Wanderungsbewegungen 2007–2013 in Westfalen

Räumliche Wanderungsbewegungen, auch Migrationen genannt, stellen eine wichtige Komponente der Bevölkerungsentwicklung dar. Um die Strukturen und Prozesse der Bevölkerungsentwicklung insgesamt zu erfassen, müssen allerdings weitere Aspekte berücksichtigt werden, insbesondere die natürliche Bevölkerungsbewegung, also die Geburten- und Sterberaten (s. Beitrag Beckord). Wenn im Folgenden lediglich die räumlichen Wanderungsbewegungen betrachtet werden, dann geschieht dies aus mehreren Gründen: Migrationen, vor allem wenn man sie über mehrere Jahre beobachtet, können als Indikatoren z.B. für die Attraktivität einer Stadt oder Region gelten
  • in wirtschaftlicher Hinsicht, wobei als Auslöser vor allem die Entwicklung des Arbeitsplatzangebotes von Bedeutung ist,
  • in Bezug auf die vorhandenen Bildungseinrichtungen – vor allem im tertiären Bildungssektor,
  • als Wohnstandort.

Für den Bereich der Wirtschaft sind Rückschlüsse z.B. auf die Krisenfestigkeit bzw. Krisenanfälligkeit möglich, wenn man Zeitreihen untersucht, in denen Jahre mit allgemeinen Wirtschafts- oder Finanzkrisen enthalten sind, z.B. die Jahre 2008/09.

Wenn Zuwanderungen erfolgen, wecken diese oft auch die Hoffnung zumindest auf einen teilweisen Ausgleich der Bevölkerungsverluste durch die natürlichen Prozesse, also die hohen Sterbe- und niedrigen Geburtenraten. Letzteres führte in Westfalen-Lippe allein im Jahr 2013 zu einem Verlust von 27.174 Menschen. Dieser Verlust wurde nur teilweise durch einen Zuwanderungsüberschuss ausgeglichen, der sich – im selben Jahr – auf 16.887 Personen belief.

Abb. 1: Wanderungsbilanz 2007–2013 pro 1.000 Ew. und Ausländeranteile an den Zugezogenen 2013 (Quelle: www.it.nrw.de)

Die Gesamtbilanz 2007–2013

Wenn man die Gesamtbilanz des Zeitraums von 2007 bis 2013 betrachtet (Abb. 1), wiesen in diesen sieben Jahren 14 der 27 Kreise bzw. kreisfreien Städte in Westfalen-Lippe einen Zuwanderungsgewinn auf. Dies betraf vor allem die meisten der größeren Städte. Sie waren und sind "Magneten" für Zuwanderer, während z.B. in den Kreisen Höxter, Olpe, Lippe, dem Märkischen Kreis und dem Hochsauerlandkreis, aber auch in der Stadt Hagen ein Fortgezogenenüberschuss herrschte. Einerseits führten dort Deindustrialisierungen, Rationalisierungen und Automatisierungen dazu, dass weniger Arbeitskräfte gebraucht wurden, andererseits sahen in manchen wirtschaftsschwächeren, peripher gelegenen Kreisen vor allem jüngere Personen keine geeignete Lebensperspektive mehr (s. Beitrag Wittkampf). So betrug beispielsweise im Kreis Höxter der Fortgezogenenüberschuss im angegebenen Zeitraum 4,1 Personen pro 1.000 Einwohner. Dass selbst aus wirtschaftsstärkeren Kreisen wie Olpe und Siegen-Wittgenstein relativ viele hochqualifizierte, vor allem auch jüngere Menschen abwandern, zeugt von der zunehmenden Attraktivität vitaler Zentren wie Köln, Düsseldorf und Münster. Zu den "Gewinnern" zählen auch Städte wie Dortmund und Bielefeld, aber auch Kreise wie Gütersloh und Paderborn. Bei einem Zugezogenenüberschuss, der jeweils zwischen 0,2 (Kreis Recklinghausen) und 3,5 (Dortmund) pro 1.000 Einwohnern liegt, fällt die Stadt Münster extrem aus dem Rahmen. Zusätzlich 15,8 Einwohner pro 1.000 betrug hier das Ergebnis des Wanderungssaldos. Münster war und ist sowohl als Dienstleistungszentrum als auch als Hochschulstandort und als attraktiver Wohnstandort offensichtlich weitaus beliebter als alle übrigen Städte oder Kreise Westfalens. Dabei spielt hier der Anteil der nichtdeutschen Zuwanderer eine geringere Rolle als anderswo.

Abb. 2: Anzahl der Einzeljahre mit Fortgezogenenüberschuss 2007–2013 und Zunahme von Polen 2012–2014 (Quelle: www.it.nrw.de)

Anteile der ausländischen Bevölkerung an den Wanderungsbewegungen

Wenn man nur die ausländischen Migranten betrachtet, betrug im Zeitraum 2007–2013 der Zugezogenenüberschuss in Münster 3,8 pro 1.000 Einwohner. In Gelsenkirchen, Hamm und dem Kreis Gütersloh lag dieser Wert jeweils bei 4,0 und mehr pro 1.000 Einwohner (Abb. 1). Mit Ausnahme der Stadt Münster war der Zugezogenenüberschuss bei den Nichtdeutschen überall höher als der Gesamtsaldo aller Migranten. In vielen Fällen hätte der Fortgezogenenüberschuss deutlich höhere Werte erreicht, wenn es dort nicht die positiven Ausländersalden gegeben hätte.

