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Entourage des Gauleiters Wagner beim Kreistag der NSDAP in Bochum, 1937 (Ausschnitt) / Bochum, Stadtarchiv, Fotosammlung, F II I







Zeitleiste
Ereignisse 1914 bis heute

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1914


1914

 

 Eröffnung des Datteln-Hamm-Kanals
Eröffnung des Datteln-Hamm-Kanals, dem östlichen Teilstück des Lippe-Seiten-Kanals.
 
 

Juli 14

 Eröffnung des Rhein-Herne-Kanals
Der Rhein-Herne-Kanal verbindet den Dortmund-Ems-Kanal mit dem Rhein und weiter mit den Seehäfen Belgiens und der Niederlande. Der Kanal dient jedoch nicht allein dem Kohletransport, sondern darüber hinaus auch der Versorgung der Industrie mit Kühl- und Brauchwasser.
 
 

August 1

 Ausbruch des Ersten Weltkrieges
Die Anordnung der Mobilmachung des Heeres, der Kriegsmarine und beider Landwehren für den kommenden 02.08.1914 durch Kaiser Wilhelm II. löst in Westfalen eine Welle patriotischer Begeisterung aus, die sich in spontanen Kundgebungen, einem ungeahnten Andrang Freiwilliger zum Kriegsdienst und besonderem Engagement bei der Unterstützung der staatlichen Maßnahmen äußert. Auch unter den Bergleuten des Ruhrgebiets herrscht nach Einschätzung des Oberbergamtes Dortmund eine außerordentlich begeisterte Stimmung, die bis Ende 1915 anhält.
Neben der allgemeinen Euphorie lassen sich aber auch Zeichen der Verunsicherung über die Zukunftsperspektiven feststellen, die in Hamsterkäufen, panikartiger Spionenfurcht, Vertrauensverlust in die Stabilität der Währung usw. ihren Ausdruck findet.
Da die militärischen Maßnahmen Vorrang besitzen, kommt es hauptsächlich aufgrund von Transportschwierigkeiten, aber auch durch spekulatives Zurückhalten von Waren, zu Engpässen bei der Versorgung der Zivilbevölkerung. Die Einberufungen zum Kriegsdienst rufen ungeachtet ihrer wichtigen kriegswirtschaftlichen Funktion einen beträchtlichen Arbeitskräftemangel sowohl im Ruhrbergbau, als auch in der Stahlindustrie hervor, der erst allmählich ausgeglichen werden kann, indem auf Frauen, ausländische Arbeiter, vornehmlich aus Belgien und den Niederlanden, Kriegsgefangene und Arbeiter aus weniger kriegswichtigen Branchen zurückgegriffen wird.
Der Arbeitskräftemangel in der Landwirtschaft kann hingegen trotz des Einsatzes von Kriegsgefangenen für die Dauer des Krieges nicht gelöst werden. Die Ernte im Spätsommer 1914 kann nur durch den Einsatz von Schülern, Studenten und Soldaten der immobilen Truppenteile und der Ersatzformationen des VII. Armeekorps eingebracht werden.
 
 

1915

Februar 15

 Eröffnung des westlichen Teilstücks des Mittellandkanals
Das westliche Teilstück des Mittellandkanals (Ems-Weser-Kanal), das den Dortmund-Ems-Kanal bei Bevergern mit Minden verbindet, wird dem Verkehr übergeben; ein Zweigkanal bindet Osnabrück an das Kanalnetz an.
 
 

1916

August

 Proteststreiks gegen Lebensmittelknappheit
Aus Protest gegen die zunehmend schlechtere Lebensmittelversorgung kommt es ab Mitte August 1916 zu einer Reihe spontaner Bergarbeiterstreiks in den Regierungsbezirken Arnsberg und Münster. Teilweise ist auch die Lohnsituation die Ursache für die Unzufriedenheit, weil die wenigen noch frei käuflichen Lebensmittel zu Preisen angeboten werden, welche die finanziellen Möglichkeiten der Industriearbeiter weit übersteigen. Die Zechenverwaltungen waren bereits dazu übergegangen, zusätzliche Lebensmittel für ihre Belegschaften einzukaufen und diese zum Teil unter Einkaufspreis abzugeben.
Auch in anderen Teilen Westfalens kommt es im Laufe des Jahres zu Lebensmittelunruhen, so beispielsweise am 10.05.1916 zum ersten so genannten "Fettkrawall" in Bielefeld.
 
 

Dezember

 "Steckrübenwinter"
Im strengen Winter 1916/17 nimmt die allgemeine Nahrungsmittelknappheit dramatische Formen an. Nicht nur die Brotrationen müssen herabgesetzt werden, vor allem ist auch die Versorgung mit dem Grundnahrungsmittel Kartoffel vollkommen unzureichend, die Rationierung wird auf 3 Pfund pro Kopf und Woche herabgesetzt. In ganz Westfalen wird die Steckrübe zum Hauptnahrungsmittel, das in vielerlei Zubereitungsformen einen Großteil der üblichen Lebensmittel ersetzen oder strecken muss. In allen Teilen Westfalens richten die Kommunen so genannte "Massenspeisungen" ein, die für einen erheblichen Teil der Bevölkerung die einzige Mahlzeit am Tag sicherstellen. Verzweifelte Frauen versuchen sich mit Brotdiebstählen zu helfen und selbst Soldaten sehen sich gezwungen, Lebensmittel zu erbetteln oder zu stehlen.
Die Ernährungsnot löst im rheinisch-westfälischen Industriegebiet eine Streikwelle aus, die bis Juli 1917 andauert und die teilweise von Straßendemonstrationen, Krawallen und Plünderungen begleitet wird. Allerdings tragen die Protestaktionen keinen politischen Charakter. So fordern Sprecher auf einer Belegschaftsversammlung der Gewerkschaft "Auguste Victoria" in Marl höhere Löhne und eine bessere Versorgung mit Lebensmitteln, betonen jedoch: "Wir wollen keinen Streik, wir haben Hunger".
 
 

1918

Januar 30

 "Januarstreiks"
Unter dem Eindruck politischer Massenstreiks in Österreich-Ungarn Mitte Januar 1918 rufen die Spartakusgruppe und Teile der USPD unter der Losung "Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung!" für den 28.01.1918 ebenfalls zum politischen Massenstreik auf. Der Aufruf stößt vor allem in Berlin, aber auch in anderen Städten auf zum Teil große Resonanz. Insgesamt beteiligen sich in ganz Deutschland mehr als eine Million Arbeiter an Streikaktionen.
Trotz einer relativ lebhaften Agitation findet der Streikaufruf im rheinisch-westfälischen Industriegebiet allerdings nur recht geringen Widerhall. In den letzten Januar- und ersten Februartagen 1918 streiken die Belegschaften von 31 Steinkohlenzechen zwischen Hagen und Bockum-Hövel. Der Höchststand an Streikenden wird - ähnlich der Entwicklung des Streiks in Berlin - am 30.01.1918 erreicht, als sich etwa 13.000 Bergarbeiter in allen drei Schichten im Ausstand befinden. In den ersten Februartagen bricht der Streik unter dem Druck der Gegenmaßnahmen der Militärbehörden rasch zusammen, ohne dass die Streikaktionen im Ruhrgebiet jene Militanz angenommen hätten wie in Berlin, wo es zu regelrechten Straßenkämpfen kommt.
 
 

November 8

 Bildung eines Arbeiter- und Soldatenrates in Haltern
In Haltern meutert eine Maschinengewehr-Ersatz-Kompanie und bildet einen Arbeiter- und Soldatenrat, der die Gewalt in der Stadt übernimmt. Dies ist der erste Erfolg der Revolution in Westfalen.
 
 

November 12

 Thronverzicht Fürst Leopolds IV.
Fürst Leopold IV. entsagt dem Thron für sich und das Haus Lippe-Biesterfeld. Damit ist auch in Lippe der Umsturz vollzogen, ohne dass es zu größeren revolutionären Unruhen gekommen war.
 
 

November 8

 Novemberrevolution
Auslöser der revolutionären Ereignisse in Deutschland sind spontane Dienstverweigerungen von Matrosen der deutschen Hochseeflotte am 29.10.1918, weil diese sich nicht in einem sinnlosen und ohne Kenntnis der Reichsregierung geplanten Angriff auf die britische Flotte unmittelbar vor Kriegsende opfern lassen wollen. Nach der Verhaftung zahlreicher Matrosen demonstrieren deren Kameraden in Wilhelmshaven und Kiel für ihre Freilassung. Diese Protestbewegung schlägt nach einem Zusammenstoß von Demonstranten und bewaffnetem Militär in Kiel in eine militante politische Umsturzbewegung um, der sich die örtliche Industriearbeiterschaft anschließt. Im Laufe des 06.11.1918 ändert sich die Lage grundlegend, als die Rebellion auf zahlreiche norddeutsche Militärstandorte übergreift.
Für die Entwicklung in ganz Westdeutschland ist entscheidend, dass sich die etwa 45.000 Mann starke Garnisonsbesatzung von Köln am 07.11.1918 größtenteils den Aufständischen anschließt. Von Köln verbreitet sich die Aufstandsbewegung sternförmig in die rheinischen und westfälischen Garnisonen.
Die Meuterei einer Ersatzeinheit einer Maschinengewehr-Kompanie im relativ abseits gelegenen Haltern am 08.11.1918 ist wohl das erste revolutionäre Ereignis in Westfalen. Das Stellvertretende Generalkommando des VII. Armeekorps in Münster als oberste militärische Kommandobehörde versucht in Verhandlungen mit Vertretern der Münsteraner Mehrheitssozialdemokraten, die revolutionäre Bewegung zu kanalisieren und einem Abgleiten in radikales Fahrwasser gegenzusteuern. Tatsächlich vollzieht sich der Übergang der Macht auf Arbeiter- und Soldatenräte am 08.11. und 09.11.1918 weitgehend undramatisch, gelegentlich sogar fast unbemerkt (etwa in Soest). Die Aufständischen beschränken sich in aller Regel darauf, Militärarrestanten und politische Häftlinge aus den Gefängnissen zu befreien. Ansonsten arbeiten die entstehenden Räteorganisationen gemeinsam mit den Kommunalverwaltungen an der Bewältigung der dringendsten Aufgaben wie der Sicherstellung der Lebensmittelversorgung und der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit.
Der Übergang zu revolutionär-demokratischen Verhältnissen im rheinisch-westfälischen Raum mit seiner starken Industriearbeiterschaft, seinem großen Industriepotential und seiner strategisch wichtigen Lage zwischen Front und Heimat trägt wesentlich zur Durchsetzung der neuen Ordnung bei.
 
 

November 13

 Errichtung des Generalsoldatenrates in Münster
Eine Versammlung der Soldatenräte im Bezirk des VII. Armeekorps beschließt die Gründung eines Generalsoldatenrates in Münster als zentraler Institution. In jedem der 23 Landwehrbezirke des Korps werden Bezirkssoldatenräte errichtet, denen die Soldatenräte einzelner Einheiten nachgeordnet sind.
Nach Rückkehr der aktiven Truppenteile des VII. Armeekorps kommt es Ende November, Anfang Dezember vielerorts zu Zusammenstößen wie dem Herunterreißen roter Fahnen, der Verhaftung von Arbeiter- und Soldatenräten und vereinzelt sogar zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den ehemaligen Fronttruppen und Sicherheitsdiensten der lokalen Räteorganisationen.
 
