Neue Überlegungen zur Varusschlacht

Die neuen Überlegungen zur Varusschlacht (9 n. Chr.) beziehen sich nicht auf die nach wie vor offene Frage der Örtlichkeit der Schlacht, sondern auf die Angriffsplanung des Arminius sowie die Deutung des "saltus Teutoburgiensis" – im Einzelnen nachzulesen bei W. Brepohl (2006).

Die Situation in Germanien um Christi Geburt

Nach den ersten Germanenfeldzügen der Römer ab 12 v. Chr. und der Eingliederung der rechtsrheinischen Gebiete in das Römische Reich (7 v. Chr.) galten diese Gebiete trotz mehrfacher erbitterter germanischer Abwehr als unterworfen. Händler kamen ins Land, Straßen wurden gebaut, Bergwerke, Märkte und sogar Städte angelegt. Diesem ersten Vordringen römischer Zivilisation sollten sich dann der Aufbau einer Provinzorganisation, die Einführung römischen Rechts und Glaubens sowie die Erhebung von Steuern durch die Statthalterschaft des Varus (ab 7 n. Chr.) anschließen.

Varus war für diese Aufgaben prädestiniert durch seine Erfahrungen in Verwaltungsbelangen (als Konsul in Rom und Prokonsul in Afrika und Syrien) und Finanzangelegenheiten (als Berater des Kaisers Augustus) sowie auch in der Niederschlagung von Aufständen (in Judäa). Dass er dennoch in Germanien scheiterte, lag wohl hauptsächlich an seiner Besatzungspolitik, die die gesellschaftlichen Verhältnisse und die kulturell-religiöse Identität der germanischen Stämme nicht ausreichend berücksichtigte. Dies musste den heftigen Widerstand vor allem derjenigen Kräfte hervorrufen, die für die Bewahrung und Einhaltung der Sitten und Bräuche auf Grund göttlichen Rechts Verantwortung trugen, d. h. die Priester und Stammesführer. Der Einfluss der Priester auf das Volk, vor allem bei kultisch bedingten, großen Volksversammlungen, mag wohl ein wesentliches Kalkül in der strategischen Widerstandsplanung des Arminius gewesen sein.

Arminius, Sohn eines Cheruskerfürsten, wuchs in Rom auf, erhielt das römische Bürgerrecht und die Ritterwürde und nahm als Militärtribun an mehreren römischen Feldzügen teil. Im Jahre 7 n. Chr. in die Heimat zurückgekehrt, wurde er durch die kompromisslose Politik des Varus, vermutlich aber auch aus seiner neuen Verantwortung als Cheruskerfürst heraus, zum Gegner Roms. Da es den Cheruskern alleine nicht gelingen konnte, siegreich gegen die römische Militärmacht anzutreten, musste Arminius Mitstreiter unter den Germanenfürsten gewinnen. Von den Stammesfürsten, das war bekannt, wünschte jedoch eine Reihe die Beibehaltung eines Verständigungsfriedens mit den Römern. Eines aber einte alle Germanen: die gemeinsame Religion und überregionale Kultstätten.

Römische Militärstützpunkte und germanische Stämme im Rhein-Ems-Weser-Gebiet Abb. 1: Römische Militärstützpunkte und germanische Stämme im Rhein-Ems-Weser-Gebiet (12 v. – 16 n. Chr.) (Entwurf: K. Temlitz)

Großes Kultfest germanischer Stämme 9 n. Chr.

Einige große Heiligtümer in Germanien, auf die der antike Autor Tacitus (um 100 n. Chr.) verweist, waren wohl jeweils einem sog. Mannus-Kultverband mehrerer Stämme zugeordnet, die sich zur gemeinsamen Verehrung des "Mannus" trafen, dem – so Tacitus – Stammvater aller Germanen. So wird auch der Mannus-Kultverband der im Rhein-Ems-Weser-Gebiet neben den Cheruskern wohnenden Stämme ein solches zentrales Heiligtum gehabt haben. An derartigen heiligen Stätten dürften die großen Kultfeste nur im Abstand von etlichen Jahren gefeiert worden sein. So fanden z. B. im vorchristlichen Schweden für sämtliche Volksstämme verbindlich alle neun Jahre in Uppsala große Opferfeste zu Ehren des Wodan/Odin statt, die neun Tage dauerten.

Unter der (durch antike Quellen nur mittelbar belegten) Voraussetzung, im Jahre 9 n. Chr. hätte ein großes Kultfest der Rhein-Ems-Weser-Germanen an ihrem zentralen Heiligtum bevorgestanden, so wäre solch ein nach längerer Zeit für die germanischen Stämme wiederkehrendes, sehr wichtiges Ereignis auch den Römern bekannt gewesen, da sie sich bereits über 20 Jahre im Gebiet dieser Kultgemeinschaft aufhielten. Da somit Varus und sein Generalstab wussten, dass tausende freier, mithin bewaffneter Germanen zum Kultfest kommen würden, bestand für sie aus diesem Grunde keine Befürchtung vor dieser Ansammlung so vieler Waffentragender an einem Ort. Im Gegenteil, dieses zentrale Treffen bot Varus die günstige Gelegenheit, mit den germanischen Stammeseliten einschließlich der Priesterschaft zusammenzutreffen. Dabei könnte er diesen die Notwendigkeit und seinen eisernen Willen, die neue Politik im Sinne Roms durchzusetzen, in einer direkten Ansprache und einer gleichzeitigen militärischen Machtdemonstration eindrücklich vermitteln. Arminius, von den Römern noch als "einer von uns" betrachtet, dürfte genau diese Überlegungen entscheidend mit beeinflusst haben.

