Schloss Brake – der Wandel vom Naturraum zum lippischen Regierungssitz

01.01.2009 Vera Lüpkes

So artifiziell das Schlossareal Brake (aus dem Mittelniederdeutschen = Brache) heute erscheint, so "brach" lag es noch vor 800 Jahren, und bot dennoch gutes Siedlungspotenzial: Die Bega mäandrierte durch ein waldreiches Tal, nach Norden und Süden durch die sanft auf 130 Meter ansteigenden Hügel Bieberg und Holsterberg geschützt. Löss lagerte nur dünn an der Oberfläche, darunter Tonmergel, Kalk und stellenweise Sandstein. Demzufolge erwies sich die Landwirtschaft nur als mäßig ertragreich.

Der südwestliche Rand, dort wo der Bieberg einen Ausläufer nasenförmig ins Tal schiebt, schien der beste Burgplatz innerhalb des Begatals zu sein: ein hochwasserfreies Plateau, was gut verteidigt werden konnte. Der Fluss lieferte somit gefahrlos Frischwasser und Fische, und dank seiner Strömung konnten Mühlen betrieben werden. Die verkehrstechnische Situation stellte sich ebenfalls als vorteilhaft heraus: In West-Ost Richtung entstanden gute Landwege über Herford nach Osnabrück bzw. über Hameln zur Weser; im Norden erreichte man über Minden die Weser bzw. Richtung Süden Paderborn.

In diesen Naturraum wurde aus siedlungs- und befestigungstechnischen Gründen massiv eingegriffen. Wann diese Eingriffe vorgenommen wurden, kann nur aus archäologischen Funden gefolgert werden.
Abb.1: Rekonstruktion des Gesamtlageplans des Schlosses Brake im Zustand von 1614 (Quelle: Sauer 2002, S. 532)
Im ersten Schritt wurde der Siedlungsplatz auf der Spitze des Nasenrückens im Norden vom übrigen Terrain durch die Anlage eines Halsgrabens abgetrennt. Von der Bega wurde dann ein Flutgraben abgezweigt und um den Siedlungsplatzes herumgeleitet.

Den Aushub verwendete man zum Niveauausgleich des Baugrundes: Lehm, Kies und Humus sind feststellbar in einer Stärke von 1,00–1,20 m. Die Aufschüttung wird von den Archäologen auf das 12.–13. Jh. datiert: Unter der künstlichen Aufschüttung fanden sie graue Irdenware aus der Zeit um 1200.

Ausgrabungen belegen, dass eine doppelschalige Schildmauer, vermutlich mit Wehrgang und Schiessscharten, das Terrain nach Norden sicherte.

Eine Ringmauer umschloss die Burg. Südwestlich konnte 1998 der archäologische Nachweis einer Vorburg erbracht werden, jedoch ohne deren Gesamtausdehnung ergraben zu können. Wie üblich wird die innere Bebauung von Haupt- und Vorburg aus Holz- bzw. Fachwerkhäusern bestanden haben.

Dieser ersten nachweisbaren Bauphase folgten Anfang des 14. Jh.s Erweiterungs- und Umbaumaßnahmen, die vermutlich im Zusammenhang mit der Absicht Simon I. standen, Brake zum Mittelpunkt seiner Landesherrschaft zu entwickeln. Die Umbaumaßnahmen betrafen die Nordmauer und die Nord-West-Ecke, in der ein Turm von 12 m Durchmesser entstand. Ferner wurden die Ostmauer erneuert und ein Südflügel errichtet. Entlang der Ostmauer entstanden Fachwerkhäuser.

In diese Bauphase fällt die erste urkundliche Erwähnung des "castro brac": Hier übertrug der "Edle Herr zur Lippe" am 30. März 1306 den Augustinerinnen aus Lahde "…den Zehnten, den einen in Biest den anderen in Brac neben den Mauern der Stadt Lemgo…" (Süvern 1960, S. 17).

Die das Schloss heute noch prägende dritte Bauphase beginnt im frühen 16. Jh. und gipfelt im Ausbau zur repräsentativen Residenz.

