Zum Mittelpunkt Westfalens

Immer wieder taucht die Frage auf: Wo liegt eigentlich der Mittelpunkt Westfalens? Zumeist nicht ge­meint ist der "politische Mittelpunkt": Dieser liegt im Schnittpunkt der drei westfälischen Regierungsbezirke, gleichzeitig Grenzlinie der Städte Wadersloh, Lippstadt und Langenberg. Ein Gedenkstein am Boker Kanal weist darauf hin.

Gemeint ist zum einen der geographische Mittelpunkt, also der Punkt, der sich rechnerisch ergibt, wenn man den Mittelpunkt aus den bekannten geographischen Koordinaten be­stimmt:
Mittelpunkt eines Rechteckes, Berechnung geographischer Koordinaten Abb. 1: Mittelpunkt eines Rechteckes, Berechnung geographischer Koordinaten (Kartengrundlagen: links: Geographische Kommission für Westfalen, rechts: Landesvermessungsamt NRW)

Jeder Punkt der Erde lässt sich mit Hilfe von Koordinaten, die aus einem Netz mit Breiten- und Längenkreisen (Meridianen) resultieren, bestimmen. Die Angaben für Länge und Breite erfolgen in Grad (°), Minuten (') und gegebenenfalls in Sekunden (''). Breitenkreise verlaufen parallel zum Äquator, wobei dieser mit 0° der Ausgangspunkt für die Zählung in nördlicher und südlicher Richtung ist. Längenkreise reichen vom Nord- zum Südpol. Der Null-Grad-Meridian ist bestimmt durch die Sternwarte von Greenwich bei London und somit Ur­sprung für die Zählung in westlicher und östlicher Länge. Die Ortsangaben im Gradnetz beginnen immer mit der geographischen Breite, gefolgt von der geographischen Länge, jeweils mit dem Zusatz nördlicher- bzw. südlicher Breite und westlicher bzw. östlicher Länge. Ganz Westfalen liegt demnach im Bereich nördlicher Breite und östlicher Länge.

Im Gegensatz zur Berechnung des Mittelpunktes von Deutschland, wo schon die Diskussion der Einbeziehung von Inseln und Meeresteilen eine endgültige Definition der Gesamtfläche erschwert, ist der Grenzverlauf von Westfalen eindeutig. Der nördlichste Punkt in Westfalen liegt in Rahden (52° 32' nördl. Breite), der südlichste in Burbach (50° 41' nördl. Breite), der westlichste in Anholt (Stadt Isselburg) (6° 23' östl. Länge) und der östlichste Punkt in Höxter (9° 28' östl. Länge). Mit diesen Angaben kann nun mathematisch ein Rechteck konstruiert werden, dessen Mittelpunkt die Mitte der nördlichsten, südlichsten, westlichs­ten und östlichs­ten Koordinaten ist. Dieser liegt auf den Koordinaten 51° 36' 30'' nördlicher Breite und 7° 56' östlicher Länge und befindet sich demnach auf dem Gebiet der Gemeinde Welver, etwas nördlich des Ortsteils Scheidingen. Geometrisch ist dieser Punkt auch durch das Verbinden der vier Rechteckpunkte und Ermitteln des Schnittpunktes darstellbar (Abb. 1).

Mittelpunkt des Umkreises Abb. 2: Mittelpunkt des Umkreises (Kartengrundlage: Geographische Kommission für Westfalen)
Eine weitere Art der Mittelpunktberechnung ist die Festlegung eines Kreismittelpunktes: Dazu werden die drei äußersten Punkte Westfalens zu einem Dreieck verbunden. Die drei Mittelsenkrechten des Dreiecks schneiden sich in einem Punkt, dem so genannten Umkreis-Mittelpunkt. Der nun einzuzeichnende Umkreis ist der kleinstmögliche, die Fläche umgebende Kreis. Dieser Mittelpunkt liegt im Süden von Beckum, nahe der Grenze zu Lippetal-Lippborg (Abb.2).

