Ereignisse > Ereignis des Monats November


2. Extraausgabe des 'Vorwärts' vom 09.11.1918 / Montage mit rotem Hintergrund, Marcus Weidner









Christian Kaindl

9. November 1918
"Heimatfront" und Novemberrevolution -
Münster und Soest

Im Oktober 1918 befand sich ganz Europa vor einer entscheidenden Wende. Der Weltkrieg hatte die Menschen an ihre Grenzen gebracht, und es fehlte sprichwörtlich der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringen sollte. Während in Österreich-Ungarn Ende Oktober der Zusammenbruch allgegenwärtig war, allerorts die Menschen demonstrierten und Frieden und die Republik forderten, war es im Deutschen Reich vorerst noch ruhig.

Die Kriegsauswirkungen waren dramatisch, und auch die Zivilbevölkerung brachte in den Kriegsjahren schwere Opfer, den vielfach beschworenen Idealen von "Durchhaltewille" und "Opferbereitschaft" folgend. Mit dem Verweis auf die Soldaten, die im Feld für die Heimat litten, sollte die Bevölkerung dazu gebracht werden, die schwierigen Lebensumstände als ihren "Kampf für das Vaterland" zu bestreiten. Da die Versorgung der Front in jeder Hinsicht vorrangig und die Wirtschaft auf einen so langen Krieg nicht vorbereitet worden war, standen der Bevölkerung u. a. immer weniger Lebensmittel, Kleidung und Kohle zur Verfügung. Nach 52 Kriegsmonaten hielten große Bevölkerungsteile allen Umständen zum Trotz weiterhin zu seiner Führung und der Monarchie. Auch in den westfälischen Städten Münster und Soest ließ man bis zum Vorabend der Novemberrevolution den Kaiser hochleben. Dennoch befand sich der größte Teil des Gebietes zwischen Münster und Köln, zwischen Aachen und Bielefeld, am 09.11.1918 unter dem bestimmenden Einfluss aufständischer Soldaten und Matrosen. Wie kam es zu diesem plötzlichen Ausdruck des Willens zum gesellschaftlichen Wandel und einem politischen Neuanfang?
 
 
Ihren Ausgang nahm die Novemberrevolution mit einer Meuterei der Matrosen der Hochseeflotte gegen die Flottenführung. Diese plante, die deutsche Flotte in eine "letzte ehrenvolle" Schlacht gegen die englische Hochseeflotte zu führen. Die Reaktion der Matrosen, die sich diesem vermeintlichen Selbstmordkommando entgegenstellten, waren Gehorsamsverweigerung und im weiteren Verlauf die Gründung der ersten Soldatenräte. Von Kiel aus begannen vom 05.11. bis 09.11. Matrosen, die Bewegung entlang der Ost- und Nordseeküste südwärts zu tragen. Es bildeten sich örtliche Arbeiter- und Soldatenräte. Im Rheinland und Westfalen standen zunächst Kieler Matrosen an der Spitze der Bewegung. Ausgehend von Köln, wo sich am 07.11. der Großteil der 45.000 Mann starken Garnisonsbesatzung der Bewegung anschloss, ging es in die Städte des rheinisch-westfälischen Raumes. Der Umsturz des 08.11. und 09.11. verlief in Westfalen überall ähnlich. Matrosen erreichten die Städte mit der Bahn, Soldaten solidarisierten sich mit ihnen und gründeten zunächst Soldatenräte, die die Kontrolle über die Behörden beanspruchten. Gründungen von Arbeiter- aber auch von Bürgerräten folgten. Auch Westfalen wurde von der Revolution erfasst.
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Kriegsschiffe der deutschen Marine mit den roten Fahnen der Meuterer, 08.11.1918
 
 
 

Die militärische Niederlage und die Oktoberreformen

 
 
 
Nachdem die große Offensive im Juli 1918 gescheitert war, gestand Ende September 1918 die Oberste Heeresleitung (OHL) die Unvermeidlichkeit der "endgültigen Niederlage" ein. Am 29.09.1918 unterbreitete die OHL unter Erich Ludendorff dem Kaiser die Forderung nach einem Waffenstillstand und der Parlamentarisierung, um Verhandlungen auf der Basis des 14-Punkte-Programms des amerikanischen Präsidenten Wilson führen zu könne. Ludendorff erklärte noch am Abend des selben Tages seinen Offizieren, dass er die Schuld für die militärische Katastrophe in der fehlenden Entschlossenheit der Heimat sah, wodurch eine entschiedene Kriegsführung an der Front verhindert worden sei. Folglich müssten auch jene die Aufgabe des Friedensschlusses übernehmen, in deren Verantwortung diese Niederlage lag. Am 30.09.1918 gab Kaiser Wilhelm II. (1859-1941, reg. 1888-1918) dem Drängen der OHL nach und verkündete, dass es sein Wille sei, eine neue parlamentarische Regierung einzusetzen. Obwohl hierbei oft von der "Revolution von oben" die Rede ist, die vom Militär aufgezwungen oder befohlen wurde, fiel dies mit laufenden parlamentarischen Reformbestrebungen zusammen. Auch die OHL drängte so rasch wie möglich auf einen Waffenstillstand. Seitdem überschlugen sich die Ereignisse.

