Straßentheater in Westfalen – mehr als nur gespielt? - Das Beispiel ''Welttheater der Straße'' in Schwerte

von Patrick Sturtz-Klose

 

Nordrhein-Westfalen bildet deutschlandweit einen der Schwerpunkte des Straßentheaters. Insbesondere in Westfalen haben sich bis heute eigenständige Festivals dieses Genres etabliert: in Schwerte das "Welttheater der Straße" und in Detmold das "Europäische Straßentheater Festival" (vgl. Kulturbüro der Stadt Schwerte 2010 u. Kulturstadt Detmold 2010). Beide Festivals zählen zu den größten Schauplätzen für internationales Straßentheater in ganz Europa und sind Vorreiter für die Entwicklung des Straßentheaters in Deutschland. In Schwerte gastieren Kompanien seit dem Ende der 1980er Jahre, in Detmold wurde das erste Festival 1991 durchgeführt. Das Engagement in beiden westfälischen Städten ist nicht zufällig, denn gerade deren Altstädte stellen einen idealen Spielort mit einzigartigen, charakteristischen Zügen dar. Bemerkenswert ist, dass sich die Straßentheaterfestivals primär in Klein- und Mittelstädten etabliert haben. Es stellt sich auch angesichts der knapper werdenden finanziellen Mittel der Städte die Frage, welchen Beitrag die Straßentheaterfestivals zur Stadtidentität und zur Stärkung des städtischen Profils leisten können. Diese Frage wird am Bespiel des "Weltheaters der Straße" in Schwerte untersucht. Vor der Darstellung der Ergebnisse soll noch kurz die besondere Philosophie des Straßentheaters skizziert werden.

Act während des 16. Welttheaters der Straße in Schwerte Abb. 1: Act während des 16. Welttheaters der Straße in Schwerte (Foto: S. Fehrentz)

Theater im öffentlichen Raum – Theater für alle

Das Straßentheater wird als "Kultur von unten" bezeichnet, eine "Kultur des freien Eintritts". In den 1980er Jahren entstanden eigene Straßentheaterfestivals in Europa und namenhafte französische, italienische, amerikanische und deutsche Kompanien, die die Philosophie des "Theaters auf Augenhöhe" bis heute in die Städte der Welt tragen, wie z. B. das Theater Titanick in Münster. Der entscheidende Unterschied zwischen Straßentheaterfestivals und Darbietungen im Rahmen von städtischen Sommerprogrammen, in die Straßentheater­acts eingebettet sind, ist, dass Straßentheaterfestivals selbst die übergeordnete Thematik darstellen und eintrittsfrei an mehreren Abenden über mehrere Stunden das Besondere einer Stadt für alle erfahrbar machen (vgl. Batz 1993, Ruppert o. J. u. Pohl o. J.).

Diese Philosophie, die mehr als nur das reine Bespielen der Straßen impliziert, setzt sich als Ziel, breite Bevölkerungsgruppen in den Städten zu erreichen, unabhängig von Alter, Bildung und sozialem Status (vgl. Batz 1993 u. Eisfeld 1975). Der Lebensraum der Menschen, das städtische Leben, trägt indirekt die Hauptrolle in jeder Inszenierung, und gerade deshalb sind jede städtische Bühne und jede künstlerische Darbietung einzigartig in Mitten einer bunt durchmischten Stadtbevölkerung. Es ist als populäres, emanzipatorisches, "neues Volkstheater" im öffentlichen Stadtraum verankert, findet nicht ausschließlich "auf der Straße" statt und wird getragen von einer urbanen Atmos­phäre, von Bildern und Emotionen. Es findet einen festen Platz innerhalb des städtischen Lebens und der Stadtkultur (vgl. Holling 2007, Klose 2009, Ruppert 2006).

Begeisterung in der Stadt – Das "Welttheater der Straße" in Schwerte

Die Stadt Schwerte in Westfalen ist einer der größten Schauplätze für internationales Straßentheater in Europa. Das "Welttheater der Straße" zieht jährlich am letzten Augustwochenende zwischen 8.000 und 15.000 Besucher an, die sich in der westfälischen Ruhrstadt von dem städtischen Flair und der darstellenden Kunst verzaubern lassen (Abb.1). Bereits seit Ende der 1980er Jahre ist der öffentliche Stadtraum, hier vor allem die Altstadt, im Fokus des internationalen Straßentheaters und Vorreiter in der deutschen Szene. Werden jedoch die selbst gestellten Erwartungen und Ziele erreicht und gehen die Auswirkungen für Stadtgesellschaft und -entwicklung über das einfache Bespielen des öffentlichen Stadtraums in Schwerte hinaus?
Hauptquellgebiete von externen Besuchern des Welttheaters der Straße 2008 Abb. 2: Hauptquellgebiete von externen Besuchern des Welttheaters der Straße 2008 (Entwurf und Quelle: P. Klose 2009)
Ein entscheidender positiver Effekt des Festivals in Schwerte ist seine raumbezogene Wirkung nach innen und nach außen. Als Alleinstellungsmerkmal der Stadt und der Region ist der Einzugsbereich des Festivals beachtlich, und es besuchen primär Großstädter das "Welttheater der Straße" (Abb. 2). Externe Besucher kommen vorwiegend aus dem Großbereich Dortmund und geben u. a. als positiven Aspekt des Besuchs die überschaubaren, städtischen Strukturen (22,6%) an. Mittelstädte können demnach durch Vertrautheit, Orientierung und Überschaubarkeit begeistern.

