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Westfälische Zeitung (Ausschnitt), Nr. 1 vom 06.04.1848 / Foto: Verein für Geschichte und Altertumskunde Westfalens, Abt. Paderborn e. V., AV 1017a









Martin Dröge

6. April 1848 -
Gründung der Westfälischen Zeitung

Am 06.04.1848 erschien in Paderborn die erste Ausgabe der Westfälischen Zeitung. Sie war unter der Federführung von Redakteur Franz Löher erarbeitet worden und wurde als Probenummer an interessierte Leser verteilt. Das Interesse an Nachrichten und Informationen war hoch, denn im Frühjahr 1848 kam es in Deutschland und Europa zu revolutionären Ereignissen, die von der Februarrevolution in Paris angestoßen worden waren. Am 18.03.1848 fielen vor dem Berliner Stadtschloss zwei Schüsse, als eine Menschenmenge sich versammelt hatte, um dem preußischen König für seine Zugeständnisse zu danken; die Schüsse waren der Anlass, Barrikaden zu errichten.

Die Ursachen der Spannungen, die sich nun entluden, lagen sehr tief. Der Pauperismus der Unterschichten und die Forderung nach politischem Mitbestimmungsrecht des Bürgertums sind nur zwei von zahlreichen zu berücksichtigen Faktoren. Im März 1848 kamen in den allerorts stattfindenden Volksversammlungen die Märzforderungen der vom Bürgertum getragenen freiheitlichen Bewegung auf. Sie forderten: Einführung einer Verfassung und der Menschen- und Bürgerrechte, Einrichtung von öffentlichen Schwurgerichten, Einführung der Volksbewaffnung mit freier Wahl der Offiziere, Herstellung eines deutschen Parlaments, Errichtung eines deutschen Nationalstaates und Erlangung von Vereins- und Versammlungsfreiheit - sowie Pressefreiheit.

Wer über die revolutionären Ereignisse durch die Presse informiert war, konnte überhaupt erst zu diesen Stellung beziehen und seine Meinung hierüber äußern. Er konnte andere von seiner Meinung überzeugen und sich mit Gleichgesinnten organisieren. Dem größten Teil der Bevölkerung war es erst durch den freien Zugang zu Nachrichten und Informationen möglich, politisch zu partizipieren. In der ersten Ausgabe formulierte die Westfälische Zeitung dies so:
"Ein Herumhören nach Neuigkeiten reicht daher nicht mehr aus. Wer die politische Bildung erhalten will, die jedem Mann jetzt so nothwendig ist, muß selbst seine Zeitung lesen und an den öffentlichen Versammlungen selbst teilnehmen. Diesem Bedürfnisse soll die Westfälische Zeitung entgegen kommen."
 
 
 

Zensur und Pressefreiheit

 
 
 
Die in der  Deutschen Bundesakte von 1815 gewährte Pressefreiheit nahm der Deutsche Bund in den Karlsbader Beschlüssen von 1819 wieder zurück. Die Beschlüsse, die aufgrund der Ermordung des konservativen Schriftstellers von Kotzebue durch den Burschenschaftler Sand gefasst wurden, sahen neben dem Verbot der Burschenschaften und der Überwachung der Universitäten die Schließung der Turnplätze vor. Ferner nutzte der deutsche Fürstenbund das Attentat als Vorwand, um die Zensur der Presse wieder einzuführen. Von der nun geltenden Vorzensur waren alle Schriften unter 20 Bögen, d. h. 320 Seiten betroffen: Zeitungen und Zeitschriften mussten vor ihrer Veröffentlichung bei den Behörden eingereicht werden. Der Deutsche Bund behielt sich außerdem ein unmittelbares Eingriffsrecht vor, falls eine der deutschen Länderregierungen zu liberal mit der Presse umging. Der Wunsch nach Pressefreiheit wuchs, je stärker die Karlsbader Beschlüsse die Pressefreiheit unterdrückten. In den letzten Jahren vor der Revolution war die Zensur jedoch nicht mehr sehr wirkungsvoll. Die umständlichen Kontrollmechanismen waren den Massenauflagen, die mittlerweile durch die Erfindung der Schnellpresse erreicht werden konnten, und den verbesserten Vertriebsmethoden nicht mehr gewachsen.

