Orthodoxe Gemeinden und Gottesdienststätten in Westfalen

von Gerassimos Katsaros

 

"Die Identität der Orthodoxie [von griech. orthós=gerade, aufrecht, richtig, recht und doxázo=preisen] besteht weder in einem Lehrsystem gesicherter Wahrheiten noch in einem Organisationssystem, sondern in ihrer Liturgie, in der die Schöpfung die Gemeinschaft mit ihrem Schöpfer erfährt und in einer Theologie der Hymnen die "das große Mysterium der Frömmigkeit" doxologisch artikuliert, ohne die Absicht, eine verbindlich-lehrmäßige Formulierung zu geben." (Kallis 1999, S. 15)

Die orthodoxe Kirche ist nicht zentral gelenkt und hierarchisch organisiert, sondern besteht aus autokephalen (rechtlich und geistlich selbstständig mit eigenem Oberhaupt) bzw. autonomen (verwaltungsmäßig selbstständig, aber in mancher Hinsicht von einer autokephalen Kirche abhängig) untereinander gleichberechtigten Patriarchaten und Landeskirchen. Dieses dezentrale Systemgebilde, in dem sich jeweils eigene nationale, kulturelle und sprachliche Ausprägungen der Orthodoxie finden, wird durch das gemeinsame Glaubensbekenntnis verbunden und bildet die Einheit der orthodoxen Kirche.
Orthodoxe Gemeinden in Westfalen Abb. 1: Orthodoxe Gemeinden in Westfalen (Entwurf: G. Katsaros, Quellen: s. Literatur)

Die orthodoxe Kirche ist in kanonische und nichtkanonische Kirchen zu differenzieren. Kanonische Kirchen stehen in vollständiger Kirchengemeinschaft mit dem ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel. Diese, im westfälischen Raum vertretenden Kirchen, sind in Abb. 1 unter den Punkten 1 - 5 aufgelistet. Nichtkanonische orthodoxe Kirchen (Orientalische orthodoxe Kirchen), die sich  aus theologischen oder politischen Gründen von dem ökumenischen Patriarchat oder einer kanonischen Kirche getrennt haben und in Westfalen präsent sind, sind ebenfalls in Abb. 1 (6 - 8) dargestellt. Zudem ist in Westfalen eine orthodoxe Kirche von strittiger Kanonizität vertreten (ebd., 9), die von den kanonischen Kirchen nicht anerkannt ist.

Der Ursprung der orthodoxen Gemeinden und Diözesen in Deutschland geht auf das 17. und 18. Jh. zurück. Die meisten damals gegründeten Gemeinden wiesen einen temporären Charakter auf, und ihre Gründungen gingen auf russisch- bzw. griechisch-deutsche ökonomische und diplomatische Beziehungen im Reichsgebiet zurück. Bis Anfang des 20. Jh.s war der Aktionsradius der wenigen orthodoxen Gemeinden nur lokal, erst nach der russischen Oktoberrevolution bildete Berlin die erste Station für viele russischen Emigranten. Die 1927 gegründete "Russische Auslandskirche" sieht sich als einzige legitime Erbin der vorrevolutionären Russischen Kirche und wird in Deutschland von der "Russischen Orthodoxen Diözese von Berlin und Deutschland" vertreten. Ihr innerorthodoxer kanonischer Status ist nach wie vor nicht geklärt. Sie ist in Westfalen in vier Städten präsent (Abb. 1, 9). Das Moskauer Patriarchat hingegen gründete 1945 das Bistum von Berlin und Mitteleuropa, das nach der Wiedervereinigung Deutschlands als "Berliner Diözese der Russischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats" den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts des Landes Berlin erlangte. Im westfälischen Raum ist sie mit fünf Gemeinden vertreten (Abb. 1, 3).

Die Zuwanderung von Arbeitnehmern aus orthodox geprägten Ländern wie Griechenland und Jugoslawien war der wichtigste Grund der Ausbreitung der Orthodoxie auch in Westfalen. Im Jahre 1963 ist die "Griechisch-Orthodoxe Metropolie von Deutschland und Exarchat von Zentraleuropa" (Abb.1, 1.1) durch patriarchischen und synodalen Beschluss errichtet worden und weist seit 1974 den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts auf. 1969 erfolgte die Gründung des "Serbischen Bistums für Mittel- und Westeuropa" (Abb. 1, 4).

