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Prof. Dr. Michael Decker: "Zwischenmenschliche Beziehungen lassen sich nicht umfassend künstlich nachbilden."

Das richtige Maß

Interview mit Prof. Dr. Michael Decker

Wenn Technik bei der Pflege und Betreuung von Menschen mit Behinderungen unterstützen soll, geht es längst nicht mehr nur um die Frage der technischen Machbarkeit. Ebenso wichtig sind die ethischen und sozialen Aspekte. Prof. Dr. Michael Decker leitet am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) den Bereich „Informatik, Wirtschaft und Gesellschaft“. Er ist Professor für Technikfolgenabschätzung am Institut für Philosophie des KIT. Der Physiker ist außerdem Sprecher des Bereichs „Schlüsseltechnologien und Innovationsprozesse“ im Helmholtz-Programm „Technologie, Innovation und Gesellschaft“ und Vorsitzender des Beirats „Innovations- und Technikanalyse“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Prof. Michael Decker wirft im Interview einen umfassenden Blick auf das Thema – und in die Zukunft.

Die Zahl der Menschen, die mit körperlichen, geistigen oder psychischen Behinderungen leben, ist schon heute groß und wird in Zukunft noch weiter wachsen. Werden wir ihre Pflege und Betreuung ohne unterstützende Technik überhaupt noch leisten können?

Decker: Es ist ja zunächst einmal eine Erfolgsgeschichte, dass Menschen mit und ohne Behinderungen überhaupt so alt werden wie heute. Das ist sehr erfreulich – und gleichzeitig stehen wir als Gesellschaft vor einer großen Herausforderung. Um die Menschen vernünftig pflegen und betreuen zu können, sind verschiedene Wege denkbar, die sich auch untereinander kombinieren lassen. Auf der nicht-technischen Seite zum Beispiel müssen wir die Pflegeberufe attraktiver gestalten und möglicherweise auch mehr Pflegekräfte aus dem Ausland nach Deutschland holen. Es ist aber auch wichtig, technische Unterstützungssysteme zu entwickeln. Wenn wir uns vor Augen führen, wie stark neue Technologien in allen Bereichen unsere moderne Gesellschaft beeinflussen – und umgekehrt –, wäre es schon ungewöhnlich und aus meiner Sicht auch zu hinterfragen, warum ausgerechnet in der Pflege und Betreuung keinerlei technische Unterstützung wünschenswert sein sollte.

Bis zu welchem Punkt können Sie sich den Einsatz von Technik in der Pflege vorstellen – und ab wann sollte aus Ihrer Sicht auf jeden Fall ein Mensch die Betreuung übernehmen?

Decker: Das ist eine wichtige Frage, weil sie darauf abzielt, wann und inwiefern ein Mensch ersetzbar ist. Um das zu beantworten, müssen wir erst einmal klären, was genau Technik leisten kann und inwiefern sie die Facetten des menschlichen Handelns abbilden kann. Wir müssen also einzelne Vorgänge genau analysieren und diese mit den Leistungen etwa einer menschlichen Pflegekraft abgleichen. Ein einfaches Beispiel: Wenn ein Roboter ein Glas mit Wasser füllen und es einem Menschen anreichen soll und das auch schafft, ohne die Flüssigkeit zu verschütten, dann ist diese Aufgabe technisch gesehen komplett erfüllt. Schwieriger wird es, wenn ein Roboter auch noch ganz andere Dinge im Blick behalten soll. Eine menschliche Pflegekraft führt typischerweise beim Wasserreichen ein kurzes Gespräch und beurteilt dabei das Gesamtbefinden der Person, indem sie zum Beispiel die Gesichtsfarbe, die Stimme oder die Mimik einer Person erfasst. Ob sich diese zwischenmenschliche Beziehung umfassend künstlich nachbilden lässt? Ich denke nicht. Hinzu kommen ökonomische, rechtliche und ethische Fragen.

Bleiben wir bei der Ethik. Wer darf oder sollte darüber entscheiden, welche technischen Mittel in welchem Umfang als Unterstützung für Menschen mit Handicaps geeignet sind?

Decker: So weit wie möglich sollten das die Menschen, die es betrifft, selbst entscheiden. Aus meiner Erfahrung beurteilen sie technische Unterstützungssysteme auch höchst unterschiedlich: Manche finden es toll, dass sie durch Technik selbstständiger werden und sehen darin die Chance, in vielen Lebensbereichen künftig besser allein zurechtzukommen. Andere fürchten, dass durch Technik die menschliche Zuwendung in der Betreuung abhandenkommt. Wieder andere akzeptieren aus diesem Grund überhaupt keine Technik als Unterstützung. Das ist ihr gutes Recht und ihre Freiheit – und doch werden wir in unserem Pflege- und Betreuungssystem damit möglicherweise irgendwann an eine ökonomische Grenze stoßen.

