Hofwüstungen im Münsterland

01.01.2009 Rudolf Bergmann

Inhalt

Hofwüstungen zu lokalisieren, grenzt nahezu an die sprichwörtliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Denn die flächendeckend zu begehenden Areale sind oft mehrere ha, hingegen die Fundareale meist nur 30 x 30 m2 bis 50 x 50 m2 groß. Dem ursprünglichen siedlungsgeographischen Forschungsstand zufolge sind das Münsterland und mit ihm die nordwestdeutschen Geestgebiete als wüstungsarm einzustufen. Der das Verhältnis von bestehenden Siedlungen zu aufgegebenen Siedlungen beschreibende Wüstungsquotient bewegt sich nach Angaben von Pohlendt (1950, S. 13) im Bereich von 0–9 %. Diese Auffassung muss aus heutiger Sicht allerdings modifiziert werden. Doch zunächst zu dem eigentlichen "Quotientenproblem": Der Wüstungsquotient ist anhand von Regionen entwickelt worden, in denen geschlossene Siedlungen im Sinne von Dörfern/Weilern bestehen. Im Münsterland herrschen weiträumige Bauerschaften bzw. Streusiedlungen vor. Setzt man jedoch im Sinne der Wüstungsterminologie die regionalcharakteristischen ländlichen Siedlungseinheiten "Orten" gleich, so wäre das Münsterland ein klassisches Gebiet partieller Ortswüstungen. In nahezu allen Siedlungseinheiten der Region, die bislang hinreichend erforscht wurden, haben sich Hofwüstungen erkennen lassen. Die ermittelten Wüstungsquotienten (besser: Wüste-Höfe-Quotienten) lagen dabei immer erheblich höher, als von der Altforschung angenommen worden ist.

Abb. 1: Verbreitung von Orts- und Hofwüstungen im südwestlichen Münsterland (Entwurf: R. Bergmann, Stand 2008; Quellen: Bergmann 2006, Ilisch 1992)

Erkennen von Hofwüstungen und Woort-Problematik

Die Voraussetzung für das Erkennen derartiger Hofwüstungen besteht in einer Aufarbeitung der historischen Quellen. Wegen des erheblichen Arbeitsaufwandes kann dies nur kleinräumig erfolgen. Im Vergleich mit anderen Regionen Westfalens ist die historische (grundherrschaftliche) Überlieferung des Münsterlandes außerordentlich intensiv und reicht bis in das ausgehende 9. Jh. zurück. Eine wesentliche Hilfe für das Erkennen wüstungsverdächtiger Areale im Gelände besteht durch die Flurnamen der preußischen Urkatasteraufnahme des ersten Drittels des 19. Jh.s. In dieser werden die Flächen aufgegebener bäuerlicher Besitzeinheiten nicht nur durch das Bestimmungswort -"hof" oder "-hus" enthaltende Parzellennamen (z. B. Müsing Hof, Ollehusstehe) angezeigt, sondern auch durch den Begriff "Woort" (Wort, Worth, Woohrt u. ä.). Insbesondere letzterer Begriff verweist häufig auf die Lage aufgegebener Althöfe. Die geographische Altforschung hat in derartigen Woorten das älteste Ackerland bäuerlicher Siedlungen vermutet (nicht aber einen Althof). Diese Fehlinterpretation hat dazu geführt, dass man Woort-Blökke ursprünglich nicht untersucht hat. Stattdessen hat man versucht, das Alter von z. B. Eschsiedlungen durch archäologische Funde aus dem weiteren Umfeld altbäuerlicher Drubbel abzuschätzen. Diese datierten jedoch in der Regel aus prähistorischer Zeit. Wegweisend für weitere Arbeiten wurde eine Untersuchung zur Agrargeschichte der Gemeinde Senden im Kernmünsterland. Ausgehend vom Fundmaterial untersuchter Hofwüstungen konnte Ilisch (1992) nachweisen, dass die mittelalterliche Besiedlung des Gemeindegebietes im Frühmittelalter einsetzte. Kumpfkeramiken, die auf zahlreichen Hofwüstungsarealen geborgen wurden, verweisen auf eine wahrscheinlich um 800 n. Chr. (spätsächsische Zeit) einsetzende ländliche Besiedlung.

Abb. 2: Hofwüstungen im Bereich des Ringdrubbels Leuste (1773) bei Dülmen (Entwurf: R. Bergmann; Kartengrundlage: Urkataster 1773)

Das Arbeitsprojekt ''Hofwüstungen im Münsterland'' des LWL

Die LWL-Archäologie für Westfalen hat nachfolgend mit ähnlichen Arbeitsmethoden versucht, den mittelalterlich-neuzeitlichen Besiedlungsgang für die Dülmener Sandplatte und weitere Bereiche der Bulderner Platte zu rekonstruieren (Abb. 1). Innerhalb dieses Raumes bestehen verschiedenartige Siedlungstypen: waldhufenartige Reihensiedlungen mit Streifenflur, Waldhufensiedlungen, Eschsiedlungen und Kamp-Einzelhofsiedlungen. Der Ringdrubbel von Leuste bei Dülmen entspricht dabei dem Idealbild, das die Münsteraner Schule von Eschsiedlungen entworfen hat: An einen (nahe zu kreisförmigen) Plaggenesch-Kern schließt sich eine ringförmige Zone mit Althöfen, Woorten und gehöftnahen Blockparzellen an (Abb. 2). Im weiteren Umfeld dieses Siedlungskerns treten weiter Ausbauesche, teils mit wie auch ohne Plaggenauftragsboden auf. Das kleinräumige Siedlungsgebilde liegt inmitten ausgedehnter Markengründe, die zur Zeit der Urkatasteraufnahme teilweise verheidet waren. Für die archäologische Erkundung zugänglich war u. a. der Bereich des im 19. Jh. aufgelassenen Althofes Sievert, nicht aber die im Südwesten des Drubbels gelegene Woort. Das Areal des Althofes war seit der Zeit um/vor 800 besiedelt, wobei der Hof seinen Standort im Verlauf einer über tausendjährigen Geschichte lediglich um Zehner von Metern verlagert hat.

Abb. 3: Die Gräftenhofwüstung Schulte Hinderking im Dülmener Wildpark (Foto: T. Pogarell, LWL-Archäologie für Westfalen)

Erheblich komplexer ist die Geschichte der ebenfalls auf dem Dülmener Sandrücken gelegenen Eschsiedlung Lette bei Coesfeld. Sie besteht aus 2–3 langstreifig parzellierten Eschkernen, von denen der südöstliche Doppelesch von einem Oval von Althöfen umgeben wird. Im Rahmen des Baus der Ortsumgehung wurde die Anlage archäologisch untersucht. Hierbei erwies sich, dass dieser Drubbel im Frühmittelalter entstanden sein muss. Dort wo heute am Nordostrand des Lütke Esch/Große Esch eine Siedlungslücke klafft, befanden sich zur Zeit der Urkatasteraufnahme zwei Althöfe. Am Südwestrand derselben Eschflur konnten sechs Hofwüstungen archäologisch erkannt werden, so dass dort ein mittelalterliches Kleindorf bzw. eine Keimzelle der im späten 9. Jh. erstmals erwähnten ländlichen Siedlung Lette anzunehmen ist. Geborgene Funde lassen erkennen, dass auch hier mit einem Besiedlungsbeginn um/vor 800 zu rechnen ist.

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2009