Neubürger in der westfälischen Flora

01.01.2007 Reiner Feldmann

Kategorie: Naturraum

Schlagworte: Westfalen · Vegetation · Neophyt

weiterer Autor: Heinz Lienenbecker

Inhalt

Altheimische Arten und Archäophyten

Die Pflanzenwelt unseres Raumes setzt sich aus Arten zusammen, die zu ganz unterschiedlichen Zeiten eingewandert sind. In der Gruppe der indigenen (altheimischen) Pflanzen überwiegen entsprechend der nacheiszeitlichen Florenentfaltung Arten der Waldgesellschaften. Seit dem Neolithikum und mit dem Sesshaftwerden des Menschen steigt sein Einfluss auf die umgebende Landschaft nach Umfang und Intensität stetig an. Das hat Auswirkungen auf die Flora. Mit dem Ackerbau wird eine Vielzahl von Begleitarten der angebauten Feldfrüchte ("Unkräuter") eingeschleppt. Andere werden als Heilpflanzen (Kalmus, Goldrute, Fingerhut, Eibisch, Engelwurz) oder als Zierpflanzen (Goldlack, Gelber Lerchensporn, Märzveilchen) eingeführt. Diese erste Gruppe gebietsfremder Arten, die bis in das Mittelalter hinein unter direkter oder indirekter, bewusster oder unbewusster Mithilfe des Menschen eingeführt wurden, nennen wir Archäophyten.

Neophyten

Nach der Entdeckung Amerikas bringt der zunehmende weltweite Handel eine Vielzahl neuer Arten nach Mitteleuropa. Ausgehend von den Umschlagplätzen Hafen und Güterbahnhof sowie von den Lager- und Verarbeitungsstätten, breitet sich ein Strom dieser Neophyten, der Neueinwanderer aus der Zeit nach 1500, aus aller Herren Länder aus. Die großen Lieferanten für den Transport und die Einführung der exotischen Arten waren: Wolle und Baumwolle (Verarbeitung der Ballen in Wollkämmereien), Obst und Südfrüchte (Heu und Stroh als Verpackungsmaterial), Ölfrüchte: Raps, Lein, Soja, Erdnuss (Verarbeitung in Ölmühlen), Getreide und Saatgut (auch heute noch: Grünlandeinsaaten mit Luzerne, Lupine, Ackersenf, Ägypterklee u. a.).
Abb. 1: Verbreitung des Dänischen Löffelkrautes in Westfalen (Entwurf: H. Lienenbecker, Quelle: Haeupler, Jagel & Schumacher 2003, S. 228)
Auch die Verkehrswege des Menschen werden für die Ausbreitung von Pflanzen und sogar als Lebensraum genutzt, selbst dann, wenn sie für den Pflanzenwuchs so unwirtlich erscheinen wie die Bundesautobahnen. Ein Beispiel aus jüngster Zeit ist das Dänische Löffelkraut, Cochlearia danica, dessen Heimat die Salzwiesen der deutschen Nordseeküste sind. Die Karte 521 im Verbreitungsatlas der Farn- und Blütenpflanzen der Bundesrepublik Deutschland (Haeupler & Schönfelder 1989) zeigt diesen Zustand noch an. Aber schon 1986 wurde die Pflanze erstmalig in Westfalen, am Autobahnkreuz Lotte/Osnabrück (A 1/A 30), gefunden (Lienenbecker 2000). In den Folgejahren drang sie auf der A 1 bis zum Ruhrgebiet vor, gelangte auf die benachbarten und kreuzenden Autobahnen und besiedelt inzwischen überall die Mittelstreifen. Lücken gibt es nur im Weser- und Süderbergland, wo es für die atlantische Art im Winter zu kalt ist. Die winterlichen Streumaßnahmen haben der salzliebenden Pflanze den Weg ins Binnenland geebnet. Die Verbreitungskarte (Abb. 1) zeigt das aktuelle, durch weitere Funde inzwischen noch zu ergänzende westfälische Verbreitungsmuster der Pflanze; zugleich zeichnet sie recht genau den Verlauf der Autobahnen nach.

Die Schienenstränge der Eisenbahn werden auf ähnliche Weise genutzt. Der wärmeliebende Purpur-Storchschnabel, Geranium purpureum, hat sein Hauptareal im westlichen Mittelmeerraum. 1992 galt er im Raum Basel als eingebürgert. Über das Rheintal und das Ruhrgebiet gelangte er entlang der Strecke Dortmund - Hannover bis 2002 ins Lippische Bergland. Der Dreifinger-Steinbrech, Saxifraga tridactylitis, als wämeliebende Art der Mauerkronen recht selten geworden, besiedelt inzwischen die Schotterflächen der Bahn und ist von Südosten kommend 2001 bis nach Rheine vorgedrungen. Als weitere Eisenbahnwanderer seien genannt: Zackenschote, Bunias orientalis, Stachellattich, Lactuca serriola, Schaumkresse, Cardaminopsis arenosa, Nachtkerzen-Sippen der Gattung Oenothera.

