Wandertourismus in Westfalen... auf neuen Qualitätswegen

von Lukas von der Lippe

 

Der Wandertourismus erfreut sich heute wieder einer großen Beliebtheit. Wanderten im Mittelalter die Pilger entlang von alten Fernhandelswegen, wie beispielsweise dem Hellweg (s. Beitrag Steinkrüger), Studenten zu ihren Universitätsstädten oder Handwerker an ihre Arbeitsorte, so ist das Wandern bei uns heute zu einer reinen Freizeitbeschäftigung geworden.

Logo: Qualitätsweg Wanderbares Deutschland (Quelle: Deutscher Wanderverband e. V.)
Mit der Schnelllebigkeit der heutigen Zeit geriet das Wandern fast in Vergessenheit und man sagte ihm lange nach, es sei nur etwas für Senioren in Wandervereinen. Heute jedoch erlebt das Wandern als eine selbstständige Art des Tourismus eine Renaissance. Das Bewusstsein für alternative, individuelle, umweltschonende und zugleich gesundheitsfördernde Möglichkeiten, seinen Urlaub und die Freizeit zu verbringen, hat sich geändert. Gleichzeitig aber haben sich auch die Qualitätsansprüche, die von den Wanderern an den Weg selbst, an die Umgebung und an die zur Verfügung stehende Infrastruktur gestellt werden, gewandelt. Diesen Ansprüchen gilt es heute gerecht zu werden. So zeugen besonders in Westfalen zahlreiche in den letzten Jahren neu eröffnete oder qualitativ optimierte Wanderrouten von dieser Entwicklung, wie beispielsweise die Ausweisung des Rothaarsteigs im Sauerland oder die der Hermannshöhen im Teutoburger Wald belegen.

Das Deutsche Wanderinstitut e. V. mit Sitz in Marburg (Hessen) konnte in seiner jährlich durchgeführten "Profilstudie Wandern" nachweisen, dass heute etwa 36,8 Mio. Deutsche wandern. Davon bezeichnen sich ca. 11 Mio. als regelmäßige Wanderer - Tendenz steigend. Außerdem sind laut der Studie etwa drei Viertel der Wanderer in Deutschland bereits jünger als 59 Jahre, und der prozentuale Anteil der jüngeren Wanderer wird von Jahr zu Jahr größer. Interessant ist auch, dass das Bildungsniveau der Wanderer relativ hoch ist. So besitzen insgesamt 41% der Wanderer einen Studienabschluss, und deren Einkommen liegt über dem Bundesdurchschnitt. Dies bedeutet für die Wanderregionen, dass Wanderer zwar eine sehr anspruchsvolle, aber zugleich auch einkommensstarke und ausgabefreudige Zielgruppe darstellen.
Logo: Deutsches Wandersiegel Premiumweg (Quelle: Deutsches Wanderinstitut e. V.)
Das Wanderangebot in Westfalen ist im deutschlandweiten Vergleich sehr groß. So sind hier in den letzten Jahren zahlreiche neue Wege entstanden oder ausgewiesen worden, die den höchsten Qualitätsansprüchen standhalten. Das Sauerland gilt mit seinen vielen prämierten Wanderwegen mittlerweile als die Wanderregion mit der höchsten Dichte an Qualitätswegen in ganz Deutschland.

Als Qualitätswege gelten heute diejenigen Strecken, die mit einer der zahlreichen neuen und bundesweit einheitlichen Qualitätsauszeichnungen prämiert worden sind und folglich das vergebene Qualitätssiegel z. B. zu Marketingzwe­cken verwenden können.

So wird vom Deutschen Wanderverband e. V., der Dachorganisation der deutschen Wandervereine, das Siegel "Qualitätsweg Wanderbares Deutschland" vergeben. Einige der zahlreichen Kriterien sind eine Wegmindestlänge von 20 km und eine qualitativ hochwertige Wanderweg-Infrastruktur. Dazu gehören die ständige Wegpflege, der Naturschutz und eine ausreichende Markierung. Außerdem kümmert sich der Deutsche Wanderverband e. V. um die Schaffung einheitlicher Qualitätsstandards für wanderfreundliche Unterkünfte und prämiert diese entsprechend.
Logo: Top Trails (Quelle: Rothaarsteigverein e. V.)
Es gibt noch zahlreiche weitere Qualitätsauszeichnungen. So vergibt das Deutsche Wanderinstitut e. V., ein auf Forschung spezialisierter Verein, das Deutsche Wandersiegel "Premiumweg". Einige der Kriterien hierfür sind eine sehr hohe Erlebnisqualität der Wanderwege und eine Wegmindestlänge von sechs km. Auch der Rothaarsteigverein e. V., der durch die Konzeption des gleichnamigen Weges im Sauerland ins Leben gerufen worden ist, nimmt einzelne Wanderwege in die Liste der so genannten "Top Trails Of Germany" auf. Kriterien sind die naturnahe und erlebnisreiche Streckenführung, eine vorbildliche Markierung der Wege sowie wanderfreundliche Gastbetriebe entlang der Strecke. Das weitere Ziel ist die Zertifizierung der zugehörigen Wege durch das Deutsche Wanderinstitut e. V. oder den Deutschen Wanderverband e. V.
Weitere prämierte Qualitätswege in Westfalen Kasten 1: Weitere prämierte Qualitätswege in Westfalen (Stand: Juni 2010)
Interessant ist, dass laut der "Profilstudie Wandern" aus dem Jahr 2005/2006 etwa 62% der Wanderer gezielt auf den neuen, ausgezeichneten Qualitätswegen wandern. Die Hauptmotive sind eindeutig: Wanderer gehen davon aus, dass sich Natur und Landschaft entlang der ausgezeichneten Wanderwege besonders imposant präsentieren, die Wege generell gut gekennzeichnet und die Wanderunterkünfte und Gastbetriebe entlang der Strecke wanderfreundlich sind sowie den hohen Ansprüchen gerecht werden. Ob dies nur für die Regionen entlang der prämierten Qualitätswege zutrifft, bleibt offen. Zu befürchten ist aber, dass andere Wanderregionen, die einen in allen Aspekten ebenfalls hohen Qualitätsstandard besitzen, aber nicht auf das Pferd der "Qualitätswege" aufspringen und vielleicht nicht zu den klassischen Wanderregionen Deutschlands zählen, durch die sich ändernde Gunst der Wanderer ins Hintertreffen geraten. Denn es wird deutlich, dass der wandertouristische Fokus momentan ganz gezielt auf die neuen, prämierten Qualitätswege und Wanderregionen gerichtet ist. Positiv zu sehen sind allerdings hier die sozioökonomischen Folgen für die prämierten Regionen und die neue Vergleichbarkeit, die durch die Schaffung bundesweit einheitlicher Qualitätsstandards ermöglicht wird.
Logo: Rothaarsteig (Quelle: www.rothaarsteig.de)