Der Unmöglichkeit, die Presse zu kontrollieren, und dem Druck, der sich durch die Forderung nach Pressefreiheit aufgebaut hatte, gab der Deutsche Bund am 03.03.1848 nach und befreite die Presse von der Zensur. Die Befreiung galt nicht allein der Tagespresse, sondern allen Druck-Erzeugnissen wie Büchern, Flugblättern, Plakaten und Karikaturen. Nach dem Bundesbeschluss hob das  preußische Pressegesetz vom 17.03.1848 die Zensur in Preußen auf. Allerdings mussten laut diesem Gesetz neu zu gründende Zeitungen beim Oberpräsidenten mit Titel, Erscheinungsweise und Inhaltsangabe angemeldet werden. Außerdem hatten die Tageszeitungen je nach Auflagenhöhe und Häufigkeit des Erscheinens eine Kaution zu hinterlegen; ebenso musste in einem Impressum Verleger und Drucker angegeben werden. Trotz der Pressefreiheit waren Verleger und Redakteure zu Wohlverhalten gegenüber dem Staat veranlasst, um staatlichen Eingriffen vorzubeugen, jedoch besagte das Gesetz, dass Vergehen gegen die Pressebestimmungen vor einem Schwurgericht verhandelt werden sollten. So wurde die Vorzensur des Polizei-Systems durch ein Justiz-System ersetzt, welches die nachträgliche Verantwortlichkeit nach allgemeinen Gesetzen vorsah: Jeder konnte ungehindert das drucken, von dem er meinte, er könne es vor Gericht rechtfertigen.
 
 
 

Presse und politische Partizipation

 
 
 
Im Zuge der Pressefreiheit kam es zu einer Gründungswelle von neuen Zeitungen. Die bereits bestehenden Presseorgane wie etwa die amtlichen Anzeigeblätter erhielten einen redaktionellen politischen Meinungsteil. Neben den gebildeten Kreisen war nun breiten Bevölkerungsschichten die Möglichkeit geboten, sich politisch zu artikulieren, sodass sich eine öffentliche Meinung bilden und politische Partizipation stattfinden konnte; eine der wichtigsten Forderungen von 1848 war die freie Erörterung der politischen Angelegenheiten gewesen. Der politische Teil rückte daher überall in den Zeitungen viel stärker in den Vordergrund, was die Entwicklung der Meinungspresse förderte. Das Jahr 1848 kann als das Geburtsjahr der politischen Presse bezeichnet werden, denn um die Zeitungen gruppierten sich politische Vereine, die in ihren Presseorganen für konservative, demokratische oder liberal-konstitutionelle Ziele warben: Das Pressewesen differenzierte die politischen Richtungen aus und formierte sie.

Die hohe Zahl der 1848 bestehenden Zeitungen, die auf mindestens 1.700 Organe veranschlagt wird, von denen viele jedoch das Jahr 1849 nicht überlebten, lässt auf eine hohe Informationsdichte bis in die dörflichen Gemeinschaften schließen. Oftmals wurden mehrere Zeitungen gemeinschaftlich in Lesevereinen angeschafft, sodass mehrere Person von einem Abonnement profitieren konnten. Dennoch erreichten die Zeitungen nicht die gesamte Bevölkerung, weshalb sie noch kein Massenmedium im heutigen Sinne war, aber in ihr kam die gesellschaftliche Demokratisierung in der Mitte des 19. Jahrhunderts zum Ausdruck.
 
 
 
 

Presselandschaft Westfalen

 
 
 
Zu Beginn des Jahres 1848 gab es in Westfalen bereits 52 Zeitungen, die wenigstens einmal in der Woche gedruckt wurden. Nach dem März 1848 kamen 28 Gründungen dazu, 1849 nochmals 14 und 1850 sind acht Neugründungen verzeichnet, sodass rund 100 Zeitungstitel in den Jahren 1848 bis 1850 in Westfalen existierten. Die Periodika erschienen an 33 Orten, wobei sie sich auf die bedeutenderen Städte der Provinz konzentrierten. In Münster kamen die Westfälische Volkshalle und der katholische Westfälische Merkur heraus, in Bielefeld erschien das demokratische Westphälische Dampfboot, dessen Linie später Der Volksfreund übernahm, in Paderborn wurde das katholische Westfälische Volksblatt und die Westfälische Zeitung herausgeben und in Dortmund der Märkische Volksbote aufgelegt. Des Weiteren existierten in Westfalen das liberale Mindener Sonntagsblatt und das Iserlohner Bürgerblatt, um einige Zeitungen aus den größeren westfälischen Städten zu nennen. Die Zeitungen erschienen in der Regel zwei bis dreimal in der Woche, später wurde die Periodizität erhöht. Allerdings war die Neugründung einer Zeitung mit gewissen Risiken verbunden, sodass einige Organe ihr Erscheinen schon im Laufe des Jahres 1848 wieder einstellen mussten.