Was meinen Sie damit?

Decker: Die Ressourcen in unserem Sozialversicherungssystem sind endlich, somit ist auch künftig nicht alles finanzierbar. Deswegen wird es also nicht mehr allein darum gehen, was ein einzelner Mensch für sich akzeptieren kann und will, sondern auch um die gesellschaftliche Perspektive auf das Thema. Da werden wir Entscheidungen in unserer Gesellschaft treffen müssen. Möglich wäre zum Beispiel die Entwicklung, dass in bestimmten Fällen eine technische Unterstützung als hinreichende Maßnahme angesehen wird. Wenn ein Einzelner das für sich nicht akzeptiert, dann ist die Betreuung durch einen Menschen gegebenenfalls nur noch gegen einen Aufpreis möglich. In anderen Fällen ist womöglich das Gegenteil der Fall: Eine technische Lösung wird nicht finanziert, obwohl sie auf dem Markt verfügbar wäre, weil die Kosten-Nutzen-Abschätzung für die Pflege durch den Menschen spricht.

An dieser Stelle werden viele Betroffene hellhörig werden, denn viele vermuten, dass es bei der ganzen Diskussion vor allem um Kosteneinsparungen geht. Wie sehen Sie das?

Decker: Ich halte das für eine berechtigte und naheliegende Schlussfolgerung, vor allem vor dem Hintergrund des eben Gesagten. Aber: Die finanziellen Möglichkeiten eines jeden Pflegesystems sind begrenzt, und dieser Tatsache muss sich eine Gesellschaft stellen und damit umgehen.

Bedürfnisse. Wie trifft man vor diesem Hintergrund die richtigen Entscheidungen beim technikunterstützten Wohnen und Leben?

Decker: Das ist in der Tat eine große Herausforderung. Ein Mensch mit einer körperlichen Behinderung hat ja ganz andere Bedürfnisse als zum Beispiel Menschen mit einer Demenz oder mit psychischen Erkrankungen. Die Anforderungen an ein selbstständiges Wohnen sind aber trotzdem oft ähnlich und lassen sich stellenweise mit ähnlicher technischer Unterstützung erfüllen. Wir versuchen dabei immer, alle Perspektiven zu berücksichtigen. Das Pflege-„Personal“ rund um einen Menschen mit einer Behinderung setzt sich oftmals aus dessen Angehörigen, aus betreuend tätigen Freunden sowie aus professionellen Betreuern und Ärzten zusammen. Gerade im häuslichen Umfeld beobachten wir also häufig, dass sich im Laufe der Zeit kleine Netzwerke gebildet haben – und diese sollten natürlich mit einbezogen werden, wenn ermittelt wird, ob jemand technische Unterstützung braucht und welche das sein könnte. Möglicherweise ist es nicht der Mensch mit Behinderung selbst, der sich technische Unterstützung wünscht, sondern ein Angehöriger oder eine professionelle Betreuungsperson. Aber wenn am Ende alle Beteiligten die jeweilige Technologie als hilfreich empfinden, betrachten wir das als eine erfolgversprechende technische Innovation, die auch für andere geeignet sein könnte.

Es gibt schon viele solcher Innovationen, die unter anderem für die Betreuung von Menschen mit Behinderungen eingesetzt werden sollen: Avatare, die per Bildschirm beraten und Anweisungen etwa zur Medikamenteneinnahme geben; Sensoren in Betten, die übermitteln, ob jemand schon aufgestanden ist oder vielleicht zu lange auf einer Stelle gelegen hat; Roboter, die einfache Pflegeaufgaben übernehmen. Wie bewerten Sie solche Produkte, vor allem mit Blick auf den Widerspruch zwischen „Selbstständigkeit“ und „Kontrolle“, der dadurch schnell entstehen kann?

