Landwirte als Energiewirte

Die Bedeutung der erneuerbaren Energien in Nordrhein-Westfalen

Zur Stromerzeugung in Nordrhein-Westfalen trugen im Jahre 2011 die erneuerbaren Energien insgesamt rd. 7,7% bei (ww.umwelt.nrw.de). Erklärtes Ziel der rot-grünen Landesregierung ist es seit 2011, diesen Anteil bis zum Jahre 2025 auf mehr als 30% zu steigern. Hierzu sollen insbesondere die Bioenergie und die Windkraft beitragen, die innerhalb des Spektrums der Stromerzeugung speziell aus erneuerbaren Energien bereits jeweils einen Anteil von knapp 40% besitzen, wobei allerdings der hohe Windkraftanteil auf das relativ "gute Windjahr" 2011 zurückzuführen ist. Photovoltaik (17%) und Wasserkraft (knapp 4%) haben dagegen eine geringere Bedeutung (ebd.).
Bauernhof bei Ostbevern Abb. 1: Bauernhof bei Ostbevern (Kreis Warendorf)(Foto: P. Wittkampf)

Bis 2020 soll sich allein der Anteil der Windkraft auf 15% der gesamten Stromerzeugung Nordrhein-Westfalens erhöhen. Dies soll laut Windenergie-Erlass vom 11.07.2011 einerseits durch "Repowering" erfolgen, also dadurch, dass alte Anlagen durch neue, größere und effizientere ersetzt werden, andererseits durch den Bau zusätzlicher Anlagen, wobei diese in Zukunft auch in Waldgebieten errichtet werden können, was bisher kaum möglich war. Letzteres könnte für die Waldgebiete Westfalens bedeutsame Konsequenzen haben.

Einen erheblichen Beitrag zum Ausbau der Bioenergie soll der Einsatz von Energiepflanzen leisten, wobei Westfalen-Lippe ein Schwerpunkt bleibt.

Bei der räumlichen Verteilung der Anteile regenerativer Stromerzeugung reicht innerhalb Westfalens das Spektrum von 21% im Regierungsbezirk Münster bis 10% im Regierungsbezirk Arnsberg, während im Rheinland der entsprechende Wert nur bei 6% liegt (Stand 02/2013; www.energymap.info).

Landwirtschaftliche Betriebe mit Anlagen zur Nutzung erneuerbarer Energien 2009/2010 Abb. 2: Landwirtschaftliche Betriebe mit Anlagen zur Nutzung erneuerbarer Energien 2009/2010 (Anteile an allen landwirtschaftlichen Betrieben in den Kreisen/kreisfreien Städten (Quelle: www.it.nrw.de)

Landwirte werden zu Energiewirten

Schon jetzt produziert ein Viertel aller westfälischen Bauern nicht nur landwirtschaftliche Produkte, sondern auch Energie für den allgemeinen Energiemarkt. Viele Landwirte verwerten beispielsweise organisches Material, vor allem Gülle und Mais, in Biogasanlagen (s. Beitrag Wittkampf). Die großen Dachflächen ihrer Höfe eignen sich in der Regel sehr gut für die Gewinnung von Solarenergie (Photovoltaik und Solarthermie), und von den Windkraftanlagen, die in Westfalen stehen, wird jede fünfte privat von Landwirten betrieben. Viele landwirtschaftliche Betriebe erwirtschaften mit der Erzeugung erneuerbarer Energie einen nicht unwesentlichen Teil ihres betrieblichen Einkommens.

Einer der Vorreiter in der Erzeugung "grüner" Energie ist in Westfalen-Lippe der Kreis Borken. Die ursprünglich eher unterdurchschnittlichen Betriebsgrößen, die mäßige Bodenqualität und die grenzüberschreitenden Handelsmöglichkeiten mit den Niederlanden haben hier die Landwirtschaft zu einer typischen Veredelungswirtschaft werden lassen – mit sehr hohem Viehbesatz. Da deshalb hier sehr viel Gülle anfällt, betreiben mehr landwirtschaftliche Betriebe eine Biogasanlage als beispielsweise im gesamten Regierungsbezirk Düsseldorf zusammengenommen.

