Bodenreformsiedlungen des 20. Jahrhunderts in Westfalen

Bodenreformen mit dem Ziel der Umverteilung des Großgrundbesitzes an (kleine) Bauern sind seit jeher ein Ziel der Agrarpolitik und in vielen Agrarlandschaften bis heute ablesbar. In Deutschland wird das Thema Bodenreform mit entsprechenden Neusiedlungen in der öffentlichen Diskussion meist auf die DDR-Bodenreform von 1945-1949 bezogen. Es gab jedoch auch in anderen Teilen Deutschlands Bodenreformen mit entsprechenden Neusiedlungen, vereinzelt auch in Westfalen.

Die Bodenreformen des 20. Jh.s konzentrieren sich in Deutschland auf jeweils etwa ein Jahrzehnt nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg. Dabei wurde auch die Siedlungslandschaft der Paderborner Hochfläche für Bodenreformen mit entsprechenden Neusiedlungen "ausgewählt". Hier gab es - bei fruchtbaren Böden - ein ausgedünntes Siedlungsnetz, entstanden durch die Wüstungsprozesse des späten Mittelalters. Außerdem waren in Folge der Säkularisation von 1803 zahlreiche Klöster zu staatlichen Domänen umgewandelt worden, die man nun relativ leicht zu Bauernsiedlungen umwandeln konnte.

Die Bodenreformsiedlung Elisenhof nach dem Ersten Weltkrieg Abb. 1: Bodenreformsiedlung Elisenhof nach dem Ersten Weltkrieg (ergänzt nach Schäfer 1964)

Bodenreformen der 1920er Jahre – Das Beispiel Elisenhof

Die Agrarpolitik der Weimarer Zeit schuf mit dem Reichssiedlungsgesetz von 1919 die Voraussetzungen für eine Aufteilung von Gütern zu bäuerlichen Familienbetrieben. Von 1919 bis 1932 entstanden durch Privatisierung staatlicher Domänen sowie durch Aufteilung bankrotter, zwangsversteigerter Güter vor allem in Mittel- und Ostdeutschland insgesamt mehr als 60000 Neusiedlerstellen, mit durchschnittlich je 11 ha Land, die vom Staat an Landwirte vergeben wurden.

Die Aufteilung bzw. Aufsiedlung des Vorwerks Elisenhof (Staatsdomäne seit der Gründung 1816-22 auf der Paderborner Hochfläche) begann im Jahre 1922 und war bis etwa 1930 abgeschlossen (Abb.1). Die Durchführung des Verfahrens lag in den Händen der gemeinnützigen "Siedlungsgesellschaft Rote Erde". Aus über hundert Bewerbungen wurden von der Kreisverwaltung Büren und der Siedlungsgesellschaft 16 Siedler ausgewählt, die überwiegend aus der näheren Umgebung stammten und im Durchschnitt je 15 ha Land erhielten. Die Errichtung der Siedlungsneubauten bzw. der Umbau der alten Vorwerksgebäude erstreckte sich bis in die frühen 1930er Jahre; ab 1924 erhielt das kleine Bauerndorf eine eigene Schule (bis 1966). 1928-30 entstand auf dem zentralen Platz in der Ortsmitte, dem Binnenhof des alten Vorwerks, eine Kapelle.

Die Neusiedlung Elisenhof - eine T-förmige Anlage, die sich im alten Vorwerkshof kreuzt - unterscheidet sich wesentlich vom Typ der engbebauten Haufendörfer dieser Region. Der geräumige Wirtschaftshof liegt jeweils auf einem ausgedehnten Hofgrundstück. Die relativ großen, nach Anzahl geringen Besitzparzellen befinden sich in dem Flurabschnitt, der dem Gehöft am nächsten liegt. Damit wird die Entfernung zu den äußersten Flurstücken auf ein Minimum reduziert. Trotz dieser geräumigen Lage der Höfe und der durchdachten Zuordnung der Parzellen ist Elisenhof eine Gemeinschaftssiedlung, die schließlich auch einen Grundbesatz an lokaler Infrastruktur erhielt (s.o.). Dass hier in den 1920er Jahren keine Einzelhöfe errichtet wurden, zeigt an, wie sehr man noch der traditionellen Siedlungsweise verhaftet war. Gleichwohl enthält die geplante Agrarsiedlung Elisenhof bereits Elemente der modernen Aussiedlerhöfe nach dem Zweiten Weltkrieg: große Hofgrundstücke, Nähe zu den Flurparzellen, weitgehend arrondierter Besitz.
Die Bodenreformsiedlung Eilern nach dem Zweiten Weltkrieg Abb. 2: Bodenreformsiedlung Eilern nach dem Zweiten Weltkrieg (ergänzt nach Schäfer 1964)

