Münster – lebenswerteste Stadt der Welt?

01.01.2007 Thomas Hauff

Kategorie: Siedlung

Schlagworte: Münster · Stadtmarketing · Städtewettbewerb

Inhalt

Im Oktober 2004 wurde Münster als "Lebenswerteste Stadt der Welt" im internationalen Städtewettbewerb "International Awards for Liveable Communities" (LivCom-Award) ausgezeichnet. Seitdem hat dieser Titel seinen festen Platz im Selbstbild der Münsteraner. Aber auch national und international hat der Titel hohe Aufmerksamkeit für Münster gebracht. Trotz seiner hohen Reputation ist der Wettbewerb in Deutschland noch nicht sehr bekannt. Daher gibt es rund um LivCom-Award noch offene Fragen:

Wer lobt den LivCom-Award aus und was sind die Ziele?

Seit 1997 wird dieser internationale Städtewettbewerb jährlich mit Unterstützung des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) sowie der internationalen Vereinigung der Gartenbauamtsleiter (IFPRA) ausgelobt. Im Mittelpunkt stehen der Umgang mit der lokalen Umwelt und die Identifikation von "Guten Beispielen". Daher handelt es nicht um ein "reines Städteranking".

Der Wettbewerb ist zweistufig angelegt und nach Größenklassen gegliedert. Münster hat sich in der Kategorie der Städte zwischen 200000 und 750000 Einwohnern mit einem schriftlichen Beitrag beworben. Dieser wurde von einer Jury in Australien begutachtet. Anhand der schriftlichen Bewerbungen wurden 53 Städte für die zweite Runde ausgewählt. In dieser Wettbewerbsrunde präsentierte sich Münster vor einer internationalen Jury aus Landschaftsplanern und Landschaftsarchitekten in Niagara (Kanada). Konkurrenten waren u.a. Seattle, Coventry, Poznan und Städte aus Asien.

Warum hat Münster gewonnen?

Die Lebensqualität der Städte wurde anhand von fünf Kategorien bewertet:

- Verbesserung der Landschaft
- Gestaltung des historischen Erbes
- Umweltbewusstes Leben
- Bürgerbeteiligung
- Integrierte Zukunftsplanung

Kernaussage des Münsteraner Beitrags ist, dass durch langfristig angelegte und koordinierte Zukunftsplanungen das Ziel einer "Lebenswerten Stadt" erreicht werden kann. Hierbei spielt das Engagement der Bürgerinnen und Bürger eine entscheidende Rolle. Münsters systematische und bürgerschaftliche Zukunftsdebatte ("Integrierter Stadtentwicklungs- und Stadtmarketingprozess - ISM", s. Beitrag Hauff/Spinnen) fand dabei das besondere Interesse der Jury.

In den fünf Wettbewerbskategorien setzte Münster folgende Schwerpunkte (vgl. Stadt Münster 2004 a,b):
Abb. 1: Grünordnung Münster: Grünsystem und Freiraumkonzept mit drei Grünringen und sieben radialen Grünzügen (Quelle: Stadt Münster 1996)
► Landschaft verbessern - mit System:
Münster setzt hierbei auf die Grünordnung als gesamtstädtisches Instrument für Freiraumentwicklung und Erholung sowie die teilräumlichen Landschaftspläne zur Entwicklung von Natur und Landschaft. Die bewährte Grünflächenplanung zeigt sich im idealtypischen Grünsystem aus drei Grünringen und sieben radialen Grünzügen (Abb. 1).

► Historisches Erbe gestalten - mit Augenmaß:
In Münster wird historisches und kulturelles Erbe in besonderem Maße gewürdigt. Dies führt zu einer Bewahrung des historischen Stadtgrundrisses und des unverwechselbaren Stadtbildes. Münsters City wird bis heute durch kompakte Stadtstrukturen, Funktionsvielfalt und Lebendigkeit geprägt.

► Umweltbewusst leben - selbstverständlich:
Anhand verschiedener Auszeichnungen und Projekte wird nachvollziehbar, dass Umweltschutz und Umweltbewusstsein zum Alltag in Münster gehören. Insbesondere der breite gesellschaftliche Konsens für Fragen der nachhaltigen Entwicklung wird hervorgehoben. Exemplarisch stehen hierfür Anstrengungen und Erfolge beim Klimaschutz, bei der stadt- und umweltverträglichen Mobilitätssteuerung, bei der Abfallwirtschaft und bei der resourcenschonenden Gewerbeflächenentwicklung.

► Menschen einbeziehen - Münsters Stärke:
Münster setzt in der Stadtentwicklung auf eine intensive und kontinuierliche Öffentlichkeitsarbeit. Ausgeprägt ist auch das Engagement der Umweltgruppen und Naturschutzvereine, denen die Stadt Münster das "Umwelthaus" zur Verfügung stellt. Münster bemüht sich, die Bürgerschaft frühzeitig in Planungsprozesse einzubinden.

► Zukunft planen - Bekenntnis für Münster:
Als Beispiel für eine ganzheitliche Zukunftsplanung wird der Integrierte Stadtentwicklungs- und Stadtmarketingprozess (ISM) herangezogen. Auf der Basis des bürgerschaftlichen Prozesses ist Münster mit seinen Bürgerinnen und Bürgern eine Verpflichtung für die Zukunft eingegangen, die Maßstab für zukünftiges Handeln ist. Basis der Zukunftsentwicklung sollen die prägende Bildungs- und Wissenschaftslandschaft sowie die besondere Lebensqualität sein, die durch Schlüsselprojekte konkretisiert werden.


