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„Man braucht nur viel Fantasie und ein wenig Mut, um mitunter auch verrückte Ideen umzusetzen.“

La Antena - der expressionistische Film im 21. Jahrhundert

Nie wieder war der deutsche Film so erfolgreich wie in seiner expressionistischen Phase. Angelehnt an die aktuelle Sonderausstellung „Wilhelm Morgner und die Moderne“, die den westfälischen Expressionisten Morgner im zeitgenössischen Kontext thematisiert, widmet sich auch die Frühjahrsstaffel der diesjährigen Filmgalerie dem expressionistischen Film.

Insgesamt werden fünf Klassiker dieses Genres im Auditorium des Museums präsentiert. Dabei fällt auf: Während vier der gezeigten Werke aus dem 20. Jahrhundert stammen, wirkt der argentinische Film „La Antena“ von Esteban Sapir aus dem Jahr 2007 wie ein Nachzügler einer längst abgeschlossenen Stilrichtung.

Wir haben uns mit Sven Pötting über die andauernde Bedeutung des expressionistischen Films im 21. Jahrhundert unterhalten. Pötting ist Filmkritiker und Experte für lateinamerikanischen Film. Am 2. März leitet er die Filmvorstellung von „La Antena“ im LWL-Museum thematisch ein.

Anders als die Mehrheit der modernen Filme ist La Antena vollständig in Schwarzweiß gedreht. Auch die Tonspur gleicht der eines Stummfilmes und besteht fast ausschließlich aus Musik. Herr Pötting, warum verzichtet Esteban Sapir in seinem Werk auf modernste Technik?
Esteban Sapir ist eine Ausnahmeerscheinung im argentinischen Kino, ein Außenseiter. Er sieht sich nicht einmal selber als richtiger Regisseur. Er hat zwar an der CERC (Centro de Experimentación y Realización Cinematográfica), der Schule des nationalen Filminstitutes von Argentinien studiert, allerdings zu einer Zeit als man kaum noch von einer argentinischen Filmindustrie sprechen konnte. Er arbeitete zunächst in seinem Wunschberuf als Fotograf, dann als Kameraassistent bei der Produktion von Werbefilmen. In einem Interview sagte Esteban Sapir, es sei eigentlich eher Zufall gewesen, dass er irgendwann begonnen habe, selber Filme zu drehen. 

Ich finde es sehr interessant: Esteban Sapir hat nicht an der Filmschule studiert, weil er Regisseur werden wollte. Er hat die Filmschule besucht, um Fotograf zu werden, hat aber dort so viel Filmtheorie und Filmgeschichte gelernt, so viele Filme gesehen, die ihn inspiriert haben, dass er schließlich selber einen Film gedreht hat (Picado fino, 1996). Durch seine Arbeit in der Werbebranche, schließlich auch durch die Gründung einer eigenen Produktionsfirma hatte er finanzielle Freiheit und konnte einen Film realisieren, wie er ihn haben wollte. Er konnte kreativ sein und seine eigenen Ideen umsetzen. Er musste sich keinen Zwängen von außen unterwerfen.

Auch künstlerisch lag das argentinische Kino, als er als Filmemacher begann, am Boden; beeinflusst haben ihn daher Filme aus anderen Epochen: Werke von Dziga Vertov, natürlich das expressionistische Kino aus der Weimarer Republik aus Deutschland, viele Stummfilme aber auch Filme aus Argentinien, wie etwa Invasión (1969) von Hugo Santiago, bei dem auch kein geringerer als Jorge Luis Borgs am Drehbuch mitgearbeitet hat. Aber auch die phantastische Literatur (Julio Cortázar, Jorge Luis Borges, Adolfo Bioy Casares), Fotografien von Horacio Coppola (1906-2012) und Comics waren seine Inspirationsquellen.

Esteban Sapir ist ein experimenteller Regisseur.  Er konzipiert seine Filme wie er will und dreht sie wann er will (tatsächlich sind Picado fino und La Antena seine einzigen beiden längeren Werke). Wenn man seine kürzeren Arbeiten betrachtet, etwa die Trailer, die er für das Filmfestvival von Mar del Plata 2014 gedreht hat, dann erkennt man, dass er mit Picado Fino einen eigenen Filmstil gefunden und entwickelt hat, ihn mit La Antena verfeinert, ausgearbeitet und in seinen kürzeren Arbeiten der letzten Jahre perfektioniert hat. Dieser Filmstil ist sehr "retro" oder "vintage." Der Rückgriff auf Schwarz-Weiß und den Stummfilm ist eine bewusste Entscheidung. 

Falls Sapir nochmal einen Spielfilm dreht, wird er sich stilistisch nur wenig von La Antena unterscheiden. Da bin ich mir sicher.

