Kaufkraft in Westfalen 2007

von Simone Böhnisch

 

Kaufkraft als Indikator für Wirtschaftskraft und Wohlstand

Für die Bewertung von Einzelhandels- und Dienstleistungsstandorten, die Absatzplanung und die Preispolitik werden verschiedene statistische Daten herangezogen. Die Analyse der Kaufkraft, des Umsatzes und der Zentralität sind dabei die zentralen Parameter. Sie werden beispielsweise von der Acxiom Deutschland GmbH, der BBE Handelsberatung GmbH, der GfK GeoMarketing GmbH, der Infas GEOdaten GmbH, der Michael Bauer Research GmbH oder der RegioData Research GmbH für unterschiedliche räumliche Ebenen angeboten. Im Folgenden wird die Kaufkraft als Indikator für Wirtschaftskraft und Wohlstand in Westfalen näher beleuchtet.
Einzelhandelsrelevante Kaufkraftkennziffer 2007 je Einwohner Abb. 1: Einzelhandelsrelevante Kaufkraftkennziffer 2007 je Einwohner (Quelle: GfK GeoMarketing GmbH)

Als Kaufkraft versteht man die "Fähigkeit, mittels einer Geldeinheit eine bestimmte Gütermenge zu erwerben. Die Kaufkraft drückt den reellen Geldwert aus. Sie kann regional unterschiedlich sein. Wenn z. B. die Lebenshaltung in der Stadt teurer ist als auf dem Land, ist die Kaufkraft des gleichen Einkommens in der Stadt geringer" (Leser 1997, S. 384). Sie wird auf Basis der Lohn- und Einkommenssteuerstatistik berechnet, durch das örtliche Preisniveau bereinigt und beschreibt die Kaufkraft der Konsumenten am Wohnort.

Um eine regionale Vergleichbarkeit der Daten zu gewährleisten, werden Kennziffern bzw. Indizes je Einwohner gebildet. So wird beispielsweise die Kaufkraftkennziffer im Vergleich zum Bundesdurchschnitt (= 100) errechnet. Anhand der Kaufkraftkennziffer ist also ablesbar, in welchen Regionen die Bevölkerung im Vergleich zum Bundesdurchschnitt über- oder unterdurchschnittlich kaufkräftig ist. Da ein Teil dieser Kaufkraft auch für Mieten, Hypothekenzinsen, Versicherungen, Kraftfahrzeuge, Reisen oder Dienstleistungen verwendet wird, erfolgt häufig eine zusätzliche Berechnung der einzelhandelsrelevanten Kaufkraft, also der Geldmenge, die für den Erwerb von Produkten des Einzelhandels zur Verfügung steht. Hierzu werden die Ausgaben für Mieten, Versicherungen, Dienstleistungen etc. von der Kaufkraft abgezogen.

Für räumliche Analysen wird meistens die von der GfK GeoMarketing GmbH berechnete Kaufkraftkennziffer verwendet. Die GfK GeoMarketing mit Sitz in Bruchsal veröffentlichte bereits 1937 zum ersten Mal die Nettoeinkommen der Bevölkerung am Wohnort als GfK Kaufkraft. Seit 1994 werden von der GfK die Kaufkraft für den Einzelhandel, der Umsatz am Verkaufsort und die Einzelhandelszentralität für Gemeinden mit mehr als 10.000 Einwohnern berechnet. Inzwischen wird die GfK Kaufkraft auch für einzelne Sortimente und nach Altersklassen beziffert.

Bildet man die einzelhandelsrelevanten Kaufkraftkennziffern der Städte und Gemeinden in Westfalen in einer Karte ab, ergibt sich eine interessante räumliche Verteilung (Abb. 1).

