Mit Dorferneuerung fit für die Zukunft – das Beispiel Ahaus-Alstätte

von Frank Bröckling und Jana Werring

 

Dorferneuerung als Maßnahme ländlicher Entwicklung

Dorferneuerung als Maßnahme der ländlichen Entwicklung wird bereits seit 1982 durch das Land Nordrhein-Westfalen, seit 1984 im Rahmen der Gemeinschaftsaufgabe "Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes (GAK)" sowie seit 1990 auch durch die EU gefördert. Heute sind Dorfentwicklung und Dorferneuerung innerhalb des NRW-Programms "Ländlicher Raum 2007–2013" festgeschrieben und gemäß der "Nationalen Rahmenregelung der Bundesrepublik Deutschland für die Entwicklung ländlicher Räume" sowie nach Art. 52b, ii, VO (EG) 1698/2005 förderfähig (MUNLV 2007). Sie werden prioritär zur Umsetzung eines integrierten ländlichen Entwicklungskonzeptes (ILEK) bzw. des Schwerpunktes 4 der VO (EG) 1698/ 2005 – LEADER gefördert (s. Beitrag Rohleder). Insbesondere private Dorferneuerungsmaßnahmen können nur noch in diesem Zusammenhang gefördert werden (MUNLV 2007).

Die Ziele der Dorferneuerung und -entwicklung des Landes NRW lassen sich nach öffentlichen und privaten Maßnahmen unterscheiden. Im öffentlichen Bereich zielt die Förderung auf eine Verbesserung der Infrastrukturausstattung, der Wohn- und Lebensqualität sowie des Umweltzustandes ab. Im privaten Bereich stehen insbesondere der Erhalt ortsbildprägender Bausubstanz als Teil des ländlichen kulturellen Erbes sowie die Schaffung neuer Nutzungsmöglichkeiten für ehemals ländliche ortsbildprägende Gebäude im Fokus eines aktiven dörflichen Lebens.

Vom Beginn der Förderung im Jahr 1984 bis heute haben sich die Problemsicht und -bearbeitung in den Dörfern von einer anfangs vor allem baulich orientierten Phase hin zu einer interdisziplinären, integrierten Betrach­tungsweise entwickelt (vgl. MUNLV o. J.).

Dorfentwicklungskonzept: Bestandteile der Gesamtstrategie Abb. 1: Dorfentwicklungskonzept: Bestandteile der Gesamtstrategie (Grafik: planinvent 2009)

Instrument Dorfentwicklungskonzept

Ein Dorfentwicklungskonzept stellt eine umfassende ganzheitliche Zu­kunftsaussicht für einen Ort mit maximal 10.000 Einwohnern dar. Nach einer Analysephase werden Zielsetzungen und konkrete Projekte erarbeitet. Die Ausrichtung ist dabei wie bei einem ILEK sektorübergreifend, partnerschaftlich, dy­namisch und langfristig und somit möglichst nah an der dörflichen Realität und Tradition (s. Beitrag Bröckling/Löwer).

Diese Möglichkeit der informellen Planung wird als Steuerungsinstrument für zukünftige Entwicklungen genutzt. Auch wenn die Konzepterstellung von Seiten der zuständigen Bezirksregierung unterstützt wird, handelt es sich um kein formal-rechtliches Planungs­ins­trument. Dorfentwicklungskonzepte können je­doch wichtige strategische Inhalte zur Flächennutzungsplanung oder anderen formellen Planungen beitragen.

Mit der Erstellung eines Dorfentwicklungskonzeptes bietet sich die Möglichkeit zur fachübergreifenden, individuell auf die jeweiligen Ortslagen bezogenen Betrachtung aller relevanten Aufgabenfelder. Die Grundlagenermittlung entlang Themenfeldern wie Demographie, Wirtschaftsentwicklung, Land- und Forstwirtschaft, Verkehr, Tourismus, Kultur, Ortsgestalt sowie Um­welt und Natur stellt einen ersten Schritt bei der Konzeptentwicklung dar (Abb. 1).

Die dort gesammelten Er­kenntnisse werden in eine Stärken-Schwächen-Analyse überführt, welche die Ausgangsbasis für die thematischen Arbeitskreissitzungen zur Projektentwicklung sowie für die Entwicklung der Gesamtstrategie bilden (Abb. 2).

