Ein Märchenvogel kehrt heim – der Weißstorch ist zurück in Nordrhein-Westfalen

von Wilfried Stichmann

 

Abb. 1: Storch mit Nachwuchs vor der Beringung (Foto: A. R. Bense 2015)

Der Weißstorch – ein Vogel mit Kulturgeschichte

Der Weißstorch (Ciconia ciconia) ist keine Vogelart wie jede andere. Aus Märchen- und Bilderbüchern ist er allen Kindern bekannt. Für Erwachsene war er früher ein beliebter Frühlingsbote, dessen Rückkehr aus dem Süden ungeduldig erwartet wurde. Ihm boten die Menschen den Nistplatz auf dem Hausfirst an. Für viele Kinder war er Adressat für den Wunsch nach einem Brüderchen oder Schwesterchen.

In der deutschen Sprache und Kultur spiegelt sich auf vielfältige Weise die enge Verbundenheit der Menschen mit diesem Kulturfolger. Der schon im Althochdeutschen belegte Name "Storch" ist aus keiner anderen indogermanischen Sprache ableitbar, d.h. völlig "eigenständig". Von Aristoteles bis zu den Kirchenvätern galt der Storch als verehrungswürdig wegen seiner Frömmigkeit, die in seiner kindlichen Dankbarkeit den Eltern gegenüber zum Ausdruck komme. In der Umgangssprache haben sich manche Redewendungen bis in die Gegenwart gehalten. Da geht jemand unbeholfen "wie ein Storch im Salat" oder meint verwundert "da brate mir doch einer einen Storch", ohne zu wissen, dass diese Aufforderung eigentlich gegen mittelalterliche Speisevorschriften verstößt, die es verbieten, Störche zu essen.

Die Zuneigung gegenüber den Störchen ist unverändert geblieben. Sein Nest auf dem Dach sollte das Haus gegen Blitz und Feuer schützen, seine Gegenwart allein schon sollte Glück verheißen. Durch sein weißes Federkleid, nur mit Schwarz an den Hand- und Armschwingen und mit Rot an Schnabel und Beinen, dazu nachbarschaftlich vertraut im Dorf und bei der Feldarbeit, war der Storch jedermann bekannt. Und eben dieser populäre Vogel sollte in Nordrhein-Westfalen zur Seltenheit werden und schließlich ganz aussterben?

Der Kreis Minden-Lübbecke – das "Storchenland" von NRW

Um 1990 gab es in ganz Nordrhein-Westfalen nur noch drei Storchenpaare, alle im Kreis Minden-Lübbecke an der Weser (Abb. 3). Dieser Schwund der Störche war für eine Gruppe engagierter Natur- und Heimatfreunde der Anlass für die Einrichtung des Aktionskomitees "Rettet die Weißstörche im Kreis Minden-Lübbecke", das die Wende in der Geschichte der Störche in der Region einleitete.

Ein glücklicher Umstand war, dass die 1986 gegründete Landesstiftung "Naturschutz, Heimat- und Kulturpflege" auf Anregung des damaligen NRW-Ministerpräsidenten Johannes Rau die Pflege des kulturellen und des natürlichen Erbes als Stiftungsziele wieder zusammenführte. Die Rettung des Weißstorchs war eine der großen Aufgaben, der sich die Stiftung in diesem Sinne stellte. Die Bewahrung des kulturellen und natürlichen "Schutzgutes Weißstorch" war ein erstes Beispiel für die Förderung übergreifender Anliegen von Naturschutz und Heimatpflege.

In den 1980er und 90er Jahren erwarb die Stiftung auf Antrag des Aktionskomitees im Mittelwesertal und in der Bastauniederung – auf viele Teil­flächen verteilt – 360 ha Grünland (inzwischen 480 ha), um es zur Vergrößerung des Nahrungsangebots der Störche teilweise wieder zu ver­nässen. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Bis zum Jahr 2000 hatte sich die Zahl der besetzten Storchenhorste im Kreis Minden-Lübbecke auf zehn erhöht und stieg seitdem von Jahr zu Jahr weiter an. 2019 brüteten hier nicht weniger als 89 fütterungsunabhängige Paare. Insgesamt wurden 175 Jungstörche flügge (Bense 2019 mdl.; Abb. 3).

Das Aktionskomitee für die Erhaltung des Weißstorchs im Kreis Minden-Lübbecke engagiert sich weiterhin für den Schutz und die Stabilisierung der Horste auf Hausdächern und Stallungen, auf Schornsteinen und Masten. So werden etwa mit Hilfe der Feuerwehr alljährlich alle Horste kontrolliert und die Jungen beringt. Darüber hinaus sorgen die Storchenfreunde für eine positive Grundhaltung der Bevölkerung gegenüber den in vielen Fällen erst nach Jahrzehnten wieder heimkehrenden gefiederten Nachbarn.

