Inklusiv, innovativ, individuell: die Laurentiushöhe Warburg – das "Quartier mit Seele"

von Milena Galle

Quartiere werden als Lebensort der meisten Menschen zunehmend zum "Brennglas" gesellschaftlicher Entwicklungen. In ihnen kann sozialer Zusammenhalt wachsen. Gemeinschaft kann nur gelingen, wenn allen BewohnerInnen eine gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben möglich ist. Harte und weiche Barrieren sollten bei der Gestaltung von Quartieren vermieden werden, sodass Inklusion vor Ort gelebt werden kann.

Derzeit entsteht eine Reihe neuer Quartiere in deutschen Städten, die unter den Aspekten Inklusion und Barrierefreiheit entwickelt werden; zudem erfahren viele bestehende Quartiere unter besonderer Berücksichtigung inklusionsrelevanter Fragestellungen eine Anpassung. Für die gesellschaftlichen Querschnittsaufgaben der Inklusion und Integration stellt daher ein Quartier wie die "Laurentiushöhe" in Warburg einen besonders wirkungsvollen Kontext dar. Die Öffnung einer Komplexeinrichtung für Menschen mit Beeinträchtigung und die Integration ihrer Bewohner in die Quartiersgemeinschaft sind Auslöser und zugleich besondere Aufgabe dieser Entwicklung.

Abb. 1: Blick über das Projektgebiet des künftigen inklusiven Quartiers "Laurentiushöhe" in Warburg (Quelle: Geoportal Kreis Höxter 2020)

Die Laurentiushöhe in Warburg

In der Hansestadt Warburg wird das inklusive Quartier Laurentiushöhe entstehen. Im Süden des Quartiers öffnet sich der jetzige Sonderstandort des Heilpädagogischen Therapie- und Förderzentrums (HPZ) St. Laurentius-Warburg als Komplexeinrichtung für Menschen mit Beeinträchtigung. Eine Neubebauung soll die Lücke zwischen bestehenden Wohngebieten und dem HPZ schließen. Durch Ansiedlung 
neuer Funktionen soll das Projektgebiet zu einem "harmonischen" Stadtquartier werden. Träger des Projektes ist die Hansestadt Warburg, die eng mit dem Caritas Wohn- und Werkstätten im Erzbistum Paderborn e.V. als Träger des HPZ zusammenarbeitet.

Über die kommenden zwei bis drei Jahrzehnte soll unter dem Leitbild "Das Quartier mit Seele" im Rahmen einer bedarfsorientierten Entwicklung ein Ort mit einer guten Verbindung von Wohnen, Arbeiten und Leben für unterschiedliche Lebensentwürfe mit vielen Austausch- und Kommunikationsmöglichkeiten wachsen. Das Ziel ist die Entwicklung eines sicheren, lebenswerten und lebendigen Stadtteils für alle.

Dabei wird ein kooperativer, ganzheitlicher Ansatz verfolgt, der an eine effektive Beteiligung der Bevölkerung gekoppelt ist. Ein erweitertes Inklusionsverständnis soll sich in allen Bereichen des Lebens widerspiegeln. Nicht nur die Schaffung von neuem Wohn- und Arbeitsraum steht im Fokus, sondern vor allem die Entwicklung und Förderung einer lebendigen Gemeinschaft, quasi als "Seele" des Quartiers. Um dies zu erreichen, gilt es, administrative und institutionelle Hürden wie auch eventuelle persönliche Vorbehalte abzubauen.

Nach einer knapp dreijährigen konzeptionellen Vorarbeit findet derzeit ein städtebaulich-freiraumplanerischer Wettbewerb für das Quartier statt.

Inklusion

Inklusion in dem Quartier Laurentiushöhe soll bedeuten, dass alle BewohnerInnen, Arbeitenden und BesucherInnen unter Berücksichtigung ihrer vielfältigen Bedürfnisse und Lebenssituationen hier gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Die inklusive Entwicklung stellt dies als übergreifendes Ziel in den Mittelpunkt des Handels und geht damit deutlich über eine bauliche Entwicklung hinaus. Eine inklusive Entwicklung beseitigt, vermeidet und verhindert die Entstehung und das Bestehen von Barrieren jeglicher Art. Unter den Begriff Barrierefreiheit fällt somit nicht nur die Beseitigung und Vermeidung physisch-materieller, sondern auch die "weicher" Barrieren (z.B. kleine Schriftgrößen bei Beschilderungen).

Mit einem erweiterten Inklusionsverständnis gilt es, das Quartier so zu planen und zu gestalten, dass Räume und (zielgruppenspezifische) Angebote für jeden Menschen mit möglichst wenig Barrieren auffindbar, erreichbar, zugänglich und nutzbar sind. Eine konsequente barrierefreie Planung ermöglicht den Bewohner­Innen, ihren Alltag selbstbestimmt und gleichberechtigt zu gestalten. Für die Gestaltung des Außenraums und der öffentlich zugänglichen Anlagen, von Infrastrukturelementen sowie von Warn-, Orientierungs- und Leitelementen müssen die einschlägigen gesetzlichen Bestimmungen, Verordnungen und Richtlinien zur Barrierefreiheit Anwendung finden. Im Bereich des Wohnungsbaus werden barrierefreie Wohnungen geplant – vor allem im Rahmen des vorgesehenen sozial geförderten Wohnungsbaus. Im Mietwohnungsbau allgemein wird Barrierefreiheit zumindest angestrebt. Zudem soll in allen Wohngebäuden eine gute soziale Durchmischung in Bezug auf Alter, Geschlecht, Herkunft, Familienstand und Einkommen ermöglicht werden.

