Das Heinrich Neuy Bauhaus Museum Borghorst

100 Jahre Bauhaus bedeutet in der Regel: Weimar – Dessau – Berlin sowie Emigration in alle Welt, z.B. nach Nord­amerika ("Black Forest College" bei Ashville, North Carolina) oder Israel ("Weiße Stadt" in Tel Aviv). Diese Orte mit ihrer spezifischen Ausformung der Bauhausideen und ihrer Weiterentwicklung sind vielen bekannt und rücken gerade im Jubiläumsjahr 2019 auch hierzulande verstärkt ins kulturelle Bewusstsein. In der allgemeinen Wahrnehmung fehlt jedoch die Anwesenheit des Bauhauses in der näheren Umgebung. Dabei beherbergt das Land Nord­rhein-Westfalen, wenn auch nicht viele, dafür aber sehr bemerkenswerte Spuren der Bauhauskünstler. Oft genannt wird in diesem Zusammenhang die "Seidenstadt Krefeld" mit den dortigen Unternehmervillen "Haus Lange" und "Haus Esters".

Bauhaus-Spuren in Westfalen

Bezogen auf Westfalen ist zunächst einmal der Hohenhof in Hagen (nach Entwürfen von Henry van de Velde) zu nennen. Es war das Wohnhaus von Karl Ernst Osthaus, dem Begründer des Folkwang-Museums, Freund von Walter Gropius und engagierten Kulturreformer.

Ein architektonisches Zeugnis steht als Wohngebäude in der Gemeinde Burbach (Kr. Siegen-Wittgenstein). Es handelt sich um das Landhaus Ilse, 1924 als Gästehaus für den Bergbaudirektor Willi Grobleben erbaut. Benannt nach seiner Tochter, orientierte sich die Konzeption des Atrium-Baus am Musterhaus "Am Horn" für die erste Bauhausausstellung in Weimar im Jahr 1923. Das Haus in Burbach spiegelt allerdings sehr viel mehr die ursprüngliche Bauhaus-Idee des Gründervaters Walter Gropius wider als das Musterhaus in Weimar (LWL 2018).

Eine weitere Spur des Bauhauses in Westfalen findet sich in der Stadt Ahlen (Kr. Warendorf). Hier steht seit 1975 das Fritz-Winter-Haus. Fritz Winter (1905–1976) wurde in Altenbögge (heute Bönen) geboren und arbeitete, der Familientradition verpflichtet, zunächst auf der Zeche "Westfalen" in Ahlen. Ende der 1920er Jahre wurde er Bauhausschüler bei Josef Albers und Wassily Kandinsky in Dessau. Sein Malstil wurde maßgeblich durch die Ideen des Bauhauses beeinflusst. Später avancierte Winter zu einem der wichtigsten Maler der Nachkriegszeit und erhielt Dutzende renommierter Auszeichnungen im In- und Ausland. Das Fritz-Winter-Haus präsentiert heute einen umfangreichen Teil seines Lebenswerkes, ergänzt durch weitere wechselnde Ausstellungen (www.fritz-winter-haus.de).

Das Heinrich Neuy Bauhaus Museum

Einer der wohl bedeutendsten Standorte der Bauhauskultur in Westfalen mit überregionaler Strahlkraft ist das Heinrich Neuy Bauhaus Museum in Borghorst (Steinfurt). Dieses soll im folgenden näher vorgestellt werden.

Das Museum ist im historischen Zentrum des Steinfurter Ortsteils Borghorst gegenüber der Nikomedes-Kirche angesiedelt.

Abb. 1: Kunstinstallation von Heinrich Neuy: "Energie, Rechtschaffenheit, Aktivität" (1996) (Foto: M. Rohleder 2019)

Bereits am südlichen Ende der Altstadt von Borghorst begeg­net dem Besucher eine farbenfrohe Installation (Abb. 1) vor dem Hintergrund einer weißen Villa, ebenfalls im Bauhausstil. Insofern werden hier gleich zwei Zeugnisse des Bauhauses auf engstem Raum präsentiert. Das Kunstwerk "Energie, Rechtschaffenheit, Aktivität" aus dem Jahr 1996 beeindruckt durch seine Geometrie und Farbgestaltung und spiegelt zugleich die künstlerischen Grundideen von Heinrich Neuy wider.

Auf dem Kirchplatz trifft man unweigerlich auf das Heinrich Neuy Bauhaus Museum. Es ist beheimatet in einem der Häuser des ehemaligen Kanonissen- und Damenstiftes Borg­horst (Abb. 2). Neben dem Museum beherbergt das Gebäude auch die wertvollen Buch- und Quellenbestände der historischen Bibliothek der Pfarrgemeinde St. Nikomedes (Feldmann 2011).

