Der Strontianitbergbau im Münsterland

von Martin Börnchen

 

Strontianit Abb. 1: Strontianit (Foto: H. H. Hermanni, Hamm)

"Dat Liäben in [Ascheberg] wor ümmer weheriger un rugger. De "Strunz-Käls" verdeinden viell Geld un laiten auk viell drup gaohen; se trusselden män so met de blanken Dahlers harüm, wenn Löhnunk west was, un de Wien flaut von de Diske harunner."

Augustin Wibbelt, westfälischer Heimatdichter und Priester schrieb kurz nach 1900 "Ne Industrie- un Buern-Geschicht ut'n Mönsterlanne" mit dem Titel "De Strunz" ("Der Strontianit"), der im 19. Jh. im Münsterland eine große Rolle spielte.

Was ist Strontianit?

Strontianit (SrCO3, Strontiumcarbonat) ist ein Mineral bzw. Erz. Es kann aus farblosen, weißen, gelblichen, grauen oder grünlichen, glänzenden, nadeligen, spießigen oder säulenförmig-rhombischen Kristallen bestehen, die durchsichtig bis durchscheinend, spröde und leicht zu spalten sind (Abb. 1). Seine Dichte ist 3,7 g/cm3. Strontianit färbt die Flamme karminrot und löst sich in einer Säure unter Aufschäumen (Römpp 1989 - 1992).

Wo kommt Strontianit vor?

Als begleitendes Mineral tritt er mit Kalkspat (Calciumcarbonat) und Witherit (Bariumcarbonat) nicht selten zusammen auf. Im südlichen Münsterland gibt es ein großes Strontianit-Vorkommen, "das - bisher einzigartig in der ganzen Welt - die Grundlage eines umfangreichen, ausschließlich darauf gerichteten Bergbaus bildete" (Menneking 1974) (Abb. 2).

Ehemalige Strontianitgruben zwischen Drensteinfurt und Hamm-Bockum-Hövel Abb. 2: Ehemalige Strontianitgruben zwischen Drensteinfurt und Hamm-Bockum-Hövel und Gebiet mit Strontianitbergbau im Münsterland (kleine Karte) (Entwurf: M. Börnchen, Quelle: Verändert nach Gesing u. Jatzkowski)

Die Entdeckung des Strontianits bei Nienberge

1834 fand ein Bauer bei Nienberge, heute ein Stadtteil von Münster, ein unbekanntes Mineral. Von seiner Entdeckung berichteten die "Berlinischen Nachrichten" am 23.6.1834:

"Münster. In unserer Nähe, bei Nienberge [ ... ], findet sich ein Mineral, (das) aus reinem krystallisirten kohlensauren Strontian besteht, welcher im Handel einen beträchtlichen Werth besitzt, indem [ ... ] das Pfund zu 2 Thlrn. verkauft wird. [ ... ] Am Sichersten kann es erkannt werden, wenn ein erbsengroßes Stückchen in Salzsäure aufgelöst, die Auflösung mit Weingeist versetzt und sodann angezündet wird. Der Weingeist brennt, im Fall es kohlensaurer Strontian war, mit lebhaft carminrother Flamme" (Berlinische Nachrichten 1834).

Wenige Jahre später stieß einige km nördlich von Hamm ein Schüler bei der Suche nach Mineralien erneut auf Strontianit:

"Hier wurde das Mineral im Winter des Jahres 1839/40 in dem Steinbruch auf dem Herrensteinberg" an der heutigen B63 zwischen Hamm und Drensteinfurt-Walstedde "von dem Gymnasiasten Hermann Tross [ ... ] des Gymnasiums Hammonense entdeckt" (Menneking 1974).

Die Belegschaft der Strontianit-Grube Boyenstein Abb. 3: Die Belegschaft der Strontianit-Grube Boyenstein bei Beckum 1884 (Foto: Privatarchiv Kersting, Beckum)

Der Strontianitbergbau im Münsterland

Vor 1871 wurde Strontianit nur in relativ kleinen Mengen im Münsterland aufgelesen und wegen seiner karminroten Flammenfärbung an Apotheker verkauft. Es gab noch keine Strontianitgruben.