Die regionalen Zeitungen waren der Konkurrenz von überregionalen Blättern ausgesetzt, die versuchten, ihre Verkaufszahlen in der Provinz zu steigern. In den Revolutionsjahren fanden sich in der Westfälischen Zeitung Anzeigen auf ein Abonnement von Zeitungen gleicher und entgegengesetzter politischer Richtung. So inserierten hier die liberale Kölnische Zeitung und die Berliner National-Zeitung neben der konservativen Neuen Preußischen Zeitung, auch Kreuzzeitung genannt. Die beiden letztgenannten Organe wurden 1848 in Berlin gegründet, ebenso das politisch-satirische Witzblatt Kladderadatsch, das ebenfalls in der Provinz für seine Karikaturen warb. Die Provinzzeitungen nutzten diese großen überregionalen Presseorgane, die als Vorbilder der neu entstandenen politischen Parteirichtungen fungierten, als Formulierungshilfe für ihre eigenen Artikel. Nicht nur die Peripherie Westfalen, sondern gerade auch das Zentrum Berlin erlebte einen Presseboom, der eine regionale und überregionale Öffentlichkeit entstehen ließ.

Die Zeitungen waren durch ihr hohes Maß an Aktualität und Periodizität besonders geeignet, zu einer öffentlichen Meinungskultur beizutragen. Die Revolution schuf mit der Kette von Ereignissen und der damit verbundenen verdichteten Nachrichtenlage die Voraussetzung für die Zeitungen, die zahlreichen Nachrichten in gedruckter Form zu verbreiten. Die Revolution war für viele Zeitgenossen ein Medienereignis; Nachrichten über sie wurden vermittelt, um Meinung zu bilden. Die Westfälische Zeitung wollte durch die Beeinflussung der öffentlichen Meinung die autoritäre Staatsmacht herausfordern und versuchte, mit Hilfe der öffentlichen Meinung das Ziel eines liberal-demokratischen Volksstaats zu erringen.
 
 
 
 

Die Westfälische Zeitung im Jahr 1848

 
 
 
Seit dem 01.01.1846 erschien in Paderborn das Gemeinnützige Wochenblatt für Stadt und Kreis Paderborn, an dessen Stelle 1848 die Westfälische Zeitung trat. In der ersten Ausgabe vom 06.04.1848 forderte die Westfälische Zeitung in einem "politischen Glaubensbekenntnis":
"Herrschaft des Bürgerthums, Deutsche Reichsverfassung, Deutschland frei und groß durch und für sich selbst.
Wir wollen, dass das Staatswesen seinen Weg nehme wie der Volkswille es fordert. Deßhalb sind wir außer den schon zugesicherten Grundlagen des konstitutionellen Staatswesen auch für: allgemeines Wahlrecht und allgemeine Wählbarkeit; jährliche Kammern; unverkümmertes Vereinigungsrecht; Selbstgericht und Selbstverwaltung des Volkes mit Wechsel und Volkswahl der Beamten in allen unteren Kreisen des Staatslebens; unabhängige Gerichtshöfe; Freiheit des Grundbesitzes; aufsteigende Einkommensteuer; Steuerverwaltung, unabhängig von der Regierung und verantwortlich der Volkskammer; Volksbewaffnung mit künftiger Verminderung des stehenden Heeres."

Das politische Programm der Westfälischen Zeitung versuchte auf dem Boden des linken Zentrums zwischen Konstitutionellen und Demokraten zu vermitteln, und war somit liberal-demokratisch geprägt. Auf der Grundlage einer Verfassung für ein geeintes Deutsches Reich sollte eine bürgerliche Gesellschaft etabliert werden. Aus eigener Kraft sollte Deutschland zu nationaler Größe und Stärke aufsteigen, befreit von der Uneinigkeit der deutschen Kleinstaatenwelt. Die zugesicherte Verfassung galt als Selbstverständlichkeit, und der Volkswille sollte durch weitere Verfassungsbestimmungen, die den Märzforderungen entsprachen, gestärkt werden: allgemeines Wahlrecht, eine regelmäßig tagende Volksvertretung, Vereinigungsfreiheit, Stärkung der kommunalen Selbstverwaltung, unabhängige Gerichtsbarkeit, Eigentumsfreiheit, unabhängige Steuerverwaltung und allgemeine Volksbewaffnung. Neben dem großen nationalen Anliegen wollte das Blatt in erster Linie demokratische und liberale Ziele verwirklichen. Das im Jahr 1848 im Vordergrund stehende nationale Anliegen war die auch von der Westfälischen Zeitung aufgestellte Forderung nach der Wiedergeburt Deutschlands: "Nur ein starkes, einiges Deutschland [...] kann Freiheit, Ehre und Wohlstand für uns alle geben und für uns alle schirmen."

