Bienenvölker in Westfalen

von Reinhard Köhne

 

Vom Baumstamm zur Styroporbeute

Seit den Anfängen der Kulturgeschichte hat der Mensch die Honigbiene wegen des Honigs und des Bienenwachses in seine Rohstoffversorgung einbezogen. So war die Waldbienenhaltung, bei der die Bienenvölker in ausgehöhlten Baumstämmen gehalten wurden, während des Spätmittelalters in Süddeutschland verbreitet. In Westfalen ist die Bienenhaltung auf Bauernhöfen überliefert, da die Pflege und Ernte der Bienenvölker im hofnahen Bereich einfacher ist. So erhielt das Damenstift Meschede im 13. Jh. 100 Kannen Honig von 300 abgabepflichtigen Höfen im Sauerland und in der Soester Börde. Sechs Pfund Bienenwachs an die Pfarrkirche für Kerzen  zählten lokal noch 1807 zu den Naturalabgaben des Köhne-Erbgutes in Schmallenberg-Berghausen.

Auf die ausgehöhlten Baumstämme folgten aus Stroh geflochtene Bienenkörbe oder Holzkästen, und heute ersetzen transportable Styroporkästen das Bienenhaus.

Seit dem 18. und 19. Jh. begann mit der wissenschaftlichen Erforschung des Sozialverhaltens und der Kommunikation im Bienenstaat die neuzeitliche Phase der Imkerei. Erfahrene Praktiker optimierten die Honiggewinnung in Magazinkästen. Mit dem Anbau der Zuckerrübe entstand seit dem 19. Jh. ein konkurrierendes Süßungsmittel. Ein wachsendes Netzwerk von Imkervereinen setzte die Ergebnisse der Forschung in die Praxis um. Zu den Gründungsvätern gehörten Lehrer, Landwirte und Handwerker. So wurde die Bienensprache zur Vermittlung der Futterquelle entdeckt, und als 1913 die Bienen in Europa infolge einer Seuche vom Aussterben bedroht waren, gelang die Züchtung der friedlich-fleißigen westlichen Honigbiene in einem englischen Benediktinerkloster.

Honigbiene im Staudengarten Abb. 1: Honigbiene im Staudengarten (Foto: R. Köhne)

''ei, wir tun dir nichts zu leide, flieg nur aus in Wald und Heide''

Als Hoffmann von Fallersleben 1843 in seinem Kindergedicht das summende Bienchen ermunterte, die Kulturlandschaften der vorindustriellen Zeit zu nutzen, war das Artenspektrum der Bienenweide noch vielfältig. Extensiv genutzte Heiden und Moore hatten in der Westfälischen Bucht einen hohen Anteil an der landwirtschaftlichen Nutzfläche. Artenreiche Wiesen und Weiden, ausgedehnte Obst- und Gemüsegärten boten in der warmen Jahreszeit ausreichend Nektarquellen. Die Salweide mit ihren Kätzchen und die Frühjahrsblüher lieferten an den Waldrändern und in den Wallhecken erste Bienennahrung. Im Juli blühte die Linde, und auf den Blättern bildete sich der süße "Himmelstau". Auch die duftenden Blüten der Robinie, der Ahorn im Wald und die Rosskastanien an den Alleen wurden im Mai/Juni von den Bienen gerne angeflogen. In den Haubergen und Wildländern Südwestfalens war der im Juli und August massenhaft blühende Gamander eine wichtige Futterquelle für die Bienenvölker. Schließlich lieferte das Heidekraut im September einen aromatischen Honig.

Bienen in einer veränderten Kulturlandschaft

Heute haben die Bienen größere Schwierigkeiten, geeignete Nahrungsquellen zu finden. Das explosive Bevölkerungswachstum seit dem 19. Jh. erforderte das Nahrungsmittelangebot zu steigern und zu erweitern. Heiden wurden meistens mit Nadelhölzern aufgeforstet und Moore abgebaut oder kultiviert (s. Beiträge Hetzel/Schmitt und Otto). Durch die Einführung der Silagefütterung in der Viehhaltung wird das Grünland jährlich drei- bis viermal gemäht, so dass Blütenpflanzen kaum noch Chancen haben, sich durch Samen zu vermehren. Lediglich der Löwenzahn schafft es, auf den "Güllewiesen" eine Blütezeit einzubringen. Auf dem Ackerland müssen Düngung, Pestizide und Insektizide die Getreideernte sichern, und der Mais dient nicht mehr nur als Futterpflanze, sondern zunehmend als Energiepflanze in den Biogasanlagen (s. Beitrag Wittkampf). Einen Massenertrag bringt nur noch die Rapsblüte im Mai. Im Wald hat der Hochwald der modernen Forstwirtschaft mit überwiegenden Fichtenkulturen die Niederwaldwirtschaft mit Birken und Eichen verdrängt.

