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BIOGRAFIE

FAMILIEBonaparte
VORNAMEJérôme I.


GEBURT DATUM1784-11-15
GEBURT ORTAjaccio/Korsika
TOD DATUM1860-06-24
TOD ORTSchloss Villegenis bei Massy


BIOGRAFIE

"König Lustik" -
Napoléons kleiner Bruder Jérôme herrschte kurz im Königreich Westphalen"

Manchmal, so will es scheinen, kommt die Geschichte in Retourkutschen daher. Oder macht sie sich gar über uns lustig? Da erringt zuerst ein westfälischer Hochstapler für wenige Jahre die korsische Königskrone, und einige Jahrzehnte später wird ein leibhaftiger Korse - König von Westfalen. Ein historisches Aperçu? Eine feinsinnige Rochade? Vorsehung gar? Es war, wie immer, ganz anders...

Alles begann mit der großen Revolution 1789, mit der wahrhaftig eine "Umwertung aller Werte" einherging. Die bis dahin privilegierten Stände des Ancien Régime, Adel und Geistlichkeit, verloren fast über Nacht in Frankreich Recht und Leben. Nachdem sich die Wogen gelegt hatten, stieg kometengleich ein Mann an die Spitze der politischen Welt: Napoléon Bonaparte. Der kleine Generalissimus aus Ajaccio auf Korsika eroberte zuerst Frankreich und krönte sich 1804 in Paris höchstselbst zum Kaiser.

Doch er wollte mehr: Europa überhaupt und eigentlich die ganze Welt. Das in die Jahre gekommene "Heilige Römische Reich Deutscher Nation", der Nachbar jenseits des Rheines, implodierte gewissermaßen, nachdem 16 souveräne deutsche Staaten im Juli 1806 die sogenannte "Rheinbundakte" in Paris unterzeichnet und sich freiwillig der französischen Hegemonie gebeugt hatten. Daraufhin legte der deutsche Kaiser in Wien demonstrativ die mehr als 800-jährige Reichskrone nieder. Und Napoléon siegte weiter - in der Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt zerschlug der Imperator auch die preußische Vormacht im Norden Deutschlands. Am 27.10. zog er, von nicht wenigen hoffnungsfroh bejubelt, mit seiner Garde durch das Brandenburger Tor in Berlin ein. Im demütigenden Frieden von Tilsit musste Preußen 1807 auf seine Provinzen westlich der Elbe verzichten. Das alles geschah vor ziemlich genau 200 Jahren.

Der Korse war damals auf dem Zenit seines Ruhms. Tatkräftig ging er daran, aus der Konkursmasse der jetzt herrenlosen Territorien zwei "Modellstaaten" zu formen, die ihm als Aufmarschglacis für weitere Eroberungen dienen sollten: Zunächst einmal rief er das rechtsrheinische Großherzogtum Berg ins Leben mit Düsseldorf als Hauptstadt und seinem Schwager Joachim Murat als Regenten. Und dann jenes "Königreich Westphalen" (so schrieb man das damals), von dem im Weiteren die Rede sein soll. Die Bezeichnung ist insofern irreführend, als diesem neuen Staatsgebilde, das hauptsächlich aus kurhessischen, hannoverschen und braunschweigschen Landesteilen bestand, mit Paderborn und Minden-Ravensberg nur einige wenige westfälische Randgebiete zugeschlagen wurden. Dass darüber hinaus die hessische Residenz Kassel zur Hauptstadt erhoben wurde, spricht auch nicht für tiefere Kenntnisse der landeskundlichen Gegebenheiten. Zum König ernannte Napoléon seinen jüngsten Bruder Jérôme. Jérôme, der zu diesem Zeitpunkt 23 Jahre zählte, war als französischer Marineoffizier schon weit herumgekommen. 1803 hatte er in Baltimore eine junge Amerikanerin geheiratet und mit ihr einen Sohn gezeugt, aber um seiner königlichen Herrschaft so etwas wie eine dynastische Legitimation zu geben, ließ der Kaiser diese Ehe jetzt annullieren und verheiratete ihn 1807 standesgemäß mit der württembergischen Prinzessin Katharina. Das Paar bewohnte zunächst das Kasseler Stadtschloss und dann, nach dessen Brand, Schloss Bellevue.