Überdurchschnittlich hohe einzelhandelsrelevante Kaufkraft je Einwohner

Besonders kaufkräftige Regionen befinden sich im Ennepe-Ruhr-Kreis und im Märkischen Kreis. Hier treten die höchsten einzelhandelsrelevanten Kaufkraftkennziffern in Westfalen auf. Kein Ort in diesen Kreisen verzeichnet eine geringere Kaufkraftkennziffer als 95. Insbesondere die kleineren Städte und Gemeinden Sprockhövel, Herdecke, Breckerfeld, Schalksmühle und Herscheid weisen eine überdurchschnittlich hohe einzelhandelsrelevante Kaufkraftkennziffer (>110) auf. In Schalksmühle könnte diese mit einer hohen Industriedichte, v. a. mit Unternehmen der Elektroindustrie, zusammenhängen, die vor Ort für viele Arbeitsplätze sorgen. Herdecke ist ein beliebter Wohnstandort für die in Dortmund arbeitende Bevölkerung; für Sprockhövel gilt gleiches in Bezug auf Wuppertal. Die Region ist als Wohnstandort beliebt aufgrund seiner verkehrlich attraktiven und landschaftlich reizvollen Lage zwischen Sauerland und Bergischem Land sowie der Nähe zum Ruhrgebiet.

Auch Haltern am See im Kreis Recklinghausen verzeichnet eine sehr hohe Kaufkraftkennziffer (>110). Hier lässt sich ein Zusammenhang mit Bevölkerungsgruppen erahnen, die in der Chemieindustrie des Ruhrgebiets gut verdienen. Die attraktive Umgebung treibt als beliebter Wohnstandort die Baupreise in die Höhe, so dass insbesondere kaufkräftige Einwohner hinzugewonnen werden.
Eine weitere Ballung von überdurchschnittlich hohen Einzelhandels-Kaufkraftkennziffern befindet sich in Ostwestfalen-Lippe und zieht sich von Oelde (Kreis Warendorf) im Südwesten über Gütersloh und Bielefeld bis nach Porta Westfalica (Kreis Minden-Lübbecke) im Nordosten. Auch hier weisen insbesondere kleine Gemeinden sowie Klein- und Mittelstädte wie Steinhagen, Spenge, Bünde, Hiddenhausen, Vlotho und Oerlinghausen eine weit überdurchschnittliche für den Einzelhandel zur Verfügung stehende Kaufkraft auf. Diese Region ist sehr wirtschaftsstark mit vielen Beschäftigten im produzierenden Gewerbe; zahlreiche mittelständische Unternehmen und auch große Weltmarktführer wie Bertelsmann (s. Beitrag Lindemann) oder Miele (s. Beitrag Lindemann) beschäftigen hier viele Mitarbeiter.

Die Stadt Münster ist die einzige Großstadt, deren Einwohnern mit einer Kennziffer von 105 - <110 ein hoher Anteil des Einkommens für den Einzelhandel zur Verfügung steht. Münster verzeichnet als solitärer Hochschulstandort mit hoher Lebensqualität viele Beschäftigte im Dienstleistungssektor (s. Beitrag Wittkampf) sowie viele Akademiker in höheren Einkommensschichten. Auch die nordwestlich und südöstlich angrenzenden Städte und Gemeinden des suburbanen Raums und darüber hinaus (Havixbeck, Nottuln, Laer, Telgte, Everswinkel, Sendenhorst, Drensteinfurt und Warendorf) weisen leicht überdurchschnittliche Werte von 100 - <105 auf, die Gemeinde Altenberge sogar 105 - <110. Hier zeichnen sich typische Suburbanisierungseffekte ab. Viele Einwohner dieser Orte arbeiten in Münster, wohnen jedoch in Umlandgemeinden mit günstigeren Preisen für Wohnraum, was zu einer hohen Kaufkraft an diesen Wohnorten führt.
 