 

Dezember 7

 Beginn des Aufbaus von Freikorps
Das Generalkommando in Münster beginnt insgeheim mit der Aufstellung von Freiwilligen-Verbänden aus Einheiten des ehemaligen Westheeres, um ein "zuverlässiges", also der Kontrolle durch Soldatenräte entzogenes Instrument im Kampf gegen den Linksradikalismus in der Hand zu haben.
Im Laufe des Dezember entstehen die "Freiwilligen-Abteilung der 2. Garde-Reserve-Division" bei Hagen und Witten; das "Freiwillige Landesjägerkorps" unter Generalmajor Maercker im Raum Paderborn; das "Freikorps Heuck" bei Lippstadt; das "Freikorps von Aulock" im Raum Ahlen-Beckum-Oelde und das "Freikorps Lichtschlag" in Hagen.
Der von der Regierung der Volksbeauftragten nach Austritt der USPD-Mitglieder unterzeichnete Aufruf "Freiwillige vor!" vom 07.01.1919 gibt dem Aufbau von Freikorps ein legales Fundament. Vorgeblich sollen Soldaten für den Schutz der östlichen Landesteile geworben werden, tatsächlich wird aber die Schaffung einer "Exekutivtruppe" forciert.
Unmittelbar nach der Legalisierung der Freiwilligen-Werbung werden im westfälischen Raum unter anderem das "Westfälische Freiwilligen-Bataillon" unter Hauptmann Franz von Pfeffer und das "Freikorps von Bock" in Münster sowie das "Freikorps Gabcke" im Sennelager aufgestellt. Ferner gründen Studenten der Universität Münster die "Akademische Volkswehr" als "studentischen Wehrverband".
Alle Freikorps werden hauptsächlich gegen streikende Arbeiter und zur Niederschlagung von Unruhen und Aufständen eingesetzt, wo sie sich durch rücksichtsloses und brutales Vorgehen auszeichnen (so wird das "Freikorps Lichtschlag" als "Freikorps Totschlag" berüchtigt). In der Hand ihrer die demokratische Staatsform meist kompromisslos ablehnenden Führer bilden die Freikorps zudem das militärische Rückgrat für konterrevolutionäre Bestrebungen.
 
 

1919

Januar 19

 Wahl zur Verfassunggebenden Deutschen Nationalversammlung
Bei der Wahl zur Verfassunggebenden Deutschen Nationalversammlung sind die bisher von Wahlen ausgeschlossenen Frauen und aktiven Soldaten wahlberechtigt. Ferner ist das Wahlalter vom 25. auf das vollendete 20. Lebensjahr herabgesetzt.Die erste wirklich demokratische Wahl in Deutschland bringt in den beiden Wahlkreisen Westfalen-Nord und -Süd bei einer überdurchschnittlich hohen Wahlbeteiligung jenen drei Parteien einen deutlichen Erfolg, die im 1917 gebildeten Interfraktionellen Ausschuss ständig mitgearbeitet hatten: dem als "Christliche Volkspartei" angetretenen Zentrum, der SPD und der DDP.
Der Wahlkreis Westfalen-Nord umfasst die Regierungsbezirke Münster und Minden, den Kreis Grafschaft Schaumburg sowie die Freistaaten Lippe und Schaumburg. Dort wird das Zentrum mit 42,1 Prozent der Stimmen deutlich vor der SPD mit 30,6 Prozent und der DDP mit 9,8 Prozent zur stärksten Partei. Die beiden konservativen Parteien DNVP und DVP kommen nur auf 8,7 beziehungsweise 6,6 Prozent der Stimmen. Die USPD bleibt mit 2,1 Prozent bedeutungslos. Zusammengenommen stimmen 82,5 Prozent der Wählerinnen und Wähler für die drei Parteien der späteren "schwarz-rot-goldenen Koalition" (Zentrum, SPD, DDP).
Der Wahlkreis Westfalen-Süd besteht aus dem Regierungsbezirk Arnsberg. Hier liegt die SPD mit 41,3 Prozent der Stimmen klar vor dem Zentrum, das 28,3 Prozent der Stimmen erhält. Die DNVP wird hier dank des Verzichts der DVP mit 15,3 Prozent der Stimmen drittstärkste Kraft vor der DDP mit 10,0 Prozent. Die USPD verfügt mit nur 5,1 Prozent der Stimmen nur über wenig Rückhalt. Auch hier stimmen zusammengenommen vier Fünftel aller Wählerinnen und Wähler (79,6 Prozent) für die drei Parteien Zentrum, SPD, DDP.
 
 

Februar 11

 Faktisches Ende der Rätebewegung in Westfalen
Der kommandierende General Oskar Freiherr von Watter veranlasst mit Rückendeckung des designierten sozialdemokratischen Reichswehrministers Gustav Noske die Auflösung des Generalsoldatenrates in Münster und die Verhaftung der meisten seiner Mitglieder wegen "Aufwiegelung" und "Hochverrats".
Hintergrund der Aktion ist der Konflikt um die Neugestaltung der inneren Verhältnisse des Friedensheeres: Während ein Entwurf des preußischen Kriegsministers Reinhardt vom 19.01.1919 vorsieht, das Militär demokratischer Kontrolle weitestgehend zu entziehen, fordern die Räteorganisationen eine umfassende Demokratisierung und die Schaffung eines "Volksheeres". Der Münsteraner Generalsoldatenrat unterstützt diese Forderungen, ist aber ungeachtet verbaler Radikalität zu Verhandlungen bereit. Der Versuch, eine eigene Sicherheitswehr in Münster aufzubauen, liefert dem Militär allerdings den gesuchten Vorwand zum Eingreifen.
Mit diesem Schlag wird der Rätebewegung in Westfalen faktisch ein Ende gesetzt. Auf der örtlichen Ebene bestehen Arbeiterräte noch einige Zeit fort, auf die weitere Entwicklung können sie keinen Einfluss mehr nehmen.
 
 

1920

März 13

 Kapp-Lüttwitz-Putsch
Der konterrevolutionäre Kapp-Lüttwitz-Putsch in Berlin löst im rheinisch-westfälischen Industriegebiet spontane Arbeitsniederlegungen, Demonstrationen und Massenversammlungen aus. Der Versuch des Wehrkreiskommandeurs General von Watter, "Ruhe und Ordnung" mit Hilfe von Freikorps aufrechtzuerhalten, die sich teilweise offen auf die Seite der Putschisten stellen, führt zur Bildung von bewaffneten Arbeitereinheiten, die von ihren Gegnern als "Rote Ruhrarmee" bezeichnet werden.
Die anfängliche Abwehrbewegung gegen den Kapp-Lüttwitz-Putsch wächst sich zum allgemeinen Aufstand aus, durch den die Regierung unter anderem zur Auflösung der "konterrevolutionären" Militäreinheiten und zu weitgehenden Mitbestimmungsrechten für die Gewerkschaften gezwungen werden soll. Die Aufständischen bringen innerhalb weniger Tage das gesamte Ruhrgebiet unter ihre Kontrolle, belagern die Festung Wesel und stoßen über die Lippe in das Münsterland vor. Erst ein massives Aufgebot von Reichswehreinheiten und Freikorps kann den Aufstand bis zum 08.04.1920 mit brutaler Gewalt niederschlagen.
Die den Aufständischen angelasteten Verbrechen entpuppen sich bei genauerer Prüfung häufig als Gräuelpropaganda ihrer Gegner. Der angebliche "rote Terror" dient aber zur Rechtfertigung der vielen willkürlichen Erschießungen durch Regierungssoldaten und der zahlreichen von Standgerichten verhängten Todesurteile gegen tatsächliche oder vermeintliche Angehörige der "Roten Ruhrarmee".
 
 

April 1

 "Schlacht von Pelkum"
Die Brigade Epp führt bei Hamm-Pelkum einen Umfassungsangriff auf in jeder Hinsicht weit unterlegenen Einheiten der "Roten Ruhrarmee" durch. In der so genannten "Schlacht von Pelkum" wird eine hohe Zahl von Arbeitern und Arbeitersamariterinnen im Kampf getötet, verwundet ermordet oder standrechtlich erschossen. Polizeilich werden 79 Tote erfasst, Schätzungen belaufen sich aber auf 150 bis 300 Tote. Die Reichswehr verzeichnet nur geringe eigene Verluste.
 
 

April 26

 Entlassung von General Oskar Freiherr von Watter
Der Befehlshaber im Wehrkreis VI, General Oskar Freiherr von Watter, wird aus der Reichswehr entlassen. Seine Entlassung erfolgt aber weder aufgrund seiner unklaren Haltung während des Kapp-Lüttwitz-Putsches, noch wegen des von ihm zu verantwortenden "weißen" Terrors von Reichswehr und Freikorps im Ruhrgebiet. Vielmehr verlor er durch sein hartnäckiges Beharren auf dauerhafter Besetzung des Ruhrgebiets die Rückendeckung der Reichswehrführung. Dies hätte zu ernsthaften Schwierigkeiten mit den Alliierten geführt, weil der größte Teil des Ruhrgebiets zur linksrheinisch entmilitarisierten 50-Kilometer-Zone gehörte.
 
 

Mai 1

 Erste NSDAP-Ortsgruppe in Westfalen
Der Postsekretär Wilhelm Ohnesorge gründet in Dortmund eine der ersten Ortsgruppen der NSDAP außerhalb Bayerns. Über die Anfänge der Gruppe ist kaum etwas bekannt; nach dem Stand vom 01.05.1920 zählt sie 23 Mitglieder. - Der "alte Kämpfer" Ohnesorge bekleidet in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft vom 02.02.1937 bis zum 30.04.1945 das Amt des Reichspostministers.
 
 

Mai 2

 Mord an Graf Otto von Westerholt
Der Besitzer von Schloss Sythen bei Haltern, Graf Otto von Westerholt, wird in den Waldungen seines Besitzes erschossen aufgefunden. Der Mord erregt großes Aufsehen, da ein Racheakt von Sympathisanten der "Roten Ruhrarmee" unterstellt wird. Schloss Sythen war während der Kämpfe im März/April 1920 angeblich von der "Roten Ruhrarmee" stark verwüstet worden, was Gegenstand massenwirksamer Gräuelpropaganda wurde.
Erst im August 1925 wird durch Zufall der Täter entdeckt. Ein Druckereiangestellter aus Oldenburg, zur Tatzeit Reichswehrsoldat, war von dem Grafen für einen Wilderer gehalten worden. Als er ihn abführen wollte, erschoss ihn der Soldat. Der Mörder wird am 11.12.1925 vom Schwurgericht Münster zum Tode verurteilt; die Revision wird am 25.03.1926 vom Reichsgericht verworfen.
 