Beispiel Rothaarsteig

Der erste ausgezeichnete Qualitätsfernwanderweg in Deutschland überhaupt ist der Rothaarsteig im Sauerland. Er wurde im Mai 2000 auf der mit allen Varianten insgesamt 220 km langen Strecke zwischen Brilon und Dillenburg in Hessen eröffnet. Er stellt den ersten "kundenorientiert" konzipierten Fernwanderweg in Deutschland dar und hat die Zielsetzung, neue Wege zu schaffen, die unter Berücksichtigung landschaftspsychologischer Erkenntnisse modernen Wanderbedürfnissen gerecht werden. Dazu fand eine bundeslandübergreifende Zusammenarbeit von Wandervereinen, Hoteliers, Gastronomen, Forstleuten und Behördenvertretern aus  sechs Kreisen statt. Außerdem wurde der Rothaarsteigverein e. V. gegründet, der heute mit der Marke "Top Trails Of Germany" auch andere qualitativ hochwertige Wanderwege bewirbt und gleichzeitig die entsprechenden Regionen bei der Entwicklung eigener regionaler Wanderkonzepte unterstützt.

Der Rothaarsteig selbst, der als erster deutscher Wanderweg mit den Siegeln "Premiumweg" und "Qualitätsweg Wanderbares Deutschland" ausgezeichnet worden ist und anderen Regionen bei der Konzeption von Wanderwegen als Vorbild dient, hat sich heute als starke Marke im Tourismusmarkt etabliert. Dafür sprechen die etwa 1,2 Mio. Gäste im Jahr, deren Großteil aus Tagesausflüglern besonders aus den Ballungszentren an Rhein und Ruhr besteht. Die Zahl der Übernachtungsgäste liegt bei ca. 300.000 Wandernden pro Jahr. Die Industrie- und Handelskammer zu Dillenburg und Wetzlar hat errechnet, dass in der Region allein durch den Rothaarsteig jährlich ein Umsatz von ca. 33 Mio. Euro erwirtschaftet wird, von denen etwa 24,3 Mio. Euro in der Gastronomie, 5,7 Mio. Euro im Einzelhandel und ca. 3 Mio. Euro im Dienstleistungsgewerbe verbleiben. So werden in der Region allein durch den Rothaarsteig umgerechnet etwa 800 Arbeitsplätze gesichert, was zeigt, welches enorme wirtschaftliche Potenzial bei entsprechender Konzeption und Vermarktung im Wandertourismus steckt.
Logo: Hermannshöhen (Quelle: www.hermannshoehen.de)

Beispiel Hermannshöhen

Den zweiten großen Qualitätsfernwanderweg in Westfalen stellen die so genannten "Hermannshöhen" dar. Diese wurden im Mai 2005 durch die Verknüpfung der bisherigen überregionalen Wanderwege Hermannsweg (s. Beitrag Gerbaulet) und Eggeweg ins Leben gerufen und erstrecken sich nun auf einer Länge von insgesamt 226 km von Rheine über Detmold bis nach Marsberg im Sauerland. Bei der Konzeption des Weges arbeitete auch hier eine Vielzahl unterschiedlicher Kommunen, Eigentümer, Forstämter, Landkreise und Lenkungsgruppen zusammen, um letztendlich ein einheitliches Konzept auf die Beine zu stellen, das die regionalen Potenziale optimal ausschöpft. So wurde mit Unterstützung des Deutschen Wanderverbandes e. V. das regionale Qualitätssiegel "Qualitätsbetrieb Hermannshöhen" entwickelt, das besonders gastfreundliche Beherbergungsbetriebe auszeichnet. Heute gehört dieser Fernwanderweg, wie auch der Rothaarsteig, zu den zehn "Top Trails Of Germany" und ist mit dem Siegel "Qualitätsweg Wanderbares Deutschland" prämiert worden.

Die Vielzahl an Qualitätswegen (Kasten 1) in Westfalen belegt, dass die Region ihr touristisches Potenzial erkannt hat und dies nun in konkrete Konzepte umsetzt. Der wandertouristische Schwerpunkt liegt heute im Sauerland, doch werden in Zukunft im Zuge der steigenden Beliebtheit des Wanderns sicherlich auch weitere Regionen eigene Konzepte entwickeln.

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2009, Aktualisierung 2010