Trinkgläser aus Marsberg: RITZENHOFF AG

"Das Herz der Familien-AG RITZENHOFF schlägt immer noch dort, wo vor mehr als 100 Jahren ihre Geschichte begann: am Stammsitz in Marsberg im Sauerland. Mit dem Holz der dichten Wälder dieser Gegend schmolzen die ersten Glashütten schon im 18. Jahrhundert Quarzsand zu Glas" – so der Anfang einer vom Unternehmen selbst herausgegebenen, aktuellen Firmengeschichte.
Marsberger Glasfabrik um 1935 Abb. 1: Marsberger Glasfabrik um 1935 (Foto: RITZENHOFF AG)

Vermutlich ist diese "standort- und traditionsgebundene Industrie", so A. Ringleb (1957, S. 195) in der Beschreibung des Landkreises Brilon, schon älter. Sie wurde schon vor dem Dreißigjährigen Krieg von Hessen her eingeführt (s. Beitrag Bergmann). Hier, im Marsberger Raum, waren alle notwendigen Rohstoffe zur Glaserzeugung vorhanden: eisenfreier Sand, Pottasche von Buchenholz und reichlich Holzkohle zum Schmelzen. Die kleinen Glashütten und die Glasbläser brachten ihre Glaswaren mit Eseln auf die Märkte der Grenzregion von Westfalen, der damaligen Grafschaft Waldeck und Nordhessen.

Anbringen des Henkels an einen Bierseidel (1950er Jahre) Abb. 2: Anbringen des Henkels an einen Bierseidel (1950er Jahre)(Quelle: Stadtarchiv Marsberg)

Im Jahr 1800 gründete der gebürtige Niederländer Anton Wilhelm Kapmeier die Fürstenberger Waldglashütte etwa sechs Kilometer nordwestlich von Marsberg im abgeschiedenen Aabachtal. Diese Hütte, die bis 1903 bestand, gilt als die Ursprungszelle des heutigen Unternehmens RITZENHOFF AG. Die kleine Waldglashütte ging 1904 in der von den Brüdern Nordheimer erbauten Glasfabrik in Niedermarsberg auf. Man wollte mit dem neuen Standort in der Nähe der Eisenbahnlinie Hagen–Warburg die kostengünstigere Energieversorgung mit Steinkohle aus dem Ruhrgebiet nutzen. Allerdings blieb die wirtschaftliche Lage des Unternehmens mit dem Namen "MGM" (Marsberger Glasfabrik Marsberg) bis zum Jahr 1934 recht schwierig, zwischen 1917 und 1921 musste der Betrieb sogar eingestellt werden.

Noch im Jahr 1934 trat der Glasgroßhändler Heinrich Ritzenhoff aus dem nahe gelegenen Driburg als Kapitalgeber und Teilhaber in die Firma ein und erwarb ein Jahr später sämtliche Anteile.

Seit nunmehr acht Jahrzehnten entwickelte sich das Familienunternehmen RITZENHOFF zu einer High-Tech-Glashütte, die mit aktuell 430 Beschäftigten etwa 70 Mio. Euro Umsatz pro Jahr erwirtschaftet. Sie ist zum EU-Marktführer für Trinkgläser von Brauereien und Mineralbrunnen aufgestiegen.

Automatische Glasproduktion Abb. 3: Automatische Glasproduktion (Foto: RITZENHOFF AG)

Die Industrieberichterstattung des Jahres 1949 weist das Unternehmen als einen der 14 "kleinen Großbetriebe" des Landkreises Brilon mit immerhin 6,4% aller Industriebeschäftigten des Kreises auf (Ringleb 1957, S. 191 u. 195). Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte RITZENHOFF mehr als 600 Menschen. Damals herrschte allerdings noch die Glasbläserei mit elektrisch betriebenen Schmelzöfen vor.

In den 1950er und 1960er Jahren konnte das Familienunternehmen expandieren. Die Nachfrage nach Glas wuchs, und Ritzenhoff stellte sich darauf ein, indem man begann, Glas  in breiter Variation zu produzieren, z. B. für Beleuchtungszwecke. 1961 wurde in Essentho (früher Kreis Büren, heute ein Ortsteil von Marsberg) ein weiterer Zweigbetrieb gegründet. In dieser Produktionsstätte wurden ausschließlich Gläser für Brauereien und Brennereien hergestellt (Abb. 2). Einige Jahre später wurde ebenfalls in Essentho eine vollautomatische Glasproduktion zur Herstellung von Trinkgläsern errichtet und so die traditionelle Mundglasfertigung ergänzt (Abb. 3). 1974 kam eine Druckerei für keramische Abziehbilder dazu. Damit wurden neue Absatzbereiche erschlossen. Bis zu Beginn der 1990er Jahre wurden drei vollautomatische Produktionslinien entwickelt. Heute werden am Standort Essentho täglich bis zu 45 t Rohglas geschmolzen, aus denen 120.000 Gläser hergestellt werden können. Dabei läuft der Schmelzbetrieb ganzjährig durch. Ein Abschalten erfolgt nur noch am Ende einer "Wannenreise" nach vier bis acht Jahren, wenn Instandsetzungsarbeiten durchgeführt werden müssen.