 

Juni 6

 Erste Reichstagswahl in der Weimarer Republik
Bei der ersten Reichstagswahl in der Weimarer Republik wird das Zentrum in den Regierungsbezirken Münster (58,1 Prozent) und Arnsberg (28,0 Prozent) stärkste Partei und erzielt zugleich das jeweils beste Ergebnis bei einer Reichstagswahl in der Zeit der Weimarer Republik. Im Regierungsbezirk Minden erzielt das Zentrum ebenfalls das beste Ergebnis während der Weimarer Republik (27,6 Prozent), wird aber nach der SPD (28,9 Prozent) nur zweitstärkste Partei. Im Freistaat Lippe ist die SPD (32,0 Prozent) klarer Wahlsieger vor den konservativen Parteien DNVP (24,4 Prozent) und DVP (20,4 Prozent).
 
 

1923

Januar 11

 Besetzung des Ruhrgebiets
Frankreich nimmt geringfügige Rückstände bei den deutschen Reparationsleistungen zum Anlass, das Ruhrgebiet militärisch zu besetzen, um es als "produktives Pfand" zu sichern. Das bis zum 16.01.1923 besetzte Gebiet erstreckt sich ungefähr bis zur Lippe im Norden, bis Lünen, Dortmund und Hörde im Osten und bis zu den Höhen zwischen Ruhr und Wupper im Süden. Die deutsche Regierung beantwortet die Ruhrbesetzung mit passivem Widerstand, um eine Nutzung des "produktiven Pfands" durch die Besatzungsmächte unmöglich zu machen und diese zu einer Verhandlungslösung zu zwingen. Es ergeht eine dichte Folge von Anordnungen, mit denen jede Form der Zusammenarbeit mit den Besatzungsbehörden untersagt wird. Darüber hinaus sollen die Angehörigen der Besatzungsarmee auch im Alltagsleben vollständig isoliert werden. Die Umsetzung des Konzepts eines umfassenden Widerstands gelingt jedoch nur unvollkommen, da die Gegenmaßnahmen der Besatzung Wirkung zeigen. Vor allem die Abriegelung des besetzten Gebiets durch die Besatzungsmächte hat dramatische Folgen für die Versorgung der Bevölkerung, so dass es wiederholt zu Hungerrevolten kommt, bei denen es sich keineswegs - wie häufig unterstellt - um kommunistische Umsturzversuche handelt.
Die immensen Kosten, die unter anderem die Lohnfortzahlung für streikende oder infolge der Ruhrbesetzung arbeitslos gewordene Arbeiter durch den Staat verursacht, können nur durch eine gewaltige Erhöhung des Papiergeldumlaufs finanziert werden, wodurch die Hyperinflation ausgelöst wird. Ab Februar wird der passive Widerstand durch einen "aktiven" Widerstand mittels Sabotageakten flankiert. Nationalistische Kräfte unter den Aktivisten des Ruhrkampfes steuern aber bewusst auf einen bewaffneten Konflikt mit den Besatzungstruppen zu, so dass diese Form des Widerstandes zur Jahresmitte wieder aufgegeben werden muss. Die Spirale von Gewalt und Gegengewalt fordert zahlreiche Todesopfer unter der Bevölkerung des Ruhrgebiets und unter den Besatzungstruppen.
 
 

Juni 20

 Erste NSDAP-Ortsgruppe in Lippe gegründet
Studenten der Ingenieurschule in Lage gründen die erste Ortsgruppe der NSDAP im Freistaat Lippe.
 
 

1923

Juni 21

 Erschießung des Ruhrkampf-Aktivisten Ludwig Knickmann
Der Ruhrkampf-Aktivist Ludwig Knickmann aus Buer wird bei dem Versuch, die Grenze des besetzten Gebietes bei Marl-Sickingmühle illegal zu überschreiten, von belgischen Soldaten gestellt und im Laufe eines Schusswechsels schwer verletzt. Knickmann ertrinkt auf der Flucht in der Lippe.
Da Knickmann seit 1922 Mitglied der NSDAP war, eröffnet sich den Nationalsozialisten die Möglichkeit, seinen "Opfertod" propagandistisch zu verwerten. Nach 1933 wird Knickmann zum Mittelpunkt eines regionalen nationalsozialistischen Totenkultes. Nach ihm werden Straßen, Parteigebäude der NSDAP und eine Gelsenkirchener SA-Standarte benannt; ihm zu Ehren wird an der Lippe ein Gedenkstein gesetzt und an der Stelle des Feuergefechts ein Denkmal errichtet, auf der Zeche "Hugo I", wo Knickmann bis zu seinem Tode arbeitete, wird eine Gedenktafel angebracht. Bis zum Ende des Nationalsozialismus werden alljährlich an seinem Todestag Gedenkfeiern an seinem Grab auf dem Ehrenfriedhof in Buer und am "Ludwig-Knickmann-Denkmal" in Sickingmühle abgehalten.
 
 

Juni 24

 Sprengung des "Volkswillen" in Münster
Radikale Aktivisten des Ruhrkampfes sprengen in Münster das Druckereigebäude der sozialdemokratischen Tageszeitung "Volkswille" in die Luft. Der in ganz Deutschland Aufsehen erregende Anschlag erfolgt aus Enttäuschung darüber, dass der passive Widerstand im Ruhrgebiet nicht in einen neuen Krieg mündet, sondern im Gegenteil der "aktive" Widerstand mittels Sabotageakten immer mehr eingedämmt wird.
Das Datum des Anschlags, der erste Jahrestag der Ermordung von Reichsaußenminister Walther Rathenau durch rechtsradikale Attentäter, symbolisiert zugleich die Kampfansage der radikalen Nationalisten an die Weimarer Republik. Anläßlich des Jahrestages hatte das Münsteraner Ortskartell der Freien Gewerkschaften zu einer Protestkundgebung gegen rechtsradikale Umtriebe aufgerufen, was dem Hass auf die "Zeitung der Novemberverbrecher" zusätzliche Nahrung gibt.
Im März 1925 werden zwei der Attentäter, Ruhrflüchtlinge aus Essen, die zum Zeitpunkt der Tat 22 Jahre alt waren und unter anderem der Münsteraner Ortsgruppe der NSDAP angehört hatten, zur Mindeststrafe von fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Sie werden nur als ausführende Organe und nicht als intellektuelle Urheber des Anschlags angesehen. Die lange Zeit in Münster kursierenden Gerüchte, wonach der ehemaliger Freikorpsführer und spätere Oberste SA-Führer Hauptmann a.D. Franz von Pfeffer den Anschlag initiiert hätte, dürften zutreffend gewesen sein, denn von Pfeffer leitet 1923 in staatlichem Auftrag von Münster aus Aktionen des "aktiven" Widerstands im Ruhrgebiet. Führer des Sprengkommandos ist wahrscheinlich der in Münster ansässige Geheimagent Heinz Kölpin gewesen, der ebenfalls in staatlichem Auftrag im Ruhrkampf aktiv ist. Über beide hält vermutlich die Reichswehr ihre schützende Hand, so dass sie keiner Strafverfolgung ausgesetzt sind.
 
 

September 26

 Abbruch des Ruhrkampfes
Der Ruhrkampf wird von der deutschen Regierung abgebrochen, die damit die politischen Konsequenzen aus der völligen Zerrüttung der deutschen Währung zieht. Ohnehin war der passive Widerstand in vielen Bereichen bereits stillschweigend aufgegeben worden, weil die Leidensfähigkeit der Bevölkerung an ihre Grenzen stieß.
 
 

1924

August 11

 Besuch von Reichspräsident Ebert in Münster
Der sozialdemokratische Reichspräsident Friedrich Ebert besucht zum Verfassungstag die Provinzialhauptstadt Münster. Um den Besuch entbrennen heftige Kontroversen in der Stadtverordnetenversammlung, welche die Distanz von Teilen des Bürgertums zur Republik, ihren Symbolen und ihren Repräsentanten offenbaren. Die Spitzen der Landwirtschafts- und der Handelskammer lehnen eine Teilnahme an der offiziellen Begrüßung ab, und das Wehrkreiskommando VI weigert sich, eine Ehrenkompanie zu stellen. Entsprechend kühl fällt der Empfang des häufig als "ehemaliger Sattlergeselle" verspotteten Reichspräsidenten in Münster aus.
 
 

September 14

 "Deutscher Tag" der Rechtsradikalen in Münster
Paramilitärische Wehrverbände, Völkische und Nationalsozialisten veranstalten in Münster einen so genannten "Deutschen Tag". Außer dem Weltkriegsgeneral und "Reichsführer" der Nationalsozialistischen Freiheitsbewegung Erich Ludendorff kommen auch andere prominente rechtsradikale Führer wie Ernst Röhm, Gregor Strasser, Albrecht von Graefe und Reinhold Wulle nach Münster. Mit mehr als 2.000 Teilnehmern ist der "Deutsche Tag" die erste große Heerschau der Rechtsradikalen in Westfalen in ihrer Frühzeit.
 
 

Oktober 10

 Westdeutsche Funkstunde nimmt regelmäßigen Sendebetrieb auf
Die ersten deutschen Rundfunksendungen in Deutschland werden im Herbst 1923 in Berlin ausgestrahlt. Innerhalb weniger Monate folgen Rundfunksendeanstalten in fast allen wichtigen Regionen Deutschlands. Als eine der letzten Sendegesellschaften wird die "Westdeutsche Funkstunde AG" (WEFAG) in Münster gegründet. Der Standort Münster ist allerdings mehr eine Verlegenheitslösung, da die Pläne für die Errichtung eines Senders im Ruhrgebiet oder im Rheinland wegen der Ruhrbesetzung zunächst verschoben werden müssen. Um in das besetzte Gebiet hineinwirken zu können, werden neben dem Münsteraner Sender noch zwei weitere Sender an der Grenze zu den besetzten Gebieten errichtet: Die Sender Dortmund und Elberfeld nehmen am 18.09. und 19.09.1925 ihren Betrieb auf.
Mit dem Auftakt zur schrittweisen Rheinlandräumung im Januar 1926 wird der Weg frei für eine Verlegung des Geschäftssitzes der westdeutschen Sendegesellschaft. Unter zahlreichen Bewerbern kann sich die Stadt Köln nicht zuletzt aufgrund der geschickten Verhandlungsführung durch Oberbürgermeister Konrad Adenauer durchsetzen. Anlässlich des Umzugs des Senders nach Köln im Januar 1927 wird der Name in "Westdeutscher Rundfunk AG" (WERAG) geändert, der zum Vorgänger des heutigen WDR wird.
 
 

Oktober 22

 Räumung Dortmunds durch die französische Besatzung
Französische Besatzungstruppen räumen die Stadt Dortmund und die besetzten Teile der Landkreise Dortmund und Hörde. Nur der Bahnhof Lütgendortmund verbleibt noch bis zum 24.11.1924 unter französischer Kontrolle.
 
 

1925

Juli 31

 Ende der Ruhrbesetzung
Die am 15.07.1925i amtlich angekündigte und am 20.07.1925 begonnene Räumung des Ruhrgebiets findet mit der Freigabe der Stadt Essen ihren Abschluss. Das 1921 besetzte Sanktionsgebiet wird bis zum 25.08.1925 geräumt.
 