Nach wenigen Tagen einigten sich die beteiligten Parteiführer auf den Prinzen Max von Baden als neuen Reichskanzler, und am drittem Oktober ernannte ihn der Kaiser zum Chef der Regierung. Am 28.10.1918 wurde durch den Reichstag eine Verfassungsänderung beschlossen, die als "Oktoberreform" in die Geschichte einging und den Übergang von einer konstitutionellen Monarchie zu einer parlamentarischen Monarchie besiegelte. Als Folge des Matrosenaufstands in den Hafenstädten, wurden in zahlreichen deutschen Städten Arbeiter- und Soldatenräte gegründet. In München rief Kurt Eisner am 07.11.1918 den Freistaat Bayern aus, der im Frühjahr 1919 zur Münchner Räterepublik werden sollte. Vom 09.11. bestimmten riesige Menschenaufläufe das Stadtbild Berlins. Reichskanzler Prinz Max von Baden verkündete eigenmächtig die Abdankung des Kaisers, am Nachmittag rief Philipp Scheidemann die deutsche Republik aus, während Karl Liebknecht wenig später die Freie Sozialistische Republik Deutschlands proklamierte. Kaiser Wilhelm II. begab sich mit dem kaiserlichen Hofzug ins niederländische Asyl, wodurch am 10.11.1918 das ruhmlose Ende der Monarchie besiegelt wurde.

Am 11.11.1918 gelang es endlich, den Waffenstillstand zu schließen und damit die Waffen zum Schweigen zu bringen.
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Kaiser Wilhelm II. (1859-1941, reg. 1888-1918) [Mitte], Paul von Hindenburg (1847-1934) [links] und General Erich Ludendorff (1865–1937) [rechts]

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Neujahrsgruß: "Wolle Gott, uns sei beschieden // Bald ein ehrenvoller Frieden!"

 Titelblatt der zweiten Extra-Ausgabe des Vorwärts vom 09.11.1918, mit der Schlagzeile: "Der Kaiser hat abgedankt!"
 
 

Gehorsamsverweigerung der Matrosen

 
 
 
Parallel zu den Ereignissen im Hauptquartier der OHL entschied sich die Seekriegsleitung, ohne das Wissen der Regierung, die deutsche Hochseeflotte in eine "letzte ehrenvolle" Schlacht gegen die englische Hochseeflotte zu führen. Da die Seekriegsleitung den Waffenstillstandsbemühungen ablehnend gegenüberstand, wurde von ihr ein Vorstoß gegen die englische Flotte bis zum 29.10.1918 geplant und vorbereitet. Jedoch führten Gerüchte darüber, dass es noch eine "große Seeschlacht" geben sollte, zu massiven Dienstverweigerungen in den Mannschaften. Daraufhin musste der Einsatzbefehl am folgenden Tag aufgehoben werden. Bei dem Versuch, diese Rebellion unter Kontrolle zu bekommen, wurden etwa 1.000 Matrosen inhaftiert. Die in Freiheit befindlichen Matrosen solidarisierten sich mit ihren arretierten Kameraden, forderten gemeinsam mit dem in Kiel stationierten Militär deren Freilassung.

Als Reaktion auf eine bewaffnete Auseinandersetzung zwischen Demonstranten und einer Militär-Patrouille am 03.11., bei der es zahlreiche Tote und Verletzte gab, kam es am darauffolgenden Tag zu der Gründung eines Soldatenrates. Die ursprüngliche Protestbewegung entwickelte sich nun rasant zu einer militanten politischen Umsturzbewegung. Die Aufständischen bewaffneten sich und schufen mit dem Soldatenrat eine neue revolutionäre Autorität. Von nun an wurde nicht nur die Freilassung der inhaftierten Kameraden verlangt, sondern auch politische Forderungen nach Beendigung des Krieges, Selbstbestimmung der Völker, Freilassung sämtlicher politischer Gefangener und die Einführung eines demokratischen Wahlrechts gestellt. Daneben gab es am 05.11.1918 in Norddeutschland Militärstreiks größeren Umfangs. Am Folgetag kam es schließlich in Hamburg, Bremen, Cuxhaven, Lübeck, Wismar, Schwerin, Rostock und Warnemünde zu weiteren Unruhen unter dem Militär und der Industriearbeiterschaft.
 
 
 
 

"Heimatfront" und Protest in Westfalen

 
 
 
Die Kriegserfahrungen von der Front und der Heimat konnten gegensätzlicher kaum sein. Die Soldaten standen unter dem Eindruck der unmittelbaren Kriegserfahrungen, des millionenfachen Todes an der Front. Dagegen mangelte es besonders in den Städten des Deutschen Reiches und Österreich-Ungarns, bedingt durch die britische Seeblockade, Ernteausfälle, Fehlplanungen und Kriegswirtschaft, nahezu an allem Lebensnotwendigen. In diesem Zusammenhang wurde früh der propagandistische Begriff der "Heimatfront" geprägt. Man wollte die Notwendigkeit zur Unterstützung der Front durch die Zivilbevölkerung als zweite Front demonstrieren und daran appellieren, dass die gesamte Gesellschaft den Notwendigkeiten des Krieges nachkommt.

Da sich der allgemeine Mangel immer weiter verschärfte, kam es in Westfalen und im Rheinland vereinzelt zu Protesten seitens der Arbeiterschaft. Schlechte Wohnverhältnisse, Hunger, miserable Menschenführung waren die Gründe. Schon 1916 war es im Ruhrkohlenbergbau zu vereinzelten Arbeitsniederlegungen gekommen, die jedoch mit dem Appell an den Patriotismus der Arbeiter schnell beigelegt werden konnten.

Mit dem  "Vaterländischen Hilfsdienstgesetz" vom 05.12.1916 wurden erstmalig die Gewerkschaften als Vertreter der Arbeiter innerhalb von paritätischen Schlichtungsausschüssen anerkannt. Die Integration der Gewerkschaften wirkte vermittelnd und dämpfte die Konfliktbereitschaft: Gewerkschaften spielten die Rolle des Moderators. Sie warben für Verständnis über die Zwangslage der Behörden, zumal ihnen seitens des Militärs und der preußischen Regierung Zugeständnisse für die Nachkriegszeit auf Gebieten der Tarif- und Sozialpolitik gemacht wurden. Auch gelang es den gut organisierten Arbeitern in eingeschränktem Maße, Forderungen durchzusetzen. Insbesondere in Bezug auf die Frage der Ernährung und Bezahlung gelang es den Rüstungsarbeitern, eine hervorgehobene Stellung im Vergleich zur Gesamtbevölkerung zu erringen. Werner Abelshauser sieht darin den Grund für die Zurückhaltung der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter des westfälisch-rheinischen Industriebezirkes.
 
