Dortmund – Stadtbild im Wandel durch neue Funktionen von Kultur und Kommerz

Kunst- und Kultureinrichtungen sowie bauliche Großvorhaben in Dortmund 2010 Abb. 1: Kunst- und Kultureinrichtungen sowie bauliche Großvorhaben in Dortmund 2010 (Entwurf: F. Schulte-Derne, Quelle: DFB-Fußballmuseum)

Mehr als 1.100 Jahre wechselvolle Siedlungsgeschichte prägen die einstige Freie Reichs- und Hansestadt Dortmund bis heute. So fällt u. a. das Oval des durchgehend mit Bäumen bestandenen Straßenrings auf, der die Altstadt um­gibt. Die als Wall bezeichnete, mehrspurige Straße markiert den Verlauf der ehemaligen Stadtbefestigung. Um 1200 entstanden, hatte sie fast 650 Jahre lang die Stadt beschützt, aber auch eingeengt. Nach Schleifen der Mauern im 19. sowie den Kriegszerstörungen im 20. Jh. wurde der Wall in der Wiederaufbauphase Standort für bedeutende städtebauliche Projekte. So entstanden in den 1950er Jahren am Südwall das Stadthaus, am Ostwall das Museum für moderne Kunst und 1966 das Stadttheater am Hiltropwall (Abb. 1). Nach und nach sind bis heute die aus städtebaulicher Sicht interessanten Filetstücke entlang des Walls für architektonisch und funktional bedeutende Gebäude weiter bebaut bzw. umgestaltet worden:

Seit 1994 begrenzt das Verlagshaus Harenberg City Center die Westseite des Bahnhofsvorplatzes (Abbn. 1 u. 2). Der niedrigere, spitz zulaufende Gebäudeteil mit dem Eingangsbereich betont auf originelle Weise den bogenförmigen Verlauf des Walls. Überragt wird dieser Komplex von einem 73 m hohen Hochhausblock.

Harenberg City Center, im Vordergrund der zukünftige Standort des DFB-Fußballmuseums Abb. 2: Harenberg City Center, im Vordergrund der zukünftige Standort des DFB-Fußballmuseums (Foto: F. Schulte-Derne, 2008)

Dem Hauptbahnhof gegenüber liegt der Neubau der Stadt- und Landesbibliothek von 1999 (Abbn. 1 u. 3). Der Entwurf des Schweizer Architekten Mario Botta nimmt Bezug auf die historische Lagesituation. So soll der hintere Gebäuderiegel aus rotem Sandstein mit seiner regelmäßigen Durch­fens­terung die Stadtkante als Grenze zwischen der Altstadt und den ehemaligen Wallanlagen markieren, während sich der öffentliche Teil der Bibliothek aus der Enge der Stadt befreit und als gläserne Rotunde in den Freiraum ragt.

Am Aufbau einer Kulturmeile hat nicht zuletzt das Konzerthaus, die Philharmonie für Westfalen, erheblichen Anteil. Auf dem Gelände eines ehemaligen Kinos entstand 2002 an der Brückstraße, inmitten enger städtischer Be­bauung, ein rechteckiger Gebäudekomplex, der durch seine ausgeklügelte Architektur 1.500 Zu­­schauern vorzügliche Akustik bietet (Abb.1). Die be­wusste Standortentscheidung als Strukturverbesserung für das Quartier erfuhr in unmittelbarer Nähe mit der An­siedlung des Or­chester­zen­trums NRW eine Ergänzung. Seit 2009 er­halten angehende Or­ches­termusiker in ei­ner gemeinsamen Einrichtung der Mu­sikhoch­schulen des Landes an der Brückstraße ihre Ausbildung.

Königswall am Bahnhof, in der Mitte die Stadt- und Landesbibliothek mit dem RWE Tower Abb. 3: Königswall am Bahnhof, in der Mitte die Stadt- und Landesbibliothek mit dem RWE Tower (Foto: F. Schulte-Derne, 2008)

Hinter der Bibliothek erhebt sich seit 2005 der ellipsenartige RWE-Tower (Abb. 3), ein 100 m hohes Verwaltungsgebäude, dessen 22 Etagen von der RWE Westfalen-Weser-Ems genutzt werden. Der älteste Hochhauskomplex der Stadt jedoch ist das Kellereihochhaus der ehemaligen Dortmunder Union Brauerei. Hier wurden seit 1927 verschiedene Bearbeitungsstufen und Produktionsfolgen der Kühlung, Gärung und Lagerung von oben nach unten unter einem Dach organisiert. Das mächtige, seit 1968 von einem beleuchteten U bekrönte Turmgebäude markierte seit Ende des 19. Jh.s den Beginn der Dortmunder Biermeile, der Ansammlung namhafter Großbrauereien entlang der Rheinischen Straße. Als letzte dieser Brauereien stellte die Union 1994 hier am Standort endgültig den Betrieb ein (Abb. 4).

