Herzlich willkommen

beim Blog des LWL-Museums für Kunst und Kultur!

Roman Podeszwa neben dem Kugelfisch-Exponat.

"Das Bild hängt schief..."

Roman Podeszwa ist Mitarbeiter für das Kulturprogramm des LWL-Museums für Kunst und Kultur, seit fast drei Monaten dabei und inzwischen auch als Kunstvermittler im Haus unterwegs. Als solcher hat er Einblicke in die Sammlung und die Reaktionen der Besucher. Dazu eine kleine Polemik.

Ausstellungsraum "Barocke Bilderwelten"

Frischer Wind

Ich bin jetzt gute zwei Monate bei der Arbeit, hatte Einblick in die Innereien des Wales, in dem ich sitze, und der jetzt die Bucht erreicht hat. Der Wal ist das Museum, die Bucht ist die Neueröffnung. Es wurde hektisch, Haare kraus, Flurschritte schnell, und jetzt liegt es unmittelbar hinter uns: das Wochenende, die Neueröffnung. Es lief gut: nicht weniger als 35.000 Menschen kamen vorbei, sich den Bau zurückzuerobern. Eine willkommene Invasion. Jetzt ist offen!
 

Natürlich konnte ich inzwischen auch die Sammlung genau inspizieren: und bin Fan geworden. Ein Rundumschlag – ich mag Rundumschläge – vom 12. Jahrhundert bis zur Gegenwart, und zu allen Epochen gibt es Spannendes, Herausragendes, Berühmtes, Lohnenswertes. Aber worauf ich in diesem Beitrag eigentlich hinaus will, ist nicht die Kunst selber, sondern ihre Präsentation. Denn die ist im nun wieder eröffneten LWL-Museum für Kunst und Kultur ein kleines Werk für sich, und eines, das auffällt. Schon in der Architektur zeigt sich Konzept und Wirkung, es weht ein frischer Wind durch die Räume des Neubaus, buchstäblich. Großzügige Fenster bieten immer wieder Aus-und Einblicke, es wurde viel Wert gelegt auf die Öffnung zum Stadtraum, zum Tageslicht, und Foyer und Patio sollen von Gott und der Welt durchquert werden: mit dem Ziel hängenzubleiben, zu verweilen, auf den Geschmack der Sammlung zu kommen. Und auch beim Durchqueren der Sammlung selber gibt es immer wieder Durchblicke und Querverweise, von Epoche zu Epoche.

Raum mit barockem Kamin und Wandteppichen.

Das Bild hängt schief

So wie im Raum mit dem Titel „Zuhause in der Gegenwart“. Ein kleiner Raum, der anmutet wie ein Durchgangs-Kanal zwischen Fluxus und den neuen Positionen zeitgenössischer Kunst. In diesem Zwischenräumchen also blickt man durch eine große Scheibe runter zum Barock, der in einem satten Sommergelb strahlt. Große Wandteppiche aus dem 18. Jahrhundert räkeln sich rauf bis zur Decke, die eine Etage höher in die Gegenwart reicht. Eingefasst von den kostbaren Textilien hängt ein weiterer Teppich. Der allerdings gehört zur Rahmeninstallation einer recht neuen Fotografie von Thorsten Brinkmann, einem  jungen Zeitgenossen. „Bertha von Schwarzflug“ nennt sie sich, halb zur barocken Porträtmalerei herunterschielend und halb zu uns rüber, eine „Dame“ von unförmiger Statur, das Kleid rissig, der linke Arm eine staksige Blechprotese, der Kopf überspannt von einer unförmigen Ledermaske – oder Tasche, das gilt es noch zu enträtseln. „Und, wie finden Sie’s?“, frage ich eine schräg blickende Frau, eine Besucherin. „Ich weiß nicht“, sagt sie wahrheitsgemäß, „erst mal verwirrend, interessant, aber auch nicht wirklich schön.“ Schön muss es, will es auch gar nicht sein. Die Zeitgenossen kitzeln gerne, wollen uns diese Rätsel aufgeben, wollen den  Geschmack in Frage stellen. Verstünden wir sie sofort, wären sie für uns schnell uninteressant und fad. „Das Bild hängt schief“, kommentiert ein junges Mädel unironisch. Korrekt. Ich empfehle ihr, sich umzudrehen. Auf der anderen Wandseite ist alles entspannend symmetrisch: Zwei der berühmten Strickbilder von Rosemarie Trockel werden dort eingefasst vom Markt-Macho Gerhard Richter. Aber diese beiden Superstars der Szene ruhen recht eng und behutsam beleuchtet zusammen, thronen nicht, beanspruchen keinen Ehrenplatz. Dieser Raum ist programmatisch für die ein oder andere – wie ich finde – mutige Entscheidung der KuratorInnen.