 

Lebensmittelnot am Beispiel der Mehlversorgung

 
 
 
Schon im November 1914 gab es die erste Getreidekrise. In diesem Zusammenhang begann beispiellose Propaganda und Manipulation. Sparsamkeitsappelle und Ernährungsmaßregeln füllten von nun an die Seiten der Tageszeitungen. Sie sollten den Verbraucher eine sparsame und den erhältlichen Lebensmitteln bzw. Ersatzstoffen angepasste, Ernährungsweise beibringen.

Im Winter 1914/1915 folgten die ersten Erlasse zur Regulierung des Mehlverbrauches. Das vorhandene Mehl wurde mit Ersatzstoffen verlängert, um die benötigte Menge zur Verfügung stellen zu können. Wiederum wurden in den Zeitungen Anzeigen geschaltet, in denen die Sparsamkeit mit Mehl eingefordert und der Verzicht auf Weihnachtsgebäck empfohlen wurde. Wie das Mehl, so verteuerten sich alle Lebensmittel, und der Verkauf wurde zusehends reguliert und kontingentiert. Der allgemeine Mangel führte zu einem "Krieg am häuslichen Herd".

Die Lebensmittelindustrie erkannte einen neuen Markt und produzierte Ersatzstoffe, die Lebensmittel ersetzen oder strecken sollten. Die Vielzahl von Ersatzprodukten rief bei der Bevölkerung vielfach Widerwillen und sogar Ekel hervor. Beispielsweise rief eine zum Großteil aus Rübenmus hergestellte, als ungenießbar empfundene Kriegsmarmelade Proteste hervor. Hausfrauen waren damit konfrontiert, dass sie zum Teil nährstoffarme, nutzlose oder sogar schädliche Ersatz-Lebensmittel auf dem freien Markt angeboten bekamen.

Bevölkerungsgruppen, die sich die angebotenen Lebensmittel aufgrund der horrenden Preissteigerungen nicht mehr leisten konnten, waren auf die zahlreichen kommunalen Kriegsküchen angewiesen. Zu Beginn des Krieges waren die Kapazitäten der Volksküchen noch gering. Beispielsweise verfügte Dortmund über drei Kriegsküchen in denen 1.000 Portionen täglich verteilt werden konnten. Diese Kriegsküchen waren umstritten, da man Kriegerfamilien mit dieser Art der Versorgung nicht diskriminieren wollte. Trotzdem folgten weitere Kriegs- oder Volksküchen in zahlreichen westfälischen Städten.

Der Münsteraner Stadtarchivar Eduard Schulte berichtet in seiner amtlichen Kriegschronik von einzelnen Protesten gegen den allgemeinen Mangel. Dies zeigt das Beispiel einer Kundgebung zum Geburtstag Wilhelm II. am 24.01.1918, bei der der Kommandierende General von Gayl eine Ansprache hielt:
In dem Augenblick in dem Exzellenz von Gayl auf dem Balkon erschien und seine Ansprache halten wollte, wurde die lautlose Stille durch den lauten Zwischenrufs eines Störenfrieds unterbrochen: "Die Marmelade ist jetzt ausverkauft." Alles lachte oder sah Revolutionsgespenster.

Solche Unmutsäußerungen haben in der Überlieferung jedoch Seltenheitswert. In der Literatur wird vielfach vertreten, dass es in Münster immer sehr ruhig gewesen sei. In der Arbeit "Die Mobilisierung der Kriegsgesellschaft. Propaganda und Alltag im Ersten Weltkrieg in Münster" stellte Christoph Nübel einige wenige Beispiele zusammen, die ein nicht ganz so friedliches Bild Münsters widerspiegeln. Im Wesentlichen handelte es sich dabei um Aufläufe, die sich bei Geschäften oder auf dem Markt bildeten, wobei es häufig Drängeleien, Schimpfereien und nicht selten zu Schlägereien und Auseinandersetzungen mit den Ordnungskräften kam. So berichtet Schulte auch, dass es aus Anlass des Besuches der Kaiserin Ende Juli 1917 erhöhte Lebensmittelzuteilungen gab, um Tumulten vorzubeugen.
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Bildplakat "An euch in der Heimat! An euch an der Front" - Aufruf zur Steigerung der Rüstungsproduktion des Stellvertretenden Generalkommandos Münster


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Die Teuerung der wichtigsten Lebensmittel in Westfalen während des Ersten Weltkrieges 1914-1918


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Das ständige "Schlangestehen" um einige Lebensmittel zu ergattern, gehörte zum Alltag während und lange nach Kriegsende


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Frauen durchsuchen Schlackhalden nach Kohlen, Winter 1917

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Frauen bei der Arbeit in einer Lüdenscheider Volksküche während des Ersten Weltkrieges
 
 

Die illegale Lebensmittelversorgung als Alternative zum offiziellen Verteilungssystem: Schleichhandel und Hamstern

 
 
 
Formen der Selbsthilfe nahmen im Verlauf des Krieges immer allgemeinere Züge an, denn sie wurden auch von besser gestellten Schichten übernommen. Mit der Verschlechterung der Versorgungssituation und der Erfahrung, dass die staatlichen Stellen nicht in der Lage waren, diese zu verbessern, verständigten sich auch die Mitglieder der Mittelschicht auf Formen der Selbsthilfe. Obwohl Hamsterfahrten staatlich sanktioniert waren, fuhr die Bevölkerung der Städte aufs Land, um sich dort zu versorgen. Der Rucksack wurde so zu einem Symbol der Mangelwirtschaft, da er lebensnotwendig war, um bei jeder Gelegenheit etwas tauschen oder erwerben zu können.