Die Agitation für ein starkes, geeintes Deutschland war in der Presse ein zentrales Thema im Revolutionsjahr. Die Westfälische Zeitung forderte eine zentrale deutsche Reichsregierung, bestehend aus einem Reichstag, einem Reichsministerium und einem Reichsoberhaupt. Bei der Frage nach der Staatsform entschied sich die Westfälische Zeitung in ihrer zweiten Ausgabe für eine konstitutionelle Monarchie auf demokratischer Grundlage; diese Staatsform, die auf gleichmäßiger und vollständiger Berechtigung aller Bürger beruhen sollte, hielt die Zeitung auf friedlichem Weg für erreichbar. Die republikanische Staatsform lehnte die Westfälische Zeitung zunächst ab; sie sah nur wenig Unterstützung hierfür im deutschen Volk und die Gefahr der gesellschaftlichen "Zerrüttung Deutschlands". Fern halten wollte man sich von allen religiösen Fragen, so fern sie nicht politischer Natur waren. Der Name 'westfälisch' wurde als "Ehrenname" getragen und appellierte so an das Heimatgefühl der Leser.

In der ersten Ausgabe verkündete die Zeitung, dass sie "kurz und bündig und zugleich in klarer und jedermann verständlicher Weise" verfasst werden würde, gleichzeitig solle der Preis für eine Ausgabe, der bei 15 Silbergroschen für Paderborn und 18 3/4 Silbergroschen für auswärtige Orte lag, für breite Kreise erschwinglich bleiben. So wollten die Herausgeber dem gestiegenen Informationsbedürfnis breiter Schichten entgegenkommen und politische Bildung verbreiten, die man für "jeden Mann" als notwendig erachtete. Diese Voraussetzungen und die politische Zielsetzung der Zeitung führten dazu, dass aus der Westfälischen Zeitung in den ersten beiden Jahren ihres Erscheinens eines der größten Organe der Demokraten Westfalens wurde.

Die Westfälische Zeitung erschien im Jahr 1848 dreimal wöchentlich am Sonntag, Dienstag und Donnerstag. Eine Zeitungsausgabe umfasste vier Seiten und hatte gelegentlich Beilagen. Auf jeder Seite war der Text in drei Spalten gegliedert; die vierte Seite enthielt auf der unteren Hälfte den Anzeigenteil, der neben den Abonnentenzahlungen die Zeitung mitfinanzierte. Zur Höhe der Auflage lassen sich für 1848 keine Aussagen machen, im zweiten Halbjahr 1850 sind 1500 Exemplare für eine Auflage belegt.
 
 
Als Nachrichtenquelle wurden andere Zeitungen aus der Region, insbesondere aber auch überregionale Zeitungen sowie offizielle Verlautbarungen von staatlichen Behörden herangezogen. Außerdem druckte die Westfälische Zeitung die Berichte von zahlreichen Korrespondenten ab, die sie aus den größeren Städten ihres Verbreitungsgebietes und aus anderen Großstädten, insbesondere aus der Rheinprovinz, erhielt. Es war damals nicht unüblich, dass die Abgeordneten aus den Nationalversammlungen in Frankfurt und Berlin als Korrespondenten für die Zeitungen schrieben, außerdem konnte man über offizielle Korrespondentendienste Berichte aus den beiden Parlamenten beziehen; hiervon profitierte auch die Westfälische Zeitung. Leider sind die Namen der Mitarbeiter nur schwer zu erschließen, da die Anonymität der Schreibenden gewahrt wurde. Für die spätere Zeit ist belegt, das Friedrich Harkort politische Stellungnahmen und August Heinrich Hoffmann von Fallersleben verschiedene Gedichte für die Westfälische Zeitung verfasst hat.

