Früher Gutachten, heute Partizipation: Paradigmenwechsel in der Dorfentwicklung – das Beispiel St. Arnold

von Dominik Olbrich

 

Abb. 1: Prozessbegleitendes DEK-Logo

Kommunale und regionale Entwicklungsprozesse im ländlichen Raum von Nordrhein-Westfalen stehen und fallen mit der Bereitschaft der ansässigen Bevölkerung, sich in derlei Prozesse und die damit verbundenen Aktivitäten einzubringen. Der Tatsache, dass aufgezwungene Planung immer seltener zum Erfolg führt – sofern Erfolg als von der Gemeinschaft akzeptierte und gestaltete, nachhaltige Entwicklungsperspektiven definiert wird –, hat auch der gesetzliche und formale Rahmengeber Rechnung getragen: In den Landesprogrammen und -richtlinien wurden z.B. die klassischen Dorfentwicklungskonzepte, unter denen gemeinhin gutachterlich erstellte Gestaltungshandbücher verstanden wurden, bereits vor Jahren sukzessive durch Konzepte ersetzt, bei denen der sog. bottom-up-Ansatz eine immer größere Rolle spielte. Planungsbüros erhielten bei der Gestaltung von Dorfentwicklungskonzepten den nötigen Spielraum und konnten die Erstellung solcher Konzepte als bürgerschaftlich getragene Prozesse anlegen, bei denen die Planer sich mit der Bestandsaufnahme und -bewertung beschäftigten, die Ausarbeitung von konkreten Konzepten dabei aber in erster Linie in die Hände der Bevölkerung im Untersuchungsraum legten. Das Ziel dieses Paradigmenwechsels ist es, die Eigenverantwortung von Dorf- und Regionalgemeinschaften zu stärken und gleichzeitig deutlich zu machen, dass Entwicklung immer endogen angestoßen und weiterverfolgt werden muss.

Wie wichtig diese endogene Entwicklungsplanung ist, zeigt das Beispiel des Dorfentwicklungsprozesses im Neuenkirchener Ortsteil St. Arnold im Kreis Steinfurt. Zwischen August 2014 und Mai 2015 entstand hier unter intensiver Bürgerbeteiligung ein Integriertes Dorfentwicklungskonzept (DEK), das als solches von der Bezirksregierung Münster anerkannt und gefördert wurde.

Abb. 2: Ortslogo von St. Arnold, entstanden im DEK-Prozess

Dorf mit eigenem Profil

St. Arnold hatte zum Start des DEK-Erstellungsprozesses rund 2.400 Einwohner, von denen fast zwei Drittel älter als 40 Jahre waren. Die demographischen Prognosen gehen von einem spürbaren Bevölkerungsrückgang sowie einer weiteren Überalterung der Bevölkerung bis zum Jahr 2030 aus. Damit gehört St. Arnold zu den typischen Westmünsterland-Dörfern, die aufgrund des demographischen Wandels in naher Zukunft mit den damit verbundenen Auswirkungen konfrontiert werden: Dazu zählen u.a. immer stärker werdende Belastungen des Sozialgefüges, Notwendigkeiten zum Umbau bzw. zum Aufbau angepasster Infrastruktur, der Umgang mit verödeten Ortskernen, Leerstand und möglicher Wegfall von (Grund-)Versorgungseinrichtungen.

Die Ortsgeschichte St. Arnolds hingegen ist ungewöhnlich: Vor 1945 war der Neuenkirchener Siedlungsbereich Missionsstandort, erst nach dem Zweiten Weltkrieg weitete sich die ursprüngliche Flüchtlingssiedlung planmäßig aus. Dabei entstand ein linearer Straßen- und  Parzellenaufbau, der mit großzügigen Grünflächen durchdrungen und innerörtlich durch Anwohnerstraßen weitgehend verkehrsberuhigt ist. Siedlungstechnische Herausforderungen bestehen in St. Arnold durch eine gewisse Randlage. Die Landstraße, die St. Arnold und Neuenkirchen verbindet, führt seitlich am Ort vorbei, so dass er von außen für Ortsunkundige nur schwer ersichtlich ist. Dasselbe gilt auch für landschaftliche Besonderheiten wie die Anglerseen, die auf der anderen Straßenseite durch dichtes Grünwerk fast unsichtbar sind.

Dorfentwicklung: Fast immer eine Notwendigkeit

Diese Kombination aus demographischen Risiken und siedlungs- und raumbezogenen Besonderheiten stellte St. Arnold vor die besondere Aufgabe, sich frühzeitig mit der Planung der eigenen Zukunft zu beschäftigen und rechtzeitig die Weichen für die Entwicklungsplanung zu stellen. Ansätze einer informellen Entwicklungsplanung gab es bereits 2004. Diese kamen aber über eine Analysephase nicht hinaus. Eine Verstetigung der Ergebnisse und eine Fortführung des partizipativen Prozesses erfolgten nicht, was in der Folge zu einem gewissen Argwohn der Bevölkerung gegenüber derlei Prozessen "von außen" führte. Hier zeigte sich deutlich, wie schwierig es ist, eigenverantwortliche Dorfentwicklung als dauerhafte Aufgabe vor Ort zu implementieren. Entsprechend skeptisch waren Öffentlichkeit und Presse bei der Initiierung eines erneuten bürgerschaftlich getragenen Prozesses 2014. Die Lokalzeitung titelte in einer fehlgeleiteten Übersetzung des bottom-up-Ansatzes sogar, die St. Arnolder müssten "den Hintern hoch kriegen", was zu einiger Empörung im Rahmen der Auftaktveranstaltung führte. Gleichzeitig schürte der Artikel aber auch – in bester "Den Zeitungsleuten zeigen wir’s!" Manier – die Motivation der ansässigen Bevölkerung.

