Die Straßenverbindung Münster – Bielefeld und die Bundesstraße B64n

"In 80 Tagen um die Welt. Kaum schneller: Münster - Bielefeld!"
Die Spötteleien von Autofahrern, die aus privaten Gründen oder als Berufskraftfahrer zwischen Münster und Bielefeld unterwegs sind, werden zunehmend sarkastischer. Vor allem, seit die B51 bzw. die B64 östlich von Münster als "Maut-Ausweichstrecken" gelten und der LKW-Verkehr die Geduld der Verkehrsteilnehmer zwischen Münster und Ostwestfalen sowie die Nerven - vielleicht auch die Gesundheit - der Einwohner vor allem von Warendorf, Beelen und Herzebrock-Clarholz an den jeweiligen Ortsdurchfahrten zunehmend belastet.

Seit den 1970er Jahren wird - auch von Raumplanern und Verkehrswissenschaftlern - darauf hingewiesen, dass es in Westdeutschland nirgendwo sonst zwei benachbarte Oberzentren gebe, die verkehrsmäßig so schlecht miteinander verbunden seien wie Münster und Bielefeld.

Straßenverbindungen von Münster nach Bielefeld und die B 64 mit geplanten Umgehungen Abb. 1: Straßenverbindungen von Münster nach Bielefeld und die B64 mit Ihren geplanten Ortsumgehungen (Quelle: www.b64plus.de)

Wie ist es zu diesem Problem gekommen?

Seit dem späten Mittelalter galt die Wegeverbindung zwischen Münster und Paderborn als eine der wichtigsten Strecken Westfalens. Die späteren Verkehrsentwicklungen auf dieser Route (Postkutschenverbindung 1665, Chaussee-Ausbau in der ersten Hälfte des 19. Jh.s, Fertigstellung der Straße Münster - Wiedenbrück 1836, der Straße Wiedenbrück - Paderborn 1856 usw.) bestätigten die Bedeutung dieser Verkehrslinie, über die man von Münster aus über Warendorf, Wiedenbrück und Paderborn nach Höxter oder Kassel gelangen konnte und die später zur Bundesstraße 64 wurde.

Diese Verkehrsader wurde bei Wiedenbrück gequert von der Verbindung Köln-Minden, und zwar schon vor dem Bau der Köln-Mindener Eisenbahn. Seit dem "Dritten Reich" entlastet (normalerweise) eine Autobahn zwischen dem Ruhrgebiet und Hannover (= die spätere A 2) den Straßenverkehr auf den alten Straßen zwischen Wiedenbrück und Bielefeld.

Eine direkte und schnelle Kraftfahr-Verbindung zwischen Münster und Bielefeld blieb ein Wunschtraum - auch nachdem die wirtschaftliche Bedeutung Ostwestfalens in der zweiten Hälfte des 20. Jh.s stetig zunahm und man die Notwendigkeit des Baus einer direkten West-Ost-Kraftfahrstrecke von und nach Ostwestfalen in den 1970er Jahren erkannte: "Nach neueren Netzüberlegungen, die auch Aufnahme in den Bedarfsplan für die Bundesfernstraßen gefunden haben (...), verläuft die A43 von Münster weiter nach Osten und schafft damit die Verbindung der "Provinzialhauptstadt" mit dem ostwestfälischen Wirtschaftsraum" (Landschaftsverband Westfalen-Lippe 1975, S. 43-44).

Umfrageergebnis in der Region Warendorf und Gütersloh 2006 Abb. 2: Umfrageergebnis in der Region Warendorf und Gütersloh 2006 (Quelle: www.b64plus.de)

In den 1980er Jahren scheiterte die Realisierung dieses Vorhabens an lokalen Interessen, sodass seither das Autobahn"kreuz" Münster-Süd seine Be­zeichnung eigentlich zu Unrecht trägt.

Als Alternative wurden dann Anfang der 1990er Jahre ein vierspuriger Ausbau der B51 zwischen Münster und Telgte sowie der Neubau einer B64n zur A2 bei Rheda-Wiedenbrück ge­plant, dann aber ebenfalls ad acta gelegt.