RITZENHOFF, so der Markenname seit 1992, bietet den Kunden Gesamtleistung aus einer Hand: Entwurf, Produktion und Veredelung eines Glaserzeugnisses in Verbindung mit einer modernen Lager- und Lieferlogistik. Ein neues Logistikzentrum wurde dafür erst im Jahr 2008 ebenfalls in Essentho mit über 10.000m2 in Betrieb genommen. 15.000 Paletten-Stellplätze stehen zur Verfügung. Damit erfolgen Lagerung, Kommissionierung und Versand am Produktionsstandort selbst. Bestellungen, die bis mittags eingehen, verlassen das Logistikzentrum noch am gleichen Tag.

Unverändert stehen die Produktion und die Veredelung von Trinkgläsern für die Getränkeindustrie im Mittelpunkt. Es werden nicht weniger als 152 Biergläser, unterschieden nach Volumen und Form, hergestellt, in der Mehrheit Stielgläser. Der Marktanteil von RITZENHOFF dürfte in Deutschland dabei deutlich über 50% liegen. Daneben werden auch Wein- und Sektgläser, Gläser kleinerer Art für Spirituosen sowie für Mineralwässer und alkoholfreie Getränke, ebenfalls in vielen Formen und Designs, angefertigt.

Als zweites Standbein wurde nach Gründung der Marke RITZENHOFF der Vertrieb von Gläsern und anderen Produkten an den Facheinzelhandel konsequent in Deutschland, Europa und im globalen Maßstab auf- und ausgebaut. Heute ist das Unternehmen faktisch in allen EU-Staaten über Partner vertreten. Schwerpunkte des Vertriebs sind darüber hinaus Nord- und Mittelamerika, die Ölstaaten im Vorderen Orient sowie Ost- und Südostasien. Im Wachstumsmarkt Indien ist die Firma gleich in vier Metropolen, nämlich in Mumbai, New Dehli, Bengaluru und Hyderabad vertreten.

Milchglas Abb. 4: Milchglas (Foto: RITZENHOFF AG)

Diese globale Präsenz in mittlerweile 70 Ländern wurde mit dem Durchbruch zum Designmarkt seit zwei Jahrzehnten in beeindruckender Weise erzielt. Dies gelang mit der Idee des Milchglases. Die angeworbenen, international renommierten Designer nutzen quasi das Weiß der Milch als Leinwand und Entwerfen auf diesem Hintergrund die jeweiligen Dekore für eine festgelegte Grundform von Gläsern (Abb. 4). Solche Editionen werden auch für das Industriedesign oder zu bestimmten Anlässen (auch für Sammlerzwecke) auf den Markt gebracht. Als Beispiel sei die Edition "Ein Licht für den Frieden" zum 350. Jahrestag des Westfälischen Friedens 1997/1998 genannt. Zwölf Tischlichter wurden von zwölf Designern aus aller Welt für diese Kollektion entworfen.

Einen weiteren Schritt in Richtung einer verstärkten Kooperation mit dem Facheinzelhandel wurde im Jahr 2005 vollzogen, als die australische Marke "Maxwell & Williams", die für hochwertiges Porzellan steht, auf der entsprechenden Fachmesse "Ambiente" für den mitteleuropäischen Markt erstmals vorgestellt wurde. Damit erweiterte RITZENHOFF erheblich sein Liefersortiment in der Porzellansparte: Kaffeebecher, Espressotassen, Teedosen und Teesets, Schlüsselanhänger u.v.m. ergänzen nunmehr das Angebot.

Die ganze Bandbreite der Produktpalette findet seit September 2012 in einem neuen Ausstellungs- und Repräsentationsgebäude der RITZENHOFF AG Platz (Abb. 5).

Abb. 5: Neuer Showroom am Firmenstammsitz (Foto: RITZENHOFF AG)

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2013