Die Nordwalder Biografietage – einzigartig in Westfalen

Wo kann man in Westfalen einen internationalen Filmstar (Mario Adorf), eine renommierte französische Bestsellerautorin (Noëlle Châtelet), einen bekannten Fernsehsportreporter (Rolf Töpperwien) oder die Preisträgerin des Deutschen Buchpreises von 2012 (Ursula Krechel) hautnah erleben, und das ohne roten Teppich, Kamera-Blitzlichtgewitter und VIP-Karte? Solche Begegnungen sind seit 2008 einmal im Jahr in Nordwalde im Kreis Steinfurt möglich, und zwar im Rahmen der "Nordwalder Biografietage".

Die Gemeinde Nordwalde mit knapp 9.500 Einwohnern besteht – wie im Münsterland typisch – aus einem (Kern-)Dorf und einigen Bauerschaften im Außenbereich, wobei das durch die Landwirtschaft geprägte Ortsbild bis heute im Wesentlichen erhalten blieb. Den Verlust an industriellen Arbeitsplätzen durch den Niedergang der Textilindustrie konnte Nordwalde durch die Ansiedlung anderer Industriezweige im letzen Jahrzehnt wettmachen.

Das nahe gelegene Oberzentrum Münster sowie die benachbarten Mittelzentren Greven und Steinfurt sind die Hauptziele der auspendelnden Erwerbstätigen.

Biografischer Ansatz

Die Gesellschaft für biografische Kommunikation (2013, S. 6) versteht unter einer biografischen Kommunikation "die Anleitung zum Austausch von Lebenserfahrungen, Sehnsüchten und Ängsten, um sich und andere besser verstehen zu können. Dies soll dem Einzelnen den Zugang und die Teilhabe an der Gesellschaft in allen Lebensphasen erleichtern. Richtig vermittelt, verstanden und angewendet schafft biografische Kommunikation Verständnis, Erkenntnis und Identität ohne Vorurteile gegenüber anderen Kulturgruppen". Auf der Grundlage dieses biografischen Ansatzes initiierte der Verein im Jahr 2008 die Veranstaltungsreihe der Nordwalder Biografietage, die jährlich im Herbst stattfinden – 2014 mittlerweile zum siebten Mal.

Biografietage 2011 - Titelblatt Abb. 1: Biografietage 2011 – Titelblatt (Quelle: Gesellschaft für biografische Kommunikation e. V. / Foto: Jeanette Lange, Nordwalde)

Leitthemen und Programmgestaltung 2008–2011

Die Präsentation der Biografien geschieht in Form von Lesungen, Vorträgen, Gesprächen, Ausstellungen vielfältiger Art, Musik-, Film- und Theateraufführungen an unterschiedlichen Veranstaltungsorten in Nordwalde, aber auch außerhalb der Gemeinde. Dabei stehen die Veranstaltungen unter einem jährlich wechselnden Leitthema:

1. Biografietage 2008 – Nahsicht und Fernweh:
Im Fokus des zweitägigen Auftaktes standen die Biografien zweier über 80-jähriger Nordwalder, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Der Erste, ein Mann, der sein gesamtes Leben in der Gemeinde verbracht hat, ist einer der letzten noch lebenden Knechte im Münsterland. Sein Leben war geprägt durch den Bauernhof und die Landwirtschaft. Sein "Gegenüber" hingegen wanderte in jungen Jahren nach Kalifornien aus. In Hollywood brachte er es zu einem bekannten Nebendarsteller, spielte in zahlreichen Filmproduktionen, u.a. an der Seite von Marlon Brando und Robert Redford, und kehrte schließlich im Alter in seine Heimat zurück.

Diese biografische Gegenüberstellung wurde in Form einer Foto- und Kunstausstellung realisiert und war mit Lesungen, einem biografischen Liederabend und einer Filmvorführung angereichert.

