Haus Nottbeck – Kulturgut und Westfälisches Literaturmuseum

Die Anlage

Der frühere Adelssitz Nottbeck ist eine Gräftenanlage am Rand von Oelde-Stromberg (Kr. Warendorf), nahe der Kreisgrenze zu Gütersloh.

Der Rittersitz wurde 1366 erstmalig urkundlich erwähnt und gehörte bis zum 19. Jh. münsterländischen Adelsfamilien, vor allem der Familie von Oer. Durch Misswirtschaft geriet das Gut in wirtschaftliche Not, 1827 wurde das Konkursverfahren eröffnet. Neuer Eigentümer wurde die Familie Eissen. Anna Luise Eissen, die letzte Eigentümerin, verstarb 1987 ohne Nachkommen und vermachte die Anlage dem Kreis Warendorf unter der ausdrücklichen Bedingung, das Gut für Zwecke der Heimat- und Kulturpflege zu erhalten und zu nutzen. Inzwischen dient Haus Nottbeck nicht nur – zum "Kulturgut" umgestaltet – entsprechenden Zwecken, sondern hat sich durch seine Konzeption einen sehr guten regionalen Ruf erworben.

Die Anlage besteht aus einem Haupthaus (Abb. 1) sowie den früheren Wirtschaftsgebäuden (Abb. 2), also ehemaligen Ställen, Scheunen usw., die rechtwinklig um einen großen Hof angeordnet sind, den man durch ein Torhaus betritt. Auch eine Wiese mit Obstbäumen, ein Gartenhaus usw. sind Teil der Anlage und Bestandteile des jetzigen "Kulturgutes".

Abbn. 1 und 2: Haus Nottbeck – Haupthaus (li.) und Haus Nottbeck – ehemalige Wirtschaftsgebäude (Fotos: P. Wittkampf 2020)

Da die meisten Gebäudeteile in einem schlechten baulichen Zustand waren und das neue Nutzungskonzept Umgestaltungen erforderlich machte, musste der Kreis Warendorf umfangreiche Renovierungsarbeiten durchführen und die Gebäude im Inneren so verändern, dass sie ihre neue Funktion erfüllen konnten. Dennoch bemühte man sich, die historische Bausubstanz nach Möglichkeit erlebbar zu erhalten. Dies gelang z.B. durch die Beibehaltung alter Balkendecken. Die Außenmauern der Gebäude wurden behutsam saniert.

Die Größe und jetzige Beschaffenheit der Anlage ermöglicht nicht nur die Gebäudenutzung als Museum, sondern bietet auch viele weitere Möglichkeiten im Innen- und Außenbereich für Veranstaltungen, wie z.B. den jährlichen Büchermarkt, Theater-, Film- oder Konzertveranstaltungen, Tagungen, Workshops, Lesungen, Festivals, Kabarett, Performances, Poetry-Slams oder museumspädagogische Angebote für Schulklassen. Den Besuchern und Besucherinnen steht eine Bibliothek offen. Im Museumsshop können sie u.a. "Lesebücher" preisgünstig erwerben, wobei jeder Band einem westfälischen Autoren gewidmet ist und einen Querschnitt aus dessen literarischem Schaffen bietet. Die Reihe ist inzwischen auf etwa 100 Bände angewachsen.

Im Rahmen von Workshops und Fortbildungen gibt es in den ehemaligen Wirtschaftsgebäuden u.a. Übernachtungsmöglichkeiten für bis zu 40 Personen sowie ein Café. Jährlich kommen etwa 25.000 Besucher zum Kulturgut Haus Nottbeck.

Träger dieser Einrichtung des Kreises Warendorf ist die Kulturgut Haus Nottbeck GmbH. Zu den Förderern gehörten bzw. gehören vor allem der Kreis Warendorf, das Land Nordrhein-Westfalen und die NRW-Stiftung, der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), die REGIONALE 2004, die Sparkasse Münsterland Ost und andere.

