Das Sikawild macht Furore: Kleine Hirsche beherrschen den Arnsberger Wald

von Wilfried Stichmann

 

Fast allen Wanderern dürften im Arnsberger Wald schon einmal Sikahirsche begeg­net sein. Die kleineren Verwandten der Rothirsche sind weniger scheu und heimlich. An der Straße vom Möhnesee in Richtung Süden zum Dorf Neuhaus ist eine besonders vorsichtige Fahrweise empfohlen. Vor allem in der Dämmerung äsen Sikas am Straßenrand und weichen den Autos nur zögerlich aus. Auf einer einzigen Wildwiese bei Völlinghausen (Gemeinde Möhnesee) wurden schon über 100 Tiere dieser Wildart gesehen, die dort bis in die Gärten waldnaher Siedlungen kommt (Abb. 1).

Abb. 1: Zu mehreren Dutzend äsen die Sikas auf einer Wiese im Arnsberger Wald (Foto: Norbert von Tolkacz)

Von Ostasien nach Südwestfalen

Das Sikawild ist in Europa nicht heimisch, hat sich hier aber gut akklimatisiert und stark vermehrt. Innerhalb von Nordrhein-Westfalen jedoch gibt es nur im Arnsberger Wald nennenswerte Vorkommen. Zu verdanken sind diese dem Hamburger Bankier Conrad Hinrich II Donner, der ab 1878 im Arnsberger Wald insgesamt 2.083 ha Wald erwarb und davon 805 ha mit einem zwei Meter hohen Zaun einfriedigen ließ. Im Jahr 1893 ließ der Baron von Donner eine unbekannte Zahl Sikawild – wohl zwischen sechs und zehn Tiere – in das Wildgatter einsetzen, in dem im Lauf der Jahre u.a. auch Wisente, Strauße, Mufflons, Axis- und Damhirsche lebten. Bis auf das Sikawild sind alle ausgesetzten Wildarten im Laufe der Zeit wegen mangelnder Angepasstheit oder Krankheiten verendet oder in ihre Herkunftzoos zurückgebracht worden. Möglicherweise hat der bekannte spätere Zoodirektor Carl Hagenbeck aus Hamburg, der mit dem Baron von Donner befreundet war, Einfluss auf die Besetzung des Wildparks genommen, in dem das Donnersche Jagdschloß Wilhelmsruh – heute als "St. Meinolf" – noch an diese von Jagd und Wild geprägte Zeit erinnert.

Die ursprünglich in Ostasien beheimateten Sikahirsche stammten wahrscheinlich aus Hirschfarmen, in denen sie der Bastgeweihe wegen gehalten wurden. Dort schnitt man ihnen die noch unfertigen Geweihe ab, um sie zu einem bis in neuere Zeit traditionellen Aphrodisiakum zu pulverisieren – ein für die Sikahirsche äußerst schmerzhafter Aberglaube.

Dagegen lebten die Sikahirsche im Donnerschen Wildpark unbehelligt. Schon vor 1920 hatte sich deren Bestand auf 270 Stück erhöht. Nur ein- oder zweimal waren zwei fremde Hirsche dazugekommen.

Info-Kasten "Das Jahr der Sikas"

Der Weg in die Freiheit

Im Jahr 1936, als der gesamte Donnersche Waldbesitz und damit auch der Wildpark durch Verkauf an die Opelsche Verwaltung überging, sorgte – ausgerechnet am Weißen Sonntag – ein halber Meter nasser Schnee in weiten Teilen des Arnsberger Waldes für die größte Schneebruch-Katastrophe der Geschichte. Aus ungezählten Fichten brachen unter der Last des Schnees die Kronen heraus. Sie fielen auch auf den Gatterzaun, der so schnell nicht repariert werden konnte. Bei dieser Gelegenheit entkam das erste Sikawild in die freie Wildbahn.

Endgültig frei wurden die Hirsche, als nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges beim Einmarsch der Amerikaner die Panzer das Gatter zerstörten. Seitdem bewegt sich das Sikawild frei im Arnsberger Wald, zunächst noch sehr ortstreu in Gatternähe. Später breitete es sich stärker nach Süden und Osten aus.

Abb. 2: Sikakühe und -kälber (Foto: Norbert von Tolkacz)

Drastische Bestandszunahme und ihre Auswirkungen

Inzwischen hat das Sikawild einen großen Teil des Arnsberger Waldes besiedelt. Intensive Hege und teilweise unerlaubte Fütterung haben mittlerweile in manchen Revieren zu völlig unangepassten Beständen geführt. Aktuelle Schätzungen reichen von 2.000 bis 3.000 Tieren.

Das besondere Interesse der Jägerschaft an den dekorativen Geweihen ist Ursache eines mittlerweile gestörten Geschlechterverhältnisses, d.h. des starken Überwiegens des Kahlwildes, also der Hirschkühe und -kälber (Abb. 2). Das Verhältnis des Sikawildes zum Rotwild ist – von der Konkurrenz an der Winterfütterung abgesehen – unproblematisch. Eine Kreuzung beider Hirscharten wurde im Arnsberger Wald bislang nicht nachgewiesen.

Die insgesamt hohe Zahl an Sikawild hat Auswirkungen auf den Wald, der unter Verbiss-, Schäl- und Fegeschäden leidet. Die Situation hat sich noch verschärft, seitdem die Katastrophenstürme "Kyrill" (s. Beitrag Schmidt) und "Friederike" Bäume hektarweise umwarfen und anschließend die Dürresommer und der Borkenkäfer im Nordteil des Arnsberger Waldes nahezu alle Fichtenbestände zerstörten (s. Beitrag Stichmann). Fast die Hälfte der Waldfläche ist oder wird kahl und muss demnächst wieder aufgeforstet werden. Ohne eine Wiederauffors­tung gäbe es im Arnsberger Wald einen Landschaftswandel wie seit dem Anfang des 19. Jh.s nicht mehr, als die devastierten Wälder wieder aufgebaut wurden.

Abb. 3: Jagdstrecke des Sikawildes in NRW und im Kreis Soest 2013/14 – 2019/20 (Quellen: MULNV NRW 2020, Kreis Soest 2020)

Dies allerdings wird nur möglich sein, wenn vorher der Sikawildbestand auf weniger als ein Drittel reduziert worden ist. Die meisten Inhaber von Jagdrevieren geben sich Mühe, dieses Ziel zu erreichen. Andere aber hegen die Sikas, so dass es weiterhin zu viel Sikawild gibt und von einer "tragbaren Wilddichte" noch keine Rede sein kann. Ohne Zaun können weder junge Laub- noch Nadelbäume heranwachsen. Die Hälfte der Waldfläche hinter Maschendraht aber mag man sich nicht vorstellen, von dem Aufwand und den Kosten ganz abgesehen. Auch der "Naturpark Arnsberger Wald", der gerade in der Nachbarschaft des Möhnesees stark besucht wird, würde durch flächendeckende Gatter an Attraktivität verlieren.

Der Absicht, den Sikahirsch als nicht heimische Tierart wieder zurückzudrängen oder gar vollständig zu eliminieren, haben allerdings nicht nur die Jäger, sondern auch die Natur- und Heimatfreunde widersprochen. Auf den Arnsberger Wald beschränkt und mengenmäßig dem Lebensraum angepasst, ist das Sika eine Bereicherung der heimischen Fauna. Die Population im Arnsberger Wald erhebt nicht nur Anspruch auf Alleinstellung im Lande, sondern nach 120 Jahren auch auf Heimatrecht.

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2020