 

1927

September 4

 66. Deutscher Katholikentag in Dortmund
Bis zum 06.09.1927 findet in Dortmund der 66. Deutsche Katholikentag (damals unter der Bezeichnung: Generalversammlung der Katholiken Deutschlands) statt, der ganz im Zeichen von Diskussionen um Lösungsmöglichkeiten der Sozialen Frage steht. Von der Zahl der Teilnehmer übertrifft der Dortmunder Katholikentag alle bisherigen Versammlungen. Allein an einem von dem päpstlichen Nuntius Eugenio Pacelli, dem späteren Papst Pius XII., zelebrierten Festgottesdienst in der "Kampfbahn Rote Erde" nehmen rund 120.000 Gläubige teil.
 
 

1929

Juni 14

 Erhebung des Bistums Paderborn zum Erzbistum
Im Rahmen des Konkordats zwischen dem Freistaat Preußen und dem Heiligen Stuhl wird das Bistum Paderborn zum Erzbistum erhoben. Zur Paderborner Kirchenprovinz gehören neben dem Erzbistum selbst die Suffraganbistümer Hildesheim (bis 1994) und Fulda.
 
 

1930

September 4

 69. Deutscher Katholikentag in Münster
Bis zum 08.09.1930 findet in Münster der 69. Deutsche Katholikentag (damals unter der Bezeichnung: Generalversammlung der Katholiken Deutschlands) mit über 100.000 Teilnehmern statt. Nach 1852 und 1885 ist Münster zum dritten Mal Gastgeber des Katholikentages. Der Präsident des Zentralkomitees des Deutschen Katholikentages, Fürst Aloys zu Löwenstein, lobt den Münsteraner Kirchentag als "glanzvollste Generalversammlung seit [Trier] 1887".
 
 

September 14

 "Erdrutschwahl" zum Reichstag
Die Reichstagswahl vom September 1930 führt auch in Westfalen zu einer Wählerbewegung hin zur NSDAP. Der Erfolg der NSDAP fällt hier allerdings weitaus geringer aus als im Reichsdurchschnitt, wo sie mit 18,3 Prozent zweitstärkste Partei hinter der SPD wird.
Im Regierungsbezirk Arnsberg wird die NSDAP mit 13,9 Prozent der Stimmen viertstärkste Partei hinter Zentrum, SPD und KPD. Im Regierungsbezirk Minden schneidet sie mit 16,4 Prozent etwas besser ab und wird drittstärkste Partei hinter SPD und Zentrum. Im Regierungsbezirk Münster erhält die NSDAP aber lediglich 7,4 Prozent der Stimmen und wird viertstärkste Partei hinter Zentrum, KPD und SPD.
Dagegen übertrifft die NSDAP im Freistaat Lippe mit 22,4 Prozent der Stimmen ihren Reichsdurchschnitt deutlich und etabliert sich als zweitstärkste Partei hinter der SPD.
 
 

1931

Februar 17

 Verabschiedung einer neuen Verfassung der Lippischen Landeskirche
Auf der zehnten Vollsitzung der außerordentlichen Landessynode wird eine neue Verfassung der Lippischen Landeskirche von beiden evangelischen Teilkonfessionen einstimmig verabschiedet. Die durch die Revolution gewonnene Eigenständigkeit hatte die Ausarbeitung neuer Verfassungen notwendig gemacht, aber erst nach einem Jahrzehnt erbitterter Streitigkeiten kann die evangelische Landeskirche als letzte in Deutschland eine solche Verfassung erarbeiten und verabschieden. Ungeachtet aller späteren Anpassungen ist diese Verfassung in Grundstruktur und Umfang bis heute unverändert geblieben.
 
 

Juni 1

 Eröffnung des Wesel-Datteln-Kanals
Eröffnung des Wesel-Datteln-Kanals, des bereits 1915 begonnenen westlichen Teilstücks des Lippe-Seiten-Kanals. Der mit dem Bau des Dortmund-Ems-Kanals begonnene Aufbau eines Netzes künstlicher Wasserstraßen in Westfalen findet damit seinen Abschluss.
 
 

1932

Juli 31

 Vorgezogene Neuwahl des Reichstags
Bei der vorgezogenen Neuwahl des Reichstags wird die NSDAP in den Regierungsbezirken Arnsberg (27,2 Prozent) und Minden (31,7 Prozent) sowie im Freistaat Lippe (41,1 Prozent) erstmals stärkste Partei. Auch im Regierungsbezirk Münster verzeichnet die NSDAP gegenüber der Wahl von 1930 deutliche Zugewinne (plus 11,2 Prozentpunkte), liegt aber als zweitstärkste Partei (18,6 Prozent) nur knapp vor der KPD (17,6 Prozent) und weit hinter dem Zentrum (44,8 Prozent). Ihren Reichsdurchschnitt von 37,4 Prozent verfehlt die NSDAP in allen drei Regierungsbezirken Westfalens klar.
 
 

1933

Januar 15

 Landtagswahl im Freistaat Lippe
Die Lippische Landesregierung kündigt die Neuwahl des Landtages am 15.01.1933 an. Die NSDAP misst der Landtagswahl zunächst nur geringe Bedeutung bei. In der ersten Phase ihres Wahlkampfes vom 04.12.1932 bis 17.12.1932 treten daher fast ausschließlich so genannte "Rußlandfahrer" auf, ehemalige Mitglieder der KPD, die nach einem Aufenthalt in der Sowjetunion vom Kommunismus abgefallen und NSDAP-Anhänger geworden waren.
Erst die schwere Krise der NSDAP zum Jahresende 1932 führt ein Umdenken bei der Parteiführung herbei. Dafür sind eine Reihe von Gründen verantwortlich: Die Niederlage bei der Reichstagswahl vom November 1932 war ein deutliches Anzeichen dafür, dass der frustrierte Anhang abzubröckeln begann, weil trotz aller Erfolge eine Regierungsbeteiligung der NSDAP nicht absehbar schien. Der Rücktritt von Gregor Strasser, dem Exponenten des "linken" Flügels der NSDAP, von allen Parteiämtern aufgrund tiefgreifender Meinungsverschiedenheiten am 08.12.1932 stellt die NSDAP vor eine Zerreißprobe. Ferner ist die Partei wegen der mit ungeheurem Propagandaaufwand betriebenen Wahlkämpfe finanziell am Ende. Vor diesem Hintergrund prophezeien zum Jahresende 1932 alle großen deutschen Zeitungen in Leitartikeln der NSDAP ihr nahes Ende.
Die NSDAP benötigt daher um jeden Preis einen neuen Erfolg, um den drohenden Niedergang abzuwenden. Der gesamte Parteiapparat wird deshalb für die zweite Phase des lippischen Landtagswahlkampfes mobilisiert. Ab dem 03.01.1933 tritt praktisch die gesamte Parteiprominenz auf Wahlveranstaltungen auf. Vor allem aber der unermüdliche persönliche Einsatz des Parteiführers Adolf Hitler, der "über die Dörfer" geht und dabei zwischen dem 04.01. und dem 14.01.1933 auf 16 Veranstaltungen spricht, wird von der nationalsozialistischen Historiographie in der Rückschau geradezu ins Mythische überhöht.
Die Landtagswahl im Freistaat Lippe wird im Nachhinein von den Nationalsozialisten als "Durchbruchsschlacht zur Machtübernahme" glorifiziert. Die nach der Wahl von 1929 nicht im Lippischen Landtag vertretene NSDAP gewinnt 39,5 Prozent der Stimmen und wird mit 9 Sitzen stärkste Partei im Landtag (insgesamt 21 Sitze) vor der SPD mit 30,1 Prozent und 7 Sitzen. Gegenüber der Reichstagswahl vom November 1932 gewinnt die NSDAP zwar 4,7 Prozentpunkte hinzu, bleibt jedoch trotz des gigantischen Propagandaaufwands um 1,6 Prozentpunkte unter dem Ergebnis der Reichstagswahl vom Juli 1932. Die NSDAP feiert den für sich genommen unbedeutenden Erfolg bei der lippischen Landtagswahl dennoch als ungeheuren Sieg und Trendwende und kann den politischen Druck auf der Reichsebene wieder verstärken.
 
 

März 5

 Letzte Reichstagswahl unter noch halbwegs demokratischen Bedingungen
Auch in der letzten Reichstagswahl, die nur unter noch halbwegs undemokratischen Bedingungen stattfindet, kann das Zentrum im Regierungsbezirk Münster mit 39,0 Prozent der Stimmen seine dominierende Position gegenüber der NSDAP (28,7 Prozent) behaupten. In den Regierungsbezirken Arnsberg und Minden liegt die NSDAP zwar weit vor den anderen Parteien, verfehlt aber den Reichsdurchschnitt von 43,9 Prozent teilweise deutlich (Arnsberg: 33,8 Prozent; Minden: 40,7 Prozent).
Im Freistaat Lippe erreicht die NSDAP dagegen mit 47,1 Prozent der Stimmen eine überragende Stellung vor der weit abgeschlagenen SPD, die auf 28,0 Prozent der Stimmen kommt.
 
 

Mai 10

 "Aktion wider den undeutschen Geist" in Münster
Als Höhepunkt der im Mai 1933 von der "Deutschen Studentenschaft" organisierten "Aktion wider den undeutschen Geist" finden in nahezu allen deutschen Universitätsstädten Bücherverbrennungen statt. Auch auf dem Hindenburgplatz in Münster werden am 10.05.1933 im Beisein des Rektors, zahlreicher Lehrender und Studenten der Universität sowie vieler Schaulustiger rund 1.000 Bücher sozialistischer, pazifistischer und jüdischer Schriftsteller sowie eine schwarz-rot-goldene Fahne verbrannt. Die Bücher waren seit dem 04.05.1933 aus allen öffentlichen Bibliotheken und Buchhandlungen Münsters zusammengetragen worden.
Vor ihrer Verbrennung wird am 06.05.1933 auf dem Domplatz ein "Schandpfahl" errichtet, an dem diese "zersetzenden jüdischen und marxistischen Schriften" angeprangert werden. Derartige "Schandpfähle" werden außer in Münster nur in Dresden, Erlangen, Königsberg und Rostock aufgestellt.
Für die in der Literatur häufig zu findenden Annahme, dass hinter der "Aktion wider den undeutschen Geist" das neugegründete Reichspropagandaministerium gestanden und diese gesteuert habe, hat sich bislang kein stichhaltiger Beleg finden lassen. Planung und Durchführung der Kampagne liegen allein in Händen der "Deutschen Studentenschaft", des Dachverbandes der deutschen Studierenden.
 
 

August 7

 Ermordung Felix Fechenbachs
Der sozialdemokratische Publizist Felix Fechenbach wird im heutigen Staatsforst Neuenheerse zwischen Kleinenberg und Scherfede ermordet. Fechenbach war seit 1929 Redakteur der SPD-Zeitung "Volksblatt" in Detmold. Am 11.03.1933 wird er vor dem Landtagsgebäude in Detmold verhaftet und in so genannte "Schutzhaft" genommen. Nach mehrmonatiger Haft in Herford verfügt Heinrich Himmler seine Überführung in das KZ Dachau. Von dem Begleitkommando wird Fechenbach "auf der Flucht erschossen".
An der Mordstelle wird am 25.08.1973 ein Gedenkstein vom damaligen nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Heinz Kühn enthüllt.
 
 

September 5

 Ernennung von Clemens August Graf von Galen zum Bischof von Münster
Papst Pius XI. ernennt Clemens August Graf von Galen zum neuen Bischof von Münster. Die feierliche Weihe und Inthronisierung findet am 28.10.1933 im Paulus-Dom zu Münster statt.
 
