LWL-Museum für Kunst und Kultur

Ernst Ludwig Kirchner

Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938), Kaffeetafel, 1908, Öl- und Leimfarbe auf Leinwand, 117 x 114 cm, Inv. Nr. 1175 LM © LWL-Museum für Kunst und Kultur

Ernst Ludwig Kirchner, Kaffeetafel, 1908

Die Kaffeetafel auf der Vorderseite des Bildes markiert den Übergang zum reifen Brücke-Stil. Die große, leuchtend gelbe Fläche des Tischtuchs drängt die Figuren an den Rand. Ihre Umrisse lösen sich in Farblinien auf, die Flächen schlagen um in Pinselbewegungen. Die nachdrücklich unnaturalistisch gelbe Gesichtsfarbe der drei Damen am Kaffeetisch wird durch giftiges Grün noch unruhiger und unfixierbarer. Die Ruhe der großen Anordnung löst sich auf in beunruhigende, versteckt hervor­stechende farbige Aggressivität. Kirchner hat nach eigenen Worten die Harmonie­lehre der Komplementärfarben studiert, um sie nicht einzuhalten und um dadurch den Blick noch mehr zu aktivieren.

Wahrscheinlich aus Geldmangel verwen­dete Kirchner eine Leinwand häufiger ein zweites Mal, so auch in diesem Fall. Die um 1913/1914 entstandene Badeszene auf der Rückseite der Kaffeetafel steht in Zusammenhang mit den Sommerauf­enthalten auf Fehmarn und weist die ner­vösere Handschrift dieser Jahre auf. Die Pinselstriche stechen spitz in die Fläche und zersplittern die Motive zu energiegeladenen Formelementen. Das fächerartige Blattwerk, die gelben Badenden und die schnellen Schraffuren verbinden sich zu leichten, unruhigen Rhythmen, die den sitzenden Mann mit Pfeife im Vordergrund, vermutlich der Malerfreund Otto Mueller, umspielen.

Kunstwerk des Monats Mai 2000