1570 bezog die verwitwete Katharina von Waldeck die Burg Brake und beauftragte den Lemgoer Baumeister Hermann Wulff mit dem zeitgemäßen Umbau des mittelalterlichen Wohn- und Saalbaus (Südflügel). Sie ließ ein neues Torhaus errichten, ein Warmhaus für exotische Pflanzen südlich der Burg und eine Hofschmiede in der nördlichen Vorburg.
Abb. 2: Karte der Braker Meierei (1777) (Quelle: Landesarchiv NRW)
Nach dem Tod der Mutter 1583 führte Graf Simon VI. die Modernisierungsmaßnahmen an der Burg Brake weiter, und ließ sie zu einem repräsentativen Renaissanceschloss ausbauen. Für ihn schuf Hermann Wulff den prächtigen Nordflügel mit Festsaal, der über die moderne geradläufige Treppe des neuen, siebengeschossigen Turms erreichbar wurde. Der Turm nahm die Stelle des alten Bergfrieds ein. Er ließ den repräsentativen Nordflügel an Stelle der alten Nordmauer und den siebengeschossigen Turm mit moderner geradläufiger Treppe an Stelle des Bergfrieds von Hermann Wulff erbauen. Zwei Bastionsbauten an der Nordost- und Nordwestecke, eine neue Schlossbrücke – das "hohe Haus" im Westen, davor die "Gänsebrust", der Lustgarten nördlich des Schlosses, in klusive Gärtnerhaus, Wärmehaus, Pikierhaus (= Gewächshaus), Lusthaus, Wasserkunst (= Brunnenanlage) und Ballhaus entstanden. Der Renaissance-Garten war vom unteren Saal aus über eine gedeckte Holzbrücke erreichbar. Simon VI. ließ auch die Vorburg umgestalten: Es entstanden ein neues Vorwerk, ein Schweinehaus, ein Wagenhaus, je ein großes und kleines Dreschhaus, ein Hundehaus und ein Waschhof. Der Haupteingang an der Nordwestecke der Vorburg erhielt 1591 ein neues Torhaus mit Zugbrücke. Vor dem Torhaus wurden Wälle aufgeworfen und die Uferbereiche der Bega so umgeformt, dass der Eindruck einer Befestigung mit Rundbastionen entstand.

Der Enkel Simon VI. Graf Casimir ließ den Ostflügel vergrößern, weshalb der östliche Graben teilweise verfüllt werden musste, und veranlasste weitere bauliche Maßnahmen. Die Anlage eines Barockgartens im Norden des Schlosses war die tiefgreifendste Veränderung während seiner Regierungszeit: Die Gartenbauarbeit übernahmen Arend Otto und Sohn Johann Nevelin.

Eine letzte nennenswerte Bauphase initiierte der der Linie Lippe-Detmold entstammende Graf Friedrich Adolph, der nach dem Aussterben der Braker Linie den Sitz Brake übernahm: Er barockisierte ab 1710 den Festsaal im Nordflügel. Danach diente Schloss Brake dem lippischen Fürstenhaus als Witwensitz. Damit einher ging der stetige Verfall der Gebäude: Die geschweifte Haube des Turmes wurde durch ein einfaches Zeltdach ersetzt, die Giebelspitzen am Nordflügel wurden abgebrochen, ebenso die Zwerchhäuser; der Dachstuhl wurde abgesenkt. Die Bastionen wurden abgerissen sowie der Westflügel mit dem Torhaus. Der Südflügel erhielt einen niedrigeren Dachstuhl.

1805 wurde Schloss Brake als Wohnsitz aufgegeben und das verbliebene Inventar versteigert.
Abb. 3: Schloss Brake 2007 (Foto: Th. Scheidt)

Orangerie sowie Reit- und Gärtnerhaus ließ Fürstin Pauline zu einer "Irrenanstalt" um - bauen. Ab 1825 entstanden im Schloss Beamtenwohnungen und Amtsstuben, Stallungen und Lagerräumen sowie eine Brauerei. 1927 zog die Verwaltung des Kreises Lemgo ein. 1973 wurde im ehemaligen Barockgarten das Amtsgericht errichtet, 1978 die Schlossscheune an Stelle des Dreschhauses. 1976 begann die Sanierung des Areals. Rund 10 Jahre später zogen der Landesverband Lippe und das Weserrenaissance-Museum ein.

Durch die Umbaumaßnahmen der letzten 200 Jahre hat sich die Gewichtung von Natur- und Kulturraum stellenweise verkehrt: Die Bereiche, die Jahrhunderte lang bebaut waren, sind heute begrünt, wie der sog. Schlosspark zwischen Schäfertor und Gräfte, dem der Schweinestall weichen musste. Und im ehemaligen Barockgarten stehen heute die denkmalgeschützten Reste der alten "Irrenanstalt" und des Amtsgerichts.

Die ehemals symbolhaft gemeinte Repräsentationsarchitektur des Turms versteckt sich bis zum zweiten Obergeschoss hinter Grün. Holt sich die Natur das ihr mühsam Abgerungene wieder zurück?

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2009