Tabea S. fotografiert mit ihrer Kamera

Der erfolgreiche Weg von Tabea S.

Mit „Chance Zukunft“ Langzeitarbeitslosigkeit überwunden

BBW Soest: Tabea S. und Martina Heising sitzen in einem Café in der Innenstadt von Hamm. Auf dem Tisch hat Tabea S. die Unterlagen für ihre Einschreibung an der Fachhochschule Dort­mund ausgebreitet. Gemeinsam mit der Sozialarbeiterin füllt sie nun die Formulare aus und notiert sich, welche Dokumente sie noch einreichen muss, bis Anfang Oktober ihr Fotografiestudium be­ginnt. Die Zusage für einen der begehrten Stu­dien­plätze zu bekommen, war für die 21-Jährige gleich in doppelter Hinsicht ein Erfolg. Denn damit endete auch ihr langer Weg aus der Arbeits­losigkeit, auf dem Martina Heising vom LWL-Berufsbildungswerk Soest (BBW Soest) sie begleitet und unterstützt hat.

Eigentlich wollte Tabea S. Innenarchitektur studieren. Schon seit ihrer Grundschulzeit hatte sie dieses Ziel vor Augen. Doch der große Traum platzte im letzten Schuljahr vor dem Abitur: „Ich dachte, dass meine Chancen bei der Bewerbung um einen Studienplatz mit einem guten Notendurchschnitt im Abitur wohl besser wären, sagt die junge Frau. „Meine Zensuren waren aber eher mäßig, und je mehr ich mich unter Druck setzte, desto schlechter wurden sie.“ Die Schülerin schaffte den Absprung aus diesem Teu­felskreis nicht, chronische Spannungskopfschmerzen waren die Folge. Im Herbst 2015 brach sie schließlich die Schule ab und meldete sich arbeitslos.

 

Tabea S. geht mit Martina Heising Unterlagen durch

Mit der Hilfe verschiedener Ärzte versuchte Tabea S. während der kommenden Mo­nate, gesundheitlich und seelisch wieder auf die Beine zu kommen. Doch erst der Kontakt zu Martina Heising brachte den Durchbruch. Marcus Spieker vom Kommunalen Jobcenter der Stadt Hamm vermittelte der jungen Frau Anfang 2016 einen Platz im Modellprojekt „Chance Zukunft“, das von Jobcentern in NRW und dem NRW-Arbeitsministerium aus Mitteln des Europäischen Sozial­fonds (ESF) finanziert wird.

„'Chance Zukunft' ist keine klassische Maßnahme, die den Teilnehmern einen festen Ablauf vorgibt, sondern wird individuell auf jeden Klienten zugeschnitten“, erläutert Heising. „Ziel ist es nicht, die Teilnehmer sofort in eine Ausbildung oder einen Beruf zu bringen. Am Anfang steht erst einmal die Abklärung der individuellen Problemlage, um die persönliche Situation zu stabilisieren.“ Im Wo­chen­rhythmus traf sich die Sozialarbeiterin mit Tabea S., um sie kennenzulernen und gemeinsam die nächsten Schritte zu planen.

Die regelmäßigen Gespräche halfen der jungen Frau, ihren alten Traum und die schwierigen Mona­te nach dem Schulabbruch hinter sich zu lassen. „Ich bin aufgeblüht und hatte plötzlich Hobbies und Interessen“, beschreibt sie die ersten Erfolge. Sie fing an zu malen und erinnerte sich wieder an ihre Begeisterung für die Fotografie, die sie schon als Jugendliche gespürt hatte – der neue Be­rufs­wunsch stand fest. „Das war und ist eine Herzensentscheidung“, sagt S. „Ich möchte das machen – egal, was es kostet und wie schwierig es im Arbeitsleben vielleicht einmal wird.“

Nach und nach überwand sie mit Martina Heisings Hilfe auch ihre anfänglichen Bedenken, ob sie sich ein Studium zutrauen könne. Im August 2016 trat sie am Designseminar Lippstadt ein Prakti­kumsjahr an, um sich auf die künstlerische Eignungsprüfung an der Fachhochschule vorzubereiten und ihre Bewerbungsmappe zusammenzustellen; darüber hinaus erwarb sie mit diesem Praktischen Jahr auch das Fachabitur.