Der Schleichhandel oder das Hamstern waren somit aufgrund des allgemeinen Mangels probate Mittel der Versorgung mit Lebensmitteln. Hier konkurrierten die kommunalen und staatlichen Einkäufer mit den Hamsterern und Schleichhändlern. Die Preise beim Schleichhandel erreichten horrende Höhen, und standen so nur einer bestimmten Käuferschicht offen.

In großem Maßstab beteiligten sich gerade die kaufkräftigen Unternehmen der Rüstungsindustrie am Schleichhandel. Auf diesem Weg stellten sie ihren Belegschaften erhebliche Mengen Nahrungsmittel zur Verfügung. Gerechtfertigt wurde das illegale Vorgehen durch das ihrer Meinung nach völlige Versagen der öffentlichen Versorgung, die gerade den gestiegenen Bedürfnissen der Arbeiter in keiner Weise entsprächen.

Neben dem verbotenen Schleichhandel gab es noch eine Vielzahl weiterer Delikte, die ihn mit der Lebensmittelversorgung in Zusammenhang standen. Beispielsweise wurde in Bielefeld Anfang Februar 1918 eine geheime Druckerei aufgedeckt, die Massenfälschungen an Brotkarten im ganzen Reich verkaufte.
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Zur Gewinnung von Lebensmitteln wurden alle Arten von Abfällen gesammelt und wiederverwertet
 
 
Wer es sich leisten konnte, verschaffte sich fehlende Lebensmittel über den Schleichhandel. Durch die hohen Preise hatten jedoch nur wenige, besser situierte, Zugang zu diesem Markt, womit der Schleichhandel den sozialen Frieden gefährdete. Es kam zu zahlreichen Angriffen gegen wirkliche oder vermeintliche "Kriegsgewinnler". Antisemitische Tendenzen paarten sich mit dem Image des Kriegsprofiteurs. Aufgrund öffentlicher Proteste wurde der Schleichhandel zum Teil scharf verurteilt. Schulte berichtet vom 02.11.1918, dass
[...] wegen umfangreichen Schleichhandels mit Butter, Eier, Speck usw. wurde der Schneidermeister Ervenbeck aus Glandorf im Kreise Iburg von der Strafkammer in Hannover zu 10 Monaten Gefängnis und 10.000 M Geldstrafe, seiner Frau zu 1000 M und seine vier Töchter zu je 300 M Geldstrafe verurteilt. Sein Hauptabsatzgebiet waren Münster, Köln, Essen und Elberfeld.

Den ärmeren Bevölkerungsschichten blieb nichts anderes übrig als Hamsterfahrten in die umliegenden landwirtschaftlichen Regionen zu unternehmen.
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Lebensmittelkarten von November 1918, 1918
 
 
Der Landrat von Warburg berichtet, dass im Winter 1916/17 das Hamstern zum ersten Mal geradezu katastrophale Ausmaße angenommen habe. Seit Wochen würde das Land von einer Schar von Bewohnern aus den Städten und den Industriebezirken überflutet, welche Lebensmittel angeblich zum eigenen Bedarf aufkauften. Den Zwang zu Hamsterfahrten illustrierte wiederum ein Gutachten des Reichsgesundheitsamtes vom Ende 1917. Es konstatiert, dass die Lebensmittelrationen vielen Menschen einen völlig unzureichenden Nährwert böten und somit gesundheitsschädlich seien. Das Bestreben sich zusätzlich Lebensmittel zu verschaffen, sei daher häufig einfach auf den Selbsterhaltungstrieb zurückzuführen. Ein in der Literatur häufig angeführtes Zitat des Stadtchronisten Schulte bringt den Kampf um das tägliche Überleben auf den Punkt:
Es gibt nur noch Idioten und Verbrecher; Idioten sind die, welche nicht Hamstern, und Verbrecher alle übrigen.

Die Eisenbahnverwaltung hatte in dem ansteigenden "Hamsterverkehr" ein profitables Geschäft erkannt und reagierte, indem vom Ruhrgebiet aus Sonderzüge in die ländlichen Kreise eingesetzt wurden. Diese waren besonders am Wochenende mit Frauen, Kindern und Greisen geradezu überfüllt. Auf den Bahnhöfen herrschte bei der Rückkehr der Hamsterer große Anspannung. Die Stadtbewohner des Ruhrgebietes mussten häufig am Bahnhof von Münster bei den dortigen Polizeikontrollen die mühsam erworbenen Waren restlos abliefern.
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Hamsternde Kinder im Münsterland
 
 
 

"Revolutionen" in Münster und Soest

 
 
 
Die Gründung von Arbeiter- und Soldatenräten geschah in der Regel ohne nennenswerten Widerstand der Behörden oder loyaler Truppen. Bemerkenswert ist dabei, dass in Industriegebieten mit schwacher Arbeiterbewegung oder in den ländlichen Gebieten Arbeiterräte auf Initiative der Behörden gegründet wurden. Man wollte damit "unsicheren Elementen" vorbeugen und sicherstellen, dass sich die jeweiligen lokalen Parteikonstellationen in den Arbeiterräten widerspiegeln.
 
 
 

Münster

 
 
 
Trotz der erdrückenden Kriegslast, ob in Form der Todesopfer, Verletzten und Invaliden, oder im Mangel an Lebensnotwendigen wie Nahrung oder Kleidung, blieb es in Münster bis zum Kriegsende verhältnismäßig ruhig. Auch wenn es hier und da kleine Proteste gab, scheint die Mehrheit der Münsteraner Bevölkerung der Monarchie die Treue gehalten zu haben.