Decker: „Freiheit“ und „Sicherheit“ ist ebenfalls ein solches Begriffspaar, beides muss immer wieder gegeneinander aufgewogen werden. In der Pflege geht diese Diskussion aber erneut über das Empfinden der jeweiligen Einzelperson hinaus. Es kann zu Konflikten kommen, wenn die Selbstständigkeit des einen Menschen die eines anderen stark einschränkt, zum Beispiel bei einem Angehörigen, der einen Menschen mit Behinderung pflegt. Wie groß oder klein diese Einschränkung ist, ist wiederum individuell unterschiedlich. Erfreulich ist, dass es beim Schutz der Privatheit und der persönlichen Daten, der gerade bei Software ja immer ein Thema ist, schon weitreichende und gute Lösungen gibt. Zum Beispiel nutzen viele Entwicklungen unterschiedliche Speicherorte für Daten, oder sie verzichten von vornherein darauf, zu viele zu erheben. Das löst die grundlegenden Probleme mit Technik als Unterstützung zwar nicht komplett, kann sie aber doch weitreichend abschwächen.

Wird Technik über kurz oder lang zu einer besseren Betreuung führen?

Decker: Wie gut die Betreuung von Menschen ist, müssen wir gesellschaftlich verhandeln und die entsprechenden Ressourcen dafür bereitstellen. Technische Entwicklungen können hier helfen. Der zwischenmenschliche Bereich bleibt aber eine Herausforderung. In der „social robotics“ werden Systeme erforscht , die die Gemütszustände von Menschen wahrnehmen und beurteilen können sollen. Bei Menschen mit bestimmten Behinderungen oder mit Demenzen müsste eine solche Maschine allerdings noch einmal gesteigerten Anforderungen gerecht werden, weil die Mimik, der Blick und auch andere Bio-Signale wie die Atem- oder Pulsfrequenz gegebenenfalls anders „funktionieren“. Ein schneller Herzschlag zum Beispiel wäre dann nicht mehr unbedingt ein Zeichen für Aufregung, was ein Roboter aber standardmäßig so interpretieren würde. Ich sehe, dass sich hier künftig viel tun wird, denn es gibt Technologien aus der künstlichen Intelligenzforschung, die vielversprechend sind. Zum Beispiel können die Forscher adaptive Systeme gestalten, in denen künstliche neuronale Netze durch ein Training mit den entsprechenden Personen individuell angepasst werden. Die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, sind groß, allerdings stellen sich bei diesem maschinellen Lernen auch wieder neue Fragen.

Wann sollten wir vorsichtig mit assistierenden Technologien – also unterstützenden Computertechnologien – sein?

Decker: Wir müssen sehr achtsam sein, wenn Systeme eigenständige und weitreichende Entscheidungen treffen können und dürfen. Besagte lernfähige Technik ist nur gut, wenn sie daraus keine unmittelbaren Handlungsentscheidungen ableitet und umsetzt, ohne dass eine prüfende menschliche Instanz die Lernfortschritte beurteilt und die Entscheidung absegnet. Die Handlungen des Systems können nämlich sehr unerwartet ausfallen und theoretisch sogar gefährlich werden, etwa wenn es etwas Falsches gelernt, Informationen nicht richtig interpretiert oder bestimmte Faktoren nicht mit einbezogen hat. Damit kann es Menschen im schlimmsten Fall sogar schaden.

Wie, glauben Sie, wird sich der Trend zur künstlichen Intelligenz entwickeln? Werden Roboter irgendwann „perfekter“ sein als Menschen?

Decker: Das ist sehr schwierig seriös zu beurteilen. Die Forschungs-Community gibt sich aber auch eigene Ziele vor, eines davon ist zum Beispiel, im Jahr 2050 die menschlichen Fußball-Weltmeister mit humanoiden Robotern zu schlagen. Ob das gelingen wird, werden wir sehen – ich persönlich glaube jedenfalls nicht, dass wir in den kommenden 30, 40 Jahren humanoide Robotersysteme sehen werden, die uns in der Vielfalt unseres Menschseins überflügeln werden. Das liegt auch daran, dass es aus meiner Sicht prinzipielle Grenzen der künstlich-intelligenten Systeme gibt. Aber: Die Robotikforschung wird zweifelsohne technische Fortschritte machen, die die Art, wie wir in Zukunft wohnen und leben, merklich beeinflussen werden.


Prof. Dr. Michael Decker leitet am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) den Bereich „Informatik, Wirtschaft und Gesellschaft“. Er ist Professor für Technikfolgenabschätzung am Institut für Philosophie des KIT. Der Physiker ist außerdem Sprecher des Bereichs „Schlüsseltechnologien und Innovationsprozesse“ im Helmholtz-Programm „Technologie, Innovation und Gesellschaft“ und Vorsitzender des Beirats „Innovations- und Technikanalyse“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.