Weihnachtsbaumhochburg Sauerland

von Karl Heinz Maurmann

 

Ein geschmückter Weihnachtsbaum vermittelt heute in fast 80% der deutschen Haushalte "weihnachtliche Stimmung". Über 80% der 2014 hierzulande aufgestellten ca. 29,2 Mio. Weihnachtsbäume kommen aus Deutschland. Gut ein Drittel der seit 1970 stark gestiegenen Weihnachtsbaumernte in Deutschland stammt wiederum aus dem Sauerland, wo demnach über 210 Mio. Euro Bruttoumsatz mit Weihnachtsbäumen erzielt werden. Südwestfalen soll mit schätzungsweise 18.000 ha Anbaufläche das größte Anbaugebiet in Europa für Weihnachtsbäume und Schmuckreisig sein (Landtag NRW 16/2097). Die Herkunftsbezeichnung "Sauerland" dient inzwischen beim Verkauf der Bäume auch als Werbung für gute Qualität.

Weihnachtsbaumkulturen in den Kommunen der drei Sauerlandkreisen 1979 und 2010 Abb. 1: Weihnachtsbaumkulturen in den Kommunen der drei Sauerlandkreisen 1979 und 2010 (Quelle: Eigene Zusammenstellung nach IT.NRW)

Bis zur Mitte des 20. Jh.s stammten die Weihnachtsbäume, überwiegend Rotfichten, aus dem Wald. Im Rahmen der Läuterung der eng ge­pflanzten Fichtenbestände fielen sie als Nebenprodukt an. Ab ca. 1955 begannen erste Waldbauern mit dem Anbau von Blaufichten, zunächst im Hochwald in Mischung mit Rotfichten. Die Blaufichten wurden vom Markt sehr gut angenommen, denn Farbe und Form entsprachen den Vorstellungen der Käufer, die bereit waren, dafür höhere Preise zu zahlen. Die Produzenten gingen nun zum Anbau in geschlossenen Flächen über. Ungefähr gleichzeitig fielen landwirtschaftlich genutzte Flächen in größerem Umfang brach. Zu­nächst wurde die Schäferei aufgegeben, dann erfolgte mit der verstärkten Marktorientierung ein starker Rückgang des im höheren Mittelgebirgsraum kaum rentablen Ackerbaus. Nicht für all diese frei werdenden Flächen ergab sich eine Nachfrage durch die Ausweitung der Grünlandwirtschaft. Vor allem Grenzertragsböden fielen aus der traditionellen landwirtschaftlichen Nutzung heraus. Während andernorts Sozialbrache das Landschaftsbild bestimmte, fanden sich im Sauerland Nutzungsalternativen in der Aufforstung sowie dem Weihnachtsbaumanbau auf der landwirtschaftlich genutzten Fläche (LF), zuerst wohl in Bestwig-Heringhausen (Hochsauerlandkreis) und Kirchhundem (Kr. Olpe).

Die Fläche der Weihnachtsbaumkulturen auf der LF ist in Deutschland von 1970–2014 um 411% vergrößert worden, weitaus stärker noch im Landesteil Westfalen (+1.644%). Die amtliche Statistik, die alle Flächen dem Ort des Be­triebssitzes zurechnet, auch wenn die Betriebsflächen über mehrere Gemeinden verteilt sind, weist für 2010 im Hochsauerlandkreis 3.665 ha Weihnachtsbaumkulturen aus, im Kreis Olpe 615 ha. Deutlich hebt sich das Sauerland durch große Flächen von Betrieben mit Weihnachtsbaumkulturen ab. Im Märkischen Kreis, im Kreis Olpe und vor allem im Hochsauerlandkreis konzentrieren sich Betriebe mit insgesamt über 28% der Anbauflächen von Weihnachtsbäumen in Deutschland. Dabei treten besonders die Kommunen Bestwig, Schmallenberg, Eslohe, Finnentrop und Me­schede hervor. Die Weihnachtsbaumflächen der Be­triebe dieses Kernbereichs sind von 1979–2010 stark vergrößert worden, ganz besonders in Bestwig, dessen Ortsteil Heringhausen eines der "Innovationszentren" der großflächigen Anlage von Weihnachtsbaumkulturen ist (Abbn. 1 und 2). 20% der Weihnachtsbaumfläche Deutschlands gehört zu Betrieben in den drei Kerngemeinden Bestwig, Schmallenberg und Eslohe, die zu­gleich im Jahrzehnt 1999–2010 ihre Anbauflächen mehr als verdoppelten. In Relation noch stärker expandierten allerdings zuletzt Betriebe in den Nachbarkommunen Meschede (+284%) und Sundern (+165%).

Das Kerngebiet des Weihnachtsbaumanbaus wächst also. Dagegen ist die Flächennutzung durch Weihnachtsbaumkulturen in der Ge­mein­de Kirchhundem ebenso wie im Märkischen Kreis zuletzt deutlich rückläufig gewesen.

Weihnachtsbaumkulturen in Bestwig-Heringhausen Abb. 2: Weihnachtsbaumkulturen in Bestwig-Heringhausen (Foto: K. H. Maurmann)

Nach Marktanalysen legen Käufer Wert auf folgende Merkmale eines guten Weihnachtsbaumes:

  • stufiger Aufbau des Weihnachtsbaumes mit nicht zu großen Quirlabständen,
  • gleichmäßige, kräftige Nadelfärbung (dunkelgrün bzw. blau),
  • gutes Haften der Nadeln,
  • besonderer Duft (Edelhoff 1994, S. 19).