Ziel eines Dorfentwicklungskonzeptes ist es, die gewachsenen Strukturen und charakteristischen Eigenarten eines Dorfes an aktuellen und zu erwartenden zukünftigen Rahmenbedingungen zu spiegeln, sie langfristig zu erhalten und gleichzeitig eine nachhaltige Entwicklung anzustreben. Hierfür zeigen Dorfentwicklungskonzepte mögliche Ziele und Projekte auf. Dabei ist das erarbeitete Konzept keine statische Momentaufnahme, sondern kann seine langfris­tige Wirkung nur durch Fortschreibungen und Anpassungen an sich verändernde Rahmenbedingungen entfalten.

Herausforderungen im Dorf

Die Dörfer in Westfalen stehen vor großen Herausforderungen. Der teilweise sehr deutliche Strukturwandel in der Landwirtschaft (s. Beitrag Becks), die Veränderungen der wirtschaftlichen Strukturen und damit der Arbeitsplätze, die Auswirkungen des demographischen Wandels (s. Beitrag Reiche) und die anstehenden klimatischen Veränderungen führten und führen zu gravierenden Veränderungen in den Dörfern. Die Phase des starken Wachstums mit immer neuen Baugebieten an den Dorfrändern wird mittlerweile in vielen Dörfern von einer Unsicherheit überlagert, inwieweit der Dorfkern noch mit Leben gefüllt werden kann. In dieser Situation ist mit der Dorfentwicklung ein Instrument gegeben, mit dem diese Veränderungen mit ihren Chancen und Risiken bewusst gemacht werden können. In der Dorfgemeinschaft kann so ein Konzept für die Zukunft entwickelt werden, das die Lebensqualität und Attraktivität des Dorfes nachhaltig stützt.

Dorfentwicklung als Gemeinschaftsprojekt

Dorfentwicklung ist im Wesentlichen ein Projekt der Dorfgemeinschaft. Der integrierte und partizipative Ansatz ist dabei der Schlüssel zu einem erfolgreichen Dorfentwicklungskonzept. Ziel dieses informellen Konzeptes ist es, Leitbilder, Strategien und Handlungsansätze für eine nachhaltige Entwicklung des Dorfes zu formulieren. Dabei sind die lokalen Akteure unverzichtbar: Die Einbindung der Bürgerinnen und Bürger einerseits, von Politik, Verwaltung und öffentlichen Interessenträgern andererseits ist ein wichtiger Schritt hin zur Bildung einer Verantwortungsgemeinschaft. Nur so kann den Herausforderungen an die künftige Dorfentwicklung begegnet werden. Nicht nur der kurzfris­tige, sondern auch der mittel- und langfristige Umsetzungshorizont machten eine entsprechende Verankerung des Prozesses im Dorf notwendig. Dazu müssen vor Ort Akteure gewonnen werden.

Prozessverlauf beim Dorfentwicklungskonzept Abb. 2: Prozessverlauf beim Dorfentwicklungskonzept (Quelle: planinvent 2009)

Das Beispiel Ahaus-Alstätte

Das Dorf Alstätte liegt im Nord-Osten des Kreises Borken, zehn km nordwestlich der Kernstadt Ahaus, zwei km von der niederländischen Grenze entfernt. Alstätte ist Teil des ILEK "Kulturlandschaft Ahaus, Heek, Legden" und gehört damit zu einem prioritären Fördergebiet der ländlichen Entwicklung.

Das Dorfentwicklungskonzept Al­stätte sowie die Konzepte für vier weitere Ortslagen, die sich zur Gesamtstrategie Ahaus 2050 ergänzen, befinden sich z. Zt. in der Umsetzungsphase.

Die Initiative zur Erarbeitung eines Dorfentwicklungskonzeptes ist in Al­stätte vom örtlichen Gewerbeverein ausgegangen. Zwar lagen konkrete Problemlagen im Hinblick auf die Handlungsfelder der Dorferneuerung aus Sicht der Initiatoren nicht vor. Trotzdem entstanden durch die interne Auseinandersetzung mit der (wirtschaftlichen) Weiterentwicklung des Dorfes konkrete Projektideen, die mit Hilfe professioneller Beratung umgesetzt werden sollten. Das Instrument Dorfentwicklungskonzept war den Akteuren zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt, sondern wurde erst in weiteren Abstimmungsschritten "entdeckt" und als nützlich erachtet.

