''Fairtrade-Towns'' in Westfalen

von Tabitha Triphaus und Kerstin Hüls

 

Inhalt

Fairer Handel (Fair Trade) ist ein alternativer Ansatz zum konventionellen Welthandel, der den Erzeugern der gehandelten Produkte einen über dem Weltmarktpreis festgelegten Mindestpreis zusichert und somit direkte und nachhaltige Handelsbeziehungen fördert. Bei den Produkten handelt es sich überwiegend um Lebensmittel (Kaffee, Tee, Schokolade, Honig, Früchte etc.), Textilien (Baumwolle) aber auch Blumen oder Sportbälle, die in Entwicklungsländern angebaut oder produziert und in Industrieländer exportiert werden. Aus dem Erlös der verkauften Fairtrade-Produkte geht ein festgelegter Anteil auf ein separates Prämienkonto, über das die Kleinbauern und Arbeiter selbst verfügen und entscheiden, welche Projekte mit diesem Geld realisiert werden sollen, z. B. Bau eines Dorfbrunnens etc.
Standards des Fairen Handels Abb. 1: Standards des Fairen Handels (Quelle: www.fairtrade-towns.de)

Fairtrade-Organisationen wie beispielsweise der Dachverband "Fairtrade Labelling Organizations International (FLO)" kontrollieren die Preisstabilität und stellen die Einhaltung sozialer, ökologischer und ökonomischer Standards sicher (Abb. 1). Die Idee, Städte und Gemeinden für ihren Einsatz im Bereich des Fairen Handels auszuzeichnen, startete im Jahr 2001 in Großbritannien. Bisher wurden weltweit 1.100 Städte in 24 Ländern ausgezeichnet (Stand: 06/2012; Transfair e. V.).

Seit Januar 2009 können sich auch deutsche Städte und Gemeinden um den Titel bewerben. Das Zertifikat "Fairtrade-Towns" wird von der Organisation TransFair e. V. vergeben. Ziel ist es, Akteure aus Handel, Politik und Gesellschaft für einen nachhaltigen Konsum von importierten Produkten zu sensibilisieren und der Bevölkerung den Zugang zu fair gehandelten Produkten zu erleichtern. Erreicht werden soll dies durch Aufklärung und Förderung Fairtrade-zertifizierter Ware. Die internationale Kampagne soll dazu beitragen, den Fairtrade Gedanken auf kommunaler Ebene zu verankern und zu verbreiten. In Westfalen gibt es insgesamt zwölf Städte und Gemeinden, die bislang offiziell zur "Fairtrade-Stadt/Gemeinde" ernannt wurden, 18 Städte und Gemeinden befinden sich derzeit im Bewerbungsprozess um den Titel "Fairtrade-Town" (Abb. 3).

Logo ''Fairtrade-Towns'' Abb. 2: Logo ''Fairtrade-Towns'' (Quelle: www.fairtrade-towns.de)

Kriterien für den Titel ''Fairtrade-Town''

Deutschlandweit gibt es bereits 84 Kommunen die sich als "Fairtrade-Town" bezeichnen. Um sich "Fairtrade-Town" nennen zu dürfen, müssen insgesamt fünf Kriterien erfüllt werden, die durch Fairtrade-Label Initiativen aufgestellt wurden. Nach Erfüllung aller Kriterien und Überprüfung durch Transfair e. V. wird der offizielle Titel zunächst für zwei Jahre vergeben. Nach Ablauf der zwei Jahre erfolgt eine Überprüfung der vorgegebenen Kriterien für den Titel "Fairtrade-Town" (Transfair e. V.).

Zunächst muss der Stadt-/Gemeinderat öffentlich bekanntgeben, dass eine Auszeichnung mit dem Titel "Fairtrade-Town" angestrebt wird. Des Weiteren muss ein Beschluss der Kommune/des Kreistages vorliegen, in dem offiziell beschlossen wird, dass zu allen Besprechungen und Konferenzen der verschiedenen Ausschüsse des Stadt- bzw. Gemeinderates sowie in den Büros der Bürgermeister und Landräte Kaffee mit Fairtrade-Siegel ausgeschenkt wird und ein weiteres Fairtrade-Produkt (z. B. Tee, Orangensaft, Kekse etc.) angeboten wird. Außerdem muss mindestens einmal im Quartal eine Berichterstattung erfolgen.

Das zweite Kriterium besteht darin, eine lokale Steuerungsgruppe zu bilden, in der sich Akteure aus unterschiedlichen Bereichen (Städtische Verwaltung, Handel, Vereine usw.) vernetzen und zusammen ökologische und soziale Standards für die Beschaffung von Fairtrade-Produkten erstellen. Außerdem koordinieren sie die Aktivitäten vor Ort und überprüfen die Einhaltung der Kriterien.