Arbeiter- und Soldatenräte
Seit dem 05.11.1918 hatte das stellvertretende Generalkommando begonnen, Vorsichtsmaßnahmen für den Fall zu treffen, sollte es auch in Münster zu einer revolutionären Situation kommen. Auf Befehl des stellvertretenden Generalskommandos wurden alle Wachen verstärkt, nahe gelegene Bahnhöfe wie Hiltrup, Mecklenbeck oder Sudmühle, mit Offiziers-Patrouillen besetzt. Der ehemalige Artillerie-Offizier Bruno Haas-Tenckhoff beschreibt die Situation in seinen Erinnerungen "Aus den Tagen der November-Revolution in Münster" folgendermaßen:
Am 7. November lag das Verhängnis bereits in der Luft. Mit dem Datum dieses Tages erschien in den Zeitungen ein von 25 prominenten Münsterischen Bürgern unterzeichnete Aufruf, worin vor Ausschreitungen und "russischen Zuständen" gewarnt wurde. Es hieß in der Stadt, dass die Eisenbahngleise zwischen Münster und Osnabrück aufgerissen würden, um den Meuterern aus Kiel die Annäherung zu erschweren. Königstreue Truppen sollten ihnen entgegengeschickt werden. In der Tat waren vom General-Kommando die Ratzeburger Jäger zum Schutz der Garnison herbeigeholt worden. Die Jäger besetzten mit aufgepflanztem Gewehr die Bahnhofswache, Handgranaten am Koppel.

Am 08.11.1918 soll Münster einer Stadt "vor dem Sturm" geglichen haben. Bis auf die zahlreichen Militärpatrouillen waren die Straßen und Plätze fast menschenleer. Es soll eine sehr angespannte Stimmung geherrscht haben. Als gegen Mittag beim stellvertretenden Generalskommando bekannt wurde, dass sich sowohl in Hannover ein Arbeiter- und Soldatenrat gebildet hatte, als auch in Haltern schon ein Soldatenrat bestünde, beschloss der Chef des Stabes Oberst Giffering, nach Schilderungen des münsterschen Stadtarchivars Schulte, die Bildung eines Soldatenrates in Münster selber zu initiieren. Diese Entscheidung war sicherlich auch von dem Eindruck beeinflusst, dass am selben Tag in Osnabrück ein Arbeiter- und Soldatenrat die Macht in Händen hielt, in Haltern der Arbeiter- und Soldatenrat der Ersatz-MG-Kompanien den Zugverkehr kontrollierte und telefonische wie telegrafische Verbindungen in größere Industrieorte unterbrochen waren. Die Osnabrücker Zeitung beschrieb die Situation in ihrer Kriegs-Abend-Ausgabe bedrohlich:
Gestern traf hier von Kiel eine Abordnung des Arbeiter- und Soldaten Rat ein, die sofort einen starken Zulauf fand. Die Kasernen wurden geöffnet, die Militärarrestanten befreit. Auf dem Rath Hause weht ein rote Flagge. Die Ruhe ist nirgends gestört. Größere Menschenmengen durchziehen die Straßen. [...] Überall sieht man kokardenlose Soldaten.

Schließlich erklärten die Kommandeure der in Münster liegenden Ersatztruppenteile gegenüber dem Stellvertretenden Kommandierenden General, dass ihre Truppen unzuverlässig wären.
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Festbeflaggung auf dem Prinzipalmarkt anlässlich des Besuchs Kaiser Wilhelms II. in Münster 1907
 
 
In der Nacht vom 08.11. auf den 09.11. griff dann die Revolution auf Münster über. Hierauf geht Haas-Tenckhoff in seinen Erinnerungen intensiver ein:
Am achtem November Abends gegen 10:00 Uhr war eine größere Abteilung von Kieler Matrosen in Münster eingetroffen. Diese bildeten in Gemeinschaften mit irgendwelchen, von der revolutionären Welle herbeigetriebenen oder auch bestimmte, vorher informierte Soldaten - darüber weiß man nichts Sicheres - unverzüglich einen Soldatenrat. Im Bahnhof und auf den Bahnhofsvorplatz harrte eine große Volksmenge, bestehend aus unbewaffneten Soldaten, Arbeitern und Bürgern. Die Aufregung und aufgespeicherte Spannung entlud sich in einem Zug, der von unbekannten Führern unter Vorantragung einer roten Fahne und mit Absingung der Internationale zum Militärarresthaus und zu den Gefängnissen geleitet wurde. Dort sollten die Inhaftierten befreit werden. Es blieb jedoch beim Versuch. Denn der Soldatenrat selbst, der es nicht verantworten wollte, gemeine Verbrechen auf die Bürgerschaft loszulassen hatte schleunigst ein Verbot eingelegt und die Befreiung von politischen Gefangenen und harmlosen Delinquenten selbst in die Hand genommen. Der schwache revolutionäre Elan hatte sich bis Mitternacht gänzlich aufgelöst.

Parallel zu Verhandlungen des Stellvertretenden Generalkommandos über die Bildung eines Arbeiter- und Soldatenrates, meuterten und plünderten in der Aegidiikaserne die Mannschaften des Ersatzbataillons des Infanterieregiments 13. Im Wartesaal des Hauptbahnhofes Münster gründete sich ein örtlicher Soldatenrat. Am Nachmittag desselben Tages bildete sich der Arbeiterrat der Stadt Münster. Schulte berichtet über den Soldatenrat im Hauptbahnhof:
Des Abends versammelten sich die Mitglieder des Soldatenrates in Wartesaal dritte und vierte Klasse des Hauptbahnhofes. Gewehrpyramiden und Strohsäcke waren dorthin geschafft. Die Mitglieder erhielten weiße Armbinden mit dem Aufdruck: Soldaten- und Arbeiterrat. Bei den spät gehaltenen Reden beklagten sich einige über die Disziplinlosigkeit und das eigenmächtige Vorgehen, andere verlangten alle Macht für die Arbeiter- und Soldatenräte. Zur selben Stunde tagte der Arbeiterrat im Aegidiihofe.