Abb. 2: Das Heinrich Neuy Bauhaus Museum am Kirchplatz in Borghorst (Foto: M. Rohleder 2019)

Heinrich Neuy – innovativer Meis­ter der Tischlerei und Kunst

Heinrich Neuy, 1911 in Kevelaer am Niederrhein geboren, begann zunächst eine Lehre als Tischler in der Werkstatt seines Vaters, bevor er die Kunstgewerbeschule in Krefeld besuchte. Angeregt durch die Bauhaus-Ausstellung im Folkwang-Museum in Essen, bewarb er sich als Schüler am Bauhaus, das inzwischen von Weimar nach Dessau umgezogen war. Dort studierte er von 1930 bis 1932 u.a. bei Josef Albers, Wassily Kandinsky, Lilly Reich und Mies van der Rohe.

Nicht zuletzt wegen der politischen Wirren des Jahres 1932 verließ er das Bauhaus und kehrte an den Niederrhein zurück. Heinrich Neuy beendete seine Tischlerausbildung und legte 1937 die Meisterprüfung ab. Nach der Heirat übernahm er in Borghorst den Tischlereibetrieb seines Schwiegervaters. Er baute den Betrieb aus und erhielt eine Reihe öffentlicher Aufträge.

Im Jahr 1940 wurde er als Soldat eingezogen und geriet 1943 in der Bretagne in amerikanische Gefangenschaft. Bis 1946 verbrachte er diese in verschiedenen Lagern in mehreren US-Bundesstaaten, später in England. Nach seiner Rückkehr im Jahr 1946 arbeitete er für insgesamt mehr als vier Jahrzehnte als ausbildender Meis­ter. Mitte der 1950er Jahre nahm er seine künstlerischen Aktivitäten wieder auf. Er unterrichtete auch im Fach Heimgestaltung an der Volksschule Borghorst – im Sinne der Bauhausideen und reformpädagogischer Grundsätze. Da ihm der Aufbau einer eigenen Werkbildungsstätte nicht vergönnt war – es fehlte an finanziellen Unterstützung seitens der politischen Administration –, begann Heinrich Neuy wieder mit eigenen Ausstellungsprojekten. In diesen Zeitraum fallen auch seine umfangreichen Arbeiten der sog. Beweisenden Malerei.

Abb. 3: Heinrich Neuy 1911–2003 (Foto: Heinrich Neuy Bauhaus Museum)

Im Jahr 1991 erhielt Neuy den Kulturpreis seiner Heimatstadt Steinfurt, fünf Jahre später dann den Kulturpreis des Kreises Steinfurt. 1994 ehrte ihn das Bauhaus Dessau mit einer eigenen Bilderausstellung. Einige Monate später wurde diese im Westfälischen Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte in Münster gezeigt.

Drei Jahre danach folgte eine viel beachtete Ausstellung in der Handwerkskammer zu Münster. Die Lehrer/innen des Bauhauses hätten sich vermutlich über solch einen grandiosen Erfolg eines ihrer Schüler gefreut – Handwerksmeister und Künstler, das gab es wahrscheinlich nicht sehr häufig.

Im Jahr 2011, acht Jahre nach Neuys Tod, wurde das Bauhaus Museum mit seinem Namen in Borghorst eröffnet und entwickelt sich seither für Bauhaus-Liebhaber zu einem Anziehungspunkt, dessen Bedeutung mittlerweile weit über die Grenzen Westfalens hinaus reicht.

Das Jubiläumsjahr 2019

Anlässlich des 100-jährigen Bauhaus-Jubiläums präsentiert sich das Museum im Jahr 2019 mit gleich vier besonderen Ausstellungen:

  • Den Anfang machte eine bauhäuslerische Stuhl-Ausstellung aus der sog. Löffler Collection. Gezeigt wurden die legendären Schwingstühle aus Stahlrohr von Marcel Breuer und Ludwig Mies van der Rohe. Eigens für diese Ausstellung wurde ferner ein Entwurf von Heinrich Neuy für einen Kinderstuhl, mit dem er sich im Jahr 1930 als Bauhausschüler bewarb, umgesetzt.
  • Die Reihe wurde fortgesetzt mit einem Blick in Richtung westliche Nachbarschaft: Die Künstlervereinigung "De Stijl" entstand bereits zwei Jahre vor der Bauhausgründung im niederländischen Leiden.
  • Im Sommer 2019 folgte der Blick auf die "Avantgarde in Osteuropa". In Russland, Ungarn, Polen und Tschechien entstanden in den 1920er Jahren – analog zum Bauhaus – innovativ orientierte Kunstzentren und -strömungen. Diese wurden mit dem Machtantritt Stalins abrupt beendet.
  • Als letzte Ausstellung im Jubiläumsjahr 2019 wird ab dem Herbst eine umfassende Retrospektive des malerischen Schaffens von Heinrich Neuy präsentiert.

Für diese sowie für alle zukünftigen Ausstellungen ist dem Heinrich Neuy Museum und seiner Leitung ein starker Besucherstrom zu wünschen. In jedem Fall bietet der Standort in Borghorst den Kunstinteressierten – gerade abseits der klassischen "Bauhaus-Stätten" – eine hervorragende Möglichkeit, in die Welt des Bauhauses einzutauchen.

⇑ Zum Seitenanfang


Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2019