Das Interesse am Strontianit des Münsterlandes änderte sich schlagartig, als 1871 in Dessau (Sachsen-Anhalt) eine Zuckerfabrik begann, aus der Melasse mit Hilfe von Strontianit den Restzucker zu gewinnen. Mit Beginn der Melasse-Entzuckerung kam es im Münsterland zu einer kalifornischen Goldgräberstimmung, die reichlich 10 Jahre anhielt. Insgesamt gab es etwa 700 Gruben mit maximal 2.200 Bergleuten (Abbn. 3 und 4). Später hatten die Gruben oft mehrere Sohlen; den tiefsten Schacht hatte die Grube Alwine in Ahlen-Vorhelm mit 110 m (Muth 1989).

Schacht Adrian in Ascheberg-Herbern, 1931 Abb. 4: Schacht Adrian in Ascheberg-Herbern, 1931 (Foto: Sammlung J. Farwick, Herbern)

Melasse-Entzuckerung

Bei der Zuckergewinnung aus Zuckerrüben fällt ein dunkelbrauner, unangenehm riechender und schlecht schmeckender zäher Sirup an, die Melasse. Sie enthält noch 50% Zucker, der aber nicht mehr auskristallisiert. Deshalb hatte man schon lange nach Methoden gesucht, den "Restzucker" aus der Melasse zu isolieren. "Dies war besonders in jenen Ländern ein Problem, in denen die Zuckersteuer nicht an der tatsächlichen Zuckerproduktion bemessen wurde, sondern an der Menge der verarbeiteten Rüben, wie dies zum Beispiel in Deutschland und Österreich-Ungarn der Fall war. Jede Steigerung der Zuckerausbeute bedeutete hier in zweifacher Hinsicht Gewinn" (Gesing 1995).

"Vom Jahre 1883 an flaute der große Strontianitboom ab. 1886 waren die Dr. H. Reichardt'schen Gruben (in Drensteinfurt) sämtlich geschlossen. Ihnen folgten im Laufe der Jahre die übrigen, bis im Januar 1945 die letzten 70 Tonnen Strontianit aus der Grube Wickesack [ ... ] in Ascheberg zu Tage gefördert wurden. Denn die große Nachfrage für die Melasse-Entzuckerung hatte in dem Coelestin (SrSO4), der in England und in der Nähe von Arolsen [ ... ] in mächtigen Lagern abgebaut und aus Sizilien und Spanien ebenso billig geliefert werden konnte, eine nicht zu schlagende Konkurrenz entstehen lassen" (Menneking 1974). Aber nicht nur der geringe Preis des Coelestins machte den Strontianit-Unternehmern zu schaffen, sondern auch die Tatsache, dass sie gar nicht in der Lage waren, die großen Mengen Strontianit für die sich schnell ausweitende Melasse-Entzuckerung zu liefern (Gesing 1995).

Reste der Vergangenheit

Die Mergelhalden im Münsterland erinnern an eine vergangene Zeit (Abb. 5). Einige von ihnen fielen der Flurbereinigung zum Opfer. Die Halde der Grube Wickesack wurde teilweise für den Bau der Autobahn abgetragen, andere erfreuen erfolgreiche Mineraliensammler oder rodelnde Kinder im Winter.

Und nicht zuletzt bevölkern Weinbergschnecken den kalkhaltigen Boden der Mergelhalden.

Mergelhalde in der Osterbauerschaft in Ascheberg Abb. 5: Mergelhalde in der Osterbauerschaft in Ascheberg (Foto: H. H. Hermanni, Hamm)

Strontianit und Strontium in der Gegenwart

Seit den 1980er Jahren wird Strontianit in Tongling (VR China) abgebaut. Heute findet Strontianit Verwendung in Hartferrit-Magneten, in Fernseh- und Computer-Bildschirmglas, in pyrotechnischen Erzeugnissen und in Medikamenten.

Das metallische Strontium, das Davy 1808 aus Strontianit durch Schmelzfluss-Elektrolyse herstellte, findet in hoch spezialisierten Aluminium-Legierungen Verwendung. Und nicht zuletzt werden heute z. B. in der Universitäts-Klinik Münster Melanome mit künstlich hergestelltem Strontium-90 bestrahlt.

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2007