Der Verleger der Westfälischen Zeitung war Wilhelm Crüwell aus Paderborn. Er hatte seine Buchhandlung zu einer Verlagshandlung ausgebaut, in der 1847 neben dem Gemeinnützigen Wochenblatt auch das Westphälische Dampfboot aus Bielefeld verlegt wurde. Franz Löher war im Jahr 1848 der verantwortliche Redakteur der Westfälischen Zeitung, der die politische Richtung der Zeitung prägte, denn er schrieb die meisten Leitartikel für die Westfälische Zeitung im Revolutionsjahr. Die Leitartikel enthielten deutende und bewertende Kommentare und trugen daher stärker zur Meinungsbildung der Leserschaft bei als ein knapp verfasster Nachrichtenartikel. Löher vertrat neben liberal-demokratischen Zielen die Ansichten der deutschen Nationalbewegung, die einen geeinten Nationalstaat forderte. Der gebürtige Paderborner Franz Löher wurde 1848 dreißig Jahre alt. Er begann zunächst ein Medizinstudium, das er zugunsten eines Jurastudiums wieder aufgab. Ende Oktober 1840 wechselte Löher nach Berlin, wo er sein erstes juristisches Staatsexamen bestand. Im April 1841 begann er seinen juristischen Vorbereitungsdienst am Oberlandesgericht in Paderborn und bestand im Januar 1845 das zweite Staatsexamen.
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Bildnis des Dichters August Heinrich Hoffmann (Hoffmann von Fallersleben) (1798-1874)


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Bildnis des Publizisten  Franz (von) Löher (1818-1892)
 
 
Bei den Volksversammlungen die überall in Deutschland im Frühjahr 1848 stattfanden, war Löher in Paderborn immer in führender Position vertreten. Nach einem Festumzug durch die Stadt am 25.03.1848 hielt Löher die Festrede auf die jetzt zum Greifen nah erscheinende Einigung Deutschlands. Bei einer weiteren Volksversammlung wurde ein Programm für die Wahlen zu den Nationalversammlungen in Frankfurt und Berlin verfasst, an dessen Erarbeitung Löher maßgeblich beteiligt war. Im April wurde er dann Redakteur der Westfälischen Zeitung. Er war Mitbegründer des Paderborner Volksvereins, dessen Präsident er schließlich wurde. Am 18.11. und 19.11.1848 zählte er zu den Akteuren des Westfälischen Kongresses in Münster. Im Dezember wurde er wegen Majestätsbeleidigung verhaftet, die er während einer Versammlung im Rahmen des besagten Demokratenkongresses geäußert haben soll. Der Anklagepunkt des Hochverrats wurde schließlich fallen gelassen, Löher musste jedoch bis Februar 1849 in Haft verbleiben und konnte dementsprechend seine Aufgaben als Redakteur der Westfälischen Zeitung nicht wahrnehmen.

Franz Löher und seine Nachfolger spickten die Leitartikel der Westfälischen Zeitung mit Polemik und schufen den journalistischen Stil der Zeitung, der zynisch, skrupellos und aggressiv im Ausdruck war; ebenso kann jedoch Jubel, Begeisterung und Eifer in den Zeilen festgestellt werden. Neben der Polemik zeichnete sich der Stil durch sachliche Diskussionen und Gelehrsamkeit aus und kam bei den Lesern gut an. Die Präsentation und die Auswahl der Nachrichten sollten den Lesern zum einen Orientierung bieten, zum anderen aber bestimmte Identifikationsmuster bereitstellen, die in die politischen Zusammenhänge eingeordnet wurden, wie sie die Zeitung ihrer politischen Gesinnung entsprechend vertrat. Die Berichterstattung ist daher nicht als objektiv anzusehen.