Zur RUHR.2010, Kulturhauptstadt Europas, hat das Dortmunder U nach mehrjährigen grundlegenden Umbauarbeiten neue Funktionen erhalten: zum einen als eines der fünf großen Besucherzentren der RUHR.2010 und zum anderen auf ca. 80.000 m2 Fläche als Zentrum für Kunst und Kreativität zur Stärkung der Kreativwirtschaft in der Region (s. Beitrag Terbeck). Unter dem U zeugen künstlerische Installationen auf LED-Großbildflächen von der Arbeit des bundesweit ersten Zentrums für Kreative Industrien mit dem Schwerpunkt Musik und Medien. Über Treppenhäuser und Aufzüge, die Einblick in die volle Höhe des gesamten Baukörpers gestatten, erreicht man Etagen, die von unterschiedlichen Einrichtungen der Kunst, Kultur und Kreativwirtschaft eingenommen werden. Hierzu gehören z. B. das Zentrum für Kulturelle Bildung im digitalen Zeitalter, das Forschungszentrum Medienkunst, sowie in Kürze das European Centre for Creative Economy und das Mu­seum Ostwall mit seinen Sammlungen zur modernen Kunst des 20. und 21. Jh.s.

Dortmunder U: Zentrum für Kunst und Kreativität in der ehemaligen Union Brauerei Abb. 4: Dortmunder U: Zentrum für Kunst und Kreativität in der ehemaligen Union Brauerei (Foto: F. Schulte-Derne, 2010)

Seitdem 2008 die letzte innerstädtische U-Bahntrasse in Be­trieb gegangen ist, konnte die Kampstraße nach Wegfall der oberirdischen Gleise als fußläufige Verbindung vom Zentrum zum Dortmunder U als breiter Boulevard angelegt werden (Abb. 1). Bäume und Wasserflächen werden für eine größere Attraktivität sorgen und so den neu entstandenen westlichen Teil der City stärker an das Zentrum binden.

Die verschiedensten Pläne zur verstärkten Integration von Einzelhandel im Rahmen der Bahnhofsumgestaltung sind wegen fehlender Investoren letztlich gescheitert. Die Gebäude des Hauptbahnhofs aus den 1950er Jahren werden unter Einbeziehung der vorhandenen Bausubstanz saniert und zeitgemäß renoviert (s. Beitrag Hendrys). Somit kommt es nicht zu einer weiteren Konzentration von Ladenlokalen abseits der Haupteinkaufsstraßen. Hingegen noch im Bau, und unmittelbar an den oberen Westenhellweg reichend, befindet sich das für Herbst 2011 zur Eröffnung anstehende Shoppingcenter Thier Galerie (Abbn. 1 u. 5). Auf der Fläche der bis 1996 am Standort produzierenden Thier Brauerei begannen im Frühjahr 2009, nach Abriss der leer stehenden Gebäude, umfangreiche Aushubarbeiten zwischen Westenhellweg im Norden und Hoher Wall im Süden.

Baustelle des Shoppingcenters Thier Galerie mit Petrikirche und RWE Tower im Hintergrund Abb. 5: Baustelle des Shoppingcenters Thier Galerie mit Petrikirche und RWE Tower im Hintergrund (Foto: F. Schulte-Derne, 2010)

Die Koordination von Planung und Bau sowie das spätere Management übernimmt die Hamburger ECE, eine Tochter der Versandhausfirma Otto. Die Firma hat derzeit über 130 Standorte europaweit im Management und weitere 21 zur Zeit im Bau. In Dortmund sind 33.000 m2 Verkaufsfläche für 150 Einzelhandels-, Dienstleistungs- und Gas­tronomiebetriebe sowie weitere 5.000 m2 für Büronutzung vorgesehen. Dem angewandten Haus-in-Haus-Konzept zufolge wird ein freistehendes Dreiecksgebäude, das von Ladenstraßen umgeben und über Brücken angeschlossen ist, den Kern des Komplexes bilden. Die Hauptzugänge vom Westenhellweg und Wall führen in Anlehnung an Vorgängerbauten durch z. T. wiederhergestellte klassizistische Fassaden.

Der gewählte Standort für das DFB-Fußballmuseum auf dem Gelände des Busbahnhofs verstärkt die Bemühungen, die sich West-Ost erstreckende Kunst- und Kulturmeile ab 2014 weiter prominent zu komplettieren (Abb. 1). Ein derartiges Fußballmuseum wird eine Tourismusdestination von nationalem, wenn nicht von internationalem Rang sein.

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2010