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#Interview: Das Performanceprojekt #MappingMuseum

Mit einem Choreografen, einer bildenden Künstlerin, einem Videokünstler, einem Komponisten sowie 75 Schülerinnen und Schülern aus Kinderhaus hat das Performance-Kollektiv "Fetter Fisch" die neuen Räume unseres Museums künstlerisch erforscht – an den Wänden gelauscht, hinter Tücher und auf Werke gelinst, das architektonische Konzept untersucht. Es wurden Münsteraner, Museumsmitarbeiter und Experten befragt. Aus dem Material haben die Künstler eine Liaison von Sound, Tanz und Theater entwickelt, die als Performance zur Eröffnung präsentiert wird. Wir haben Cornelia Kupferschmid vom Performance-Kollektiv zum Projekt interviewt.

Performance "Geschichten mit Soße und Nudelmütze". Foto: Mareike Siepmann

Was ist Fetter Fisch?

Seit 2006 arbeiten wir in einem Kernteam aus drei Künstlern als Performance-Kollektiv zusammen. Jan Sturmius Becker ist Tänzer und Performer, ich bin Schauspielerin und Heike Kortenkamp ist Dramaturgin und Kulturpädagogin. Unsere Produktionen beruhen auf künstlerischer Feldforschung und Mapping (Vermessung) des eigenen Lebensraums. Die Forschungsergebnisse bilden das Material für unsere künstlerische Auseinandersetzung, die eigentliche Entwicklungs- und Probenphase. Was im klassischen Theater der Text ist, ist für uns Videomaterial, Tonaufzeichnungen aus Interviews, Fotos usw.

Was darf man sich unter einer Forschungsphase vorstellen?

Unsere Forschungsphasen hängen vom jeweiligen Thema ab. Gemeinsam entwickeln wir Forschungsfragen und -settings und gehen dann ins Feld. In der letzten Produktion haben wir uns mit der "Wirklichkeit" auseinandergesetzt und haben versucht zu erforschen, was "wirklich" und was "gespielt" ist. Das Forschungsfeld war das Theater selbst, Schulen, der öffentliche Raum. Was passiert zum Beispiel, wenn ein "gefakter" Referendar Erwartungshaltungen von Schülern torpediert, ihre Wirklichkeitserwartungen unterbricht? Daraus ist "Ein Loch im Wasser entstanden".

Wenn es sich um ein großes Thema wie #MappingMuseum handelt, wo wir einen Raum untersuchen und auf seine sozialen, historischen, atmosphärischen, architektonischen Komponenten befragen, kommen verschiedene Kunstgattungen in der Forschung zusammen: d. h. wir arbeiten mit einem Tänzer und Choreografen, mit weiteren Schauspielern, mit einem Videokünstler, einem Komponisten, einer bildenden Künstlerin. Wir halten den Prozess im Gang und forschen immer auch mit Kindern zusammen. Der Choreograf erforscht den Raum aus einer choreografischen Perspektive, welche Bewegungen kann man hier vollführen – es gibt Treppen, verschiedene Durchgänge, Fenster, breite Handläufe – welche Bewegungen provoziert der Raum? Es ist großartig, dass wir zurzeit allein im Museum sind, es gibt noch keine Besucher, die wir stören könnten. Es gibt Phasen, da schauen wir gewissermaßen den Kindern zu. Wie reagieren sie auf einen so großen weißen Raum, welche Kunstwerke finden sie interessant, wie bewegen sie sich hier?

Wir entwickeln Choreografien mit Kindern hier, lassen sie in Speedinterviews auf Museumsmitarbeiter stoßen und filmen das alles. Wir stellen ihnen aber auch Fragen: Was findest du hier lustig, was findest du hier toll, was möchtest du hier am liebsten machen, was darf man hier nicht machen und warum, wozu braucht man überhaupt Museen, was ist deiner Meinung nach Kunst usw.. Kinder geben oft unerwartete und unkonventionelle Antworten, vielleicht auch ehrlichere als Erwachsene. Ein Museum ist ja – wie ein Theater auch – ein von Konventionen durchzogener Ort, Verhaltensregeln, die wir als Erwachsene nicht hinterfragen, weil sie bequem sind, weil wir nicht auffallen wollen oder weil wir uns in einem Kunstraum als Kunstexperten inszenieren möchten, um eine Milieuzugehörigkeit herzustellen. Und wenn die Museumsleitung sich wünscht, dass man an diesem Kunstort zu träumen beginnt, dass wir uns in diesem Raum auf Fantasiereisen begeben, dann ist es vielleicht gut, darüber nachzudenken, wie das geschehen kann und welche Konventionen Sinn machen, welche nicht.

Die Schüler aus Kinderhaus während der Erforschung des Neubaus.

Wie ist das Projekt #MappingMuseum entstanden? Und wie seid ihr auf unser Haus gekommen?

Mit dem LWL-Museum für Kunst und Kultur haben wir bereits Projekte realisiert und haben die Zusammenarbeit immer als sehr angenehm empfunden. Bisher sind wir allerdings immer mit fertigen Produktionen engagiert worden. Als bekannt wurde, dass das Museum einen Neubau bekommt, entstand die Idee für #MappingMuseum. Was ist eigentlich ein Museum? Was bedeutet das Gebäude? Welche Reaktionen löst es aus? Was bedeuten architektonische Veränderungen in der alltäglichen Wahrnehmung und Orientierung? Was erhoffen und erwarten die Bürger vom neuen Gewand? Diese Fragen stellen wir uns.

