Eine Quartiers-Charta als Instrument der Quartiersentwicklung? – Das Beispiel der Laurentiushöhe in Warburg

von Milena Galle

Die Stadtentwicklung in Deutschland steht heute vor einer Vielzahl neuer Herausforderungen: Aufgabenstellungen und Akteurskonstellationen werden zunehmend komplexer, gesellschaftliche Spaltungs- und Entfremdungsprozesse stehen mitunter schrumpfenden Handlungsspielräumen der Kommunen gegenüber. Diese Tat­sache bedingt die Suche nach neuen Formen der Beteiligung und Kooperation auf lokaler Ebene mit dem Ziel einer integrierten und gemeinwohlorientierten Entwicklung. Bisherige Instrumente der Stadtentwicklung beleuchten diese Problemstellung nicht immer ausreichend. Kann eine Quartiers-Charta als bisher nicht erprobtes Instrument einen Ansatz darstellen, diesen He­rausforderungen auf lokaler Ebene zu begegnen?

Stadtentwicklung als Gemeinschaftsaufgabe

Stadtentwicklung kann nicht mehr allein als baulicher Vorgang gesehen, sondern muss als ein sozial-räumlicher Prozess und als eine Gemeinschaftsaufgabe zahlreicher Akteure verstanden und praktiziert werden (Becker u. Runkel 2010, S. 125; Selle 2018, S. 18ff.). Der gesellschaftliche und demographische Wandel gehen mit einer Akzentverschiebung einher: Der soziale Zusammenhalt gewinnt mit zunehmender sozialer Spaltung an Bedeutung. Im Zuge einer gesellschaftlichen Emanzipation verändern sich zudem Akteursbeziehungen besonders auf der lokalen Ebene: Es ist ein neues (Selbst-)Verständnis der Bürgerschaft auszumachen, das sich durch den Wunsch nach mehr Einbindung und einer veränderten Wahrnehmung der Rolle der BürgerInnen auszeichnet. Mit Blick auf diese Entwicklungen und Herausforderungen gilt es, die Verbindung zwischen Zivilgesellschaft und öffentlicher Hand zu stärken.

Kaum eine andere räumliche Ebene ist in wissenschaftlichen und planungspraktischen Diskursen derzeit präsenter als die der Quartiere. Diese bieten aufgrund der geringeren räumlichen Ausdehnung ein erhebliches Potenzial, diesen Herausforderungen der Stadtentwicklung zu begegnen.

Quartiers-Charta als Instrument kooperativer und sozial-innovativer Quartiersentwicklung

Der Gegenstand der Quartiers-Charta ist in der Wissenschaft noch weitgehend unerforscht. Seinen Ursprung findet der Begriff in der vorliegenden Betrachtung im Rahmen eines informellen Beteiligungsprozesses anläss­lich der Entwicklung eines inklusiven Stadtquartiers (s.u.). Dort wurden Vorstellungen einer "Quartiers-Charta", einem "Quartiers-Rat" bzw. "-parlament" und der Selbstorganisation der Bewohner im künftigen Quartier geäußert.

Die hier dargelegten Erkenntnisse sind das Ergebnis eines qualitativen Forschungsprozesses im Rahmen einer Masterarbeit, die folgender übergeordneten Fragestellung nachging: Welches Potenzial besitzt eine Quartiers-Charta hinsichtlich der Regelung und Steuerung des Zusammenwirkens von öffentlicher Hand, Wirtschaft und Bürgerschaft sowie der Initiierung und Förderung sozialer Innovation?

Im Rahmen der Untersuchung wurden 10 Interviews mit 17 lokalen Akteuren bzw. Akteursgruppen durchgeführt. Die Akteure stammten aus der Bürgerschaft, der Wirtschaft und der Politik/Verwaltung. Um die Interviewfragen auch TeilnehmerInnen mit Beeinträchtigung verständlich aufzubereiten, erfolgte eine Übersetzung in Leichte Sprache.

Als Quartiers-Charta wurde im Rahmen der Untersuchung eine schriftliche Vereinbarung zwischen öffentlicher Hand, Wirtschaft und der Bewohnerschaft eines Quartiers verstanden, die der Neu- bzw. Fortentwicklung sozialer, funktionaler wie auch baulicher Strukturen dienen kann, indem sie als Leitlinie ein gemeinsames Verständnis aller Akteursgruppen bezogen auf den Entwicklungsprozess festhält. Ausgangspunkt einer Quartiers-Charta kann eine konkrete lokale Problemstellung (sozialer und/oder baulich-funktionaler Art) im Quartier oder auch Eigenmotivation der lokalen Akteure zu einer gemeinwohlorientierten und zukunftsgerichteten Stadtentwicklung sein.

Die Inhalte einer Quartiers-Charta sollten individuell an den lokalen Kontext und die Bedürfnisse der beteiligten Akteure angepasst werden. Eine entsprechende Kooperationsvereinbarung könnte folgende Bestandteile beinhalten:

  • ein Leitbild für die soziale, bauliche oder funktionale Entwicklung des Quartiers,
  • eine Darstellung der bereits vorhandenen oder noch zu entwickelnden Strukturen der Zusammenarbeit bzw. Entscheidungsstrukturen im Quartier (z.B. Quartiers-Rat),
  • einen Zeitplan der Entwicklung.