 

1934

März 26

 Öffentliche Verurteilung der nationalsozialistischen Religions- und Rassenpolitik durch den Bischof von Münster
In seinem Hirtenbrief zum Osterfest verurteilt der Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen, scharf die nationalsozialistische Religions- und Rassenpolitik. Er nennt den Nationalsozialismus nicht mit Namen, sondern spricht durchgängig nur von dem "neuen Heidentum", wodurch er sich explizit gegen die von Alfred Rosenberg in seinem Buch "Der Mythus des 20. Jahrhunderts" vertretenen Ideen wendet:"Ein Wort der Wahrheit und der Klarheit ist umso notwendiger, wenn die Feinde der Religion, wie es jetzt geschieht, nicht nur diese oder jene Lehre der Kirche bekämpfen, sondern die Fundamente der Religion selbst und die heiligsten Geheimnisse der Offenbarung leugnen oder fälschen.
Es greift die Fundamente der Religion und der gesamten Kultur an, wer das moralische Gesetz im Menschen zerstört. Das tun aber jene, die von der Sittlichkeit erklären, sie gelte nur insoweit für ein Volk, als sie die Rasse fördere. Offensichtlich wird dadurch die Rasse über die Sittlichkeit gestellt, das Blut über das Gesetz."
Im Oktober 1934 lässt Bischof Galen außerdem die von katholischen Gelehrten erarbeitete Gegenschrift "Studien zum Mythus des 20. Jahrhunderts" als amtliche Beilage zum "Kirchlichen Amtsblatt für die Diözese Münster" verbreiten, nachdem der Kölner Kardinal Schulte seine Druckzusage nicht eingelöst hatte.
 
 

September 22

 Die SS übernimmt die Wewelsburg
Die Wewelsburg, ein Weserrenaissance-Schloss der Fürstbischöfe von Paderborn, wird feierlich an den Reichsführer-SS Heinrich Himmler übergeben, der sie zum symbolischen Mietpreis von einer Reichsmark jährlich mietet. Die Wewelsburg soll nach der ursprünglichen Planung zur "Reichsführerschule SS" für die ideologische Ausbildung der Führungskader der SS ausgebaut werden. Sie dient aber als Forschungsstätte der SS für pseudowissenschaftliche historische und rassekundliche Untersuchungen. Ab 1939 beginnen Häftlinge aus dem eigens errichteten KZ Niederhagen mit dem Ausbau der Wewelsburg zur repräsentativen und ideologischen Zentrale des SS-Ordens, die Arbeiten müssen jedoch im Frühjahr 1943 kriegsbedingt eingestellt werden. Am 31.03.1945 wird die Wewelsburg auf Befehl Himmlers durch ein SS-Kommando gesprengt.
 
 

1937

Dezember

 Mitglieder der freigewerkschaftlichen Eisenbahner im Rhein-Ruhr-Gebiet vor Gericht
Vom 01.12. bis 03.12.1937 fand in Düsseldorf vor dem 2. Senat des Volksgerichtshofes der Prozess gegen die Hauptakteure einer der größten, bekannten gewerkschaftlichen Widerstandsgruppen während der NS-Zeit statt. Die zur Internationalen Transportarbeiter-Föderation (ITF) gehörenden freigewerkschaftlichen Eisenbahner im Rhein-Ruhr-Gebiet wurden nach monatelangen Verhören wegen ihrer Arbeit gegen das NS-Regime unter dem Vorwurf der Vorbereitung zum Hochverrat angeklagt und zu langjährigen Zuchthausstrafen verurteilt.
Die Zerschlagung der Freien Gewerkschaften durch die neuinstallierte NS-Regierung und durch NS-Organisationen im Frühjahr 1933 verlief an vielen Orten unterschiedlich, häufig gewalttätig, mitunter aber auch in Form einer schrittweisen Übergabe und Übernahme der Gewerkschaften und ihrer Einrichtungen. Der Besetzung der Gewerkschaftshäuser und der Verhaftung der führenden Funktionäre am 02.05.1933 gingen seit Anfang März 1933 oftmals vorübergehende Beschlagnahmungen und Verbote durch SA- und NSBO-Kommissare (Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation), Verhaftungen und Racheakte an einzelnen Personen voraus. Parallel wurde den Freien Gewerkschaften die betriebliche Verankerung genommen durch die Ausschaltung der kurz zuvor im März und April 1933 gewählten Betriebsvertretungen. Die entlassenen Gewerkschafts- und Betriebsfunktionäre wurden, soweit sie nicht ins Ausland flohen, häufig längere Zeit in Gefängnissen und "wilden" Konzentrationslagern inhaftiert, wurden danach überwacht und erhielten vielfach jahrelang keinen Arbeitsplatz in ihrem erlernten Beruf, sondern lebten von Unterstützungen, kleinen Renten oder machten sich selbständig. Etliche Gewerkschaftsfunktionäre nahmen auch Arbeitsstellen als Vertreter an, wodurch es ihnen in der Folgezeit
möglich wurde, ohne aufzufallen viel zu reisen und Kontakte zu Gleichgesinnten aufzubauen. ... weiter...
 
 

1938

November 9

 Reichspogromnacht
Am 07.11.1938 verübt der siebzehnjährige deutsch-polnische Jude Herzel Grynszpan ein Attentat auf den deutschen Legationssekretär Ernst vom Rath in Paris. Grynszpan handelt aus Verzweiflung darüber, dass seine Eltern am 28.10.1938 zusammen mit 15-17.000 weiteren so genannten "Ostjuden" über die deutsch-polnische Grenze abgeschoben worden waren, wo sie von den polnischen Behörden zurückgewiesen werden und unter erbärmlichen Bedingungen im Niemandsland kampieren müssen.
Auf die Nachricht vom Attentat hin beginnen in Kurhessen-Nassau und Magdeburg-Anhalt am 07.11./08.11.1938 schwere Ausschreitungen, in Westfalen bleibt es dagegen ruhig. Am Nachmittag des 09.11.1938 erliegt Ernst vom Rath seinen Verletzungen. Die am Abend in München fast vollzählig zum jährlichen Gedenken an den Hitler-Putsch vom 09.11.1923 versammelte Führung der NSDAP erteilt den kaum verhüllten Befehl, den "Volkszorn" zu mobilisieren. Daraufhin bricht wenige Stunden später eine Terrorwelle über die deutschen Juden herein.
Als das Pogrom am 10.11.1938 offiziell für beendet erklärt wird, sind reichsweit mehrere Hundert Synagogen abgebrannt, mindestens 8.000 jüdische Geschäfte zerstört sowie zahllose Wohnungen verwüstet worden. Zwischen 90 und 100 - möglicherweise aber noch mehr - Juden waren erschlagen, niedergestochen oder zu Tode geprügelt worden. Etwa 26.000 männliche Juden werden verhaftet und in Konzentrationslager gebracht, wo ein Teil ebenfalls ermordet wird.
In Westfalen ist der Ablauf des Pogroms insgesamt von Zufällen und Improvisation geprägt; nur den Verfolgungen und Verwüstungen in Gütersloh scheint eine Systematik zugrunde zu liegen. An einigen Orten werden beispielsweise Synagogen "übersehen", die dann meist im Laufe des 10.11. zerstört werden. In relativ vielen Fällen verhindert eine enge Bebauung die Brandstiftung, was aber keinen Schutz vor völliger Zerstörung bietet. Anders als im süddeutschen Raum, wo noch ungefähr eine Woche lang immer wieder Pogrome ausbrechen, flauen die Ausschreitungen in Westfalen ab, erreichen an einigen Orten jedoch erst in der Nacht vom 10.11. auf den 11.11.1938 ihren Höhepunkt.
Bei der Bevölkerung Westfalens stößt das Pogrom zur Überraschung der NSDAP-Funktionäre überwiegend auf Ablehnung; vor allem die katholische Landbevölkerung verurteilt die Zerstörung der Synagogen, die sie als sakrale Einrichtungen achtet.
Insgesamt werden im damaligen Reichsgebiet schätzungsweise 1.800 bis 2.000 jüdische Gotteshäuser zerstört. Von den etwa 370 bis 380 Synagogen, die es um 1900 auf dem Gebiet des heutigen Landes Nordrhein-Westfalen gab, überstehen etwa 75 die Pogromnacht und die Abrisse während der Kriegsjahre, die auf die Zerstörungen des 09.11./10.11. oder auf Kriegsschäden zurückzuführen sind - zumeist allerdings in stark veränderter, oft durch Nachfolgenutzung entstellter Form.
 
 

1939

September

 Erste Kriegsgefangene treffen im Stalag VI A in Hemer ein
Das Landesarbeitsamt Dortmund und das Wehrkreiskommando VI in Münster kommen überein, ein Kriegsgefangenenlager im Wehrkreis VI einzurichten. Als Standort wird die für Panzertruppen geplante und noch im Bau befindliche Kaserne in Hemer festgelegt. Im September / Oktober treffen die ersten polnischen Kriegsgefangenen in dem noch unfertigen Kriegsgefangenenmannschaftsstammlager (Stalag) VI A ein. 1940 stellen Franzosen mit etwa 25.000 Mann das größte Kontingent. Ab Oktober 1941 kommen dann hauptsächlich sowjetische Kriegsgefangene nach Hemer.
Auf Drängen der "Reichsvereinigung Kohle" wird das Stalag VI A am 04.11.1942 zum "Sondermannschaftslager für den Bergbau" deklariert. Das Lager Hemer wird damit zuständig für den Arbeitseinsatz von Kriegsgefangenen im Bergbau des östlichen Ruhrgebiets. Hierfür werden fast ausschließlich sowjetische Kriegsgefangene aus dem Stalag 326 (VI K) in Stukenbrock rekrutiert. Die schwere und gefährliche Arbeit - und dies bei unzureichender Ernährung - ist für eine sehr hohe Todesrate unter den Kriegsgefangenen verantwortlich.
Die Zahl der von Hemer aus verwalteten sowjetischen Kriegsgefangenen liegt ab Ende 1943 ständig bei mehr als 100.000 Menschen. Damit ist das Stalag VI A das größte Kriegsgefangenenlager im gesamten Deutschen Reich. Im Lager selbst befinden sich allerdings anfänglich nur 2-3.000 Gefangene; im Jahr 1943 vergrößert sich ihre Zahl auf bis 10.000 Personen; gegen Ende des Krieges schwillt die Zahl immer weiter an, bis sie schließlich etwa 23.000 Menschen erreicht. Die Folge sind katastrophale Zustände, die eine hohe Sterberate im Lager zur Folge haben. Die genaue Zahl der in Hemer selbst verstorbenen Kriegsgefangenen ist nicht bekannt; Schätzungen gehen von rund 20.000 Toten aus.
Am 14.04.1945 wird das Stalag VI A von amerikanischen Truppen befreit. Es dient dann als Lager für so genannte Displaced Persons (DP) und als Repatriierungszentrum. Ende August 1945 haben die letzten Kriegsgefangenen das Lager verlassen. Zur Erinnerung an die Opfer wird am 22.11.1992 ein Denkmal errichtet. Am 50. Jahrestag der Befreiung des Lagers wird 1995 ein Gedenkraum mit einer Ausstellung eröffnet.
 