Auch in anderen Teilen NRWs, vor allem im Lippetal, im Münsterland und am Niederrhein, wurden Weißstörche wieder heimisch: Auf der Bislicher Insel (Kr. Wesel) brüten die Störche sogar kolonieartig. Schwerpunkte liegen auch im Umfeld der Zoos in Rheine und Münster. Hier schmarotzen Störche gern an Fütterungen in den Freigehegen von Zootieren.

NRW-weit wuchs die Zahl der Brutpaare bis zum Jahr 2018 auf 329, davon 271 mit Bruterfolg. Insgesamt flogen 674 Jungstörche aus. Weitere 122 Horstpaare wurden als "fütterungsabhängig" ermittelt, davon allein 113 im Zoo Rheine (Bense 2019 mdl.).

Die unerwünschte Zufütterung der Störche ist möglicherweise eine Ursache für das artuntypische Überwintern einzelner Störche. Aus dem Kreis Minden-Lübbecke haben im Winter 2019/20 glücklicherweise fast alle Störche die Winterreise angetreten.

Abb. 2: Jungstorch über den Dächern von Petershagen (Foto: A. R. Bense 2015)

Die dem Kreis Minden-Lübbecke angehörige Stadt Petershagen gilt mit dem alten Storchenland rundum, dem Zentrum der Schutzbemühungen und mit dem engagierten Storchenfreund, dem Arzt Dr. Dr. Alfons Rolf Bense, auch angesichts der überraschend erfreulichen Gesamtentwicklung als die "Storchenhauptstadt" Nordrhein-Westfalens. Hier, wo auf dem Dach des Alten Amtsgerichts gleich zwei Storchenpaare brüten, können Interessierte sogar die Streitereien um die Nester, den Nestbau und die Aufzucht der Jungen hautnah per Webcam live miterleben (http://stoerche-minden-luebbecke.de/cam.html).

Im Jahr 2000 erteilte die NRW-Stiftung im Rahmen eines Denkmalschutz-Projektes die Förderzusage für die Restaurierung des historischen Dreiständerhofs Wiehe, bekannt als "Wiehe No. 2". Hier konnte inzwischen das Westfälische Storchenmuseum eingerichtet werden, das seither nicht nur Natur- und Heimatfreunde in den nordöstlichen Zipfel des Bundeslandes lockt, sondern auch zum Ort für überregionale Weiß- und Schwarzstorch-Tagungen wurde.

Abb. 3: Weißstörche im Kreis Minden-Lübbecke – Brutpaare und ausgeflogene Jungstörche (Quellen: A. R. Bense 2016, 2017, 2018, 2019)

Das Zugverhalten und die Entwicklung des Storchenbestandes

Ein entscheidender Grund für die Zunahme der Störche in den letzten Jahren wird in der Veränderung des Zugverhaltens gesehen. Zwischen Rhein und Weser leben Störche zweier genetisch unterschiedlicher Populationen, von denen die eine im Herbst nach Südwesten, die andere nach Südosten zieht; die eine nach Spanien und über die Straße von Gibraltar nach West-, die andere über den Bosporus nach Ost- und Südafrika. Die Bestandszunahme wird allerdings nur bei den "Weststörchen" beobachtet, die zunehmend ihre Winterreise abkürzen und bereits in Spanien überwintern. Offene Mülldeponien und Reisfelder mit einer aus Amerika eingeschleppten Krebsart sichern den Störchen dort ein reiches Nahrungsangebot. Die kürzere Zugroute und weniger Gefahrenquellen senken die Mortalitätsrate. Obendrein kommen die "Weststörche" bis zu drei Wochen früher aus dem Winterquartier zurück und sichern sich die besten Horste, u.a. im Kreis Minden-Lübbecke.

Zudem wurden verstärkt an Naturschutzgebieten, vor allem an Feuchtwiesen, eigens für die Störche Masten als Neststandorte aufgestellt – auch in den Regionen, wo Störche noch niemals, zumindest aber in den letzten Jahrzehnten nicht vorkamen. Infotafeln machen dort Passanten auf die "Neubürger" aufmerksam. Im Lippetal führt eine Radroute zu den neuen Horsten, deren Bewohner sich mittlerweile an die fotografierenden Radtouristen gewöhnt haben.

Ob nun Rückkehr und positive Bestandsentwicklung dem Engagement der Naturschützer oder den Selbstheilungskräften der Natur zuzuschreiben sind, bleibt dahingestellt. Sicher ist, dass kaum eine andere Vogelart in den letzten Jahren so vielen Menschen Freude bereitet hat wie der Weißstorch.

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2020