Freistand am Waldrand bei Meschede-Calle Abb. 2: Freistand am Waldrand bei Meschede-Calle (Foto: R. Köhne)

Die westfälische Imkerei in der Neuzeit – Bienenhaltung im Sinkflug

Nach der sog. Hebeliste des Landesverbandes Westfälischer und Lippischer Imker betreuten im Jahr 2015 rund 7.800 Imker knapp 48.500 Bienenvölker. Ihre meist nebenberuflich ausgeübte Arbeit wird durch das Bieneninstitut der Landwirtschaftskammer Westfalen-Lippe in Münster durch Vermittlung der Bienenkunde und Ausbildung von Tierwirten unterstützt.

Sechs Bienenvölker entfallen durchschnittlich auf einen Imker, was einen jährlichen Zeitaufwand je Volk von 8–10 Stunden erfordert. Die Anzahl der Imker ist von ca. 15.500 im Jahr 1952 auf 6.000 in 1975 gesunken und erst im letzten Jahrzehnt wieder angestiegen. Auch die Anzahl der Bienenvölker hat einen dramatischen Rückgang von 155.000 in 1952 über 60.000 in 1978 auf einen Tiefpunkt mit 37.500 Völkern in 2008 erlebt. Dazu hat wesentlich die Einschleppung der aus Asien stammenden Varroamilbe beigetragen, die 1977 erstmalig in Deutschland nachgewiesen wurde. Der Befall führt bei der ungeschützten europäischen Biene zu hohen Winterverlusten oder zum Absterben ganzer Völker. Die Bekämpfung durch sorgfältige Kontrollen und biologische Säuren verhinderte das Aussterben und ermöglichte einen Wiederanstieg.

Wie wichtig Bienen für die Landwirtschaft sind zeigt die Tatsache, dass 80% unserer Nutzpflanzen von Bienen bestäubt werden müssen.

Abb. 3: Bienenvölker und Imkervereine in Westfalen (Stand 08/2015) (Quelle: Landesverband Westfälischer und Lippischer Imker e.V. 2015)

Standortfaktoren der Imkerei in Westfalen

Ein Bienenvolk benötigt lokal einen sonnigen, windgeschützten Stand, eine Wasserquelle und ein über Frühling und Sommer blütenreiches Umfeld. Da die Biene für ihre Aktivitäten eine Lufttemperatur von 10–14°C benötigt, ist auch das Kleinklima im Umland von Bedeutung.

Damit ist das Südergebirge mit seinem feuchtkühlen Klima, einer verkürzten Vegetationsperiode und den ausgedehnten Hochwäldern eher ein natürlicher Ungunstraum. Dennoch zeigt der Kreisimkerverband  (KIV) Siegerland mit einer Konzentration von über 2.600 Völkern (Abb.3), dass im Verbundsystem Mensch-Honigbiene-Blüte der anthropogene Faktor eine wichtige Rolle spielt. Letztlich wird das "halbwilde Haustier" Honigbiene von Imkern gehalten, und ihr traditionelles Engagement sorgt im Siegerland seit 150 Jahren für eine hohe Erschließung der Mittelgebirgsmulde.

Ein disperses Verteilungsmuster mit relativ hohem Besatz charakterisiert den altindustriellen Verdichtungsraum zwischen Ruhr und Lippe. Bienenhaltung in städtischen Wohngebieten stößt auf Verbote, die Bebauungspläne oder das Nachbarschaftsrecht vorgeben. Dennoch bieten Grünflächen, Friedhöfe, Parks und Kleingärten (s. Beitrag Rohleder) Potenziale für die Imkerei. Dass diese in den letzten Jahren in urbanen (Rand-)Bereichen an Attraktivität hinzugewonnen hat, zeigen nicht zuletzt die mittlerweile (2015) westfalenweit höchsten Bienendichten in den KIV Ennepe-Ruhr und Unna (Abb. 3).

Die Bienenschwerpunkte in Ostwestfalen zwischen den KIV Höxter, Lippe, Herford und Minden (ca. 1.150 bis knapp 2.300 Völker) belegen, dass auch in den durch die Suburbanisierung geschaffenen Wohnflächen dank der großzügigeren Grundstückszuschnitte Bienenhaltung ermöglicht wird.

Ein natürlicher Bienengunstraum ist sicherlich die Westfälische Tieflandsbucht. Zudem begünstigt die hier vorliegende vielfältige Siedlungstruktur mit städtischen Zentren, Dörfern und Einzelhöfen die Präsenz der Bienenvölker. Bei einem Aktionsradius der Bienen von 1–3 km sind allerdings auch unterversorgte Bereiche erkennbar, wie z.B. im Kernmünsterland.

Da die 2013 beschlossene EU-Agrarreform die Flächensubventionen von der Stilllegung von 5% der Ackerfläche abhängig machen will, darf auch die Imkerei hoffen, im ländlichen Umfeld wieder mehr Nahrungspflanzen zu finden und die Artenvielfalt zu fördern.

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2014, Aktualisierung 2015

Publikationsdatum: 05.10.2015

Autoren: Köhne (Autor)

Schlagworte: Biene, Fauna, Imkerei, Westfalen

Region: Westfalen gesamt