Die folgenden Biografietage fanden jeweils an drei Tagen statt. Augrund der inhaltlichen Ausrichtung wurden dabei einige Veranstaltungen sogar in die Niederlande und nach Frankreich (in die langjährige Partnergemeinde Amilly) gelegt:

2. Biografietage 2009 – 20 Jahre Mauerfall

3. Biografietage 2010 – Konflikt und Kultur

4. Biografietage 2011 – 90 Minuten Hass (Abb. 1):
Inspiriert durch eine Kunstinstallation des Kreises Steinfurt in der Gemarkung Nordwaldes entwickelte der Vorsitzende des Vereins Matthias Grenda die Idee, Lebensgeschichten aus dem sportlichen Alltag zum Thema "Fußball – ein biografisches Gesellschaftsspiel" in Kooperation mit niederländischen Nachbarn zu organisieren.

Aus der Idee entwickelte sich ein breitgefächertes Programm, ganz nach dem Motto des hierbei auch anwesenden "Fußball-Comedians" Ben Redelings: "Fußball ist nicht das Wichtigste im Leben. Es ist das Einzige." Es gab Lesungen aus Autobiografien von Rolf Töpperwien und von dem Fußballer Marcus Urban. Vorgestellt wurde eine "Graphic Novel" des Comic-Zeichners Sascha Dreier über Matthias Sindelar, einem der besten österreichischen Fußballspieler des 20. Jh.s. Anwesend war auch Bärbel Wohlleben, die 1974 mit dem TuS Wörrstadt die erste offizielle deutsche Frauenfußball-Meisterschaft des DFB gewann.

Darüber hinaus wurden in einer Doppelbiografie die Ausnahmespieler Johan Cruyff und Franz Beckenbauer durch den niederländischen Autor Marcel Rözer vorgestellt. Ungewöhnlich war sicherlich das tonlose Anschauen des WM-Endspiels von 1974, begleitet von Orgelmusik, in der Kapelle des Nordwalder Altenzentrums St. Augustinus.

Natürlich fand auch ein kleines Fußballturnier zwischen Jugendmannschaften aus dem niederländischen Grenzort Denekamp und Nordwalde statt.

Biografietage 2013 - Titelblatt Abb. 2: Biografietage 2013 – Titelblatt (Quelle: Gesellschaft für biografische Kommunikation e. V.)

Tod und Exil – existenzielle Themen der Jahre 2012 und 2013

Die 5. und 6. Biografietage der Jahre 2012 und 2013 stellten die existentiellen Aspekte Tod und Exil – wiederum durch variantenreiche Präsentationen, Lesungen und andere künstlerisch-musische Möglichkeiten – in den Vordergrund.

Beeindruckend waren im Jahr 2012 die Lesungen von Mario Adorf ("Mit einer Nadel bloß") und Noëlle Châtelet ("Die letzte Lektion").

Eine völlig andere Art Lebensgeschichten zu "erzählen" war die Tanz-Performance "kein Nullpunkt nie" der Tänzerinnen Kristina Kreis und Friederike Erhart, die die verschwindende Welt der Industriearbeit im Ruhrgebiet und die mit ihnen unverwechselbaren Körperlichkeiten von Stahlarbeitern inszenierten. Der Umstand, dass diese Aufführung in einem ehemaligen Websaal des einstigen "Textildorfes" Nordwalde stattfand, war gleichsam eine Anspielung auf den Niedergang der heimischen Textilindustrie.

Ein weiterer Höhepunkt im Jahr 2012 war ohne Zweifel die Ausstellung "Steve McQueen – The Last Mile", bestückt mit Fotos der Witwe Barbara McQueen. Sie war die Einzige, die den Hollywood-Schauspieler privat fotografieren durfte. Die Auswahl der Bilder war zum ersten Mal in Europa zu sehen.

Weitere Lesungen, Gespräche und Filmvorführungen rundeten das attraktive Programm der 5. Biografietage ab.