Der Anteil der Ausländer an den Zugezogenen insgesamt (Abb. 1) betrug im Jahr 2013 in vielen Kreisen und Städten jeweils fast 50%, z.B. in Gelsenkirchen, Dortmund, Hagen, Hamm und im Kreis Gütersloh. Die für die Integration zuständigen Stellen machen dabei immer wieder die Beobachtung, dass neu Hinzukommende gerne die Nähe von bereits ansässigen Verwandten, Bekannten oder zumindest von Menschen ähnlicher räumlicher, sprachlicher, kultureller oder religiöser Herkunft suchen.

Die beiden Extremwerte mit Ausländeranteilen von mehr als 55% der Zuziehenden in den Kreisen Borken und im Märkischen Kreis sind durch die damalige Bedeutung der Erstaufnahmeeinrichtungen in Schöppingen und Hemer zu erklären.

In Bezug auf die Nationalitäten der nichtdeutschen Zuwanderer überrascht vielleicht die Tatsache, dass hierbei die Polen die größten Zuwachsraten in Westfalen-Lippe aufweisen (Abb. 2). Die Gesamtzahl der in Westfalen-Lippe lebenden Polen erhöhte sich von 2012 bis 2014 von 63.863 auf 77.383 Personen, eine Steigerung von 21,2%. Ausschlaggebend war hierbei sicherlich der Wegfall der Zugangsbeschränkungen zum deutschen Arbeitsmarkt im Jahr 2011.

Teilräume mit besonders hohen Zuzugsquoten polnischer Staatsbürger sind das Münsterland, der Hochsauerlandkreis sowie die Kreise Höxter und Lippe (Abb. 2). Hier finden polnische Zuwanderer leichter Arbeitsmöglichkeiten in Berufen wie z.B. dem Baugewerbe usw.

Die Polen bilden inzwischen die zweitgrößte Gruppe der in Westfalen lebenden Ausländer. Türkische Staatsbürger führen diese "Liste" allerdings weiterhin deutlich an, obwohl ihre Zahl von 2012–2014 um 3,4% auf 216.592 Personen zurückging. Unberücksichtigt bleibt bei diesen Angaben die Tatsache, dass viele – vor allem türkischstämmige – Menschen "mit Migrationshintergrund" inzwischen die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen.

Auswirkungen der Wirtschaftskrise seit 2008

Wenn es um die Bilanz der Zu- und Fortgezogenen geht, sind nicht nur die Salden und die Nationalitäten von Bedeutung, sondern auch die Entwicklungen innerhalb eines bestimmten, mehrjährigen Zeitraums. In diesem Fall war die Phase der Wirtschafts- und Finanzkrise ab 2008 mit verantwortlich für einen negativen Wanderungssaldo in Westfalen, und zwar jeweils in den Jahren 2008–2010. Viele Menschen zogen in diesen Jahren entweder ins Ausland oder in andere Bundesländer, z.B. nach Bayern, Baden-Württemberg oder Berlin, wo auch während der Wirtschaftskrise Wanderungsüberschüsse verzeichnet wurden.

Im Jahr 2008 wiesen alle Kreise und kreisfreien Städte Westfalens Fortgezogenenüberschüsse auf – bis auf Münster, wo in letzter Zeit permanent Wanderungsgewinne auftraten (Abb. 2).

Von der Rezession erholten sich die größeren Städte relativ rasch. Positive Wanderungssalden wiesen 2009 wieder Bielefeld und Bottrop auf, im Jahr 2010 dann auch Dortmund, Bochum, Hamm und Herne sowie die Kreise Gütersloh, Borken, Paderborn, Steinfurt und Soest.

Mehr als vier Jahre mit Wanderungsverlusten gab es in Teilen Ost- und Südwestfalens (Abb. 2), wobei diese Verluste in generell durch Strukturprobleme oder Strukturwandel besonders betroffenen Kreisen sogar den gesamten Zeitraum 2007 bis 2013 prägten.

Innerregionale Wanderungen

In Bezug auf die innerregionalen Wanderungsbewegungen ist festzustellen, dass 2013 die wichtigsten Quell- und Zielorte für Migrationen innerhalb Westfalens zumeist die jeweils benachbarten Großstädte waren, insbesondere Münster, Bielefeld und Dortmund. Aus diesen Städten kamen einerseits die größten Zuwanderungsströme für die benachbarten Kreise, andererseits zogen die Städte auch die größten Fortwanderungsströme aus ihrem jeweiligen Umland auf sich.

Außerhalb Westfalens spielten Köln – als wichtigster Quell- und Zielort für Münster – sowie Essen – bedeutendster Quell- und Zielort für Gelsenkirchen und Bottrop – eine bedeutende Rolle.

Die Relevanz speziell der bereits erwähnten Erstaufnahmeeinrichtung in Hemer wurde im Jahr 2013 besonders dadurch deutlich, dass es unter allen anderen Kommunen diejenige Stadt war, aus der jeweils die größten Zuwanderungsströme für den Kreis Siegen-Wittgenstein und den Hochsauerlandkreis kamen.

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2016