Bruch des Tempelfriedens durch die Römer

Das dem Varus von Arminius angeratene Aufsuchen des Kultplatzes auf dem Rückmarsch vom Sommerlager an der Weser (vermutlich bei Hameln) in die Winterquartiere an Lippe und Rhein würde erklären, warum die drei Legionen (ca. 18.000 Soldaten) des Varus wie im Frieden auch mit Kindern, Frauen und großem Tross ohne Vorfeldaufklärung und Flankenschutz aufbrachen, obwohl der Kultplatz nicht am bekannten, kürzeren Hauptweg lag.

Die geweihten Stätten der Germanen und die geheiligten Festzeiten standen unter einem besonderen Gottesfrieden, dem sog. Tempelfrieden, der sich bei einem Hauptheiligtum auf einen weiteren Umkreis ausdehnte. Schon mit seinem Anmarsch verletzte das römische Heer diesen Gottesfrieden, woraufhin die Priester alle Fürsten und Stammesmitglieder (ob Römerfreunde oder nicht) dazu aufriefen, sich entsprechend der heiligen Pflicht gemeinsam und mit ganzer Kraft kämpfend für den Schutz des Heiligtums einzusetzen. Somit war die Voraussetzung für den geschlossenen Widerstand eines großen Germanenverbandes im Kampf gegen die Römer gegeben, und Arminius konnte eine entsprechend große Zahl motivierter Mitstreiter gegen Varus ins Feld führen.

Für die Annahme, dass die letzte Phase der dreitägigen Schlacht – mit desaströsem Ausgang für die Römer – im Bereich eines Hauptkultplatzes stattfand, spricht folgende zentrale Stelle bei Tacitus (Annalen I, 61, 2 – 4), in der das Betreten des Varusschlachtfeldes durch Germanicus, Oberbefehlshaber der römischen "Rheinarmee" (13 – 16 n. Chr.), im Jahre 15 n. Chr. geschildert wird: "Auf der Ebene dazwischen lagen die bleichenden Gebeine (…). Daneben lagen Bruchstücke von Geschossen und Pferdegerippe, und an den Baumstämmen hatte man Schädel festgemacht. In den benachbarten Hainen fand man Altäre der Barbaren, bei denen man die Tribunen und Centurionen ersten Ranges geopfert hatte. Und die Überlebenden jener Katastrophe, die der Schlacht oder der Gefangennahme entronnen waren, berichteten (…) von welchem Tribunal aus Arminius seine Rede hielt, wie viele Halsblöcke und was für [Opfer]gruben den Gefangenen zum Hohn dienten (…)." An Baumstämme genagelte Schädel, Opferaltäre in benachbarten Hainen, Opfergruben (scrobes) und Tribunal (römische Bezeichnung einer halbkreisförmigen Erhöhung, zu der Stufen hinaufführen) sind keine Begriffe, die zu einer üblichen Schlachtfeldbeschreibung passen, sondern eher zu der eines heiligen Opferplatzes. So ist auch vom Zentralheiligtum in Uppsala bekannt, dass neben ihm ein heiliger Hain lag, in dem Wodan/Odin Menschen und Tiere geopfert wurden.

Neue Deutung des ''saltus Teutoburgiensis''

Möglicherweise verweist darüber hinaus auch schon die Ortsbezeichnung des Schlachtfeldes unmittelbar auf ein Kultheiligtum (Tacitus, Annalen I, 60, 3): "Von dort führte man den Heereszug [des Germanicus] in die abgelegensten [Gebiete] der Brukterer und verwüstete möglichst [das Land] zwischen Ems und Lippe, nicht weit entfernt vom Teutoburger Wald ("saltus Teutoburgiensis"), wo die Überreste des Varus und der Legionen unbestattet liegen sollen." Tacitus benennt hier mit "Teutoburg" eine Örtlichkeit mit ihrem germanischen, lediglich latinisierten Namen, ohne ihn zu erläutern. Das germanische "burg" weist auf eine befestigte Höhe hin. "Teuto" entspricht dem germanischen "Theudo" und wird gewöhnlich mit "Volk" gleichgesetzt, so dass Teutoburg in der Regel als "Volksburg" gedeutet wird. Doch in "Theudo" ist auch als Denominativum (Ableitung vom Substantiv) das Verb "deuten" enthalten im Sinne von "vor dem versammelten Volk erklären, für das Volk verständlich machen" (Pfeifer 1999): Ein Hinweis wohl auf den Priester, der aus dem Opferbefund dem gläubigen Volk den Willen der Gottheit verdeutlicht. "Teutoburg" wäre also die befestigte Höhe, von der aus durch den Priester dem Volk Gottes Wille verständlich gemacht wird, und zugleich der germanische Eigenname für die zentrale Kultstätte, der auch den Römern noch bis in Tacitus' Zeiten vertraut war. Der "saltus Teutoburgiensis" ist mithin der (Opfer)wald der Teutoburg (so auch Kluge 1999), der sich – ähnlich wie in Uppsala und Leire (Schweden) – in der Nähe des zentralen Heiligtums befand – und dieses wiederum lag "haud procul" (nicht weit entfernt) von Ems und Lippe (vermutlich im Lipperland).

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2009