Als Lösung wenigstens der allergrößten Probleme auf der B64 blieb nun nur noch deren Ausbau vor allem mit Ortsumgehungen bei Warendorf, Beelen und Herzebrock-Clarholz übrig, nachdem Telgte seine Umgehungsstraße im Jahre 1986 bekommen hatte (Abb. 1). Doch im Bundesverkehrswegeplan von 2003 wurden - nach Interventionen der damaligen Landesregierung NRW - die Ortsumgehungen Beelen und Herzebrock-Clarholz aus dem "vordringlichen Bedarf" in die Kategorie des "weiteren Bedarfs" zurückgestuft.

Mögliche Auswirkungen der B 64n am Beispiel Warendorf, Kurt-Schäffer-Straße Abb. 3: Mögliche Auswirkungen der B64n am Beispiel Warendorf, Kurt-Schäffer-Straße (Quelle: www.b64-nein.de)

Nachdem das Linienbestimmungsverfahren für die B64n im Jahre 2004 abgeschlossen wurde, hofft man nun auf eine möglichst zügige Verwirklichung der Planungen. Diese Hoffnungen hegt in besonderem Maße auch die Wirtschaft. Deren Vertreter fordern mit Nachdruck die Neugestaltung der B64. Ihre Plattform ist die Initiative "B64 Plus", die von der Industrie- und Handelskammer mit getragen wird. Man verweist dabei insbesondere auf die bisherigen Standortnachteile vor allem der Kreise Gütersloh und Warendorf, wobei der Kreis Warendorf in der Tat in Bezug auf die Verkehrsanbindung von allen Mittelzentren des Münsterlandes die größten Defizite aufweist. Für die knapp 80 km lange Strecke zwischen Münster und Bielefeld braucht ein Autofahrer in der Regel etwa 1,5, manchmal fast 2 Stunden. Dabei kommt es auf die Verkehrssituation und die gewählte Route an. Bestimmte Routenplaner-Programme empfehlen - statt der Strecken über Marienfeld oder über Rheda-Wiedenbrück - sogar die Autobahnfahrt auf der A1 und der A30 über Osnabrück.

Unterstützt wird die Initiative "B64 Plus" in ihrer Forderung von vielen Politikern. Die Befürworter des Ausbaus argumentieren unter anderem mit den Ergebnissen einer Telefonumfrage, die im Mai 2006 vorgestellt wurden und nach denen sich eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung für eine Neugestaltung der B64 aussprach (Abb. 2).

Plakate für und gegen den Ausbau der B 64 in Warendorf Abb. 4: Plakate für und gegen den Ausbau der B64 in Warendorf (Foto: P. Wittkampf)

Einige Bürgerinitiativen versuchen dagegen, den Ausbau der B64 zu verhindern. Eine der aktivsten Gruppen in dieser Hinsicht ist die Interessengemeinschaft Warendorf Süd (IWS), deren Mitglieder zum Teil persönliche Beeinträchtigungen fürchten, wenn die Umgehungstrasse im Bereich der Stadt Warendorf ihre Grundstücke betrifft, die aber auch auf Auswirkungen des Straßenausbaus auf Natur und Landschaft hinweisen (Abb. 3).

Im Sommer 2008 ging der Streit vor allem um zwei Fragen:
-   Welche Argumente werden die Untersuchungen des Landesbetriebs "Straßen.NRW" in Bezug auf ökologisch bedeutsame Aspekte liefern? Deren Vertreter dürfen bis zum 31.12.2008 die von der Neutrassierung evtl. betroffenen Grundstücke betreten.
-   Wie sind die Ergebnisse der verschiedenen Gutachten zur Verkehrsentwicklung zu interpretieren, die durch amtliche Straßenverkehrszählungen und durch ein (2005 beauftragtes) Ingenieurbüro ermittelt und inzwischen vorgelegt wurden?

Bis zur eventuellen Verwirklichung der Ausbaupläne bleibt jedenfalls die B64 "ein Trecker-, Stau- und Ampel-Stück von Telgte bis nach Wiedenbrück".

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2008