Die Leserschaft der Zeitung erstreckte sich über Westfalen, sicherlich wurde das westfälische Blatt aber auch überregional wahrgenommen. Nicht mehr nur die Honoratiorenschaft las Zeitung, sondern aufgrund der sinkenden Analphabetenrate lasen nun breite Bevölkerungsteile, und wenn man nicht selbst lesen konnten, dann bekam man vorgelesen. Die Abonnenten sahen ihre politische Linie in den Zeitungen vertreten und wollten als Stammkunden umworben werden, daher steigerte die Westfälische Zeitung ihr Ansehen zusätzlich durch Sonderleistungen wie Extra-Blätter und Sonderbeilagen. Neben der Periodizität der Zeitung - die Westfälische Zeitung erschien seit 1849 täglich - war die Aktualität für die Leserschaft ein wichtiges Kriterium: Wer die aktuellsten Nachrichten brachte, genoss einen guten Ruf in der Öffentlichkeit. Durch Meinungen und Inserate, die der Leser veröffentlichen konnte, sollte eine Gemeinschaft zwischen den Lesern und der Zeitung geschaffen, der Leser für die Zeitung gewonnen und zum Teil mit in die Redaktionsarbeit einbezogen werden. Die Westfälische Zeitung erfüllte diese Kriterien und besaß lediglich im Westfälischen Merkur aus Münster unter den westfälischen Zeitungen, sonst nur in den großen überregionalen Blättern eine Konkurrenz auf dem westfälischen Zeitungsmarkt.
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Titelblatt der "Illustrirten Zeitung": "Zug des deutschen Parlaments nach der Paulskirche in Frankfurt a. M. am 18. Mai [1848]", Leipzig, Nr. 257, 03.06.1848


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Frankfurt am Main: Paulskirche, vom Main Tower ausgesehen, Juni 2007


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Rathaus Paderborn
 
 
 

Die weitere Entwicklung der Westfälischen Zeitung unter der staatlichen Presselenkung nach 1848

 
 
 
Die Revolution von 1848 hat zentrale Ziele nicht erreicht. Die von der Frankfurter Nationalversammlung erarbeitete Verfassung trat nicht in Kraft, ebenso nahm der preußische König die ihm von den Frankfurter Abgeordneten angetragene Kaiserkrone nicht an; der ersehnte deutsche Nationalstaat ließ sich nicht errichten. Die liberalen und demokratischen Entwicklungen wurden zwar zunächst unterdrückt, aber einmal angestoßen, konnten sie nicht gänzlich rückgängig gemacht werden. Der reaktionäre staatliche Kurs war auch in Preußen zu spüren. Durch die fürstliche Gegenrevolution wiedererstarkt, oktroyierte Preußen eine  Verfassung und nahm Errungenschaften der Revolution nach und nach wieder zurück oder schwächte sie ab. So etwa durch das verabschiedete Pressegesetz vom Sommer 1849.

Nach dem neuen Pressegesetz musste das Impressum nun neben Namen und Wohnort von Drucker und Verleger, auch Angaben über Herausgeber und verantwortliche Redeakteure enthalten. Jede Zeitungsnummer musste mit der Unterschrift des Herausgebers versehen bei der örtlichen Polizeibehörde hinterlegt werden. Weitere Verordnungen über die Presse wurden in Preußen am 05.06.1850 erlassen: Die Post konnte auf Anweisung der Regierung Zeitungen den postalischen Versand entziehen, ebenso konnte der Minister des Inneren ausländische Druckschriften in Preußen verbieten lassen. Weiterhin musste der Herausgeber eine Kaution stellen, die bei eventuellen Strafen eingezogen werden konnte. Die Presseverordnungen zielten damit auf die wirtschaftliche Grundlage der Presse. Am 01.06.1851 gingen sie in einem  preußischen Presse-Gesetz auf, das alle bisher geltenden Regelungen aufhob.

Die staatlichen Repressionen gegen das Pressewesen trafen auch die Westfälische Zeitung. Sie war gerade von Paderborn nach Hamm umgezogen, um günstiger an den Nachrichtenwegen zu liegen, da wurde ihr bereits zwei Wochen nach Erlass der Presseverordnungen am 20.06.1850 der Postdebit entzogen. Da die Westfälische Zeitung nun nicht mehr per Post vertrieben werden konnte, büßte sie viele Abonnenten ein und die Auflage ging von 1.500 im ersten Halbjahr 1850 auf 300 im Jahr 1852 zurück. Die Westfälische Zeitung war zunächst ihrer liberalen demokratischen Haltung treu geblieben und kritisierte die reaktionäre Politik der deutschen Staaten, allen voran die preußische. So verschwand 1850 der deutsche Reichsadler aus dem Titel mit der Begründung, ihm sei es in Kleindeutschland zu eng geworden und er suche nach Einheit und Freiheit.

