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Wilde Gänse erobern Westfalen

von Wilfried Stichmann

In mittlerweile zahlreichen westfälischen Regionen ziehen ganzjährig immer wieder Gänse in großer Formation vom Schlaf- zum Äsungsplatz. Unkundige halten sie oft irrtümlich für Kraniche. Weil sie öffentliche Grün- und Parkanlagen mit ihrem Kot verschmutzen, sind die anfangs bewunderten Vögel inzwischen nicht mehr gern gesehen. Die Bauern fürchten um die Wintersaaten, die Jäger haben schon kapituliert. Doch das war nicht immer so: In der ersten Hälfte des 20. Jh.s waren wilde Gänse in den meisten Teilen Westfalens noch so selten, dass die Vogelkundler jede Begegnung mit ihnen notierten. Vor allem in strengen Wintern stellten sich manchmal nordische Gäste ein. In den Scharen der Wasservögel blieben sie jedoch eine Ausnahmeerscheinung. Als Brutvogel kam in Westfalen ohnehin nur die Graugans in Betracht, die aber schon 1906 hier als ausgestorben galt. Nur in Parks und Zoos hielt man meist exotische Gänsearten, die flugunfähig waren, weil man ihnen die Flügel stutzte (sog. Kupieren).

Abb. 1: Graugänse (Foto: Bernd Stemmer)

Grau- und Kanadagans

Dieses Bild hat sich aber in kurzer Zeit stark verändert. Es begann 1962 mit dem Versuch der Wiederansied­lung von Graugänsen durch die For­schungsstelle für Jagd und Wild­schadensverhütung. Auf den Hausdülmener Teichen wurden 20 in Ge­fangenschaft aufgezogene Graugänse freigelassen, zudem weitere halbzahme Graugänse an anderen Gewässern im Münsterland. Diese vermehrten und breiteten sich aus. Schon in den 1980er Jahren gab es Scharen mit mehreren Hundert Graugänsen.

Auch am Möhnesee trafen schon bald die ersten Graugänse ein (s. Beitrag Stichmann). Je nach den Erfahrungen, die sie mit den Menschen machten, erwiesen sie sich als mehr oder weniger scheu. Anfangs waren sie fast noch so zutraulich wie ihre Artgenossen auf Parkteichen. Als Brutvögel bevorzugen sie die vegetationsreichen Mündungsbereiche von Möhne und Heve, zunehmend auch kleinere Feuchtgebiete in der Umgebung, von denen aus sie die halbwüchsigen Jungen zum See führen.

Heute trifft man hier wie vielerorts im Lande auf den Gewässern wie auf den Feldern das ganze Jahr über Scharen von mehreren Hundert Graugänsen an, die schwer zu bejagen sind. In den Naturschutzgebieten ruht die Jagd, damit die anderen geschützten Wasservögel nicht durch die Schüsse beunruhigt und vertrieben werden. Außerhalb der Schutzgebiete scheinen die lernfähigen Vögel den Jägern gegenüber meistens erfolgreich Distanz zu halten. Weil die Graugänse häufig ihre Äsungsplätze wechseln, bekommen die Menschen sie immer wieder zu Gesicht, mal in Trupps fliegend, mal auf den Feldern ruhend oder beim Äsen. Sie können heute in Westfalen als fest eingebürgert gelten. Die Jäger haben ihr Ziel, die Wiedereinbürgerung einer jagdbaren Gänseart, erreicht, zugleich aber auch den Unmut der Bauern heraufbeschworen.

Abb. 2: Kanadagänse (Foto: Bernd Stemmer)

Diesen steigert eine zweite Gänseart, die knapp zehn Jahre später, zuerst in kalten Wintern erschien und schon bald mit hohem Vermehrungspotenzial das ganze Land eroberte. Es war die Kanadagans, die als beliebter Parkvogel aus ihrer nordamerikanischen Heimat nach England und Schweden geholt wurde, verwilderte und später auch von heimischen Parks und Gräften aus in die freie Wildbahn gelangte, weil den Gösseln (Gänseküken) immer häufiger die Flügel nicht mehr kupiert wurden. Vom Rheinland her breiteten sich auch die Kanadagänse über das ganze Land aus. Sie vermehrten sich rapide und wurden auch in Westfalen Brutvögel. Heute beherrschen Scharen mit Hunderten von Kanadagänsen das Bild an Gewässern, in den großen Wasservogel-Zugstationen und -Winterquartieren. Als größte Gänseart, mit langem schwarzen Hals, weißem Kinn und Wangen von den gleichmäßig graubraun gefärbten Graugänsen leicht zu unterscheiden, waren die Kanadagänse zu Beginn die Lieblinge der Parkbesucher, zumal sie vielerorts die Spaziergänger, vor allem die Kinder, nahe an sich herankommen ließen. Die explosionsartige Vermehrung vor allem dieser Gänseart hat zu einem Stimmungswechsel geführt. In einigen Orten bemüht man sich – meistens vergeblich – die Scharen der Kanadagänse wieder loszuwerden.

In der Regel halten sich die Grau- und die Kanadagänse voneinander getrennt auf. Vereinzelt hat es aber auch schon Mischlinge gegeben. Vorüberfliegende Gänse sind auch an ihren Rufen zu unterscheiden. Während die Graugänse, die Stammeltern unserer Hausgänse‚ durchdringend tiefe, nasale Rufe erzeugen (ähnlich wie "ang – ang – ang"), kann man die vor allem im Flug sehr ruffreudigen Kanadagänse dagegen schon auf größere Entfernung an ihren melodischen Rufen erkennen ("an-honk"). Die Kanadagänse sind heute mit mehreren Tausend Individuen zu allen Jahreszeiten die häufigsten Gänse zwischen Rhein und Weser.