Sammlungsraum "Menschenbilder"

Programmatischer Mut

In der Sammlungspräsentation werden die Epochen nicht mehr streng voneinander abgeschirmt, Edvard Munchs faszinierende „Seelenportraits“ hängen verstreut inmitten einer dichten Hängung unterschiedlichster Menschenbilder der Moderne, manche Räume sind so leer, dass man wie durch ein Vergrößerungsglas auf die Arbeiten schaut, andere fordern mit ihrer Vielzahl an Exponaten oder mit einer speziellen Raumarchitektur. Dabei sind die Räume nicht zwingend zeitlich, wohl aber thematisch gefasst. So entstehen interessante Kombinationen von Künstlern und Epochen. An anderer Stelle darf sich ein aufgeblähter Kugelfisch, eher Naturkundeexponat und Kuriosität, den Raum mit den opulenten Stillleben des Spätbarock teilen. Und vom süchtig machenden Multimedia-Spieltisch im Raum zum Westfälischen Frieden fange ich gar nicht erst an. In der Renaissance liegt übrigens ein moosgrüner PVC, der mit seinem grünen Gummisitzer in der Mitte zum eigenen Ding wird. In diesem Fall nicht meines, aber sicher jemandes anderen.

Das Foyer zur Eröffnung.

Der Shitstorm und Ich

Ich übertreibe natürlich. So wie ich’s beschreibe, klingt es fast nach Anarchie. Weit gefehlt. Die Sammlung beginnt mit romanischen Skulpturen des 12. Jahrhunderts und kann chronologisch Zeitalter für Zeitalter durchstreift und verfolgt werden. Der Mut der Kuration liegt in seiner sanften Dosis, im Timing, im kleinen Experiment – unaggressiv, aber eben auch nicht unstreitbar. Die meisten Menschen, Freunde, Gäste, Unternehmer, Sponsoren, Künstler, Schüler, mit denen ich  spreche, sind – und jetzt ohne Übertreibung – begeistert. Sie schätzen diese kleinen Wagnisse, so wie ich. Aber umso spannender sind natürlich die Gegenstimmen. Eine kommt zum Beispiel in Form eines stattlichen Herrn. Er hat viel zu beanstanden, ja, lässt gar einen kleinen Shitstorm auf mich los. Ich bringe mich in Stellung. „Man missachte wichtige Regeln, wolle ja nur Geld machen, Besucher anlocken, alles müsse heute neu und aufregend sein“, wettert er. „Nun“, kontere ich, „die Welt, so vermute man, drehe sich, und eine neue Zeit fordere neue Präsentationsformen für unsere Kunst, die jedes halbe Jahrhundert anders angesehen wird. Und ja, Besucher wolle man, für sie mache man’s, ohne sie ginge’s nicht.” Für sie wird auch regelmäßig die Sammlung geändert, ausprobiert, ausgetauscht. Also, alles bleibt in Bewegung, bleibt spannend. „Das werden wir noch sehen“, sagt der Herr und säbelt mit seinem Drohfinger durch die Luft. „Das heißt, Sie kommen wieder?“, rufe ich ihm hinterher. „Natürlich“, sagt er, ohne zu lächeln.

So lang man über Kunst und ihre Präsentation noch so sprechen, sich aufregen, sich freuen kann, ist doch alles bestens. Erwartungen sollen erfüllt werden – das ist Tradition. Die Überraschungen auch, das ist die Zukunft. Nostalgie ist unerwünscht: die gehört ins Museum.

Text: Roman Podeszwa
Fotos: Hanna Neander

Publikationsdatum: 18.10.2014

Themen: Neubau, Kunstwerke, Museumsteam