Häufiger wird unter dem Begriff Mittelpunkt aber der Schwerpunkt einer Fläche verstanden. So hat 1982 ein Münsteraner Journalist die Karte Westfalens auf ein Stück Pappe geklebt und anschließend fein säuberlich ausgeschnitten. Danach balancierte er diese Karte auf der Spitze einer Nadel aus und ermittelte damit den "Schwerpunkt Westfalens": Er lag im Kirchspiel Be­ckum, in der Bauerschaft Dalmer. Auffallenderweise liegt dieser Punkt nur ca. einen Kilometer östlich vom Mittelpunkt des Umkreises (Abb. 2) entfernt.

Mit Hilfe moderner CAD-Programme (hier: AutoCad) ist das Ausschneiden einer Fläche verzichtbar, wenn ihre Grenzen innerhalb des Computerprogrammes neu digitalisiert werden. Ist die Fläche dann vollständig geschlossen, wird sie als "region" definiert und mit dem Befehl "masseig" ihr Schwerpunkt errechnet.
Schwerpunktberechnung verschiedener Karten mit einem CAD-Programm Abb. 3: Schwerpunktberechnung verschiedener Karten mit einem CAD-Programm (Kartengrundlagen: links: Geographische Kommission für Westfalen, Mitte: Landesvermessungsamt NRW, rechts: Strassen.NRW)
Ausgangspunkt einer Digitalisierung ist dabei eine ausgewählte Karte mit einem geeigneten Maßstab, die immer einer individuellen Generalisierung unterliegt. Dabei sei die Problematik von unterschiedlichen Kartenprojektionen bzw. Gitternetzen mit unterschiedlichen Meridianstreifensystemen hier nicht weiter verfolgt. Jede in einer Karte gezeichnete Grenzlinie kann in keinem Fall den genauen Verlauf wieder geben, sondern diesen nur maßstabsbedingt vereinfacht abbilden. Die Methode einer Schwerpunktberechnung beruht also immer nur auf einer Kartendarstellung, nicht aber auf dem realen Abbild des entsprechenden Teils der Erdoberfläche. Deshalb er­geben sich bei verschiedenen Kartengrundlagen die auch nachfolgend unterschiedlichen Berechnungsergebnisse: Der Schwerpunkt liegt immer wieder nahe der Grenze zwischen dem Stadtgebiet Beckum und dem Ortsteil Lippborg der Gemeinde Lippetal. Damit schwankt der gesuchte Punkt nicht nur zwischen diesen beiden Gemeinden, sondern auch zwischen dem Kreis Warendorf und dem Kreis Soest - und damit sogar zwischen den Regierungsbezirken Münster und Arnsberg. In den hier zufällig ausgewählten Kartendarstellungen (Abb. 3) liegt der errechnete Mittelpunkt Westfalens in einem Fall auf Beckumer Gebiet (ebenfalls im Kirchspiel), in zwei Fällen auf dem Gebiet von Lippborg. Die Ergebnisse sind allesamt so dicht an der Grenzlinie, dass eine abschließende Bestimmung "des einen Mittelpunktes" nicht erfolgen kann.
Schwerpunkt Westfalens auf der Grenze zwischen Beckum und Lippetal Abb. 4: Schwerpunkt Westfalens (r = 1 km) auf der Grenze zwischen Beckum und Lippetal (Kartengrundlage: Landesvermessungsamt NRW: Kreiskarte 1:50 000, Kreis Soest)

Der Ausschnitt der Kreiskarte 1:50.000 (Abb. 4) zeigt im Detail das angesprochene Gebiet. Insgesamt sind hier zahlreiche sehr alte Höfe zu finden, ebenso eine Anzahl von Megalithgräbern, die darauf hinweisen, dass schon vor rd. 2.500 Jahren Menschen dieses Gebiet bewohnten. Damit wäre es - auch historisch betrachtet - durchaus würdig, als Mittelpunkt Westfalens zu gelten.

Somit lässt sich im Sinne einer salomonischen Ergebnisfindung festhalten, dass der Schwer- bzw. Mittelpunkt Westfalens bei einer zweidimensionalen Darstellung auf der Grenzlinie zwischen Beckum und Lippetal-Lippborg liegt. Würde man die Dreidimensionalität, also auch die Höhenverhältnisse, darstellen und auswerten, läge dieser Punkt auf Grund der großen Höhen im Sauer- und Siegerland auf jeden Fall weiter südlich. Diese Berechnung wäre aber derzeit technisch nur mit größtem Aufwand denkbar.

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2009