Seit 1978 stellen wir jeden Monat eine Arbeit aus unserer Sammlung vor. Das Kunstwerk des Monats ist im Foyer des Museums am Eingang Pferdegasse ausgestellt.

Das Kunstwerk des Monats im Februar ist eine Renaissance-Truhe, die 1936 der Familie Saulmann NS-verfolgungsbedingt entzogen wurde und nach einem Restitutionsverfahren vor Kurzem rechtmäßig vom Museum erworben worden ist. © LWL / Hanna Neander

Kunstwerk des Monats Februar 2019

Das LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster präsentiert im Februar ein besonderes Kunstwerk des Monats: Es handelt sich um eine norddeutsche Renaissance-Truhe, die um 1550 gefertigt wurde. Sie wurde 1936 vom Museum in München ersteigert und war sogenanntes NS-Raubgut. 2016 gab das Museum die Truhe den Erben zurück, um sie daraufhin rechtmäßig anzukaufen.

Die 1936 bei einer Auktion des Kunstversteigerungshauses Adolf Weinmüller erworbene Truhe stammte aus dem Besitz der Eheleute Ernst und Agathe Saulmann aus dem schwäbischen Eningen. Aufgrund ihres jüdischen Glaubens war die Familie Saulmann Ende des Jahres 1935, kurz nachdem die sogenannten Nürnberger Gesetze verabschiedet worden waren, gezwungen, aus Deutschland zu fliehen. Familie Saulmann wurde ihres Landgutes, der Geschäftsanteile einer Baumwollweberei und ihres Besitzes beraubt. Die große Kunstsammlung wurde über Weinmüller versteigert. Dessen Auktionshaus gilt heute „unbestritten als Beteiligter und Profiteur des NS-Kulturgutraubs“, wie die Referentin für Provenienzforschung des Museums, Eline van Dijk, erklärt. Ernst und Agathe Saulmann erhielten keinerlei Anteil aus den Erlösen, stattdessen endete ihre Flucht, die sie über Florenz nach Frankreich führte, im Konzentrationslager Camp de Gurs.

Die Inhaftierung überlebte das Ehepaar, doch Ernst Saulmann erholte sich von ihr nicht mehr, er starb 1946. Agathe Saulmann litt aufgrund der Verfolgung an schweren Depressionen und starb 1951 an den Folgen eines Selbstmordversuchs. Zuvor hatte sie nach ihrer Rückkehr nach Deutschland eines der größten Restitutionsverfahren in der französischen Besatzungszone angestrengt. Zwar hatte sie in erster Instanz gewonnen, doch nach der Revision willigte sie in eine Ausgleichszahlung ein.

Die Wege der Saulmann’schen Kunstgegenstände blieben lange Zeit unklar. Erst die Provenienzforschung, die sich mit den ehemaligen Eigentums- und Besitzverhältnissen in der Biografie eines Kulturgutes beschäftigt, machte es möglich, die geraubten Kulturgüter ausfindig zu machen. Die Erbengemeinschaft der Familie Saulmann trat 2015 mit dem Gesuch auf Restitution an das LWL-Museum für Kunst und Kultur heran. Im Sinne der Washingtoner Prinzipien von 1998 wurde die Truhe im Jahr 2016 nach eingehender Prüfung an die Erben restituiert. Einige Zeit später erwarb das Museum die Truhe von ebendiesen Erben zurück, sodass die Truhe sich heute wieder in der Sammlung des Museums befindet. Dort ist sie seit Kurzem gemeinsam mit Hinweisen zu ihrer Provenienz, also ihrer Herkunft, zu sehen.

Die Herkunft von Kunstwerken zu ergründen und zu erhellen, ist für die Referentin Eline van Dijk besonders wichtig und interessant. Denn „durch die Erforschung eines Objekts kommen teils Schicksalsgeschichten ans Licht, die ehemalige Besitzer, frühere Standorte oder historische Ereignisse betreffen“, wie van Dijk erklärt. Das Kunstwerk des Monats Februar weise eine besonders bewegte Geschichte auf. Weitere Informationen zu NS-verfolgungsbedingt entzogener Kunst und der Sammlung der Eheleute Saulmann sind in der Datenbank LostArt publiziert (www.lostart.de).

Nicht nur aus kunsthandwerklicher Sicht ist die Truhe für die Sammlung des LWL-Museums wertvoll, sie ist vor allem auch eine anschauliche Ergänzung des Bestands an Frauen- und Männerbildnissen aus dem 16. Jahrhundert. Doch trotz ihres hohen Alters ist die Truhe aus der Renaissance auch und vor allem ein Objekt der Geschichte des 20. Jahrhunderts.

 

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Kuratorinnenführung

In der Kuratorinnenführung am Freitag, 8. Februar, um 14 Uhr stellt die Referentin für Provenienzforschung, Eline van Dijk, die Truhe und ihre bewegte Geschichte vor. Die Teilnahme ist kostenfrei.

Abonnement

Die Publikation "Kunstwerk des Monats" ist im Museumsshop für 1,00 Euro erhältlich. Es gibt sie auch im Abonnement für 12 Euro im Jahr. Es wird Ihnen zweimal jährlich zugeschickt.

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