Am 13.11.1918 nahm der Generalsoldatenrat des Bezirks des VII. Armeekorps seine Arbeit auf. Am darauf folgenden Tag wurde die erste Anordnung des Generalsoldatenrates bekannt gegeben, die jeglichen Eingriff in "öffentliche Betriebe" ausdrücklich verboten. Die Herausforderungen, mit denen sich die Arbeiter- und Soldatenräte konfrontiert sahen, war die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung, des Wirtschaftslebens und die Sicherung der Lebensmittelversorgung. Mit entsprechenden Verordnungen, die jeweils vom Bürgermeister der Stadt Münster Dieckmann gegengezeichnet wurden, bemühten sich die Räte um den Schutz vor Plünderungen, die Aufrechterhaltung des Transportsystems und die Eindämmung des weiter zunehmenden Schleichhandels. Dies beinhaltete auch einen Erlass, dass es keine Übergriffe mehr auf Offiziere mehr geben dürfe, Militärpersonen wieder die Kokarden anlegen und alle Offiziere und Mannschaften auf der Straße Koppel und Seitengewehr tragen sollten. Ausdrücklich wurde von den Soldaten Disziplin eingefordert, um so der Zivilbevölkerung ein Vorbild zu sein. Sie ersetzten damit die zusammengebrochenen öffentlichen Ordnungskräfte, mussten sich aber mangels Kompetenz und geringem Organisationsgrad bei den komplexen Verwaltungstätigkeiten auf die städtischen Beamten verlassen. Der Bürgermeister Dieckmann sprach aus Anlass der konstituierenden Sitzung eines Bürgerausschusses den Arbeiter- und Soldatenräten "Dank und Anerkennung" aus, dass sie in "loyaler Zusammenarbeit mit der Stadt" bestrebt gewesen seien, Ruhe, Ordnung und Sicherheit aufrechtzuerhalten.

Aber auch das Land war betroffen. Am 19.11.1918 bildete sich in der Gemeinde St. Mauritz ein Bauernrat. Schon am 12.11. hatte der Rat der Volksbeauftragten zur Bildung von Bauern- und Landarbeiterräten aufgerufen. Ihre Hauptaufgabe sollte es sein, die landwirtschaftliche Erzeugung aufrecht zu erhalten und den Schutz der Landwirtschaft gegen gewaltsame Eingriffe in das Eigentum zu gewährleisten.


Symbolisches Handeln
Auch wenn die Bewegung in Münster in ruhigen Bahnen verlief, kam es zu Auseinandersetzungen zwischen den Mannschaften und ihren Vorgesetzten. So sollen sich im Wartesaal des Hauptbahnhofes hunderte von Säbeln und Seitengewehre gestapelt haben, die den Trägern auf den Straßen oder auf den Bahnsteigen abgenommen worden waren.

Die Entwaffnung und die Entfernung der militärischen Rangabzeichen waren ein weit verbreitetes Symbol des gesellschaftlichen Umbruchs. Hierbei wurden die ehemaligen Eliten ihrer Ranginsignien entkleidet. Die symbolische Delegitimierung der Monarchie und ihrer Vertreter fand im ganzen Reich und auch im Laufe des Zusammenbruchs der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie statt. Dessen symbolische Statthalter wie Fahnen, Kokarden oder Schriftzüge wurden allerorts entfernt. In Prag und in Budapest wurden Wappen, die den Doppeladler zeigten, von öffentlichen Gebäuden entfernt.

Welch einschneidendes Erlebnis dies zum Teil für die Betroffenen bedeutete, schildert uns Schulte wiederum an einem Münsteraner Beispiel, dem Bericht des Hauptmanns Meyer von der Bahnhofs-Kommandantur:
Neugierig fragte ich von meiner Privatwohnung um 7:45 Uhr durch Fernsprecher bei der Bahnhofskommandantur an: "Seid ihr noch da?" worauf mir Vizefeldwebel Krückemann erwiderte: "Jawohl, Herr Hauptmann, das schon, aber es ist schauderhaft, was man sich auf der Straße bieten lassen muss." Er erzählte mir dann, dass überall durch Matrosen, anderem Militärjanhagel, üble Zivilisten und verkommene Weiber den Soldaten die Kokarden abgerissen würden. Das war mir eine willkommene Warnung. Schnell sattelte ich nun vom Militär zum Zivil um, holte nach meinem Schwager, Kriegsgerichtsrat Kremer, herein, den ich draußen in Uniform, allerdings ohne Degen, den er zu Haus gelassen hatte, vorbeigehen sah. Er ging bald nach Haus, um sich gleichfalls umzuziehen. Kurz darauf kam Frau Hauptmann Lehbrink, die mir in größter Erregung erzählte, dass man ihren Mann, als er zum Dienst auf die Bahnhofs-Kommandantur gehen wollte, gleich nach Verlassen des Hauses zur Ablegung der Kokarde gezwungen haben. Als ich schon in Zivil das Haus verlassen hatte, rief die Linienkommandantur an, dass alle Herren nur im Zivil zum Dienst zu erscheinen hätten. Auf der Hermannstraße, ganz in der Nähe meiner Wohnung, war schon früh gegen 8 Uhr ein Offizier von einer Rotte genötigt, vom Rade zu steigen und Degen und Kokarde abzuliefern. Zu meiner Freude blieb es mir erspart, selbst ein Fall des Kokardenraubes mit ansehen zu müssen. Aber es war schon scheußlich genug, all die kokardenlosen Soldaten, manchmal auch Offiziere mit ansehen zu müssen, als wenn sie alle zu Soldaten zweiter Klasse degradiert gewesen wären.