 

Dezember 10

 Prof. Dr. Gerhard Domagk erhält den Nobelpreis für Medizin
Für seine "Entdeckung der therapeutischen Wirkung von Protosil bei verschiedenen Infektionskrankheiten" wird dem seit 1925 an der Universität Münster lehrenden und forschenden Pathologen Prof. Dr. Gerhard Domagk der Nobelpreis für Medizin und Physiologie verliehen. Domagk richtet zunächst ein Dankschreiben an das schwedische Karolinska-Institut, doch unter politischem Druck weist er in einem zweiten Brief den Preis zurück. Seit 1935 dem in KZ-Haft befindlichen Publizisten Carl von Ossietzky der Friedensnobelpreis verliehen worden war, stellte die Vergabe des Nobelpreises für das nationalsozialistische Regime eine internationale Provokation dar. Domagk erhält erst im Dezember 1947 Diplom und Goldmedaille ausgehändigt, das Preisgeld war aber verfallen und an den Nobel-Fond zurückgeflossen.
 
 

1940

August 23

 "Arbeitserziehungslager"
Das erste so genannte "Arbeitserziehungslager" Hunswinkel für "vertragsbrüchige und notorisch arbeitsunwillige Gefolgschaftsmitglieder" in Westfalen wird in den Kalksteinbrüchen der Firma Hochtief an der Versetalsperre bei Lüdenscheid eingerichtet. Als "Arbeitsbummelanten" denunzierte Arbeiter werden dort von der Gestapo für 6 Wochen inhaftiert und müssen täglich 12 Stunden lang schwerste Arbeiten verrichten.
Die "Arbeitserziehungslager" entwickeln sich bald zu einem wesentlichen Pressionsmittel für Firmenleitungen und Gestapo. Ab 1941 werden insgesamt zehn weitere "Arbeitserziehungslager" in Westfalen errichtet, darunter ein Frauenlager bei der Jutespinnerei Ahaus. Da deutsche beschuldigte Männer in den Fronteinsatz vorwiegend in Strafbataillonen geschickt werden, entwickeln sich die "Arbeitserziehungslager" zu Straflagern für ausländische, meist sowjetische Zwangsarbeiter.
Am 22.03.1943 wird bei der Jutespinnerei Ahaus von der Gestapo-Leitstelle Münster das einzige "Arbeitszuchtlager für deutsche Bummelantinnen" in Westfalen errichtet, in das aber auch holländische Frauen eingewiesen werden. Wie andere Häftlinge, sind auch diese jeweils 30-50 inhaftierten Frauen während ihrer sechswöchigen Haft grausamsten Misshandlungen, sadistischen Strafen wie dem Einsperren in einer Stehzelle mit ständig laufender kalter Brause und Hunger ausgesetzt, was häufig zu bleibenden gesundheitlichen Schädigungen und zu Todesfällen führt.
 
 

1941

Juli 10

 Belegung des Kriegsgefangenenlagers Stukenbrock
Die beiden ersten Transporte mit 2.000 sowjetischen Kriegsgefangenen treffen im Kriegsgefangenenmannschaftsstammlager (Stalag) 326 (VI K) auf dem Truppenübungsplatz Senne in der Nähe von Stukenbrock ein.
Mit der Errichtung dieses Kriegsgefangenenlagers war Anfang Mai 1941 im Zuge der Vorbereitung des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion begonnen worden. Aus rasseideologischen Gründen sollen die russischen "Untermenschen" getrennt von den Gefangenen anderer Nationen und isoliert von der deutschen Bevölkerung in Lagern auf Truppenübungsplätzen untergebracht werden. Als die sowjetischen Kriegsgefangenen in der Senne eintreffen, sind noch keinerlei Unterkünfte vorhanden, so dass sie über Monate hinweg unter freiem Himmel und in selbst gegrabenen Erdlöchern kampieren müssen. Aufgrund von Unterernährung, mangelhafter Hygiene, rücksichtsloser Behandlung und systematischen Ermordungen überleben nur wenige Kriegsgefangene den Winter 1941/42.
Ab September 1942 wird dem Stalag 326 ein eigener Arbeitseinsatzbereich bestehend aus Lippe und dem Regierungsbezirk Minden zugeteilt. Nun werden auch Kriegsgefangene anderer Nationalitäten in die Senne verlegt. Zusätzlich wird das Lager zentrales Ausleselager für Arbeitskräfte für den Ruhrbergbau, die in das Stalag VI A in Hemer zur Weiterverteilung geschickt werden. Insgesamt dürften etwa 310.000 Gefangene das Stalag 326 durchlaufen haben, von denen allerdings nur die wenigsten im Lager selbst blieben, sondern in der Regel in Außenkommandos untergebracht waren.
Im Stalag 326 selbst sind mit Sicherheit mehr als 15.000 sowjetische Kriegsgefangene umgekommen; die Zahl von 65.000 Toten ist aber wahrscheinlich deutlich zu hoch gegriffen.
Am 02.04.1945 wird das Stalag 326 von amerikanischen Truppen befreit; die Gefangenen werden bis zum Sommer in ihre Heimat rückgeführt. Seit 1970 wird das ehemalige Lagergelände von der Landespolizeischule "Erich Klausener"genutzt; am 21.06.1996 wird eine Dokumentationsstätte ihrer Bestimmung übergeben.
 
 

Oktober 19

 Inthronisierung von Lorenz Jaeger als Erzbischof von Paderborn
Der damalige Divisionspfarrer Lorenz Jaeger wird am 29.05.1941 durch das Paderborner Metropolitankapitel zum Bischof von Paderborn gewählt. Am 19.10.1941 empfängt er die Weihe durch den päpstlichen Nuntius Cesare Orsenigo. Seiner Inthronisierung wohnt in und vor dem Paderborner Dom eine große Menschenmenge bei, in der sich auffallend viele Jugendliche befinden. Die Feier ist keineswegs als Herausforderung der NSDAP gedacht, wird von der Partei aber als Provokation empfunden, muss sie doch feststellen, dass die angestrebte "Gleichschaltung" des gesamten öffentlichen Lebens bei der katholischen Kirche an eine unüberwindbare Grenze stößt.
 
 

November

 Niedermarsberg - Beginn der Ermordung von Kindern im Rahmen der "Euthanasie"
Ab 1940 gerieten die westfälischen Provinzialheilanstalten in den Strudel des Massenmordes an psychisch kranken und geistig behinderten Menschen, der von den Nationalsozialisten unter dem Deckmantel "Euthanasie" (griech., "Schöner Tod") ins Werk gesetzt wurde. Im Rahmen der Kinder-"Euthanasie" entstanden im St. Johannes-Stift in Niedermarsberg und - im November 1941 - in der Provinzialheilanstalt Dortmund-Aplerbeck "Kinderfachabteilungen", in denen schätzungsweise mehr als 200 Kinder mit überdosierten Medikamentengaben umgebracht wurden. 59 jüdische Patienten wurden im September 1940 aus den Provinzial und anderen Heilanstalten - siehe das Beispiel von Reinhard Beyth in Bethel - verschleppt und vergast. Im Zuge der "Aktion T4", der Vergasung von etwa 70.000 Patienten aus deutschen Heil- und Pflegeanstalten, wurden zwischen Juni und August wurden insgesamt 2.890 Patienten aus westfälischen Provinzialheilanstalten nach Hessen verlegt, von denen 1.334 in der Gaskammer von Hadamar den Tod fanden.
Im August 1941 verfügte Hitler - nicht zuletzt aufgrund des öffentlichen Protestes des Bischofs von Münster, Clemens August Graf von Galen - die Einstellung der "Aktion T4". Das Morden ging aber im geheimen weiter. Vor dem Hintergrund der "dezentralen Euthanasie" wurden im Jahre 1943 noch einmal 2.846 Patienten aus den westfälischen Provinzialheilanstalten verschleppt, von denen der größte Teil ums Leben kam.
Am Ende des Zweiten Weltkriegs stand auch die westfälische Anstaltspsychiatrie vor einer Katastrophe: Tausende der ihrer Obhut anvertrauten Kranken heimtückisch ermordet, ein Großteil des Anstaltsraums zweckentfremdet, das System psychiatrischer Versorgung zusammengebrochen, die Profession der Psychiater hoffnungslos diskreditiert.
 
 

1943

April 28

 "Entbindungslager" Waltrop-Holthausen
Die ersten schwangeren Zwangsarbeiterinnen aus Polen, Russland und der Ukraine treffen im "Entbindungslager Waltrop-Holthausen" ein. Die Einrichtung so genannter "Entbindungslager" wird Ende 1942 angeordnet, um die dort geborenen Kinder anhand "rassischer" Kriterien überprüfen und sie entsprechend ihrer Qualifizierung als "gut-" oder "schlechtrassisch" einteilen zu können.
Das Lager Waltrop-Holthausen wird wahrscheinlich auf Veranlassung des Landesarbeitsamtes Westfalen als zentrale Aufnahmestelle für Schwangere aus ganz Westfalen eingerichtet. Es ist vermutlich das größte Entbindungs- und Abtreibungslager im damaligen Deutschen Reich.
Während die Mütter als Arbeitskräfte eingesetzt werden sollen und nach ihrer Entbindung oder zwangsweisen Abtreibung wieder in den "Arbeitseinsatz" zurückgeschickt werden, sind ihre Kinder größtenteils unerwünscht. Mindestens ein Drittel der im Lager nachweisbaren Frauen wird daher zur Abtreibung eingewiesen. Die Bedingungen für die geborenen Kinder werden so gestaltet, dass ein großer Teil der Säuglinge vor Vollendung des ersten Lebensjahres stirbt. Über die Zahl der entweder direkt in Waltrop oder in der Folgezeit verhungerten oder an unzulänglicher Pflege gestorbenen Säuglinge und Kleinkinder liegen keine Angaben vor; es muss aber angenommen werden, dass mindestens die Hälfte der in Waltrop geborenen Kinder gestorben ist.
 
 

Mai 17

 Zerstörung der Möhne-Talsperre
Mitten in der (ersten) "Schlacht um die Ruhr" von März bis Juli 1943 greifen in der Nacht vom 16.05.1943 auf den 17.05.1943 19 britische Lancaster-Bomber mit Spezialbomben die Möhne- und die Sorpe-Talsperre an. Mit der monatelang vorbereiteten Operation "Chastise" ("Züchtigung") soll durch Zerstörung der beiden größten Talsperren des Ruhrtalsperrenvereins die Wasser- und Energieversorgung des Ruhrgebiets möglicherweise kriegsentscheidend unterbrochen werden. Außerdem wird die Eder-Talsperre angegriffen, die das Industriegebiet um Kassel mit Energie sowie den Mittellandkanal über ein Pumpwerk mit Wasser versorgt.
Während die Staumauer der Sorpe verfehlt wird, werden die Staumauern von Möhne und Eder schwer beschädigt. Der Angriff wird bewusst zum Zeitpunkt des höchsten Wasserstandes durchgeführt, weil nur dann die Spezialbomben ihre Wirkung entfalten können. Innerhalb von fünf Stunden schießen 110 Millionen Kubikmeter Wasser durch das Tal der Möhne und der Ruhr. In der Flutwelle sterben nach offiziellen Angaben mindestens 1.600 Menschen, unter ihnen viele ausländische Arbeitskräfte und Kriegsgefangene, deren Barackenlager in Neheim von den Fluten fortgerissen wird.
Der Angriff hat kurzfristig erhebliche Rückwirkungen auf die Produktion auch wichtiger Rüstungsgüter. Die beabsichtigte nachhaltige Beeinträchtigung der Wasser- und Energieversorgung des Ruhrgebiets gelingt aber nicht, da die Ausfälle dank eines Systems von Ring- und Verbundrohrleitungen aus anderen Talsperren kompensiert werden können. Außerdem können die Schäden schneller als von den Briten erwartet behoben werden: Schon im Mai laufen wieder die ersten Turbinen und im Oktober sind die beiden zerstörten Staumauern wiederhergestellt.
 