Diese Unverzagtheit brachte der Westfälischen Zeitung nun eine existenzbedrohende Lage ein, weshalb sie wirtschaftlich geschwächt nach wenigen Monaten wieder nach Paderborn zurückkehren musste, obwohl sie weiterhin das größte täglich erscheinende demokratische Blatt Westfalens war, wie der Verleger und neue verantwortliche Redakteur Wilhelm Crüwell feststellen konnte. Als Verleger kannte er die technischen und wirtschaftlichen Erfordernisse eines Zeitungsunternehmen, sodass er sein Blatt unter der repressiven preußischen Pressepolitik mit gewissem Geschick steuerte. Unter seiner Redaktion trat daher der politische Leitartikel gegenüber dem unpolitischen Feuilleton zurück. Gleichzeitig bemühte sich Crüwell um die Aufhebung des Postdebits, womit er nach mehreren gescheiterten Versuchen im März 1852 erfolgreich war, und er versuchte sogar, staatliche Subventionen zu erlangen, was ihm 1854 tatsächlich gelang. Die schwere Krise war überstanden, jedoch machte die Westfälische Zeitung vom Entzug des Postdebits bis zu der Subventionierung eine Kehrtwendung durch. Sie verabschiedete sich von ihren demokratischen Wurzeln und konnte nun als unabhängig bezeichnet werden. Schon hier bahnte sich eine Schwerpunktverlagerung der Zeitung von der Politik zur Wirtschaft an.
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König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen (1795-1861), nach 1845


 "Oktroyierte Verfassung", 05.12.1848


 Königreich Preußen: "Verordnung betreffend die Vervielfältigung und Verbreitung von Schriften und verschiedene durch Wort, Schrift, Druck, Zeichen, bildliche oder andere Darstellung begangene strafbare Handlungen", 30.06.1849


 Königreich Preußen: "Verordnung zur Ergänzung der Verordnung über die Presse vom 30. Juni 1849", 05.06.1850


 "Gesetz über die Presse", 12.05.1851


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Karikatur aus der Zeitschrift Kladderadatsch: "Das neue Preßgesetz, oder: Der Eiertanz, oder: Nur nicht ängstlich!", 08.06.1851
 
 
Die Westfälische Zeitung hat trotz Verwarnungen, die ihr aufgrund der von Bismarck am 01.06.1863 erlassenen  Presseverordnung erteilt wurden, zwischen 1860 und 1875 ihren Höhepunkte erlangt, nimmt man die Publizitätsdichte zum Maßstab. In den 1860er Jahren war sie zunächst auf die Linie der liberal-oppositionellen Fortschrittspartei eingeschwenkt, tendierte aber nach der Reichsgründung 1871 mehr zu den Nationalliberalen und unterstützte deren Haltung im Kulturkampf. Die Westfälische Zeitung war 1856 nach Dortmund übergesiedelt. Der neue Standort verbesserte nicht nur Vertrieb und Nachrichtenbeschaffung der Zeitung, hier konnte sie den Wirtschaftsteil mit Handels- und Börsennachrichten ausbauen und wurde so zu einem der ersten und wichtigsten Handelsblätter Westfalens. Die Auflage hat sich 1856 mit 800 Exemplaren rasch erholt und für 1880 wird sie auf rund 5.000 Exemplare geschätzt. Den Wegfall der Zeitungssteuer durch das Reichspressegesetz von 1874 nutzte die Westfälische Zeitung nicht, um den Abonnementspreis zu senken, sondern dazu, um zweimal am Tag erscheinen zu können.

1883 wurde die Westfälische Zeitung nach Essen verkauft und ging mit der Essener Zeitung zusammen. Da westfälisches und rheinisches Industriegebiet immer stärker zusammenwuchsen, mussten auch die Handelszeitungen aus wirtschaftlichen Gründen zu einer Einigung gelangen. Die technische und redaktionelle Überlegenheit der Konkurrentin aus Essen gab den Anlass zu einer Fusion der beiden Blätter zu einer Zeitung, die fortan unter dem Titel ‚Rheinisch-westfälische Zeitung’ bis 1944 erschien.
 
 
 

Bedeutung der Westfälischen Zeitung für
Westfalen und Bezug zur Gegenwart

 
 
 
Die Westfälische Zeitung vertrat eine politische Haltung und gehörte eindeutig zur Meinungspresse. Nur so konnte sie zu einer Provinzzeitung werden, die sich über die Orts- und Kreisebene erhob und für den Raum Westfalen - und darüber hinaus - Bedeutung und Wirkung erlangen konnte. Von den Anfängen als demokratisches Gesinnungsblatt hat sie sich zum politischen Handelsblatt mit liberaler Haltung entwickelt. Sie spiegelte nicht nur die öffentliche Meinung wieder, sondern war selber Meinungsmacher. Dies konnte sie nur erreichen, nachdem die Zensur der Presse überwunden war und Nachrichten und Informationen frei in den Zeitungen zirkulieren konnten. So hatte sie Anteil daran, dass politische Partizipation und damit die Demokratisierung der Gesellschaft verwirklicht werden konnte.

