Programm "100 zusätzliche Ausbildungsplätze"

Im Jahr 2007 hat das Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales des Landes NRW erstmals Mittel bereitgestellt, um 100 zusätzliche Ausbildungsplätze für junge Menschen mit Behinderungen zu schaffen. Das Programm wird in Kooperation mit der Regionaldirektion für Arbeit durchgeführt und wurde zwischenzeitlich auf 150 Plätze pro Jahr aufgestockt. Das LWL-Berufsbildungswerk Soest ist seit 2011 regelmäßig daran beteiligt.

Ziel ist es, junge Menschen mit Behinderungen, die bis zum Jahresende noch keinen Ausbildungsplatz bekommen haben, noch eine Chance für eine berufliche Qualifizierung zu eröffnen. Sie schließen ihren Ausbildungsvertrag mit dem Berufsbildungswerk ab, absolvieren ihre Ausbildung aber überwiegend in Betrieben der freien Wirtschaft, wobei sie von den beteiligten Berufsbildungs- und Berufsförderungswerken unterstützt werden.

Interessenten können sich an die Reha-Berater der Arbeitsagentur wenden oder direkt an das LWL-Berufsbildungswerk Soest.

Dieses Programm wird vom Ministerium für Arbeit und Soziales des Landes NRW finanziell gefördert aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds.


Weitere Informationen beim Minsiterium für Arbeit, Integration und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen

Wer packt es? Er packt es!

BBW begleitet Christian Lipphardt während Ausbildung

Seit einem Jahr arbeitet Christian Lipphardt – ehemaliger Teilnehmer der Aktion „100 zusätzliche Ausbildungsplätze“ - als Fachkraft für Lagerlogistik beim Soester Traditionsunternehmen Franz Kerstin, Haus und Garten GmbH & Co. KG.  Während seiner Ausbildung wurde er von Fachkräften des LWL-Berufsbildungswerks Soest unterstützt und begleitet.

Martin Gries und Christian Lipphardt im Lager der Franz Kerstin, Haus und Garten GmbH Co. KG

Selbstbewusst schüttelt uns ein junger Mann die Hand: Christian Lipphardt (24) strahlt. Wir haben uns in der riesigen Ausstellungshalle des Großhandelsunternehmens Franz Kerstin im Soester Gewerbegebiet Süd-Ost getroffen. Mit von der Partie ist Martin Gries. Er ist Versandleiter im Unternehmen und gleichzeitig Lipphardts ehemaliger Ausbilder. Lange Zeit haben wir nicht, die in dem Raum ansprechend präsentierten, edlen Gartenmöbel zu bewundern, denn die beiden Kerstin-Mitarbeiter wollen uns ihre gemeinsame Wirkungsstätte vorstellen.

„Auf 22.000 m² sind hier bis zu 30.000 Artikel zu finden“, sagt Martin Gries, während wir die gigantischen Ausmaße des firmeneigenen Lagers bestaunen. Dort stehen wir jetzt gemeinsam inmitten von meterhohen Regalen und voll gepackten Paletten. Nicht nur Gartenmöbel und Gartengeräte, auch Badmöbel werden von hier aus an Kunden versendet, außerdem Haushaltsgeräte: Von der Waschmaschine über den Staubsauger bis zum Kaffeevollautomaten ist alles im Sortiment vertreten, auch hochwertige Töpfe und Pfannen, weiterhin Armaturen, Kaminöfen und vieles, vieles mehr. Der Großhandel am Sälzerweg hat vier wichtige Bereiche: Den klassischen Fachhandel, die Fachmärkte, den Online-Handel und die Großvertriebsformen. Für diese Sparten arbeitet Herr Lipphardt und trägt mit seiner Arbeitskraft zu einem optimalen Ablauf im Lager bei.  

 „Ich kommissioniere und versende Ware für unsere Kunden“, berichtet er stolz. Die Anforderungen dabei sind vielfältig. Sie reichen vom Einsatz der für die Lagerlogistik mittlerweile obligatorischen EDV-Programme bis hin zum differenzierten Wissen um das jeweils passende Verpackungsmaterial. Und dann muss man auch noch versiert per Hand einpacken können – soll doch die Ware unversehrt ankommen. Die dreijährige praktische Ausbildung und der theoretische Unterricht in der Berufsschule haben aus Christian Lipphardt einen Profi gemacht, der sämtliche Aufgaben und Handgriffe „aus dem Effeff“ beherrscht.