„Ich brauchte eine gewisse Zeit, um wieder belastbar zu werden“, schildert S. die ersten Herausforderungen. „Lange Zeit hatte ich ja überhaupt nichts gemacht.“ Doch sie hielt durch, pen­delte regelmäßig von ihrem Wohnort Hamm nach Lippstadt und entwickelte neues Vertrauen in ihre Talente. Ihr Seminarleiter spornte sie an und inspirierte sie, mit der Kamera Neues auszu­pro­bieren. „Er hat mich aus meiner Komfortzone herausgeholt“, fasst die angehende Studentin die Unterstützung zusammen. Während sie sich in der Zeit vor dem Seminar vor allem für Natur- und Landschaftsfotografie begeisterte, wagte sie für ihre Bewerbungsmappe einige Experimente: Für eine Serie fotografierte sie alle Motive aus der Froschperspektive vom Boden aus, auch die Porträtfotografie machte ihr plötzlich Spaß.

Tabea S. liegt auf dem Waldboden, an ihrem Rücken sieht man einen Schlüssel

Besonders stolz ist Tabea S. auf eine Serie zum Thema „Ich hab keinen Strom mehr“, das die Fachhochschule ihren Studienbewerbern als Aufgabe stellte. Sie fotografierte sich selbst mit herabhängenden Schultern und Armen auf einem Stuhl im Wald sitzend und auf dem Waldboden liegend. Später montierte sie mit Hilfe eines Bildbearbeitungsprogramms am Computer einen Schlüssel auf ihren Rücken, der sie wie ein Aufziehspielzeug aussehen lässt. Wie eine solche Foto­montage technisch umzusetzen ist, brachte sie sich selbst bei – etwa einen Tag investierte sie in jedes der Bilder.

Ihre neuen Ideen kamen bei den Prüfern in Dortmund gut an: Sie bewerteten ihre Mappe mit der Gesamtnote 1,2. Zur Eignungsprüfung begleitete Martina Heising sie an ihren künftigen Studienort, und auch nach dem Studienbeginn wird die Sozialarbeiterin noch eine Zeit lang für die junge Frau da sein. „Meine Unterstützung soll im Oktober nicht sofort enden, sondern erst, wenn wir die Finanzierung mit dem Bafög-Amt geklärt und eine Wohnung gefunden haben“, erklärt die BBW-Mitarbeiterin.

 

 

Tabea S. sitzt mit herabhängenden Armen auf einem Stuhl im Wald. An ihrem Rücken sieht man den Schlüssel.

Besser geht es Tabea S. schon jetzt. „Martina Heising hat mir geholfen, wieder gerader zu stehen und mich zu entspannen“, sagt sie. Zwar habe sie auch heute noch hin und wieder Kopf­schmerzen. Doch dank ihrer neuen Motivation schafft sie es auch an diesen Tagen, ihrem Alltag nachzugehen und sich weiter um die Vorbereitung ihres Studiums zu kümmern: „Es hilft, ein Ziel vor Augen zu haben und etwas zu tun, das ich liebe.“

Über „Chance Zukunft“

Das Modellprojekt „Chance Zukunft“ ist ein Angebot zur persönlichen und beruflichen Förderung; es richtet sich an 18- bis 30-jährige, die den Sprung in den Beruf nicht geschafft haben und Leistungen zum Lebensunterhalt vom Jobcenter beziehen. Finanziert wird es von den Jobcentern und dem NRW-Arbeitsministerium aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF); Anbieter von „Chance Zukunft“ ist der Trägerverbund der Berufsbildungswerke NRW. Die Ziele reichen von der Steigerung der Motivation über die Entwicklung einer (beruflichen) Perspektive bis zur Aufnahme einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung. Wichtigste Instrumente der Arbeit sind die aufsuchende Sozialarbeit und das individuelle Fallmanagement. Das LWL-Berufsbildungswerk Soest arbeitet bei diesem Projekt zusammen mit dem Kommunalen Jobcenter der Stadt Hamm sowie den Jobcentern der Kreise Soest und Unna. Insgesamt 28 junge Menschen nehmen im Bereich der Jobcenter Hamm, Soest und Unna aktuell an dem Modellprojekt teil.

Weitere Informationen zum Modellprojekt „Chance Zukunft finden Sie auf:

https://www.mais.nrw/chance-zukunft

 

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