In drei eingerichteten Arbeitskreisen stellten sich während der Auseinandersetzung mit der aktuellen Lage Alstättes u. a. die Problemfelder Leerstände und der Umgang mit alter Bausubstanz im Ortskern (Innenentwicklung), eine unsichere Einzelhandelsentwicklung, die Integration von Neubürgern und die Radwegeanbindung an die Niederlande als konkrete Problemfelder im Dorf heraus. Hier zeigt sich, dass oft erst im Erarbeitungsprozess eine bewusste Wahrnehmung von Problemlagen im Dorf entsteht.

Die Stärkung des Dorfes und die Entwicklung eines Leitzieles für die Zukunft sowie die Umsetzung von konkreten Projektideen waren die Erwartungen an das Dorfentwicklungskonzept. Da der Erarbeitungsprozess parallel zur Novellierung des Flächennutzungsplanes der Stadt Ahaus lief, konnten weiterhin durch Abstimmungen Synergieeffekte entstehen.

Prinzipielles Ziel von Dorfentwicklungskonzepten ist es, einen größtmöglichen Teil der Bevölkerung zur aktiven Teilnahme zu motivieren. Dennoch zeigt sich in der Praxis, dass es trotz der vielen Beteiligungsmöglichkeiten (Auftaktveranstaltung, Arbeitskreise, Projektarbeit) zumeist Schlüsselpersonen oder -gruppen sind, die sich in den Prozess einbringen. Auch in Alstätte sind es Vertreter aus Vereinen, der Landwirtschaft, der Kaufleute und der Wirtschaft, aber auch einzelne Bürger, die besonders aktiv mitmachen. Auffällig ist, dass es sich bei diesen Personen um diejenigen handelt, die auch sonst die Motivation aufweisen, bei dörflichen Aktivitäten (Jubiläen, Dorffeste) mitzuarbeiten. Auch wenn hier eine basisdemokratische Legitimierung der Entscheidungen nicht vollständig gegeben ist, sind diejenigen Personen bei der Erarbeitung von Dorfentwicklungskonzepten aktiv, die auch nach der Phase der externen Begleitung den Prozess verstetigen und die Projekte selbstständig umsetzen können.

Bei der Erarbeitung von Projekten der Dorfentwicklung gilt es, keine isolierten Maßnahmen zu planen, sondern die Ideen in den ganzheitlichen Kontext der Leitziele zu stellen und innerhalb der Rahmenbedingungen eines integrierten Dorfentwicklungskonzeptes zu arbeiten. Auf diesem Wege wird die Durchsetzung einzelner Interessen bei der Maßnahmen- und Projektentwicklung verhindert, sodass Projekte durch eine breite Trägerschaft aus der Bevölkerung gestützt sind. Als Beispielprojekte in Alstätte können ein Lehrpfad zum Thema Landwirtschaft, der Bau eines Bürgerradweges sowie die Erstellung eines Gestaltungshandbuches und einer Neubürgerbroschüre genannt werden.

Der Grundstein für einen erfolgreichen Weg der Zukunft Alstättes ist gelegt. Jetzt liegt es in den Händen der Dorfgemeinschaft, die selbst gesetzten Ziele durch Mitarbeit bei Projekten gemeinsam zu erreichen.

Fazit

Aus den Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte lässt sich ablesen, dass die Dorferneuerung und -entwicklung positive Auswirkungen auf die Einkommens- und Beschäftigungssituation in den Dörfern haben. Eine Stärkung der lokalen Wirtschaft war ebenso die Folge wie eine Verbesserung der Wohnstandortqualität und lokalen Verkehrsverhältnisse (MUNLV 2007).

Dorfentwicklungskonzepte lassen sich dann als erfolgreiches informelles Planungsinstrument zur Entwicklung ländlicher Räume charakterisieren, wenn die Aktivierung eines großen Teiles der Dorfbevölkerung zur Teilnahme gelingt und die Möglichkeit der aktiven Einbringung zur Steuerung der zukünftige Entwicklung des Dorfes durch die Dorfgemeinschaft genutzt wird.

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2010