Abb. 3: Die "Kölner Bibel" von 1478/79 (Foto: P. Wittkampf 2020)

Das Museum für Westfälische Literatur

Kern der Einrichtung ist das Museum für Westfälische Literatur, das sowohl eine Dauerausstellung (im Haupthaus) als auch wechselnde Sonderausstellungen präsentiert. Es wurde 2001 eröffnet und 2018 durch den amerikanischen Ausstellungsdesigner Robert Ward neu gestaltet. Die wissenschaftliche Leitung liegt beim Geschäftsführer der LWL-Literaturkommission (z.Zt. Prof. Dr. Walter Gödden).

Konzeptionell wird hier besonderer Wert auf moderne Präsentationsformen gelegt. Visualisierung, Inszenierung, Mitmach-Angebote, Multimedia, Installationen, Videothek, Audiothek, Hörstationen usw. lassen die Begegnungen mit der westfälischen Literatur, ihrer Geschichte, ihren Themen und ihren früheren und zeitgenössischen Vertretern zu einem besonderen Erlebnis werden.

In der Dauerausstellung wird u.a. aus den frühesten Zeiten des für den Raum Westfalen geschaffenen Buchdrucks die "Kölner Bibel" von 1478/79 präsentiert (Abb. 3). Sie ist nicht nur die erste in niederdeutscher Sprache gedruckte Bibel überhaupt, also ein sehr bedeutendes Zeugnis der Kultur-, Religions- und Sprachgeschichte, sondern besticht außerdem durch ihre über 100 kolorierten Holzschnitte, die seinerzeit das weitere künstlerische Schaffen mehrerer Persönlichkeiten mit prägte. "Simplizissimus in Westfalen", Annette von Droste-Hülshoff, Dietrich Grabbe, Ferdinand Freiligrath, Paul Schallück, Augustin Wibbelt sind weitere markante Namen, die gebührend berücksichtigt werden. Aber auch Literaten der Gegenwart sind zu sehen, zu entdecken, zu erleben und zu hören – von Krimi-Autorinnen und Autoren über Vertreter/innen der politisch engagierten Literatur und der visuellen Poesie bis hin zu Satirikern und Comedians.

Tab. 1: Haus Nottbeck – Auszüge aus dem Programm des Winterhalbjahres 2019/20

Sonderausstellungen und Begleitveranstaltungen

Einige der auf Haus Nottbeck stattfindenden Veranstaltungen sind bewusst als eine Art "Begleitprogramm" für die jeweiligen Sonderausstellungen geplant. Sie sollen deren Themen ergänzen, vertiefen, kommentieren, kontrastieren oder weiterführen. Am Beispiel des Winterhalbjahres 2019/20 soll dies in Tabelle 1 näher erläutert werden. Die Sonderausstellung, die den "Rahmen" bildete, war der "Science-Fiction-Literatur aus Westfalen 1904–2018" gewidmet.

Frühere Sonderausstellungen waren zum größten Teil entweder einer (zumindest teilweise auch) literarisch bemerkenswerten Persönlichkeit gewidmet, die in Westfalen geboren wurde oder hier wirkte, oder in diesen Ausstellungen wurden Zeitströmungen thematisiert, die (auch) in Westfalen in der Kulturszene ihren Niederschlag fanden. Zu letzteren gehören etwa die Ausstellungen zur "1968er" Bewegung (2017). Zu den Autoren und Autorinnen, die jeweils mittels einer Sonderausstellung wiederentdeckt oder gewürdigt wurden, zählen u.a.
–  2019: Jenny Aloni (jüdische Schriftstellerin, 1917 in Paderborn geboren),
–  2018: Erich Grisar (1898 in Dortmund geboren, Arbeiterdichter und Journalist),
–  2017: Jürgen Schimanek (Autor, Komponist, bildender Künstler, geboren in Münster),
–  2016: Hans Wollschläger (Literat und Musiker aus Münster).

Eine Kombination aus der Dokumentation einer literarischen Strömung und ihrer westfälischen Vertreter gab es u.a. 2016, als es um "Visuelle Poesie" ging.

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2020