Abb. 3: Bürgerbeteiligung bei der DEK-Auftaktveranstaltung in St. Arnold (Foto: planinvent 2014)

Elemente der Bürgerbeteiligung

In den folgenden neun Monaten fand dann unter Begleitung der Gemeinde Neuenkirchen der Erstellungsprozess des DEKs statt, der durch das externe Planungsbüro planinvent aus Münster betreut wurde. Von Beginn an waren sich Auftraggeber und Büro einig, dass der Weg zum Erfolg nur über intensive Beteiligungsmöglichkeiten der Bürgerinnen und Bürger aus St. Arnold funktionieren würde. Deshalb wurde der Prozess zur Ausarbeitung des Entwicklungskonzeptes zu großen Teilen auf die Schultern der Ortsbevölkerung verteilt: In der Auftaktveranstaltung gab es interaktive Elemente zur Ermittlung von ortsspezifischen Stärken und Schwächen, in zahlreichen thematischen Arbeitskreisen wurden Leitbilder, Handlungsschwerpunkte und Projektideen erarbeitet, in Projektgruppen wurden – auch ohne externe Begleitung – die Projektideen konkretisiert und detaillierte Projektprofile erstellt. In einer Projektmesse wurden nach ca. sechs Monaten der Öffentlichkeit die bisherigen Ergebnisse vorgestellt, was vor allem für die am DEK-Prozess ehrenamtlich aktiven Bürgerinnen und Bürger eine gute Gelegenheit des Feedbacks aus der Ortsgemeinschaft bedeutete. Diese intensive Form der bürgerschaftlichen Eigenverantwortung, gepaart mit der dauerhaften Präsenz von Motivatoren und Multiplikatoren (wie z.B. Bürgermeister, Ortsvorsteher/-sprecher etc.), führte in St. Arnold zu einer starken Identifikation der teilnehmenden Bürgerinnen und Bürger mit der Relevanz des eigenen Handelns für die Zukunft ihres Heimatortes. Auch die Einbindung junger Menschen konnte dadurch erreicht werden, da alle Interessens- und Altersgruppen ihre Wunschideen in den Prozess einbringen konnten. Einzige Bedingungen für die Aufnahme der Projekte in das DEK: Sie mussten in die vereinbarte Entwicklungsstrategie passen und durch die Projektideengeber selbst ausgearbeitet und konkretisiert werden.

Markenbildung

Ein weiterer Baustein in der Motivation zur Eigenverantwortung von Dorfgemeinschaften für künftige Entwicklung liegt in der Markenbildung. Identitätsstiftung durch ein gemeinsames Auftreten nach außen, einen Wiedererkennungswert, führt auch zu einer engeren Bindung der ortsansässigen Bevölkerung an ihre Heimat – dies betonen Erfahrungen aus derlei Prozessen ganz deutlich. Im Fall des DEKs für St. Arnold wurde zu Beginn des Prozesses ein Logo vorgestellt, das den DEK-Prozess begleitete und für alle Veranstaltungsankündigungen verwendet wurde (Abb. 1). Zu den Großveranstaltungen (Auftakt, Projektmesse, Ergebnispräsentation) wurden Postwurfkarten und Plakate mit eindeutigem Wiedererkennungswert gedruckt und verteilt. Prozessbegleitend wurde ein Internet-Blog im selben Layout eingerichtet, das als Kommunikationsplattform und Downloadbereich für wichtige Dokumente (wie z.B. Sitzungsprotokolle, Projektprofile, Informations-Handouts) diente. Wie groß der Wunsch der Dorfbevölkerung nach einer solchen Markenbildung ist, zeigt sich auch an der Tatsache, dass zu den ersten im DEK umgesetzten Maßnahmen die Erstellung einer übergeordneten Dorfhomepage sowie die professionelle Erarbeitung eines eigenen Orts-Logos waren (Abb. 2).

Verstetigung als Schlüssel für eine nachhaltige Dorfentwicklung

Entwicklungsprozesse auf Dorfebene enden in ihrer professionellen Begleitung in der Regel mit Vorlage des fertigen Entwicklungskonzeptes. Die eigentliche Entwicklungsarbeit, also die Umsetzung der gemeinschaftlich erarbeiteten Strategie mit vereinbarten Zielen und Handlungsfeldern sowie die Umsetzung der angedachten Projekte und Maßnahmen, beginnt aber erst im Anschluss und erfordert ein hohes Eigenengagement der ansässigen Bevölkerung im Ehrenamt. Viele Prozesse scheitern daran, dass die Konzeptumsetzung nicht stattfindet, weil Verantwortliche vor Ort fehlen, die die Dinge in die Hand nehmen. Zu diesem Zweck hat es sich als notwendig erwiesen, zum Abschluss des Erstellungsprozesses von Konzepten eine Koordinierungsgruppe zu definieren, die sich aus Interessensvertretern des dörflichen Lebens zusammensetzt und als Sprachrohr in Sachen Dorfentwicklung im Ort fungiert. Orte, die über eine solche Koordinierungsgruppe verfügen, haben in der Vergangenheit vielfältigere Erfolge in Sachen Konzeptumsetzung erzielen können als solche ohne. In St. Arnold besteht ein solches informelles Gremium und treibt die konkrete Projektumsetzung und regelmäßige Zielüberprüfung der Dorfentwicklung aktiv voran. Diese Eigenverantwortung der Dorfgemeinschaften zu fördern und zu implementieren, muss eine der Hauptaufgaben künftiger Dorfentwicklungsarbeit im ländlichen Raum sein.

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2016