Die Mehrzahl der orthodoxen Gottesdienststätten liegt in größeren Städten mit hoher Bevölkerungskonzentration (Abb.1), insbesondere in den Industriezentren des Ruhrgebiets (Herten, Dortmund, Hagen) sowie in Bielefeld, Gütersloh, Lüdenscheid und in Siegen, wo die Vielzahl der "Gastarbeiter" nach ihrer Anwerbung in den 1960er- und 1970er Jahren im sekundären Sektor Beschäftigung fanden (vgl. dazu Gorki 2002 insb. Karte 1.4). Glaubte man noch Ende der 1960er Jahre, dass die orthodoxen Gemeinden in Deutschland nur provisorisch  für eingewanderte "Gastarbeiter" eingerichtet wurden, so stellen sie heute mit den orthodoxen Diözesen eine feste Institution der Gesellschaft dar. Sind die Messen in den ersten Jahrzehnten überwiegend in katholischen und evangelischen Kirchen gefeiert worden, so verfügen heute immer mehr orthodoxe Gemeinden über eigene Gotteshäuser, die oft mit einem Gemeindezentrum verbunden sind. Ein besonderer Höhepunkt orthodoxer Spiritualität ist die jährliche Wallfahrt zur byzantinischen Marienikone "Panagia Skopiotissa", Beschützerin der Orthodoxen, die in der historischen St. Gertrudis-Kirche in Morsbach (südöstlichste Gemeinde des Oberbergischen Kreises) aufbewahrt wird.

Der Bevölkerungszustrom aus Ost- und Südosteuropa in der 1990er Jahren veranlasste die Gründung zweier neuer orthodoxer Bistümer in Deutschland: 1993 wurde die "Rumänische Metropolie für Deutschland und Zentraleuropa" (Abb. 1, 5) und 1994 die "Bulgarische Diözese von West- und Mitteleuropa" (ohne Gemeinden in Westfalen) mit Sitz in Berlin gegründet. 1995 folgte die Gründung der "Ukrainischen Orthodoxen Eparchie von Westeuropa", die im westfälischen Raum mit einer Gemeinde in Bielefeld vertreten ist (Abb. 1, 1.2). 1994 gründete sich die "Kommission der Orthodoxen Kirche in Deutschland" (KoKiD). Sie umfasst alle kanonischen orthodoxen Diözesen in Deutschland, nimmt bestimmte panorthodoxe Aufgaben wahr und repräsentiert die Orthodoxie in Deutschland in bestimmten gemeinsamen Belangen gegenüber den Ländern, dem Bund, der Gesellschaft und den anderen christlichen Kirchen (www.kokid.de).

Zu den Orientalisch-Orthodoxen Kirchen in Westfalen zählen die Koptisch-Orthodoxe (ägyptische orthodoxe Christen), die Syrisch-Orthodoxe und die Armenisch Apostolische Kirche. Obwohl die Mitgliedszahlen der Koptisch-Orthodoxen Kirche (Abb. 1, 6) in Deutschland sehr gering sind (Abb. 1), gibt es in Höxter das Koptisch-Orthodoxe Kloster der Jungfrau Maria und des heiligen Mauritius. Die seit 1993 übernommene ehem. Klosteranlage Brenkhausen wird für ökumenische, kulturelle und soziale Zwecke genutzt (www.koptisches-kloster-hoexter.de). Zudem existiert in Borgentreich das Koptische Dorf. Auf dem Areal eines 1993 aufgegebenen Militärgeländes soll mit der Gründung eines Internats, eines koptischen und altägyptischen Museums für Kunst und Geschichte, eines Informationszentrums und einer koptisch-orthodoxen Kapelle eine Gebets- und Begegnungsstätte entstehen.

Über ein Kloster in Warburg verfügt auch die 1997 gegründete "Syrisch-Orthodoxe Diözese für Deutschland" (Abb. 1, 7) der Syrisch-Orthodoxen Kirche. Das ehem. Dominikanerkloster (1892 - 1993) dient heute als Kloster und Diözesesitz der Syrisch-orthodoxen Kirche. Der Ausbau der Anlage mit Konferenz- und Tagungsräumen sowie einem Dokumentationszentrum verleiht dem Kloster eine bedeutende Stellung der syrischen Orthodoxie in Europa (www.klosterregion.de). In Deutschland gibt es heute 44 syrisch-orthodoxe (aramäische) Gemeinden, und die Zahl der eigenen Kirchen liegt etwa bei 25 (www.stephanus-gt.com), neun davon in Westfalen. Ihre Konzentration im ostwestfälischen Raum geht auf die Zuwanderung von orthodoxen Aramäern im Zuge der Arbeitsmigration Anfang der 1970er Jahre und später auf den Zuzug von Flüchtlingen insbesondere aus der südöstlichen Türkei zurück.

Schließlich ist in Westfalen die Armenische Apostolische Kirche (Abb. 1, 8) mit einer Gemeinde in Bielefeld vertreten.

Die orthodoxe Kirche bildet heute nach der evangelischen und katholischen Kirche die drittstärkste christliche Kirchengemeinschaft in Deutschland bzw. in Westfalen (s. Beitrag Krech). Die derzeitige Präsenz der orthodoxen Christen in Westfalen ist von einer kurzfristigen und vorübergehenden zu einer auf Dauer angelegte Erscheinung geworden. Aus diesem Grunde bemühte sich die Orthodoxe Kirche in Deutschland auch um die Einrichtung des orthodoxen Religionsunterrichtes als ordentliches Lehrfach an staatlichen Schulen, was u.a. in Nordrhein-Westfalen realisiert wurde. Zudem gibt es seit 1979 an der Universität Münster einen Lehrstuhl für orthodoxe Theologie.

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Weiterführende Literatur/Quellen

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Erstveröffentlichung 2007