Das dritte Kriterium gibt vor, wie viele Geschäfte, Cafés und andere Gastronomiebetrie in einer Stadt oder Gemeinde Fairtrade-Produkte anbieten und verkaufen sollen; je höher die Einwohnerzahl, desto größer muss die Anzahl der Geschäfte sein. Diese Vorgaben orientieren sich an der Einwohnerzahl der Stadt oder der Gemeinde.

Um das vierte Kriteriumzu erfüllen, müssen in öffentlichen Einrichtungen Fairtrade-Produkte angeboten werden. Außerdem sollen in den Einrichtungen mindestens einmal pro Jahr Bildungsaktivitäten zum Thema "Fairtrade" durchgeführt werden. Insgesamt sollen bei einer Einwohnerzahl unter 200.000 mindestens eine Schule, ein Verein und eine Kirche dieses Kriterium umsetzen. Bei über 200.000 Einwohnern jeweils zwei Einrichtungen (Transfair e. V.).

Das letzte Kriterium richtet sich an die örtlichen Medien. Der Bewerbungsprozess soll von der lokalen Presse begleitet werden und jährlich in mindestens vier Beiträgen über Aktivitäten und Entwicklungen berichten.

''Fairtrade-Towns'' in Westfalen Abb. 3: ''Fairtrade-Towns'' in Westfalen (Quelle: www.fairtrade-towns.de)

Erwartungen der Bewerber an den Titel ''Fairtrade Town''

Mit der Bewerbung um den Titel "Fairtrade-Town" verknüpfen die Akteure der teilnehmenden Städte, Gemeinden oder Regionen verschiedenste Erwartungen und Ziele. Anhand der Ratsbeschlüsse und der Begründungen für die Bewerbung zur Kampagne lassen sich einige Motive identifizieren.

Verbunden mit dem stark wachsenden Medieninteresse an diesem Thema bietet es die Chance, das Image der Stadt oder Gemeinde zu verbessern und somit die Stellung innerhalb der Region und die Region selbst zu stärken. Zudem gibt es vereinzelt die Erwartung, dadurch auch den Tourismus zu beleben, um langfristig von der Teilnahme zu profitieren (Dülge 2004; Schmelzer 2007). Durch eine strategische Öffentlichkeits- und Netzwerkarbeit sollen die Bürger verstärkt in Projekte und Aktionen eingebunden werden, was wiederum zur Stärkung des Gemeinsinns beiträgt. Da es sich um eine weltweite Kampagne handelt, gewinnen deutsche Fairtrade-Städte an Internationalität. Viele Kommunen haben bereits "Fairtrade-Towns" Partnerstädte in England, so z. B. Bielefeld mit Rochdale, Gelsenkirchen mit Newcastle upon tyne, Hamm mit Bradford und Münster mit York (Bremer, 2009). Für den (Einzel-)Handel stellen Transfair-Produkte einen Wachstumsmarkt dar, der seit Jahren einen konstanten Umsatzzuwachs verzeichnet. Auch zukünftig scheint weiteres Marktpotenzial vorhanden. In nahezu allen Produktbereichen werden dabei jedes Jahr Steigerungen des Absatzes verzeichnet und immer neue Produkte in das Sortiment aufgenommen. In Deutschland wird angenommen, dass etwa drei Mio. Kundinnen und Kunden den Fairen Handel unterstützen. Die Einzelhandelsgeschäfte können also durch die Aufnahme von Fairtrade-Artikeln in ihr Sortiment eine Verbesserung der eigenen Marktposition anstreben (Dülge 2004; Schmelzer 2007).

Ausblick

Abschließend lässt sich zusammenfassen, dass diese Kampagne in Westfalen noch in der Anfangsphase steckt. Die Initiative geht meist von lokalen NGOs (Nichtregierungsorganisationen) oder engagierten Personen aus, die die Städte auf die Kampagne aufmerksam machen. Da die Anforderungen nicht allzu schwer zu erfüllen sind, nehmen immer mehr Städte teil und versprechen sich davon einen Imagegewinn und weitere positive Auswirkungen. Unter dem Motto "Faire Metropole Ruhr" haben sich alle 54 Städte sowie die vier Landkreise des Ruhrgebiets vorgenommen bis Ende 2012, "Fairtrade-Towns" zu werden "[...] und damit Teil einer internationalen Bewegung von Kommunen für globale Gerechtigkeit zu sein" (Heissler 2011).

Am 20.10.2012 findet in Köln die Veranstatung "100ste Fairtrade-Town in Deutschland" statt. Hier wird der Titel nicht nur einer Kommune verliehen, sondern allen Anwärtern, deren Bewerbung bis Ende August positiv geprüft worden ist.

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2012