 

März 7

 Ermordung von Widerstandskämpfern und Zwangsarbeitern
Beginn systematischer Massenerschießungen von Widerstandskämpfern und Zwangsarbeitern in Dortmund auf der "Spielwiese" in der Bittermark, im Rombergpark und auf dem Eisenbahngelände zwischen Hörde und Berghofen durch die Gestapo. Dem Massenmord fallen bis zum 12.04.1945 mehr als 280 Menschen zum Opfer.
Auch in anderen Städten werden noch unmittelbar vor Kriegsende zahlreiche Zwangsarbeiter und Gegner des nationalsozialistischen Regimes von der Gestapo ermordet, so in Hagen, wo mindestens 50 Menschen umgebracht werden; unter ihnen befindet sich ein britischer Luftwaffenangehöriger, der entgegen gültigem Kriegsrecht exekutiert wird.
 
 

März 12

 Schwerster Luftangriff des Zweiten Weltkriegs auf dem europäischen Kriegsschauplatz auf Dortmund
Dortmund erlebt am 12.03.1945 den schwersten Luftangriff, der während des Zweiten Weltkriegs auf eine europäische Stadt geflogen wurde. Mehr als 1000 Maschinen des britischen Bomber Command werfen über 4800 Tonnen Spreng- und Minenbomben über der Stadt ab, deren Innenstadt schon durch den Großangriff vom 06.10.1944/07.10.1944 völlig zerstört worden war.
Ohnehin findet der Luftkrieg in den Monaten Februar und März 1945 seinen Höhepunkt. Weitgehend unbehindert von deutscher Flugabwehr fliegen die Alliierten Großangriffe mit viermotorigen Langstreckenbombern, die durch praktisch pausenlose Angriffe von Jagdbombern ergänzt werden. Vor dem letzten, entscheidenden Angriff über den Rhein ins Innere Deutschlands sollen das Ruhrgebiet und das Hinterland der deutschen Front von allen Verkehrsverbindungen abgeschnitten werden. Mit überschweren "Erdbebenbomben" ("Tallboy" mit 5 Tonnen, "Grand Slam" mit 10 Tonnen Gewicht) werden die Eisenbahnviadukte bei Bielefeld, Minden und Arnsberg zerstört, wodurch der großräumigere Eisenbahnverkehr endgültig zum Erliegen gebracht wird.
 
 

März 19

 "Nero"-Befehl Hitlers
Hitler befiehlt, "alle militärischen, Verkehrs-, Nachrichten-, Industrie- und Versorgungsanlegen sowie Sachwerte innerhalb des Reichsgebietes, die sich der Feind für die Fortsetzung seines Kampfes irgendwie sofort oder in absehbarer Zeit nutzbar machen kann", zu zerstören. Die Zerstörungen sind von den militärischen Kommandobehörden, den Gauleitern und den Reichsverteidigungskommissaren vorzubereiten.
In Westfalen-Lippe wird dieser so genannte  "Nero-Befehl" im Großen und Ganzen nicht ausgeführt. Beim Vormarsch alliierter Truppen kommt es in erster Linie zu Brückensprengungen, die den Vormarsch der alliierten Truppen allerdings nur unwesentlich verzögern. Teils ist es verantwortungsbewussten Militärs, teils beherzten Bürgern zu verdanken, dass weitergehende Zerstörungen unterbleiben. Im Ruhrgebiet verhindern vor allem Bergleute unter Einsatz ihres Lebens, dass die Zechen gesprengt werden. Sie halten im Gegenteil die Pumpen in Gang, um ein "Absaufen" der Schächte zu verhindern.
 
 

März 24

 Beginn der Besetzung Westfalen-Lippes
Im Rahmen der Operationen "Plunder" ("Plünderung") und "Varsity" ("Uni") überqueren alliierte Armeen beiderseits von Wesel den Rhein und stoßen rasch ins Münsterland vor. Das Hinterland der dünnen deutschen Verteidigungslinien wird vor dem Rheinübergang nochmals stark bombardiert. Eine Reihe von Klein- und Mittelstädten wird dabei beinahe vollständig dem Erdboden gleichgemacht. Orte wie Bocholt (zu 89 Prozent), Borken (zu 74 Prozent), Coesfeld (zu fast 80 Prozent) und Dülmen (zu 92 Prozent) zählen zu den am stärksten zerstörten Städten Deutschlands. Da es in diesen Orten nur unzureichende Luftschutzmaßnahmen gibt, sind hier die Verluste unter der Bevölkerung besonders hoch. Zu den fast vollständig zerstörten Städten gehört auch die Bischofsstadt Paderborn, die am 27.03.1945 ein letztes schweres Bombardement erlebt, nachdem sie bereits zuvor bei vier großen Bombenangriffen seit dem 17.01.1945 weitgehend in Schutt und Asche gelegt worden war.
Vielerorts gelingt es beherzten Bürgern, deutsche Einheiten von der sinnlosen Verteidigung ihrer Ortschaften abzuhalten, um weiteres Blutvergießen zu verhindern und materielle Werte zu erhalten. So übergibt ein deutscher Sanitätsoffizier das weitgehend unzerstörte Ahlen als erste "offene Stadt" Deutschlands den amerikanischen Truppen. Die Eroberung und Besetzung der Städte in Westfalen vollzieht sich meist ohne größere Kampfhandlungen. Stellenweise erzwingen fanatische Kommandeure und Parteifunktionäre jedoch einen manchmal heftigen, immer jedoch sinnlosen Widerstand, der den alliierten Vormarsch nur für wenige Stunden um den Preis zahlreicher Todesopfer verzögern kann.
Entlang der natürlichen Hindernisse des Teutoburger Waldes und des Eggegebirges kommt es in den ersten Apriltagen noch einmal zu schweren Kämpfen. Nach zwei bis drei Tagen bricht die deutsche Verteidigung jedoch zusammen. Die letzten Kämpfe im Raum Westfalen-Lippe finden am 07.04.1945 ihr Ende.
 
 

März 26

 Plan zur Ermordung aller ausländischen Arbeiter und Kriegsgefangenen in Dortmund
Nachdem alliierte Armeen den Rhein bei Wesel überschritten haben, erteilt der NSDAP-Gauleiter von Westfalen-Süd, Albert Hoffmann, den Befehl, alle ungefähr 30.000 ausländischen Arbeiter und Kriegsgefangenen Dortmunds in die Zechen untertage zu bringen, die Stollen dann zu fluten und auf diese Weise alle Menschen zu ertränken. Zusammen mit dem Dortmunder Polizeipräsidenten Altner und dem Regierungspräsidenten von Arnsberg, Eickhoff, werden die für die Durchführung in Frage kommenden Zechen bestimmt.
Polizeioberst Ludovici und Zechendirektor Haack von der Gelsenkirchener Bergwerks-AG sowie die Leitung der Zeche "Gottessegen" in Dortmund-Kirchhörde finden jedoch technische Argumente, um die Ausführung dieses Verbrechens verhindern. Gauleiter Hoffmann wird wegen seines Befehls nie zur Rechenschaft gezogen.
An zahlreichen anderen Orten werden Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene aus Polen und der Sowjetunion gezielt exekutiert (so etwa in Münster, Warendorf, Bochum und im Raum Warstein) oder auf Evakuierungszügen erschossen (gut dokumentiert für den Regierungsbezirk Arnsberg).
 
 

April

 Einrichtung des Internierungslagers Recklinghausen
In einem ehemaligen Kriegsgefangenenlager in Recklinghausen-Hillerheide richtet die amerikanische Besatzungsmacht ein Internierungslager für mutmaßliche Kriegsverbrecher, Funktionäre der NSDAP und staatliche Funktionsträger ein. Nach der Übergabe an die Briten am 11.07.1945 wird das Lager zum Civil Internment Camp No. 4, einem von insgesamt vier Internierungslagern in Westfalen. Mit zeitweilig mehr als 8.700 Inhaftierten ist das Lager völlig überbelegt.
Im Sommer 1947 nimmt ein Spruchgericht mit zehn Spruchkammern seine Arbeit auf, das innerhalb eines knappen Jahres 3.800 ehemalige "Mitglieder verbrecherischer Organisationen" aburteilt. Am 15.04.1948 wird das Lager geschlossen, seine Baracken dienen anschließend Bergarbeitern als Unterkünfte.
 
 

April 1

 Das Ruhrgebiet wird von alliierten Truppen eingekesselt
US-amerikanische Truppen schließen bei Lippstadt die unter dem Befehl von Generalfeldmarschall Walter Model stehende deutsche Heeresgruppe B mit einer Stärke von etwa 350.000 Mann im so genannten "Ruhrkessel" ein. Die demoralisierten und ungenügend versorgten deutschen Soldaten vermögen in der Trümmerlandschaft des Ruhrgebiets nur einen hinhaltenden Widerstand zu leisten, der angesichts der Gesamtlage allerdings militärisch vollkommen sinnlos ist und lediglich zahlreichen Soldaten und Zivilisten das Leben kostet. Am 12.04.1945 wird der Ruhrkessel im Raum Hagen - Witten in zwei Teile aufgespalten. Der östliche, kleinere Teilkessel kapituliert im Raum Iserlohn bereits drei Tage später am 15.04.1945. Der größere Teilkessel im Raum Düsseldorf kapituliert dagegen erst am 21.04.1945, weil Feldmarschall Model bis zuletzt die Durchhaltebefehle Hitlers befolgt. Am gleichen Tag entzieht sich Model der Gefangennahme durch Selbstmord.
 
 

Juli

 Einrichtung des Internierungslagers Staumühle
Die britische Besatzungsmacht richtet in der ehemaligen provisorischen Garnison der Waffen-SS Lager Staumühle in der Senne das Civil Internment Camp No. 5 ein, in dem mutmaßliche Kriegsverbrecher, Funktionäre der NSDAP und staatliche Funktionsträger festgesetzt werden. Staumühle ist eines von insgesamt vier Internierungslagern in Westfalen und mit mehr als 10.000 Internierten das größte Internierungslager in der britischen Zone überhaupt. Die Lebensbedingungen sind zeitweise dermaßen schlecht, dass Inhaftierte sogar verhungern.
Im Sommer 1947 wird in Detmold-Hiddesen das Spruchgericht für Staumühle eröffnet. Es besteht aus 20 Spruchkammern und urteilt etwa 5.000 Internierte ab, die Mitglieder "verbrecherischer Organisationen" gewesen waren. Im Juli 1948 verlassen die letzten Internierten Staumühle. Seitdem wird das Gelände für den Jugend-Strafvollzug genutzt.
 