Die beiden Mitarbeiter mit Adelheid Oeser vom LWL-Berufsbildungswerk

Dabei war der Start in das Berufsleben zunächst gar nicht so berauschend für den jungen Soester verlaufen. Seine Anläufe, direkt nach der Schule eine Ausbildung zu absolvieren, scheiterten. 2011 war Christian Lipphardt, damals 21-jährig, auf Initiative der Soester Arbeitsagentur hin im Projekt „100 zusätzliche Ausbildungsplätze für behinderte Jugendliche“ gelandet. Das auch aus EU-Mitteln finanzierte Projekt soll jungen Menschen mit Handicap eine möglichst betriebsnahe Ausbildung ermöglichen, die gleichzeitig ihren individuellen Bedürfnissen gerecht wird. Im Kreis Soest ist das LWL-Berufsbildungswerk mit der Umsetzung beauftragt: Unsere Einrichtung schließt einen Ausbildungsvertrag mit den Teilnehmern und sucht geeignete Kooperationsbetriebe für deren praktische Ausbildung. Bereits vorher wurde von der Agentur für Arbeit festgelegt, welche Ausbildungsberufe für die Teilnehmer jeweils geeignet sind. Denn nicht jeder Beruf passt zu jeder Behinderung.

Für Christian Lipphardt schien eine Ausbildung zur Fachkraft für Lagerlogistik perfekt. Mit der Franz Kerstin, Haus und Garten GmbH & Co.KG wurde nach einigem Suchen ein passender Partner gefunden, der nicht nur über das fachliche Know-How verfügte, sondern auch bereit war, sich auf dieses besondere Ausbildungsmodell und auf einen jungen Mann mit einem Handicap einzulassen. Seine Ausbilder  Hans Daus und Martin Gries nahmen Christian Lipphardt wie selbstverständlich unter ihre Fittiche, ohne ihn allzu sehr in Watte zu packen. Anfängliche Missverständnisse konnten im gemeinsamen Gespräch schnell beseitigt werden. Heute weiß Martin Gries recht genau, worauf er achten muss, wenn er seinem  Mitarbeiter Anweisungen erteilt: „Klare Aussagen und überschaubare Arbeitsaufträge sind wichtig, um Herrn Lipphardt nicht zu verwirren. Aber, wenn man darauf achtet, läuft es richtig gut. Er ist ein toller Mitarbeiter, dessen Zuverlässigkeit und Engagement ich schätze!“

Parallel zur Ausbildung im Kooperationsbetrieb besuchte Herr Lipphardt die Fachklasse des Lippstädter Lippe-Berufskollegs, also eine ganz „normale“ Berufsschule. Einmal wöchentlich erhielt er zur Absicherung des schulischen Erfolges Förderunterricht von der kaufmännischen Ausbilderin des LWL-Berufsbildungswerks, Sigrid Kuhn, die ihn auch auf die schriftliche Zwischen- und Abschlussprüfung vorbereitete. Wie allen Teilnehmern des Projekts stand ihm und seinem Kooperationsbetrieb für die Dauer der Ausbildung eine feste Ansprechpartnerin zu Verfügung. Derzeit beschäftigt das LWL-Berufsbildungswerk Soest zwei Integrationsberaterinnen, die diese Aufgabe wahrnehmen. Ihnen obliegt es auch, die Teilnehmer bei der Suche nach Kooperationsbetrieben und bei Bewerbungen und Vorstellungsgesprächen zu unterstützen.

Unser Besuch bei der Franz Kerstin, Haus und Garten GmbH & Co.KG neigt sich dem Ende zu, und wir verlassen den Arbeitsplatz von Martin Gries und Christian Lipphardt. Die beiden begleiten uns gemeinsam  zum Ausgang – ein eingespieltes Team. Wieder werden Hände geschüttelt, diesmal zum Abschied. Und ganz zum Schluss erzählt Christian Lipphardt, dass er nun schon seit einiger Zeit in seiner eigenen Wohnung lebe. Die liege zum Glück ganz in der Nähe von Kerstin. Dabei strahlt er schon wieder über das ganze Gesicht. Oder immer noch?