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Emanuela Gruber bei der Führung für Naturisten vor Euan Uglow, The Diagonal, 1971–77, Privatsammlung © The Estate of Euan Uglow

Nackte Tatsachen: Eine Führung der besonderen Art

Kunsthistorikerin Emanuela Gruber führt durch die Sammlung und die Sonderausstellung "Das nackte Leben. Bacon, Freud, Hockney und andere. Malerei in London 1950–80". Eine Führung der besonderen Art hatte sie an einem Samstag im Februar. Naturisten fragten, ob sie sich die erste Sonderausstellung im LWL-Museum für Kunst und Kultur anschauen könnten.

Die Kunst der Stunde für Naturisten

Ob die denn alle nackt sein werden, will meine Mutter am anderen Ende der Leitung wissen. Ich bejahe. Gerade erzähle ich ihr, dass wir heute eine Gruppe Naturisten durch die Ausstellung "Das nackte Leben" führen werden. "Die wollen die Kunst der Stunde nutzen", versuche ich einen schlechten Wortwitz, doch meine Mutter redet längst wieder über etwas ganz anderes. Nacktheit scheint ja heute niemanden mehr vom Hocker zu reißen. Außer vielleicht die Anhänger des Freikörperkultes selbst. Über siebzig sind an diesem Wochenende aus ganz Deutschland angereist, um sich im LWL-Museum für Kunst und Kultur die Sonderausstellung anzuschauen. Unbekleidet versteht sich.

Nach achtzehn Uhr treffen die Ersten im Foyer ein, noch sind alle angezogen. Es ist Februar und draußen ist es kalt. Als unser Besucherbüro die Führung in Aussicht stellt, ist mein erster Gedanke sofort: Witzig. Und hatte ich nicht auch in meiner Bewerbung behauptet, dass ich mich auf unterschiedlichste Zielgruppen einstellen kann? Also tippte ich "Ich mach’s!" in meine Antwort. Ähnliche Gedanken hatten wohl auch Stefan und Jessica. Wir drei stehen heute als Mitarbeiter der Kunstvermittlung bereit, um die Gruppen durch die Ausstellung zu führen. Bekleidet versteht sich.

Voller Garbderobenständer im Museum.

Ausgezogen wird oben

Eine kurze Begrüßung von Museumsdirektor Dr. Arnhold gefolgt vom Hinweis unseres Verwaltungsleiters, dass das Foyer ein öffentlicher Raum sei und das Entkleiden daher erst im 2. OG, kurz vor dem Betreten der Ausstellung, stattfinden könne. Muss ja alles seine Ordnung haben. Also, los geht’s! Treppe rauf und ran an die bereitgestellten Garderobenständer. Der Ort, um die Hüllen fallen zu lassen, ist vor der eben gehörten Argumentation denkbar ungünstig gewählt – die abendlich hell erleuchteten Fenster in der Architektur Volker Staabs ermöglichen vom Domplatz einen fantastischen Blick auf das Schauspiel. Aber das Museum hat ja erst kürzlich mit dem Slogan "Offen!" geworben. Und unter diesem Aspekt ist der Umkleidebereich geradezu perfekt. Es dauert auch nicht lange, da sammeln sich unten auf dem Gehweg die ersten Schaulustigen. Ich stelle mir die Fragezeichen in den Köpfen der Leute vor und freue mich.

Gruppe von Naturisten vor Lucian Freuds Girl with Roses, 1947/48 ©The Lucian Freud Archive / Bridgeman Images

Konzentration, bitte. Geht doch

Während um mich herum immer mehr Jacken, Hosen und Pullover auf die Garderobenständer wandern, kommen mir dann doch leise Zweifel: Was tun, wenn ich lachen muss, wäre das erlaubt? Ein bisschen lustig ist es ja schon. Und kann ich konzentriert bleiben, wenn vor mir 25 Nackte stehen? Alles unbegründet, stelle ich nach zehn Minuten fest. So lange brauche ich, um mich an die Situation zu gewöhnen. Und kann beobachten: Nackte Besucher verhalten sich nicht großartig anders als bekleidete. Wenn man länger darüber nachdenkt, ist die Kunstgeschichte  ja schließlich selbst voller nackter Körper. Nackte, also Akte – fanden ja schon die Jungspunde der "Brücke"-Maler gut. Und vor ihnen viele andere. Angefangen bei Motiven wie dem Sündenfall, der Toilette der Venus oder dem Bad der Diana.

Die nackten Besucher in der Ausstellung.

Und jetzt: nackt im Museum

Patsch, patsch. Wo sonst die Absätze von Schuhen klappern, hört man nun nackte Sohlen über den Terrazzo laufen. Ein Glück, dass die Ausstellungsräume auch über eine Fußbodenheizung klimatisiert werden. Die Führung läuft gut, die überwiegend männlichen Besucher sind interessiert, es ist ein entspanntes Kunstgespräch, das da vor den Werken Leon Kossoffs und David Hockneys entsteht. Euan Uglows Arbeit Diagonal erntet anerkennende Blicke. Nicht für den nackten Körper, sondern für das Modell und ihr sportliches Halten der anstrengenden Pose. Da kann ich nur zustimmen.

Im letzten Ausstellungsraum stehen wir vor Lucian Freuds Night Portrait aus dem Jahr 1978, eines der großartigen Aktporträts. "Freud war fasziniert von menschlicher Haut", sage ich. Tatsächlich hatte er einen unglaublichen Beobachtungssinn dafür, wie sich die Farbe und die Oberfläche von Haut an den verschiedenen Körperstellen unterscheiden. Und er glaubte nicht daran, dass es so etwas wie eine typische Haut gibt. Für ihn war die äußere Hülle eines Menschen etwas sehr individuelles. Und wenn ich mich so in der Gruppe umschaue: Recht hatte er. Da gleicht keine der anderen. So viel nackte Haut, denke ich – das hätte dem Meister sicher gefallen.

Nach einer Stunde bekommen wir alle drei langen Beifall. Die Besucher scheinen einen guten Abend gehabt zu haben. Den hatten wir auch. Ein älterer Herr kommt auf mich zu. Er strahlt. "Und jetzt gehen wir noch alle nackt in Ihre Museumsgastronomie!", ruft er vergnügt. Ich muss schmunzeln und überlege kurz. "Gerne", antworte ich dann, "ich sag’ nur schnell den Kollegen vom LUX Bescheid, dass Sie kommen."

Text: Emanuela Gruber
Fotos: LWL

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Publikationsdatum: 13.02.2015

Themen: Neubau, Kunstwerke, Museumsteam, Veranstaltungen