Wir haben auf dem Domplatz mit Kindern zusammen Interviews mit Bürgern und Interventionen durchgeführt, wir waren in Kinderhaus, wo unsere Partnerschulen herkommen und haben dort auf dem Wochenmarkt ein Mini-Museum aufgebaut, um auch hier – "weit ab vom Schuss" – Meinungen einzufangen. Wir sind Performer und suchen nach anderen Orten, möglichst solchen, an denen nicht primär Theater erwartet wird. Wir suchen nach Alltagsgeschichten, nach Begegnungen. Wir möchten keine Literatur nacherzählen, sondern Wahrnehmungsmuster stören, Konventionen hinterfragen, Leute dazu motivieren, ihre Welt mit zu gestalten.

Wie wird die Performance am Ende aussehen?

Die Performance wird am Eröffnungswochenende des Museums stattfinden und dafür nutzen wir das gesamte Material, das wir während der Forschungsphase sammeln, als Text, den wir jetzt in der zweiten Phase des Projektes, den Sommer über, bearbeiten, interpretieren, deuten und in Szene setzen. Mehr möchte ich hier noch nicht verraten. Ich finde es sehr toll, dass wir das Foyer performativ nutzen und am Eröffnungswochenende in Szene setzen werden: choreografisch, bildnerisch, laut, leise, lustig, nachdenklich, kritisch. Wir möchten eine Marke hinterlassen, etwas woran man sich erinnert, wenn man hierher kommt, was den eigenen Blick auf das Museum als öffentlichen Kunstraum mit prägt.

Wie seid ihr darauf gekommen dieses Projekt gemeinsam mit Kindern umzusetzen?

Dafür gab es zwei Gründe: Zum einen arbeiten wir immer mit Kindern und Jugendlichen im Vorfeld unserer Produktionen, zum anderen finden wir die spezielle Blickrichtung, die Kinder auf ein Thema haben sehr spannend. Wir nennen das gerne "den unverstellten Blick". Im Gegensatz zu Erwachsenen, die im Hinblick auf Kunst und Kultur "vorbelastet" sind, im Sinne von erlernten Konventionen Kunst zu begegnen. Kinder sagen direkter, ungeschminkter, was sie denken und wie sie etwas sehen. Sie stellen diese pure Frage: "Was machen die da eigentlich?" bestechend ehrlich. Und andere: "Wieviel verdienen die hier?", "Warum gibt’s hier keinen Döner?", "Hier könnte man doch Wasser reinlassen und vom Dreier springen oder 'ne Party feiern, oder arme Leute könnten hier einmal im Monat übernachten."

In wie weit hilft euch das bei dem Projekt?

Bei dem hochkomplexen Thema Museum, in dem ohnehin geforscht und untersucht wird, ist es wichtig die einfachen Fragen nicht aus dem Blick zu verlieren. Die Kinder helfen uns dabei, indem sie diese ständig stellen.

75 Kinder aus drei Schulen sind eine ganze Menge. Wie habt ihr die Klassen kennengelernt?

Wir werden unterstützt von dem Modellprogramm "Kulturagenten für kreative Schulen“, die solche Projekte fördern. Das war besonders wichtig für den Kontakt mit den einzelnen Schulen, da diese viel zu tun haben. Und die Kulturagenten setzen sich an den Schulen für den Kontakt zu Kunst- und Kultureinrichtungen ein und helfen dabei diesen zu fördern.

Wurden die Schulen nach bestimmten Kriterien ausgesucht?

Die Förderung richtet sich besonders an Schulen in Stadtteilen, die allein schon wegen ihrer Lage keine einfache Verbindung zu den verschiedenen Kultureinrichtungen der Stadt haben und natürlich sollen Schüler begeistert werden, die bisher keine oder wenige Berührungspunkte mit Museen und Theater hatten.

Wie viel Zeit habt ihr mit den einzelnen Klassen verbracht?

Es gab mit jeder Klasse vier Blocktermine mit etwa sieben bis acht Stunden Forschungszeit. Die Ergebnisse dieser Zeit haben die Kinder an zwei Tagen in Kinderhaus in einem mobilen Kindermuseum präsentiert. Das war gleichzeitig unser Abschlusstreffen mit den Klassen. Darüber hinaus kommt nun noch die Probenzeit, die insgesamt etwa vier Wochen umfasst.

Wie bindet man 75 Kinder in eine Performance ein?

Durch Ton- und Bilddokumente. Wie das dann im Endergebnis aussieht, wird erst nach den Proben feststehen.

 

Das Interview führte Michelle van der Veen.

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Cornelia Kupferschmid

Die Schauspielerin Cornelia Kupferschmid wird 1972 in Böblingen geboren. Ihre Schauspielausbildung erhält sie von 1994–1998 an der staatlich anerkannten Freiburger Schauspielschule. Zudem macht sie zwischen 1996–2000 eine Gesangsausbildung.

Vor und während ihrer Ausbildungszeit wirkt Cornelia Kupferschmid in diversen freien Theaterproduktionen mit. Von 1998–2002 ist sie festes Ensemblemitglied an den Städtischen Bühnen Münster.
Seit 2002 arbeitet sie als freischaffende Schauspielerin.

Cornelia Kupferschmid ist Mitbegründerin von Fetter Fisch (2006).

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Publikationsdatum: 08.08.2014

Themen: Neubau, Baustelle, Veranstaltungen