Landwirtschaftliche Betriebe mit Solar-/Windkraft-/Biogasanlagen 2009/2010 Abb. 3: Anteile der landwirtschaftlichen Betriebe mit Solar-/Windkraft-/ Biogasanlagen an allen landwirtschaftlichen Betrieben in den Kreisen/kreisfr. Städten 2009/2010 (Quelle: www.it.nrw.de)

Die Diskussion des Themas "erneuerbare Energien" sensibilisierte im Kreis Borken die Landwirte auch für andere Formen der Energieerzeugung und der damit verbundenen Verdienstmöglichkeiten. So kam es dazu, dass hier immer mehr Landwirte eigene Windkraftanlagen betrieben – im Jahr 2010 waren dies 79 und damit mehr als in jedem anderen Landkreis Nordrhein-Westfalens – und auch Solaranlagen installieren ließen, wodurch der Kreis Borken ebenfalls einen der "Spitzenplätze" in Westfalen erreicht. Laut Landwirtschaftszählung von 2010, die 2012 veröffentlicht wurde, betreiben hier mehr als 25% der Landwirte eine Solaranlage. Argumentiert wird in diesem Zusammenhang nicht nur mit der Vergütung, sondern auch mit der Globalstrahlungssumme speziell des Münsterlandes: Hier kommen durchschnittlich 980 bis 990 kwh/m2 und Jahr zustande, was das Münsterland innerhalb Westfalens zur Teilregion mit der höchsten Sonneneinstrahlung macht.

Aber nicht nur im westlichen Münsterland, sondern auch in den übrigen Münsterlandkreisen hat sich die Erzeugung erneuerbarer Energien für die Landwirtschaft inzwischen zu einem wichtigen Wirtschaftsstandbein entwickelt, vor allem im Kreis Warendorf.

In den anderen Teilregionen von Westfalen-Lippe ragen in dieser Hinsicht vor allem die Kreise Höxter und Soest heraus: Im Kreis Höxter arbeiten 13% der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft, deutlich mehr als im Landesdurchschnitt (www.it.nrw.de). Auch hier dominiert die Veredelungswirtschaft, die Produktionsdichte ist hoch. Um sich im allgemeinen Strukturwandel behaupten zu können, wurden auch hier viele Landwirte zu Energiewirten.

Der Kreis Soest mit seinen überwiegend qualitätvollen Lössböden und überdurchschnittlichen Betriebsgrößen ist traditionell ein Schwerpunkt des Getreidebaus. Da aber die Getreidepreise zwischen 2008 und 2010 relativ niedrig lagen, suchten dort viele Landwirte zusätzliche Einnahmequellen. Finanziell waren sie in der Lage, in die entsprechenden, teuren Anlagen zu investrieren. Etwa 30% der Landwirte im Kreis Soest verfügten 2010 über Solaranlagen, 4,5% über eigene Windkraft- und 1,7% über eigene Biogasanlagen (ebd.).

Wenn es nicht um die Stromproduktion geht, sondern um die Erzeugung von Wärmeenergie, dann ist dies vor allem für jene Landwirte und westfälischen Teilregionen interessant, bei denen sich die Verwertung von Holz zu einem nennenswerten Geschäftszweig entwickeln kann. Aber auch für die Erzeugung von Wärmeenergie sind bereits neue Betriebszweige im Gespräch, bei denen schnell wachsende Pflanzen das herkömmliche Holz ersetzen könnten. So erregt beispielsweise die Produktion von Chinaschilf bzw. Miscanthus im münsterländischen Velen-Ramsdorf großes Interesse. Die Ernte eines Hektars kann – in Form von Häcksel oder Heizungspellets – etwa 8.000 l Heizöl ersetzen.

Ökologische Aspekte

Die Erzeugung erneuerbarer Energien durch die Landwirte in Westfalen-Lippe kann einerseits zum Gelingen der Energiewende und zu einer CO2-Reduzierung beitragen. Andererseits beklagen z. B. Umweltverbände und Heimatvereine die zunehmende "Vermaisung, Verspargelung und Verspiegelung" der Landschaft. Und in der Tat hat beispielsweise der Anbau von Silomais, der ja neben der Gülle in den Biogasanlagen eingesetzt wird, in Westfalen-Lippe von 2003 bis 2012 um fast 40% zugenommen (www.it.nrw.de). Oft ging dies mit einem Grünlandumbruch einher. Angeprangert wird von Umweltverbänden im Zusammenhang mit dem Maisanbau außerdem der hohe Einsatz an Pestiziden, der Rückgang der Biodiversität und die Nitratbelastung – manchmal sogar des Grundwassers. Kritiker des Anbaus von Pflanzen zur Energieproduktion weisen auch auf die ethische Problematik hin, vor allem wenn dies zu Lasten der Nahrungserzeugung geht, sowie auf die Verteuerung landwirtschaftlicher Flächen und von Nahrungs- und Futtermitteln. Sie erinnern außerdem an die Erfahrungen in Bezug auf die – auch ökologischen – Probleme, die im Zuge der "Biosprit-Produktion" schließlich von allen Interessengruppen sehr deutlich erkannt wurden, wobei ja für den "Biosprit" hauptsächlich Winterraps angebaut wird.

Es bleibt abzuwarten, wie sich angesichts der politischen Beschlüsse zur Vergütungsreduzierung die Erzeugung erneuerbarer Energien durch die Landwirtschaft in Zukunft entwickeln wird.

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Weiterführende Literatur/Quellen

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Erstveröffentlichung 2013