Annähernd 40% der Schwerter Festivalbesucher besitzen untere und mittlere Bildungsabschlüsse. Diese Besucher finden sich zudem regelmäßig, d. h. über mindestens die letzten fünf Jahre hinweg, zu dem Festival ein. Die Bindung und Begeisterung von Menschen, die wahrscheinlich nicht regelmäßige Besucher der "Hochkultur" sind, unterstreicht die Stärke der Idee des freien Zugangs im "Theater für alle".
 
Über die Hälfte der befragten Schwerter Festivalbesucher nutzen beide Festivaltage (51%) für einen Besuch; es gibt also mehr Zweitages- als Eintagesbesucher bei den Einheimischen. Dies hebt das Be­geis­terungspotenzial des Festivals für die Stadtbewohner nachhaltig hervor. Über 90% aller befragten Festivalbesucher (n = 194) bewerten die Atmosphäre während des Festivals als gut bis sehr gut. Das Besondere, Einzigartige der Stadt und des Festivals im Spiel miteinander löst Emotionen und Begeisterung aus, was sich in der positiven Atmosphäre niederschlägt. Die Stadtbewohner nehmen ihre Stadt begeistert und emotionsgeladen wahr und bauen eine Identifikation mit dieser auf. Für externe Besucher (n = 86) wird das Besondere an der Stadt Schwerte über das "Welttheater der Straße" kommuniziert und dem Stadtkörper ein klar abgrenzbares Profil verliehen, das sich u. a. in der uneingeschränkten Weiterempfehlung des Festivals von knapp 85% und der Stadt Schwerte von beinahe 65% manifes­tiert. Bei der Frage nach besonderen Merkmalen der Stadt wird bei allen Befragten primär der bespielte öffentliche Lebensraum – Altstadt (19,6%) und Ruhr (12,4%) – als sehr positiv und einzigartig wahrgenommen. Auch die Migrantenvertretungen signalisieren eine hohe Akzeptanz des Festivals unter Migranten und begrüßen es als zusätzliche, offene Gelegenheit des gegenseitigen Austauschs (vgl. Klose 2009).

Das "Welttheater der Straße" nimmt jedoch keine solitäre Funktion innerhalb der Kulturlandschaft Schwertes ein, sondern sorgt für nachhaltige, nach innen gerichtete Impulse für die lokale Stadtkultur und Kulturwirtschaft. Es bezieht lokale Kulturschaffende mit ein und bietet eine Plattform für lokale Theatergruppen. Beispielhaft können hier die lichtkünstlerische Illuminierung der Spielstätten durch den ortsansässigen Lichtkünstler Jörg Rost und das "Theater am Fluss e. V.", das unter den Besuchen weiterer Kulturveranstaltungen in Schwerte von den befragten Festivalbesuchern angegeben wird, genannt werden. Wenn abschließend etwas zugespitzt nach der Unentbehrlichkeit des Festivals gefragt wird, stimmen weit über 60% der auswärtigen Festivalbesucher damit völlig überein und es wird der Stadt Schwerte eine einzigartige Kulturarbeit attestiert (60%), die keine "Nachmacherei" ist. Dies ist u. a. dem Zusammenspiel zwischen Festival und Stadtraum, zwischen den künstlerischen Darbietungen und der einzigartigen städtischen Bühne, zu verdanken. Dieses Zusammenspiel generiert Effekte, wie z. B. die positiv wahrgenommene Atmosphäre, die über die Stadtgrenzen hinaus geschätzt wird und die Stadtbewohner stolz auf ihre Stadt macht. Zusammenfassend erzeugt das "Welttheater der Straße" eine hohe Außen- und Binnenwirkung, die sich auch in der Besucherverteilung niederschlägt (44,3% auswärtige und 55,7% einheimische Festivalbesucher) (vgl. Klose 2009).

Fazit und Ausblick

Dem "Welttheater der Straße" gelingt es, mehr als nur den Stadtraum zu bespielen. Die geweckte Begeisterung für den öffentlichen Raum bleibt im Gedächtnis haften und prägt entscheidend die Stadtkultur Schwertes, indem u. a. ein identitätsstiftendes, soziales Gemeinschaftsgefühl verbreitet wird. Es handelt sich somit um eine Stadtkultur, die für jedermann zugänglich ist und ein "Recht auf Stadt" für alle kommuniziert (vgl. Löw 2008). Die positive Interaktion zwischen dieser häufig unterschätzten Kunstform und dem alltäglichen, städtischen Lebensraum ermöglicht die Erfahrbarkeit des einzigartigen Charakters von Schwerte und seines Stadtkerns. Abschließend bietet es einen erfolgversprechenden Ansatzpunkt für eine identitätsorientierte Stadtentwicklung. Dies ist ein Prozess, der die Stärken und Schwächen, Anziehungs- und Bindungspotenziale herausarbeitet und mit den Stadtbewohnern gemeinsam diese Identität der Stadt weiterentwi­ckelt und mit weiteren Faktoren der Stadtentwicklung in Verbindung setzt, um eine gesamtstädtische Vision zu konzipieren (vgl. Klose 2009).

Trotz dieser erfolgversprechenden Tendenzen kämpft das Genre intern gegen anhaltende künstlerische und ästhetische Vorbehalte (vgl. Ruppert o. J.). Zusätzlich wird es mit sich ausweitenden Sparmaßnahmen von Seiten der Kooperationspartner und der veranstaltenden Städte konfrontiert. Es muss den Straßentheatern in Zukunft gelingen, die Menschen in ihrer Begeisterung zu binden und für das eigene Festival einzutreten. Schließlich ist es ein Eintreten für die eigene Stadt!

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2010