Napoléon verfolgte höchst ehrgeizige Pläne. Durch die Verwirklichung liberaler Verfassungsprinzipien sollten die Untertanen für den neuen Staat gewonnen werden. Die Verwaltung wurde auf allen Ebenen modernisiert. Die Patrimonialgerichte und die Leibeigenschaft verschwanden. An ihre Stelle trat die Gleichheit aller vor dem Gesetz sowie Gewerbe- und Religionsfreiheit. Erstmals erhielten die Juden die gleichen Rechte wie ihre christlichen Mitbürger. Die demütigende Prügelstrafe beim Militär wurde abgeschafft. Der Code Napoléon, das fortschrittlichste Gesetzbuch seiner Zeit, galt fortan für jedermann. Als erster deutscher Flächenstaat bekam das Königreich eine schriftlich fixierte Verfassung. Das war zusammengenommen viel - zumindest in der Theorie - und sollte von uns Nachgeborenen auch nicht vergessen werden.

Was diese unbestreitbaren Fortschritte indes in der Alltagspraxis konterkarierte, war die aggressive Außenpolitik des Kaisers. Immer neue Steuern und Kontributionen wurden ersonnen, um den gigantischen Militärapparat zu finanzieren. Die Folge war, dass die Wirtschaft kollabierte und die Bürger und Bauern verarmten. Dessen ungeachtet lebten Jérôme und sein illustrer Hofstaat in Kassel "immer lustik" in den Tag hinein - daher der Spitzname "König Lustik", der bis auf den heutigen Tag an ihm, der nur gebrochen Deutsch sprach, haften geblieben ist. Besonders negativ schlug die verhasste allgemeine Wehrpflicht zu Buche, mit der der Kaiser seine Armee auffrischte. Ihr konnte sich kaum jemand entziehen. Das Königreich Westphalen hatte ein Kontingent von nicht weniger als 25.000 Mann für immer neue Kriege zu stellen.

Bei allen diesen Waffengängen war Jérôme dabei, Napoléons kleiner Bruder. Das gilt auch für den Russlandfeldzug der multinationalen "Grande Armée", die 1812 aufbrach, um endlich auch den Zaren, den letzten Widersacher auf dem Kontinent, in die Knie zu zwingen. Er endete bekanntlich in einem gigantischen Desaster. Von jenen Zehntausenden deutscher Soldaten, die damals mit ihren französischen Waffenbrüdern gen Osten zogen, kehrten nur die allerwenigsten nach Hause zurück. Im Sommer 2006, also erst vor wenigen Monaten, berichteten die Presseagenturen von der Entdeckung eines Massengrabes im ostpreußischen Königsberg, das heute Kaliningrad heißt. Bauarbeiter waren auf die sterblichen Überreste Hunderter Toter gestoßen, bei denen es sich um napoleonische Soldaten handelte, die hier auf dem Rückzug verscharrt worden waren. Unter ihnen fanden sich auch Angehörige des berühmten Westphälischen Regiments, wie sich anhand von Uniformknöpfen, Stoffresten und Schmuck feststellen ließ. So aktuell tritt uns die Geschichte manchmal ganz unversehens entgegen.

Die deutschen Fürsten, die nach der endgültigen Niederlage Napoléons bei Waterloo in ihre Duodezresidenzen zurückkehrten, drehten die Zeit zurück. Restauration hieß das Schlagwort und beinhaltete, was die Hofhistoriker später gerne zu erwähnen vergaßen, auch die Rücknahme zahlreicher Bürgerrechte und Freiheiten. So verschwand mit dem flüchtigen "Königreich Westphalen" bald die Erinnerung an einen veritablen Vorläufer des modernen Verfassungsstaates in Deutschland. Jérôme, der Bruder Leichtfuß, der sein Regiment einst mit so vielen guten Vorsätzen begonnen hatte, floh mit den Resten der Armee nach Frankreich.

Im Gegensatz zu seinem kaiserlichen Bruder, den er um viele Jahrzehnte überlebte, blieb der kleine Bonaparte von der Revanche der Sieger verschont. Seit 1816 lebte er als Fürst von Montfort zuerst im schweizerischen Exil, später in Süddeutschland und Italien. Nach der Revolution von 1848 kehrte er nach Frankreich zurück und wurde von seinem Neffen, Napoléon III., zum Marschall von Frankreich und 1852 zum Präsidenten des französischen Senats ernannt. 1860 ist er auf Schloss Villegenis bei Massy gestorben. Seine Nachkommen führen noch den Namen Bonaparte.

Ob er in seinen letzten Lebensjahren noch einmal zurückdachte an jene tollen Tage, die ihn einst zum "König von Westphalen" gemacht hatten?

Volker Jakob, Westfalenspiegel 6/2006


AUFNAHMEDATUM2006-12-05
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