Zierpflanzen und ihre exotischen Begleitarten haben sich nicht selten aus Gärtnereien, Baumschulen und sogar Botanischen Gärten verflüchtigt. Das Franzosenkraut, Galinsoga parviflora, verwilderte um 1800 aus dem Botanischen Garten in Paris, das Kleine Springkraut, Impatiens parviflora, 1837 aus dem Botanischen Garten Berlin-Dahlem. Die Strahlenlose Kamille, Matricaria discoidea, entwich um 1850 aus Berlin-Schöneberg. Mit Baumschulware sind die Samen des Tellerkrauts, Claytonia perfoliata, des Spring-Schaumkrauts, Cardamine hirsuta, und des Gehörnten Sauerklees, Oxalis corniculata, in unsere Gärten gelangt und inzwischen in weiten Teilen des Landes allgegenwärtig. Zu den Gartenflüchtlingen gehört auch die Nachtviole, Hesperis matronalis, die seit dem 16. Jh. in Bauerngärten gehalten wurde, heute aber kaum noch als Gartenpflanze gepflegt wird, dafür aber an Wegeböschungen am Ortsrand vieler Dörfer vor allem des Berglandes und in den Fluss- und Bachauen in großen duftenden Beständen gedeiht. Auch das Zymbelkraut, Cymbalaria muralis, ist aus den Gärten längst verschwunden und wächst stattdessen in Mauerfugen inmitten der kleinen Mauerfarn-Arten.
Abb. 2: Riesen-Bärenklau (Heracleum mantegazzianum) (Foto: R. Feldmann)

Problemfälle

Als kritisch für die heimische Flora ist das gezielte Ausbringen kultivierter Arten in die freie Landschaft zu bewerten: Gartenteichbesitzer entsorgen ihren wuchernden Überschuss an Vegetabilien im nächsten Kleingewässer (dort findet man dann später Krebsschere, Fieberklee und Schwanenblume). Gartenpflanzen (Schneeglöckchen, Osterglocken, Silberblatt) gelangten durch Gartenabfälle unter Hecken und in Feldgehölze. Auch aus der Fisch- und Forstwirtschaft ist die Ausbringung gebietsfremder Arten bekannt. Solche "Ansalbungen" hat der Gesetzgeber ausdrücklich untersagt.

Besonders problembelastet ist das in den letzten Jahrzehnten sich vollziehende invasive Eindringen bestimmter längst etablierter Neophyten in heimische Pflanzengesellschaften. Es handelt sich dabei um wenige, dafür aber sehr auffällige und auch in der Öffentlichkeit bekannte Arten: den Riesen-Bärenklau (die "Herkulesstaude", Abb. 2), Heracleum mantegazzianum, das Drüsige Springkraut, Impatiens glandulifera (Abb. 3) und die beiden Staudenknöterich-Arten Fallopia japoncica und F. sachalinensis. Gelegentlich verdrängt ein Neophyt den anderen; so geschieht das gegenwärtig in den Ruhrstauseen, wo die Schmalblättrige Wasserpest, Elodea nuttallii, eine Massenvermehrung durchmacht (ihre übergroßen Bestände werden von Booten aus maschinell gemäht!) und dabei der bereits seit längerem eingebürgerten Kanadischen Wasserpest, E. canadensis, das Leben schwer macht.
Abb. 3: Drüsiges Springkraut (Impatiens glandulifera) (Foto: R. Feldmann)

Fazit

Die aufgeführten Arten haben sich über mehrere Generationen an ihren neuen Standorten gehalten und sich in bestehende Lebensgemeinschaften eingepasst (oder, je nach Sichtweise, eingedrängt). Wenn sie sich auch noch selbstständig vermehren, gelten sie als eingebürgert. Alle anderen bei uns eingeschleppten Arten - und ihre Zahl geht in die Tausende - sind nur vorübergehende, unbeständige, ephemere Gäste unserer Flora.  Man findet diese Adventivpflanzen heute bevorzugt an nährstoffreichen offenen und gestörten Standorten: Ruderalstellen, Industriebrachen, Schutt- und Müllplätzen. Spätestens nach einem strengen Winter oder nach aufkommender Beschattung durch Bewuchs sind sie zumeist wieder verschwunden.

Unsere Flora ist in einem ständigen Wandel. Bei mehr als einem Drittel aller Arten ist heute ein Rückgang feststellbar, der im schlimmsten Fall zum Verschwinden ganzer Sippen führt. Alle Anstrengungen des Arten- und Naturschutzes haben das nicht verhindern, sondern allenfalls abschwächen oder verlangsamen können. Die Neophyten stellen für die verschwundenen botanischen Kostbarkeiten keinen echten Ersatz dar. Dennoch sollten die Neubürger als Elemente eines unvermeidlichen und letztlich auch natürlichen Florenwandels akzeptiert werden - auch wenn uns das bei den hochinvasiven Arten gelegentlich schwer fallen mag. Eine vorurteilsfreie, sachkundige Beurteilung der "Neophyten-Problematik" kommt inzwischen zu dem Ergebnis, dass "eine Bedrohung für einheimische Pflanzenarten durch Verdrängung  …  von der weitaus größten Zahl der Neophyten" nicht ausgeht (Schmitz & Lösch 2005).

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2007