Unterdurchschnittlich niedrige einzelhandelsrelevante Kaufkraft je Einwohner

In der Stadt Gronau sowie in den Gemeinden Heek und Schöppingen im Kreis Borken an der Grenze zu den Niederlanden ist die Kaufkraft, die durchschnittlich jedem Einwohner für den Einzelhandel zur Verfügung steht, mit Werten unter 90 besonders gering. In Schöppingen erklärt sich dieser niedrige Wert durch den Standort einer zentralen Unterbringungseinrichtung des Landes NRW für Asylbewerber. Es fällt auf, dass auch viele andere Städte und Gemeinden an der Grenze zu den Niederlanden, namentlich Isselburg, Vreden, Ahaus, Ochtrup, Wettringen, Neuenkirchen, Rheine, Hörstel, Hopsten, Recke sowie Legden, Ibbenbüren und Mettingen über eine geringe einzelhandelsrelevante Kaufkraft von 90 - <95 verfügen. Hieran schließen sich die Stadt Gescher sowie die Gemeinden Rosendahl und Velen an. Diese niedrigen Werte können z. T. durch einen intensiven grenzüberschreitenden Pendlerverkehr erklärt werden. Im Jahr 2004 wohnten in den grenznahen Gemeinden beispielsweise 22.000 Menschen mit niederländischer Staatsbürgerschaft, die großenteils in den Niederlanden arbeiten und dort besteuert werden (s. Beitrag Thiesing).

Auch die im Osten Westfalens gelegenen Städte und Gemeinden im Kreis Höxter weisen auffällig niedrige einzelhandelsrelevante Kaufkraftkennziffern von <90 - <100 auf, wobei die Stadt Willebadessen (8.700 Ew.) einen besonders niedrigen Wert (<90) verzeichnet. Dieser ist auf die Bevölkerungsstruktur zurückzuführen, die eine hohe Zahl von Kindern und Jugendlichen aufweist. Außerdem leben etwa 1.000 Aus- und Übersiedler in Willebadessen. Die ländliche Stadt verfügt zudem nicht über örtliche Industrie, so dass die erwerbstätige Bevölkerung überwiegend nach Paderborn, Bielefeld und Kassel auspendelt.

Umgeben von eher kaufkräftigen Städten und Gemeinden steht der Bevölkerung in der Gemeinde Augustdorf im Kreis Lippe ebenfalls nur ein unterdurchschnittlicher Teil der vorhandenen Geldmenge je Einwohner für den Einzelhandel zur Verfügung. Hier kann ebenfalls die Bevölkerungsstruktur als Erklärung herangezogen werden: 30% der Einwohner sind Spätaussiedler mit einer hohen Kinderzahl.

Kritische Anmerkungen

Die Kaufkraftkennziffern erfordern jedoch auch eine kritische Betrachtung. Aufgrund von unterschiedlichen Berechnungsmethoden sind die Werte verschiedener Anbieter und die Werte im zeitlichen Verlauf nicht unmittelbar vergleichbar. Auch die GfK verbessert ihre Berechnungsmethoden und greift auf neuere Quellen zurück, was Zeitvergleiche erschwert.

Des Weiteren haben Kaufkraftkennziffern bei einer flächenhaften Darstellung eine begrenzte Aussagekraft, weil sie einer starken Vereinfachung unterliegen. Die regionalen Berechnungsgrundlagen sind teilweise für sehr unterschiedliche räumliche Einheiten verfügbar, z. B. die Arbeitsamtstatistik in Arbeitsamtsbezirken oder die Beiträge der Rentenversicherungen nach Postleitzahlbezirken, was eine kleinräumige Berechnung erheblich erschwert.

Zudem ist die Berechnung sehr kompliziert und schwierig nachzuvollziehen: Beispielsweise ist nicht direkt erkennbar, wie die durchschnittlichen Ausgaben für Mieten, Versicherungen, Dienstleistungen etc. pro Einwohner berechnet werden und in die Kennziffern einfließen.

Da extrem hohe Einkommen einzelner Personen den Durchschnitt einer Region verzerren können, werden Einkommen nur bis zu einer bestimmten Grenze berücksichtigt. Dieses Vorgehen führt zu einer weiteren Entfernung von den realen Gegebenheiten.

Die Berechnung kleinräumiger Daten ist ebenfalls fragwürdig, da keine flächendeckenden Angaben zum kleinräumigen regionalen Preisniveau erhältlich sind. Hierfür müssen großräumige Daten heruntergebrochen werden.
Dennoch besitzt Abb. 1 eine gewisse Aussagekraft, indem sie im Wesentlichen wirtschaftsstärkere und -schwächere Gemeinden und Regionen in Westfalen widerspiegelt.

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2008