Mittels klar umrissener Aussagen zu Zielen und Aufgaben kann eine Quartiers-Charta die Grundlage einer Evaluierung des Entwicklungsprozesses darstellen. Sie muss durch die lokalen Akteure im Konsens eine Anpassung erfahren können, um auf erfolgte Entwicklungen und neue Bedürfnisse reagieren und so zu einem Werkzeug der Quartiersentwicklung werden zu können.

Da eine Quartiers-Charta bislang kein definiertes und anerkanntes Instrument der Quartiersentwicklung ist, verfügt sie als informeller Ansatz über keine rechtliche Grundlage und Bindungswirkung. Die Einbindung in die kommunale Ordnung ist von der Offenheit lokaler Politik und Verwaltung abhängig. Mit einer eher niedrigen Bindungswirkung kann eine Quartiers-Charta von den lokalen Akteuren zumindest mit einer freiwilligen Selbstverpflichtung als Grundlage des Entwicklungsprozesses initiiert und angewendet werden. Auf Basis der freiwilligen Selbstverpflichtung kann sie durch ihre lokale Bekanntheit eine Bindungswirkung entfalten und einen allgemeingültigen Bezugsrahmen für das gesellschaftliche Miteinander im Quartier setzen. Die Entwicklung einer Quartiers-Charta bedeutet immer einen lokalen Aushandlungsprozess der Beteiligten, der stark von der Moti­vation der Akteure und weiteren lokalen Rahmenbedingungen abhängig ist.

Abb. 1: Blick über das Heilpädagogische Therapie- und Förderzentrum St. Laurentius Warburg als Teil des künftigen inklusiven Quartiers Laurentiushöhe (Foto: Caritas Wohn- und Werkstätten im Erzbistum Paderborn e.V.)

Das Quartier Laurentiushöhe in Warburg

Das lokale Fallbeispiel stellt die Hansestadt Warburg dar. Diese sieht sich im Rahmen der Neuentwicklung des Quartiers Laurentiushöhe mit Fragen der Inklusion und Integration allgemeinen und durch die Öffnung einer Komplexeinrichtung für körperlich und geistig beeinträchtigte Menschen vor Ort (Abb. 1) besonderen Herausforderungen gegenüber. Träger des Projektes ist die Hansestadt Warburg, ihr Projektpartner ist der Caritas Wohn- und Werkstätten im Erzbistum Paderborn e.V. Im Sinne einer inklusiven Stadtentwicklung soll ein kooperativer, ganzheitlicher Ansatz verfolgt werden, der an eine effektive Beteiligung der Bevölkerung gekoppelt ist.

Das Quartier Laurentiushöhe soll zu einem Ort der guten Verbindung von Wohnen, Arbeiten und Leben für Menschen unterschiedlicher Lebensentwürfe werden. Das Ziel ist die Entwicklung eines lebenswerten und lebendigen Stadtteils für alle. Menschen jeglichen Alters, jeglicher religiöser Gesinnung, mit unterschiedlichstem Einkommen, jeder Herkunft, mit und ohne Beeinträchtigung sollen hier gleichberechtigt zusammenleben und ein sicheres Zuhause in Gemeinschaft finden können. Mit der Entwicklung einer Quartiers-Charta wird in dem Quartier die Grundlage einer transparenten Zusammenarbeit aller Akteursgruppen und die Entwicklung einer selbstbestimmten inklusiven Gemeinschaft ermöglicht; die Quartiers-Charta dient als Leitlinie des "guten sozialen Miteinanders" (s. Beitrag Galle).

Fazit

Der Aspekt trilateraler kooperativer Quartiersentwicklung – bestehend aus Politik/Verwaltung, Wirtschaft (in diesem Fall des Caritas Wohn- und Werkstätten im Erzbistum Paderborn e.V.) und Bürgerschaft – ist noch ein kaum betrachteter Ansatz in der deutschsprachigen Quartiersforschung. Die Erkenntnisse der Untersuchung zeigen, dass eine Quartiers-Charta durchaus positiven Einfluss auf die Initiierung und Etablierung von neuen, flexiblen Formen der Steuerung und Koordination sowie der Beteiligung und Kooperation in der Quartiersentwicklung nehmen und zur Erweiterung lokaler Handlungsspielräume führen kann. Durch die Entwicklung und Anwendung einer Quartiers-Charta kann die Bürgerschaft eine stärkere Selbstbestimmung und -verantwortung erfahren, wodurch es zu einer neuen Rollenverteilung auf kommunaler Ebene und – im besten Fall – sogar zu einer Entlastung der öffentlichen Hand kommen kann.

Der innovative Charakter einer Quartiers-Charta wird insbesondere darin deutlich, dass neue Kommunikations-, Beteiligungs- und Kooperationswege entwickelt und erprobt und konventionelle Handlungsabläufe und Denkmuster aufgebrochen werden können. Diese Chancen lassen sich jedoch nur nutzen, wenn alle Beteiligten aus eigener Überzeugung und mit Aufgeschlossenheit und Engagement zusammenwirken. Generell ist eine Evaluation des Entwicklungs- und Anwendungsprozesses einer Charta entscheidend zur Fortentwicklung des Ansatzes.

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2021

Publikationsdatum: 18.03.2021

Autoren: Galle (Autorin)

Schlagworte: Behinderung/Inklusion, Stadtplanung/Stadtentwicklung, Warburg

Region: Kreis Höxter