Schulte berichtet wiederum von zahlreichen Vorfällen, bei denen es zu Konflikten kam. So beschwerten sich militärische Vorgesetzte, dass sie auf der Straße nicht mehr mit der Ehrenbezeugung gegrüßt würden.

Ähnlich ist das Hissen der Roten Fahne zu bewerten. Hierbei drückte sich nicht unmittelbar eine tiefe politische Überzeugung aus, sondern die Distanzierung gegenüber der alten Ordnung. Schulte berichtet, dass am Rathaus eine rote Fahne gehisst worden sei:
Am Nachmittag wurde an der historischen Eisenstange am rechten Rathauspfeiler - wo zu den drei Senden seit 1578 alljährlich als Wahrzeichen der selbstbewussten Bürgerschaft gegenüber der fürstbischöflichen Landesgewalt das alte Sendschwert aufgesteckt wird - ein etwa 50 mal 60 cm große rote Fahne gebunden. Auf dem Prinzipalmarkte und den anderen Hauptstraßen herrscht ein Leben und Treiben ähnlich wie auf Münsters Karneval.
 
 
 

Soest

 
 
 
In Soest verhielt es sich bis zur Novemberrevolution nicht anders als im ganzen Deutschen Reich. Alles war geprägt von der kriegsbedingten Zwangswirtschaft. Bevölkerung und regionale Eliten waren geblendet von der Siegesrhetorik und glaubten bis zum Schluss an ein Kriegsende ohne Niederlage. Umso schlimmer war dann die Erfahrung der Eskalation in den letzten Monaten des Krieges sowohl an der Front als auch im Inneren.

Trotzdem gab es in Soest keine Anzeichen von Kritik an der politischen und militärischen Führung. "Siegesbeschwörungen, Treuebekundungen, und vor allem Durchhaltewillen prägten die Äußerungen und Aktivitäten, über die dann in den Zeitungen zustimmend berichtet wurde", so Norbert Wex in seinem Beitrag "Politischer Umschwung und Sturz des Bürgermeisters: Die Novemberrevolution in Soest" berichtet. Sogar nach dem Waffenstillstandsgesuch waren die Soester Zeitungen gefüllt von militärischen Erfolgsmeldungen, Appellen und Ermahnungen zum Durchhalten und Weiterkämpfen. Am 05.11.1918 forderte der Bürgermeister Soests Dr. Heinrich ten Doornkaat Koolman - nach einer, wie Wex formuliert, "krassen Fehleinschätzung der militärischen Lage" - den Reichskanzler im Namen der städtischen Körperschaften auf:
[...] nur einem solchen Frieden zuzustimmen, der die Ehre, Unversehrtheit und das Wohlergehen des deutschen Volkes gewährleistet." [...] "Die Ausführungen des Bürgermeisters wurden mit einem allseitigen Bravo aufgenommen.

Gerüchte über die Abdankung des Kaisers oder Berichte über den Matrosenaufstand erreichten Soest erst verspätet und wurden innerhalb der Soester Presse als bedauerliche Zwischenfälle charakterisiert. Umso größer war die Beunruhigung und Überraschung der Bevölkerung, als sich im Laufe des 08.11.1918 die Meldungen über den politischen Umsturz verdichteten. Die Städte aus denen Berichte über Aufstände kamen, wie Hannover, Münster und Dortmund rückten immer näher.

Noch am 08.11.1918 konstatierte der Bürgermeister, dass er keine Kenntnis habe von Elementen, die die öffentliche Ordnung in Soest stören könnten. Am gleichen Abend erreichte ein Telegramm des Generalkommandos aus Münster ein in Soest stationiertes Bataillon, worin es hieß, dass man in Münster Verhandlungen mit dem dortigen Arbeiter und Soldatenrat aufgenommen hätte. Zugleich wurden in der Nacht Matrosen und Soldaten in der Stadt gesehen, und am Morgen, als der Soester Anzeiger in seiner Ausgabe meldete, dass nun die "bolschewistische Bewegung" auf Soest übergegriffen hätte, gründete sich in Soest ein Soldatenrat. Der Bataillonsadjutant Soests vereinbarte nach einem Gespräch mit dem Generalkommando in Münster, dass nur im äußersten Falle, beim Angriff auf Leben und Eigentum, durch die Sicherheitsmannschaften von der Waffe Gebrauch zu machen sei. Von Soest aus wurde die Revolution auch nach Lippstadt exportiert: Der Soldatenrat schickte eine Abordnung in die Stadt, um den dortigen Kollegen den Aufbau eine Soldatenrates nach dem üblichen Muster zu zeigen.

Das Programm des Soldatenrates, dass "die Machtbefugnisse […] von heut ab in den Händen des Soldatenrates" liegen, lässt das Bild der revolutionären Arbeiter zunächst radikal erscheinen. De facto war es die Hauptaufgabe des Soldatenrates, Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten. Es gab keine gewaltsame Austragung von sozialen Konflikten, lediglich in geringem Maße eine symbolische Demontage der alten Herrschaft. Dies drückte sich auch in Soest in dem weit verbreiteten Entfernen der Kokarden und Schulterklappen, dem Tragen roter Fahnen oder Abzeichen sowie der unterlassenen Ehrenbezeugung gegenüber Ranghöheren aus.