Die mündliche Präsentation in der zweiten Wettbewerbsstufe vertiefte die Inhalte des schriftlichen Beitrags. Der Videofilm visualisiert Münsters Philosophie der nachhaltigen Entwicklung. Eine Fahrt mit dem Fahrrad nimmt die Betrachter im Film mit zu "Guten Beispielen" für die nachhaltige Stadtentwicklung und verdeutlicht insbesondere auch die kompakten, urbanen und grünen Stadtstrukturen.
Abb. 2: LivCom-Kampagne: Postkartenmotiv "Umweltbewusst leben - selbstverständlich" (Quelle: Stadt Münster 2004)

Welche Folgen hatte der Titelgewinn für Münster?

Der Titelgewinn bescherte Münster große Aufmerksamkeit in den nationalen und internationalen Medien. Hierzu hat sicherlich beigetragen, dass der Titel "Lebenswerteste Stadt der Welt" ein starkes Alleinstellungspotenzial besitzt und der nordamerikanische Raum sich fragte, welche europäische Stadt Seattle geschlagen hat. Die lokale Akzeptanz des Titels zeigte sich daran, dass viele Unternehmen den Wettbewerbsgewinn innerhalb weniger Tage in ihrem Internetauftritt und auf ihrem Briefpapier verankerten.

Aufgrund der großen Resonanz wurde eine eigene LivCom-Kampagne mit folgenden Elementen entwickelt:

- ein eigenständiges LivCom-Signet, das allen Interessierten kostenlos zur Verfügung steht und in vielfältiger Form verwendet wird,
- eine Postkarten- und Plakatserie mit Motiven zu den fünf Hauptkategorien des Wettbewerbs (Abb. 2),
- ein Dankesbrief des Oberbürgermeisters an die Bürgerschaft, verbunden mit der Bitte, mit Postkarten und Aufklebern die Erfolgsnachricht zu verbreiten.

Ein Jahr nach dem Wettbewerbsgewinn konnte die Stadt Münster eine mehr als positive Bilanz ziehen (vgl. Stadt Münster 2005):

- umfassendes und lang anhaltendes Medien-Echo,
- Anstieg ausländischer Touristen,
- steigendes Interesse ausländischer Journalisten und
- hohe Aufmerksamkeit bei Touristikmessen.

Welche Spuren hat der Wettbewerbsgewinn in Münster hinterlassen?

Die Idee des "lebenswerten Münster" hat Eingang in die Stadtidentität gefunden. Angesichts der anerkannt hohen Lebensqualität Münsters "passt" der Titelgewinn zu Münster. Sicherlich waren Freude und Stolz durchaus auch gepaart mit kritischen Nachfragen, aber der Titel fand in großem Umfang Eingang in das Münsteraner Leben. Verbunden mit ihrer grundsätzlich hohen Identifikation mit Münster wurden Bürgerinnen und Bürger zu LivCom-Botschaftern.

Diese Stärkung der Stadtidentität lässt in der Stadtgesellschaft zwei Strömungen erkennen. Zum einen besitzen die Themen "Lebensqualität", "Stadtgrün" und "Freiraumentwicklung" nun einen noch höheren Stellenwert als Identifikations- und Profilanker. Dies führte z.B. dazu, dass sich Münster 2006 beim bundesweiten Wettbewerb "Entente florale - Ein Stadt blüht auf" beteiligt hat. Zum anderen scheint die Prämierung mit dem LivCom durchaus auch Tendenzen zu unterstützen, das "schöne Münster" vor jeder Veränderung zu bewahren und jede neue Entwicklung vor ungleich höhere Begründungszusammenhänge zu stellen.

Münster – ausgezeichnet lebenswert

Der LivCom-Award ist eine besondere Auszeichnung, weil sie international ist und weil sie die langfristige systematische Arbeit an der Lebensqualität sowie das langjährige bürgerschaftliche Engagement belohnt. Münsters Qualitäten im Grün- und Umweltbereich wurden 2006 durch den Gewinn beim bundesweiten Wettbewerb "Entente Florale" erneut bestätigt. Auch hier war das bürgerschaftliche Engagement wieder ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Aufgrund des Gewinns der Goldmedaille auf nationaler Ebene wurde Münster ausgewählt, Deutschland 2007 beim renommierten Europa-Wettbewerb der "Entente Florale" zu vertreten.

Insgesamt wurden die - nach Einschätzung der internationalen Jury - äußerst erfolgreichen Bemühungen in Münster um eine hohe Lebensqualität wiederum mit einer Goldmedaille belohnt. Dabei würdigte die Jury erneut auch Qualitäten, die bereits den LivCom-Gewinn begründet hatten: Das Grünflächensystem mit der Promenade und den radialen Grünzügen, das darin integrierte Fuß- und Radwegenetz, die "Rieselfelder" als Vogelschutzgebiet und das Aasee-Erholungsgebiet sowie das große bürgerschaftliche Engagement in zahlreichen Grün- und Naturschutzprojekten unter dem Motto "Münster bekennt Farbe".

Münster kann sich daher nicht nur weiterhin als "ausgezeichnet lebenswert" präsentieren, vielmehr kommen die nachhaltigen Wirkungen der einzelnen Wettbewerbsprojekte im Rahmen der "Entente Florale" auch langfristig den Bürgerinnen und Bürgern in Münster zugute. Münster ist durch das große Engagement vieler Gruppen in Münster im Rahmen des nationalen und internationalen "Entente Florale"-Wettbewerbs somit noch lebenswerter geworden.

Beitrag als PDF-Datei ansehen/speichern (Größe: 1,8 MB)

↑ Zum Seitenanfang


Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2007