Fester Bestandteil der Norwalder Biografietage ist seit jeher die Verleihung des Deutschen Biographiepreises. 2012 ging dieser an den Aachener Zeichner Willi Blöß, der inzwischen nicht weniger als 20 als Comic konzipierte Künstlerbiografien (u.a. von Picasso, Dalí, Kahlo, Schiele, Bosch und van Gogh) gestaltet hat.

Von den insgesamt 14 Veranstaltungen der 6. Biografietage 2013 mit dem Leitthema "Exil" seien vier kurz beschrieben:
Dass sich die Nordwalder Biografietage am Puls der Zeit bewegen, bewies einmal mehr die Aufführung des Filmes "Woodstock in Timbuktu". Er zeigt die Biografie eines Volkes, das zu verschwinden droht.

Auch die Lesung der Journalistin Heli Ihlefeld mit dem Titel "Willy Brandt – auch darüber wird Gras wachsen…" nahm die zahlreichen Veranstaltungen zum 100. Geburtstag des ersten sozialdemokratischen Bundeskanzlers und Friedensnobelpreisträgers einige Monate später vorweg. Und zwar weniger politisch/historisch ernsthaft, sondern anhand zahlreicher Anekdoten eher zum Schmunzeln anregend.

Einer der Höhepunkte war aber eindeutig die Lesung von Ursula Krechel, der Trägerin des Deutschen Buchpreises 2012, aus ihrem biografischen Roman "Landgericht". Hierin schildert sie das Leben des 1947 aus dem Exil nach Deutschland zurückgekehrten Richters Richard Kornitzer und zeichnet die tragische Geschichte von einem Menschen, der nach der Nazizeit nicht mehr in seiner Heimat ankommt.

Ein weiteres Highlight waren die "Chansons gegen das Vergessen", vorgetragen von Maegie Koreen. Die Sängerin unternahm am Beispiel der beiden Kabarettistinnen Annemarie Hase (1900–1971) und Stella Kadmon (1902–1989) eine Reise von den berühmten Kabarettbühnen der "Goldenen Zwanziger" in Berlin bzw. Wien bis zu Hitlers Machtergreifung 1933 und dem anschließenden Exil beider Künstlerinnen in London bzw. Tel Aviv, aus dem sie 1947 wieder zurückkehrten. Koreen entfaltete durch ihren Gesang, der durch eine Fotodokumentation der Stationen der beiden Exilantinnen untermalt wurde, ein wahres Feuerwerk.

Ausblick

Die Nordwalder Biografietage belegen, dass auch im ländlichen Raum innovative kulturelle Impulse entfaltet werden können. Die in Westfalen (und selbst in Deutschland!) einzigartige Veranstaltungsreihe überzeugt seit Jahren mit einer attraktiven Programmgestaltung und mit renommierten Gästen, die mit ihren Lebensgeschichten in sehr unterschiedlicher Weise zum Gelingen beitragen. Diese "Kulturarbeit" wäre aber ohne das nicht hoch genug einzuschätzende Engagement der Verantwortlichen der Gesellschaft für biografische Kommunikation ebenso wenig möglich wie durch die breite Unterstützung kommunalpolitischer, organisatorischer und finanzieller Art durch die Gemeinde Nordwalde, die Bürgerstiftung Bispinghof Nordwalde, die Kreissparkasse Steinfurt, die Westfalen Initiative und zahlreicher Sponsoren.

Das Thema des Jahres 2014 lautete: "Liebe – All you need is Love". Im Jahr 2015 war das Thema stark geographisch inspiriert: "Stadt – Land – (im) Fluss". Es ist zu wünschen, dass die Nordwalder Biografietage auch zukünftig erfolgreich fortgesetzt werden.

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2014, Aktualisierung 2015

Publikationsdatum: 28.09.2015

Autoren: Rohleder (Autor)

Schlagworte: Biografietage, Kultur, Nordwalde (Kr. Steinfurt)

Region: Kreis Steinfurt