten Terminen außerhalb der Wohnung in öffentlichen Einrichtungen oder z.B. angemieteten Räumlichkeiten statt. Unsere Teilnehmer verlassen also morgens wie gewohnt das Haus, um einer Beschäftigung nachzugehen, nur dass diese nicht bezahlt wird. Wir fangen die Bewohner also auf und ersetzen die entstandene Lücke im Tagesablauf durch ein alternatives Programm.
Außerdem werden durch die Angebote die weggefallenen Kontakte ausgeglichen. Viele Freundschaften und Beziehungen liefen beispielsweise über die Werkstätten. Wir kümmern uns dann darum, dass neue Kontakte geknüpft werden können bzw. alte erhalten bleiben.

Gibt es dabei denn genauso Pflichten zu erfüllen wie zuvor am Arbeitsplatz?

Die Pflichten halten sich eher in Grenzen. Natürlich gibt es gewisse Regeln und Verbindlichkeiten, was die Teilnahme betrifft. Diese gewährleisten aber auch wieder Orientierung und Sicherheit. Die Seniorenbetreuung findet z.B. jeden Wochentag zu festen Zeiten statt, die Besucherinnen und Besucher sind aber recht flexibel, was die Anfangszeiten betrifft. Das hängt von der jeweiligen Tagesform ab. Je nach Befinden und aktueller Situation kann es sein, dass man später oder gar nicht teilnehmen kann.

Werden den Bewohnerinnen und Bewohnern denn die Aktivitäten vorgeschrieben?

Nein, so wie jeder Mensch eine individuelle Persönlichkeit hat, hat auch jeder besondere Bedürfnisse und Fähigkeiten. Wahl- und Mitbestimmung sind eine Voraussetzung, damit die Persönliche Zukunftsplanung, eine Methode, die auch zum Ziel hat, eine sinnvolle Beschäftigung zu finden, funktionieren kann. Wir haben beispielsweise einen Herrn, der unbedingt Fußball spielen wollte. Wir haben uns dann darum gekümmert, dass er in Recklinghausen einem Fußballverein beitreten konnte. Nun freut er sich immer auf das Training, durch das seine Woche an Struktur und Sinn gewonnen hat.