Bodenreformen der 1950er Jahre – Das Beispiel Eilern/Friedrichsgrund

Auch in die Wiederaufbauphase nach dem Zweiten Weltkrieg fallen Ansätze einer Bodenreform- und Siedlungspolitik. Sie hatten in der BRD das Ziel, einmal den politischen und wirtschaftlichen Einfluss des Großgrundbesitzes zu verringern und zum anderen für einen Teil der etwa 300000 Flüchtlingsbauern aus Ostdeutschland und Osteuropa Siedlungsland zu gewinnen. Die neuen von den Bundesländern erlassenen Gesetze sahen Landabgaben, die meist bei Großbetrieben über 100 ha begannen, in einer Gesamtdimension von etwa 700000 ha vor. Tatsächlich wurden jedoch nur etwa 230000 ha Land umverteilt, und zwar an 7000 Bauern (mit durchschnittlich 24 ha) und etwa 50000 Neusiedler mit weniger als drei ha Landbesitz. Die Bodenreform- und Siedlungsmaßnahmen haben in der BRD insgesamt keine entscheidende Änderung der Agrarstruktur bewirkt, sie erfassten weniger als 5% der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche. Zum Vergleich: In der DDR wurden 1945-1952 3,2 Mio. ha, also etwa das 14fache an Fläche, enteignet und umverteilt.

Die Vorwerke Eilern und Friedrichsgrund auf der Paderborner Hochfläche (Sintfeld), die zum Grundbesitz der Grafen von Westphalen in Fürstenberg gehörten, wurden im Jahre 1952 aufgesiedelt. 21 neue Höfe - 16 in Eilern und fünf in Friedrichsgrund - traten an die Stelle der adligen Gutsbetriebe. Die 15 Vollerwerbsstellen erhielten im Durchschnitt jeweils 14 ha Land, die sechs Nebenerwerbsstellen (Handwerker und Landarbeiter) jeweils fünf ha. Die Siedler waren überwiegend Bauern dieser Region, die in den 1930er Jahren in Schlesien eine neue Existenz gegründet hatten, diese jedoch durch den Verlust der deutschen Ostgebiete nach 1945 wieder verlassen mussten. Die Hofgebäude wurden überwiegend 1953 fertiggestellt. Öffentliche Einrichtungen wie Elisenhof (Schule, Kapelle) erhielt Eilern (Abb. 2) nicht, der Ort gehört kommunal und kirchlich zum benachbarten Fürstenberg.

Die Siedlungsanlagen in Eilern und Friedrichsgrund zeigen sowohl Parallelen als auch Unterschiede zur Aufsiedlung von Elisenhof in den 1920er Jahren. Beide Aufsiedlungen sind planmäßige Reihensiedlungen, jedoch stehen in Eilern die Höfe lockerer nebeneinander. Die Bauernhöfe Eilerns sind im Abstand von ca. 100 Metern an einer Straße beidseitig aufgereiht, so dass kaum der Eindruck einer geschlossenen Ortschaft wie in Elisenhof entsteht. Eilern zeigt den Übergang von einer Gruppensiedlung zum Einzelhof, der in den 1950er Jahren zumindest theoretisch längst als optimale landwirtschaftliche Betriebsstruktur anerkannt war. Dass in Eilern und Friedrichsgrund noch nicht die ideale Standortlösung des arrondierten Einzelhofes realisiert wurde, wird u.a. mit den damals großen Schwierigkeiten der lokalen Wasserversorgung im "trockenen" Sintfeld begründet.
Gedenkstein zur Erinnerung an die Neusiedlung Eilern von 1952 Abb. 3: Gedenkstein zur Erinnerung an die Neusiedlung Eilern von 1952, errichtet 2002 (Foto: G. Henkel)

Die Aufsiedlung der Vorwerke Elisenhof, Eilern und Friedrichsgrund im 20. Jh. haben insgesamt bewirkt, den Kern des Sintfeldes wiederzubeleben und damit die Voraussetzungen für eine intensivere Landbewirtschaftung zu schaffen. Die seit dem Spätmittelalter bestehende relative "Siedlungsleere" dieser Region wurde zumindest partiell beseitigt. Die neuen, geplanten und durchdachten Siedlungsanlagen zeigen gegenüber den alten engbebauten Haufendörfern die moderne Entwicklung an: den Trend über locker bebaute Gruppensiedlungen zum arrondierten Einzelhof.

Aus heutiger Sicht war die durchschnittliche Betriebsgröße der Bauern in den Bodenreformsiedlungen von 14 bis 15 ha eine zu schmale ökonomische Basis. Viele Betriebe haben daher längst aufgegeben, einige arbeiten zur Zeit im Nebenerwerb. Beim 50jährigen Festjubiläum in Neu-Eilern im Jahr 2002 sagte eine Neubäuerin von 1952: "Vielleicht sind wir in ein paar Jahren wieder ein Gut wie vor der Bodenreform."

Das Auf und Ab von Konjunktur- und Depressionsphasen in der Kulturlandschaftsgeschichte zu analysieren und darzustellen, ist eine der schönsten Aufgaben der Regionalen Geographie. Gibt es in Westfalen weitere Bodenreformsiedlungen des 20. Jh.s? Dem Autor sind derzeit nur die Siedlungen der frühen 1950er/1960er Jahre in Herbram-Lichtenau im Kreise Paderborn sowie Eichholz bei Steinheim und Hainhausen bei Brakel im Kreise Höxter bekannt. Er ist deshalb für weitere Hinweise dankbar.

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2007