Im Sinne eines erweiterten Inklusionsverständnisses soll der inklusive Grundauftrag zu einem Mehrwert für alle BewohnerInnen des Quartiers werden. Von großer Bedeutung sind hierfür auch tragende soziale Strukturen. Mit der Entwicklung des sozial-innovativen Instruments einer sog. Quartiers-Charta (s. Beitrag Galle) kann die Grundlage einer transparenten Zusammenarbeit aller Akteursgruppen sowie die Entwicklung einer selbstbestimmten inklusiven Quartiersgemeinschaft geschaffen werden. Eine intensive und gleichberechtigte Teilhabe der BürgerInnen wird hierbei bereits im Planungsprozess angestrebt.

Innovation

Die Entwicklung eines derartigen Projektes in einer Kleinstadt im ländlichen Raum stellt einen innovativen Ansatz dar; allein die Entwicklung eines Quartiers in einer eher kleineren Kommune ist bereits eine Seltenheit. Für einen außerordentlichen Innovationsgedanken spricht der Ansatz, ein inklusives Quartier in einem inklusiven Prozess zu entwickeln. Erreicht werden soll dies durch einen dauerhaft angelegten breiten Partizipationsprozess mit verschiedenen Beteiligungsformaten (u.a. öffentliche Informationsveranstaltungen, Bürgerdialoge, Quartierswerkstatt, Internetauftritt) und dem Ziel, eine soziale Innovation zu fördern.

Die Integration des HPZ und der BewohnerInnen in das neue Quartier werfen besondere Fragestellungen auf, die menschlich wie planerisch Herausforderungen mit sich bringen. Die Träger sehen in dem Projekt in jedem Fall die Chance, ein Quartier mit besonders menschlichem Anspruch wachsen zu lassen, der dem Quartier seine "Seele" gibt.

Zum Innovationsgedanken zählt auch, dass in der Laurentiushöhe das Thema Nachhaltigkeit eine große Rolle spielen soll – nicht nur hinsichtlich ökologischer Fragestellungen, sondern auch bei ökonomischen und sozialen Themen. Dies kann z.B. bedeuten, dass neue Formen von Mobilität oder ein neues soziales Miteinander entwickelt werden.

Individualität

Im Quartier Laurentiushöhe sollen alle Menschen ihr Leben frei gestalten können. Der Schlüssel zur Entwicklung eines vielfältigen Quartiers wird in dessen städtebaulicher Gestaltung und in einem besonders menschlichen Ansatz gesehen. Es werden neue Wohnformen und daran angepasste innovative Gebäudetypologien entstehen, die sich an den individuellen Bedürfnissen der BewohnerInnen orientieren. Durch die Anordnung ergänzender kultureller, öffentlicher und gewerblicher Nutzungen im Quartier soll eine zusätzliche Belebung erreicht werden. Intelligente Lösungen für eine nachhaltige Mobilität, etwa in Form von sog. Mischverkehrsflächen, ergänzen das Vorhaben. Der öffentliche Raum soll u.a. durch Möglichkeiten der Raumaneignung, z.B. Gärtnern oder kreatives Arbeiten auf öffentlichen Flächen, und die barrierefreie Gestaltung zu einem individuellen Erlebnisraum werden. Es gilt, städtebauliche, urbane Qualitäten zu schaffen, die den Charakter der Hansestadt Warburg als Kleinstadt im ländlichen Raum berücksichtigen und zugleich individuelle Lebens- und Arbeitsmodelle ermöglichen.

Fazit

Mit dem inklusiven Quartier Laurentiushöhe leistet die Hansestadt Warburg einen wichtigen Beitrag zu einer zukunftsweisenden Stadtentwicklung, indem sie die Nachfrage nach Wohnraum bedarfsgerecht und nachhaltig deckt und aktuelle gesellschaftlich relevante Fragestellungen aufgreift. Einen Modellcharakter erfährt das Projekt u.a. durch die räumliche Öffnung einer Komplexeinrichtung für Menschen mit Beeinträchtigung als eine bisher durch die Stadtgesellschaft wenig frequentierten "Sonderwelt" der Hansestadt. Die Kooperation zwischen der Stadt Warburg als "öffentliche Hand" und der Caritas Wohn- und Werkstätten als gemeinnützigen kirchlichen Sozialträger stellt eine weitere Besonderheit dar. Zudem begleitet ein intensiver und transparenter Beteiligungsprozess die Entwicklung mit dem Ziel einer lebendigen, in Teilen selbstorganisierten Quartiersgemeinschaft. Dokumentation und Evaluation sowie Wissenstransfer sollen einen übertragbaren Lösungsansatz entstehen lassen, der sowohl für andere Behinderteneinrichtungen wie auch allgemein als zukunftsgerichteter und nachhaltiger Weg der Quartiersentwicklung von Bedeutung ist.

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2021

Publikationsdatum: 18.03.2021

Autoren: Galle (Autorin)

Schlagworte: Behinderung/Inklusion, Stadtplanung/Stadtentwicklung, Warburg

Region: Kreis Höxter