Die Rolle der Medien hat sich in der Gegenwart nicht wesentlich verändert. Sie sollen das Informationsbedürfnis der Gesellschaft stillen, aber auch der Gesellschaft die Politik in verständlicher Weise näher bringen und die öffentliche Meinung deutlich aufzeigen. Neben dieser passiven Aufgabe sollen sie aktiv am Meinungsbildungsprozess mitwirken und als Diskussionsplattform der verschiedenen Interessengruppen dienen; ferner müssen die Medien die Politik kontrollieren. Wie die Revolution von 1848 die Verbreitung von Informationen in den Zeitungen möglich gemacht hat, ist heute in der globalisierten Gesellschaft die Möglichkeit des freien Zugangs zu den Informationen des Internets von ähnlicher Bedeutung wie die damals errungene Pressefreiheit.
 
 
Ressourcen
Weitere Ressourcen zum Thema im
Internet-Portal
Pressegesetze
Externe Ressourcen

Literatur
  • Behrbalk, Erhard: Die "Westfälische Zeitung". Ein Beitrag zur Geschichte der westfälischen Tagespresse im 19. Jahrhundert (1848-1883), in: Beiträge zur Geschichte Dortmunds und der Grafschaft Mark 54 (1958), S. 1-161.
  • Blanke, Horst Walter (Hg.): "Jede Umwälzung trägt den Charakter ihrer Zeit": Ostwestfalen-Lippe 1848/49. Bielefeld 1999.
  • Dröge, Martin: "Deutschland frei und groß durch und für sich selbst." Die nationalistische Seite der "Westfälischen Zeitung" im Revolutionsjahr 1848, in: Paderborner Historische Mitteilungen 18 (2005), S. 148-169.
  • Hanson, Thorsten: Vom Westphälischen Dampfboot zum Volksfreund. Zwei ostwestfälische Zeitungen als Beispiel für Funktionalität von Medien im Kontext der Revolution von 1848/49, in: Westfälische Forschungen 49 (1999), S. 191-224.
  • Hüser, Karl: Franz von Löher (1818-1892). Paderborn 1973.
  • Hüttermann, Wilhelm: Parteipolitisches Leben in Westfalen. Vom Beginn der Märzbewegung im Jahre 1848 bis zum Einsetzen der Reaktion im Jahre 1849. Münster 1919.
  • Koszyk, Kurt: Das Pressewesen in Westfalen 1848/49, in: Reininghaus, Wilfried (Hg.): Für Freiheit und Recht. Westfalen und Lippe in der Revolution 1848/49. Münster 1999, S. 99-106.
  • Reininghaus, Wilfried (Hg): Die Revolution 1848/49 in Westfalen und Lippe. Münster 1999.
  • Schneider, Franz: Presse, Pressefreiheit, Zensur, in: Brunner, Otto / Conze, Werner / Koselleck, Reinhart (Hg.): Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 4. 2. Aufl. Stuttgart 1997, S. 899-926.
  • Schulte, Wilhelm: Volk und Staat. Münster 1954.
  • Siemann, Wolfram: Die deutsche Revolution von 1848/49. Frankfurt am Main 1985.
  • Vogelsang, Reinhard / Westheider, Rolf (Hg): Eine Region im Aufbruch. Die Revolution von 1848/49 in Ostwestfalen-Lippe. Bielefeld 1998
  • Walter, Bernd: Die Revolution von 1848/1849. Perspektiven und Beiträge der regionalgeschichtlichen Forschung, in: Westfälische Forschungen 49 (1999), S. 1-19.
  • Walter, Bernd (Bearb.): Westfälische Forschung 49 (1999) Themenschwerpunkt: Die Revolution von 1848/49 in Westfalen, Münster 2000, S. 1-420.
 
 
 
Der Autor | Martin Dröge, M. A., Historiker, wissenschaftlicher Volontär am LWL-Institut für Regionalgeschichte in Münster (2007-2009), martin.droege@lwl.org