Abb. 3: Nilgänse (Foto: Bernd Stemmer)

Nilgans

Als dritte Gänseart stellte sich 1997 die Nilgans am Möhnesee ein, nachdem sie schon früher – wahrscheinlich von Holland aus rheinaufwärts sich ausbreitend – im Rheinland erschien. Wie die Kanadagans ist auch die Nilgans nur mit Hilfe des Menschen nach Europa gelangt und zum Parkvogel geworden. Ihre ursprüngliche Heimat ist Afrika, wo sie zu den häufigsten Wasservögeln gehört. Sie ist an ihrer Körperhaltung, ihrer im Vergleich zu anderen Gänsen geringeren Körpergröße, der rotbraunen Oberseite, der Gesichtsmaske und im Flug durch ihre markante Flügelzeichnung gut zu erkennen.

Einmal in die Freiheit gelangt, hat sich auch die Nilgans schnell vermehrt und ausgebreitet. Gegenüber anderen Arten erweist sie sich als durchsetzungsfähiger und hinsichtlich ihres Brutverhaltens als außerordentlich flexibel. Nilgans-Nester fand man außer an Gewässern schon auf Wiesen und Feldern, aber auch hoch in Bäumen. Dort machen Nilgänse selbst Reihern und Störchen die Nistplätze streitig. Im Ortsteil Körbecke der Gemeinde Möhnesee (Kr. Soest) hat ein Nilgans-Weibchen sogar einen Turmfalken aus seinem angestammten Brutplatz in einem Schallloch im Turm der Pankratiuskirche vertrieben und dort erfolgreich gebrütet. Die Küken sprangen aus 15 Meter Höhe herab und wurden von der Mutter sicher über die Straße zum Wasser geführt.

Bei soviel Anpassungs- und Durchsetzungsvermögen der Nilgänse ist es nicht verwunderlich, dass sie schon in kürzester Zeit an vielen Orten sesshaft werden konnten und bereits in Scharen mit über 100 Tieren auftreten. Diese kleinen Verwandten der anderen Gänse verstärken noch zusätzlich den Eindruck, dass Westfalen im "Zeitalter der wilden Gänse" angekommen ist.

Abb. 4: Blässgänse (Foto: Bernd Stemmer)

Blässgans

Erst seit Beginn des neuen Jahrtausends mehren sich auch in Westfalen die Nachweise der Blässgänse, der ersten Gänseart, die von sich aus und ohne Zutun des Menschen scharenweise und regelmäßig zu uns kommt. Nachdem schon länger mehrere Tausend Blässgänse den Niederrhein und Teile der Niederlande als Winterquartier auserkoren hatten, war zu erwarten, dass die Art auch an Lippe und Weser sowie in den Rieselfeldern in Münster und an der Möhnetalsperre häufiger und im Winterhalbjahr regelmäßig in Scharen auftreten würde.

Die Blässgänse, die in Nord­sibirien brüten und in Mitteleuropa überwintern, haben als Artmerkmale eine weiße Schnabelwurzel und eine auffallende dunkle Querbänderung auf der Brust. Ihre Rufe sind heller als die der anderen Gänse und erinnern etwas an Hundegebell.

Abb. 5: Jagdstrecke der Grau-, Kanada- und Nilgänse in NRW 2009–2019 (Quelle: MUNLV NRW 2020)

Zusammenfassung und Ausblick

Innerhalb eines knappen Jahrhunderts haben die vier Gänsearten das Bild und die Zusammensetzung der Vogelwelt – vor allem an den westfälischen Gewässern und in deren Umgebung – radikal verändert. Nur eine Art, die Graugans, ist durch Auswilderung in ihre mitteleuropäische Heimat zurückgekehrt. Eine andere, die Blässgans, hat sich auf natürlichem Weg hier ein neues Überwinterungsgebiet gesucht, das sie allein am Niederrhein alljährlich mit insgesamt über 100.000 Individuen bevölkert. Von dort breitete sich die Blässgans in den letzten Jahren als Wintergast zunehmend auch in Westfalen aus. Die beiden weiteren Arten, die Kanada- und die Nilgänse, werden wegen ihrer stark zunehmenden Zahl an Brutvögeln bereits als "Problemvögel" betrachtet, weil sie als Parkvögel aus Amerika und Afrika von Natur aus nicht zur heimischen Vogelfauna gehören und unter Umständen zu bodenständigen Arten in Konkurrenz um Nistplätze und Nahrung treten.

Damit ist das Thema "hohe Zeit der wilden Gänse" möglicherweise noch nicht abgehakt. Wenn man in Parks und Zoos exotischen Gänsen weiterhin den Freiflug gestattet, werden weitere Arten wie die Rost- oder Streifengans versuchen, sich in der freien Natur zu beheimaten und ihre gewonnenen Habitate zu verteidigen. Wer sich am Anblick der Scharen wilder Gänse erfreut, darf nicht die Probleme außer Acht lassen, die sie vor allem den Bauern bereiten (Fraßschäden auf Äckern und Weideland). Auch gilt es sich bewusst zu machen, dass den vier neuen Vogelarten mehrfach so viele gegenüberstehen, die im selben Zeitraum in Westfalen durch menschliches Wirken ausgestorben oder zu Seltenheiten geworden sind.

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2021

Publikationsdatum: 11.01.2021

Autoren: Stichmann (Autor)

Schlagworte: Fauna, Gans, Naturschutz, Neozoon, Westfalen

Region: Westfalen gesamt