Diese Merkmale werden bei folgenden Standortverhältnissen erreicht:

  • nährstoffarme Böden, denn auf nährstoffreicheren Böden besteht die Gefahr, dass nach mehreren Jahren plötzlich Jahrestriebe von über 50 cm Länge auftreten, die den stufigen Aufbau stören und dadurch den Wert eines Weihnachtsbaumes drastisch verringern,
  • kurze Vegetationszeit, denn längere Vegetationszeiten können ebenfalls zu starkes Höhenwachstum bewirken,
  • Spätfröste können ganze Kulturen zerstören; Risikostandorte wie Tallagen und Mulden sind deshalb ungeeignet (ebd., S. 19ff.).

Die schlechte Eignung des Mittelgebirgsraumes Sauerland, besonders des höheren Sauerlandes, für die ackerbauliche Nutzung aufgrund der hohen Anteile von Grenzertragsböden und der verkürzten Vegetationszeit kehrt sich um für den Anbau von Weihnachtsbäumen, die gerade hier sehr günstige Wuchsbedingungen vorfinden. Ergänzt werden diese na­türlichen Bedingungen durch die Nä­he zu den großen Absatzmärkten des Ruhrgebietes und des Rheinlandes.

Der Betrieb W. in Meschede ist ein Beispiel für den Wandel vom traditionellen Bauernhof zum spezialisierten Weihnachtsbaum- und Forstwirtschaftsbetrieb, der nach Meinung von Experten idealen Kombination im Sauerland (Tab. 1). Die Weihnachtsbaumflächen sind allerdings nach 1992 wieder reduziert worden aufgrund der erheblichen Verluste durch mehrere Spät­frös­te. Nach Meinung des Inhabers sind aufgrund des Klimawandels die Temperaturen vor allem an den südexponierten Hanglagen zu früh im Jahresverlauf schon so hoch, dass die Bäume früher austreiben und dadurch anfälliger für Spätfröste im Mai werden. Auf etwa 70% der Fläche stehen Nordmanntannen, auf rund 30% Blaufichten. Herbizide werden sehr sparsam verwendet, die Weihnachtsbaumflächen werden stattdessen mit Spezialgeräten ausgemäht. Nach der laufenden Um­stellung auf öko­logische Bewirtschaftung soll der An­bau in Zukunft gänz­lich ohne Herbizideinsatz auskommen und so höhere Verkaufspreise erzielen. Für den Weihnachtsbaumanbau weniger geeignete Flächen sind verpachtet worden.

Tab. 1: Der Betrieb W. in Meschede (Quelle: eigene Befragung 1992 und 2015)

Für den Anbau von Weihnachtsbäumen im Sauerland ist eine kleine Produktionskette entstanden:

  • Die Samen für Blaufichten stammen aus den südwestlichen Bundesstaaten der USA, für Nordmanntannen aus dem Schwarzmeer- und Kaukasusbereich.
  • Die Aufzucht im Saatbeet erfolgt über zwei Jahre in Baumschulen v.a. des Raumes Pinneberg (Schleswig-Holstein).
  • Ein bis zwei weitere Jahre entwi­ckeln sich die jungen Pflanzen im sog. Verschulbett. Diese Phase fand früher vor allem in Forstbaumschulen in höheren Ortsteilen von Kirchhundem statt. In den letzten 10 bis 20 Jahren hat sich diese Bedeutung des Südsauerlandes verringert, da mehrere Baumschulbetriebe in die Westfälische Bucht, besonders in den Raum Lippstadt, abgewandert sind, wo die klimatischen Verhältnisse günstiger sind. 1991 lagen von 48 Forstbaumschulen in Westfalen 31 im Weihnachtsbaumanbaugebiet des Sauerlandes, davon 25 allein in Kirchhundem. 2015 liegen von sieben Forstbaumschulen in Westfalen vier im Sauerland, da­von drei in Kirchhundem. Z.T. bleiben heute die Pflanzen auch in dieser Phase noch in den Baumschulen Südholsteins.
  • Im Alter von drei bis vier Jahren werden die Pflanzen in die Weihnachtsbaumkulturen ausgepflanzt, in denen sie acht bis zehn Jahre wachsen. Gepflanzt werden die Weihnachtsbäumchen in Abständen von 1 m bis 1,10 m Reihen- und Pflanzabstand. Pro ha ergeben sich bei einem Abstand von 1,10 m und dem Abzug von rund 10% für die Fahrgassen in der Kultur rund 7.300 Bäumchen.
  • Etwa 2/3 – ca. 5.000 Weihnachtsbäume – können durchschnittlich geerntet und verkauft werden. Die Ausbeute ist bei Blaufichten geringer, z.T. nur ca. 50% der gepflanzten Bäumchen, während bei Nordmanntannen oft 65–70% erreicht werden.

Einen ergänzenden Beitrag über Weihnachtsbaumkulturen aus ökonomischer und ökologischer Perspektive finden Sie hier.

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2013, Aktualisierung 2015