Für den Bürgermeister schien es äußert verwunderlich, dass sich die Soldaten für eine unblutige Revolution und für die Bildung eines Soldatenrates entschieden. Die Haltung der Bevölkerung war eher abwartend. Da es in Soest faktisch keine organisierte Arbeiterschaft gab, stand die Revolution recht kopflos da. Der am Abend des 09.11. zusammengeschlossene Arbeiter- und Soldatenrat war in erster Linie darum bemüht, die öffentliche Ordnung zu erhalten. Der Bürgermeister und der Bataillonsadjutant kommentieren dies mit Häme: Die Aktionen seien unüberlegt und die Menschen wüssten nicht, was sie tun sollten und würden beginnen sich zu langweilen und zu beklagen.

Jedoch war ein großes Interesse an den politischen Veränderungen vorhanden. Die Menschen beteiligten sich zahlreich an allen politischen Veranstaltungen, allerdings auch an denen der Revolutionsgegner. Der ehemaligen Stadtelite und der regionale Presse war die "Mentalität" der Protagonisten der Revolution äußerst fremd. Sowohl die Zeitungen als auch der Bürgermeister beschrieben die Veranstaltungen als roh, undiszipliniert, unkultiviert und niveaulos. Durch die plötzlich über sie hereinbrechende Respektlosigkeit fühlten sich die Stadtoberen in ihrer Ehre verletzt. Wex beschreibt eine Hauptkonfliktlinie neben der sozialen und politischen, als eine der kulturellen Gegensätze, in der die bürgerliche Ordnung untergraben zu werden schien. Richtig konstatierte er, dass die größte Furcht und Irritation in der Gefährdung der alten Autoritäten lag. Auch in diesen Beschreibungen wird diese Distanz deutlich.

Dazu kam die völlige Unerfahrenheit der Vertreter des später vereinigten Arbeiter- und Soldatenrates. Durch die ländliche Prägung Soests, gab es nur eine schwache Sozialdemokratische Partei, die bei den Reichstagswahlen 1912 lediglich 12,8 % erreicht hatte und mit keinem Vertreter in der Soester Stadtverordnetenversammlung saß. So verfügte sie über kein Potenzial an politisch und in der Stadtadministration erfahrenen Leute. Es gab in Soest keine geschulten Führer, keine organisierten Kader und schon gar kein Klassenbewusstsein der "Volksmassen". Somit fiel es sehr schwer, den hohen Anspruch glaubwürdig durchzusetzen. Aus dieser Unwissenheit und Unbeholfenheit resultierte, dass es bis auf Parolen keine ernsthaften sozialistischen Bestrebungen durch den Arbeiter- und Soldatenrat gab.

Trotz aller zur Schau gestellten Respektlosigkeit konnten sich die Vertreter des Arbeiter- und Soldatenrat nicht gegen die alten Regierungsvertreter durchsetzen. So ließen sie sich durch Verweise auf das Protokoll in Ratssitzungen ruhig stellen oder wandten sich in dringlichen Fragen weiterhin an den Bürgermeister.

Jedoch verliehen die revolutionären Ereignisse im Reich und die Furcht vor Auseinandersetzungen mit dem Arbeiter- und Soldatenrat diesem so viel Autorität, dass er in einigen Bereichen wie der Sicherstellung von Ruhe und Ordnung, der Organisation der Lebensmittelversorgung für die Bevölkerung und die zurückströmenden Soldaten wirksam werden konnte.
 
 
 
 

Zusammenfassung

 
 
 
Ohne die revolutionären Einflüsse von Außen hätte es in Westfalen zu diesem Zeitpunkt keinen radikalen Umbruch gegeben. Die umherreisenden Matrosen oder Soldaten waren der Auslöser der Novemberrevolution in Westfalen.

Trotz der Kriegsmüdigkeit gab es in der breiten Bevölkerung kaum revolutionäre Bestrebungen. Prägend für den Umgang mit der Zusammenbruchssituation war vielmehr der Kampf um das alltägliche Überleben. Ausdruck dessen war sozial abweichendes Verhalten im Rahmen von Lebensmittelproteste, Plünderungen und Hamsterfahrten, die aber schon seit dem Hungerwinter 1916/1917 und 1917/1918 zur alltäglichen Praxis gehörten. Der Rucksack als Symbol für die Hamsterfahrten prägte auch in Westfalen das öffentliche Bild.

Insofern charakterisieren besonders diese Handlungen einen deutlichen Autoritäts- und Legitimitätsverlust der Obrigkeiten. Symbolische Aktionen dezidiert politischen Hintergrundes, wie man sie aus den industriellen Ballungsräumen oder aus den Metropolen kennt - das Entfernen kaiserlicher Symbole wie Kokarden, Rangabzeichen oder das Tragen von roten Bändern, Fahnen usw. - gab es zwar, wurde jedoch auch über die Soldaten gleichsam importiert und ausgeführt. Aber wie hätte sich z. B. in Münster, einer Stadt, in der beim Ausbruch der Novemberrevolution lediglich 20 Personen in der Sozialdemokratischen Partei organisiert waren, eine revolutionäre Kraft ausbilden sollen? In Soest war alleine die Revolutionserwartung der Motor des Umbruchs. Als die alten Eliten erfahren hatten, welche Schwächen die revolutionären Kräfte in der Provinz hatten, stärkte dies die konservativen Ambitionen und prägte das Selbstbewusstsein der antirevolutionären Kräfte.
 
 
Ressourcen zum Thema
Informationstexte im Internet-Portal

Quellen

Externe Ressourcen

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Der Autor | Christian Kaindl, M.A., Historiker, Wissenschaftlicher Volontär am LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte in Münster, ckaindl [at] gmx.de

Zitation | Christian Kaindl, 9. November 1918. "Heimatfront" und Novemberrevolution - Münster und Soest, in: Internet-Portal "Westfälische Geschichte", URL: http://www.lwl.org/westfaelische-geschichte/portal/Internet/ku.php?tab=que&ID=622 (letzte Überprüfung: [Datum des letzten Aufrufs]).