„La Antena“ bedient sich traditionell expressionistischen Stilmitteln. Dennoch greift der Film auch moderne Thematiken auf. Wie lässt sich das moderne Mediensystem durch einen Schwarzweiß-Film ohne umfangreiche Dialoge kritisieren?
Ich denke, dass es grade durch die Technik der Collage, die Sapir verwendet, durch das zitieren von anderen Filmen durchaus möglich ist, eine deutliche Kritik zu üben. 

Ich sagte zwar, dass Esteban Sapir ein Einzelgänger im argentinischen Kino ist, der seinen eigenen Stil entwickelt hat, aber es gibt durchaus ein paar vergleichbare Werke zu La Antena in der argentinischen Filmgeschichte. 1996 drehte Gustavo Mosquera mit Studenten der Universidad de Cine (FUC) den Film Moebius, in dem eine U-Bahn in einer Streckenführung verschwindet, die einem Möbiusband gleicht. 1998 drehte Fernando Spiner zusammen mit dem bekannten Autor Ricardo Piglia als Drehbuchautoren La sonámbula, "Die Schlafwandlerin."

Was La Antena, La sonámbula und Moebius gemeinsam haben? Sie greifen auf  kanonische Werke zurück (auf Filme wie Metropolis, La jetée, Invasión, auf den Comic El Eternauta, auf verschiedene Erzählungen von Julio Cortázar und Jorge Luis Borges) und zitieren sie. Es handelt sich um dystopische Werke, die ganz klar Gesellschaftskritik üben. Es gibt in diesen genannten Filmen aus Argentinien Bezüge zur Diktatur zwischen 1976 und 1983, auf die  als unzureichend empfundene "Vergangenheitsbewältigung", es wird aber ganz klar auch Kritik an der neoliberalen Politik geübt, der sich die Regierungen in den 1990er Jahren unter dem Präsidenten Carlos Menem verschrieben hatten. Durch die Zitate und Anspielungen, aber auch durch die Handlung von La Antena kam die Medien-/Gesellschaftskritik beim argentinischen Zuschauer an und wurde von ihm verstanden. Es bedurfte, um diese Kritik zu üben, keiner Dialoge.

Im Vergleich zu den anderen Filmen, die wir in der FilmGalerie präsentieren, stammt „La Antena“ als einziger Film aus dem 21. Jahrhundert. Lässt sich hier eine Weiterentwicklung des Stummfilms der 20er Jahre erkennen?
Natürlich lässt sich durch die digitale Technik solch ein Film viel einfacher realisieren. Der Regisseur hat mehr Möglichkeiten, auszuprobieren.  Man braucht nur viel Fantasie und ein wenig Mut, um mitunter auch verrückte Ideen umzusetzen. Ich finde, es handelt sich bei La Antena um einen spielerischen Umgang mit dem Stummfilm der Zeit bis Ende der 1920er Jahre (das macht ihn mit Michel Hazanavicius The artist aus dem Jahr 2011 vergleichbar).

Der expressionistische Film hat seinen Ursprung in Deutschland und wurde stark von der deutschsprachigen Filmindustrie geprägt. Inwieweit unterscheidet sich „La Antena“ als argentinischer Film von deutschen expressionistischen Filmen?
Der expressionistische Film hat seinen Ursprung im Weimarer Film in Deutschland. Er hat das deutsche Kino zu dieser Zeit weltweit berühmt gemacht. Der Bekanntheitsgrad ist wirklich groß, aber es gab eigentlich nur sehr wenige rein expressionistische Filme. Später mischte sich im Film noir ein expressionistischer Stil, importiert durch die zahlreich in die USA emigrierten europäischen Filmemacher wie Wilder, Robert Siodmak, Fred Zinnemann oder Otto Preminger , mit der uramerikanischen Tradition des Hard-boiled-Krimis und der Pulp-Novelle, wie sie von Dashiell Hammett, Cain oder Chandler popularisiert worden war.

Der Einfluss des Film noir (und damit indirekt des filmischen Expressionismus) auf die Gegenwartsrezeption währt bis heute, quer durch alle popkulturellen Genres, in nahezu jedem Kriminal- und Gesellschaftsdrama zu spüren: von kunstvollen Comic-Hommagen wie Frank Millers "Sin City" über stilisierte Thriller wie Nicholas Winding Refns Drive bis hin zu ambitionierteren TV-Serien wie Fargo und skandinavischen Krimis wie Die Brücke.

In Argentinien gibt es einige Werke, die sich am Film Noir-Genre orientieren. Im MoMA in New York läuft eine ganze Reihe zum argentinischen Film Noir. Es ist sogar ein argentinisches Remake von Fritz Langs M - Eine Stadt sucht einen Mörder dabei. In Argentinien findet der Expressionismus also in einem visuellen Stil, der sich am Film Noir und Neo-Noir orientiert, seinen Ausdruck, also eher indirekt. Filme wie La sonámbula oder La Antena greifen zusätzlich noch expressionistische Filme der Weimarer Republik durch Zitate auf. 

 

Wir bedanken uns recht herzlich bei Sven Pötting.