 

September 7

 Erster jüdischer Gottesdienst nach der NS-Zeit
In den Räumen der Warendorfer Synagoge feiern Überlebende des Holocaust und britische Militärangehörige jüdischen Glaubens den ersten jüdischen Gottesdienst in Nordwestdeutschland nach der Vernichtung der jüdischen Gemeinden im Rahmen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.
 
 

Oktober

 Einrichtung des Internierungslagers in Hemer
Auf dem Gelände des ehemaligen Stalag VI A in Hemer wird das "Camp Roosevelt" (Civil Internment Camp No. 7) als eines von insgesamt vier Internierungslagern in Westfalen eingerichtet, in dem mutmaßliche Kriegsverbrecher, Funktionäre der NSDAP und staatliche Funktionsträger festgesetzt werden. Mit bis zu gut 3.600 Internierten zählt es zu den kleineren und wegen der guten Unterbringung zu den beliebtesten Internierungslagern der britischen Besatzungszone. Das Lager wird Ende September 1946 aus Kostengründen aufgelöst, die Internierten werden in das neu eingerichtete Lager Eselheide in der Senne verlegt. Heute befindet sich auf dem Gelände eine Kaserne der Bundeswehr.
 
 

November 25

 Gründung des Hauptdurchgangslagers Siegen
Um die Flüchtlingsströme aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten besser kanalisieren zu können, gründet die britische Militärregierung das Hauptdurchgangslager "Am Wellersberg" in Siegen. Dort werden die Flüchtlinge und Heimatvertriebenen registriert und vorübergehend untergebracht, bevor sie in die zuständigen Aufnahmekreise weitergeleitet werden.
Aufgrund seiner wirtschaftlichen Stärke muss Nordrhein-Westfalen fast zwei Drittel aller Flüchtlinge Mitteldeutschland aufnehmen. Daher werden in Nordrhein-Westfalen außer in Siegen noch weitere sieben Lager für längere oder kürzere Zeit errichtet, unter anderem in Bocholt (bis 15.07.1957), Rheine (August 1952 bis 01.04.1963) und Warburg (1945 bis 01.05.1960). Hinzu kommen noch 13 so genannte "Gastlager" in den vier norddeutschen Bundesländern, die sämtlich zwischen 1957 und 1961 aufgelöst werden.
Die Landesstelle wird im Dezember 1951 von Siegen in das neu errichtete Lager in Unna-Massen verlegt, das als einzige Einrichtung bis heute besteht. Die Landesstelle Unna-Massen wandelt sich im Laufe der Jahrzehnte von einem Durchgangswohnheim zur Zentralen Migrationsstelle des Landes Nordrhein-Westfalen, die bis Ende 1993 auch für die Betreuung von Asylbewerbern zuständig ist.
Mit dem Zusammenbruch des sozialistischen Staatensystems in Osteuropa 1989/90 schwillt die Welle der Aus- und Übersiedler erneut stark an, wodurch eine Erhöhung der Aufnahmekapazität in Unna-Massen und die vorübergehende Errichtung von 65 Außenstellen nötig wird.
Bis zum Jahresende 2001 finden mehr als 2,5 Millionen Flüchtlinge, Aus- und Übersiedler sowie Asylbewerber (bis Ende 1993) allein in der Landesstelle Siegen beziehungsweise Unna-Massen vorübergehend Aufnahme.
 
 

1946

Februar 18

 Erhebung von Clemens August Graf von Galen zum Kardinal
Clemens August Graf von Galen, Bischof von Münster, der wegen seines Widerstandes gegenüber den Nationalsozialisten als "Löwe von Münster" verehrt wird, wird von Papst Pius XII. in das Kardinalskollegium berufen. Nur knapp fünf Wochen später, am 22.03.1946, verstirbt Kardinal Galen an den Folgen einer Blinddarmentzündung.
 
 

Februar 20

 Verheerende Schlagwetterexplosion auf der Zeche Grimberg III/IV in Bergkamen
Bei einer Schlagwetter- und Kohlenstaubexplosion auf der Zeche Grimberg III/IV in Bergkamen-Weddinghofen sterben 405 Männer, darunter 3 britische Kontrolloffiziere. Es ist dies das schwerste Unglück der deutschen Bergbaugeschichte. Die Ursache dieser Katastrophe kann zwar nicht zweifelsfrei geklärt werden, doch dürfte eine Rolle gespielt haben, dass die Grubendirektion die betriebliche Sicherheit vernachlässigt hatte, um die von der Besatzungsmacht geforderten Höchstleistungsförderquoten zu erreichen.
Da die unter Tage wütenden Brände nicht unter Kontrolle gebracht werden können, muss die Schachtanlage geflutet werden. Erst nach über einem Jahr kann mit der Trockenlegung begonnen werden; auf der Unglückssohle wird der Abbau jedoch nicht wieder aufgenommen. Auf den Tag genau sechs Jahre nach dem Grubenunglück wird auf dem Friedhof der Gemeinde Weddinghofen ein wuchtiger, neun Meter hoher Obelisk als Ehrenmal zum Gedenken an die Opfer eingeweiht.
 
 

Juli 17

 Vereinigung der Provinzen Nord-Rhein und Westfalen
Mit der Verfügung Nr. 46 gibt der britische Oberbefehlshaber in Deutschland die Vereinigung der Provinzen Nord-Rhein und Westfalen zu einem so genannten "Land Nordrhein-Westfalen" mit dem Regierungssitz in Düsseldorf bekannt. Eine Woche später, am 24.07.1946, wird der westfälische Oberpräsident Rudolf Ameluxen zum Ministerpräsidenten ernannt und mit der Bildung eines Kabinetts beauftragt. Mit Wirkung vom 23.08.1946 erhält der Zusammenschluss der Provinz Westfalen und der Regierungsbezirke Aachen, Düsseldorf und Köln endgültig die Bezeichnung "Nordrhein-Westfalen". Am 30.08.1946 tritt das von Ameluxen gebildete Kabinett zu seiner ersten Sitzung zusammen. Die SPD besetzt drei Ressorts und stellt den stellvertretenden Ministerpräsidenten, die KPD, das Zentrum und parteilose Politiker besetzen je zwei Ressorts und die FDP eines.
 
 

Oktober 1

 Einrichtung des Internierungslagers Eselheide
Nach Auflösung des Internierungslagers in Hemer (CIC 7) wird auf dem Gelände des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers Stalag 326 (VI K) das britische Civil Internment Camp No. 7 (Eselheide) eingerichtet, in dem mutmaßliche Kriegsverbrecher, Funktionäre der NSDAP und staatliche Funktionsträger festgesetzt werden. Eselheide ist eines von insgesamt vier Internierungslagern in Westfalen. Dort sind bis zu 8.885 Männer inhaftiert, die überwiegend vor das extra eingerichtete Spruchgericht in Bielefeld gestellt werden. Ende 1947 werden die verbliebenen Internierten in das Lager Staumühle verlegt und das Lager an das Land Nordrhein-Westfalen übergeben.
 
 

Oktober 20

 Aufhebung der Oberpräsidien in Düsseldorf und Münster
Die bisherigen Oberpräsidien in Düsseldorf und Münster werden auf Anweisung der Militärregierung vom 11.10.1946 durch eine Verordnung der nordrhein-westfälischen Landesregierung Westfalen aufgehoben, ihre Befugnisse gehen auf die Landesregierung Nordrhein-Westfalen über.
 
 

Dezember 5

 Aushandlung der "Lippischen Punktation"
In hartnäckigen Verhandlungen handelt der Lippische Landespräsident Heinrich Drake eine Reihe von Zugeständnissen der nordrhein-westfälischen Landesregierung bei der Eingliederung Lippes in Nordrhein-Westfalen aus. Sie werden in den 16 Artikel und drei Zusätze umfassenden  "Lippischen Punktation" ("Richtlinien für die Aufnahme des Landes Lippe in das Gebiet des Landes Nordrhein-Westfalen") festgehalten. Wichtigstes Verhandlungsergebnis ist die Zusicherung Nordrhein-Westfalens, dass das Landesvermögen einschließlich der Stiftungen, damit also das eingezogene Fürstenvremögen, dem lippischen Gebiet erhalten bleiben soll. Ferner werden unter anderem das Land Lippe und der Regierungsbezirk Minden vereinigt und der Sitz der Bezirksregierung nach Detmold verlegt.
 
 

1947

 

 Begründung der Ruhrfestspiele
Hamburger Theaterleute bedanken sich mit einem Gastspiel für die Hilfsbereitschaft der Bergleute der Schachtanlage Ludwig 4/5 in Recklinghausen-Suderwich, die ihnen im vorangegangenen Winter zu Kohlen für die Aufrechterhaltung des Spielbetriebs der Hamburger Bühnen verholfen hatten.
Das solidarische Zusammenwirken zwischen Bergleuten und Künstlern in der unmittelbaren Nachkriegszeit gibt den Anstoß für die jährlich durchgeführten Ruhrfestspiele. Zunächst tragen die Stadt Recklinghausen und der Deutsche Gewerkschaftsbund als Gesellschafter die Ruhrfestspiele, seit 1949 beteiligt sich das Land Nordrhein-Westfalen, dann auch die Bundesrepublik finanziell an dem Unternehmen, das durch eine Ruhrfestspiel GmbH getragen wird.
Im Jahre 1990 wurden die Ruhrfestspiele umgestaltet in ein "Europäisches Festival". In Zusammenarbeit mit internationalen Bühnen entsteht alljährlich vom 01.05. bis 30.06 ein Bühnenprogramm in hoher künstlerischer Form und Qualität.
 
 

Januar 21

 Eingliederung des Landes Lippe in das Land Nordrhein-Westfalen
Die britische Militärregierung erlässt die  Verordnung Nr. 77, durch die das Land Lippe mit Wirkung vom gleichen Tage in das Land Nordrhein-Westfalen eingegliedert wird. Der nordrhein-westfälische Landtag sanktioniert am 05.11.1948 mit dem "Gesetz über die Vereinigung des Landes Lippe mit dem Land Nordrhein-Westfalen" rückwirkend diese Zusammenlegung.
Von der in der britischen Verordnung ausdrücklich eingeräumten Möglichkeit zu einer Volksabstimmung innerhalb von fünf Jahren wird in Lippe kein Gebrauch gemacht. Einen Tag nach Ablauf der Frist, am 22.01.1952, gibt die nordrhein-westfälische Landesregierung eine Erklärung ab, die weitgehend den lippischen Wünschen entspricht. Eine besondere verfassungsrechtliche Stellung Lippes innerhalb Nordrhein-Westfalens kann das Bundesverfassungsgericht in einer Entscheidung vom 28.07.1955 nicht feststellen.
 
 

April 3

 Eintägiger Massenstreik im Ruhrbergbau
Über 300.000 Bergleute des Ruhrgebiets legen für 24 Stunden die Arbeit nieder und versammeln sich zu Kundgebungen. Sie protestieren gegen die mangelhafte Lebensmittelversorgung und fordern die Sozialisierung der Bergwerke. Bereits im Februar war es zu großen Hungerdemonstrationen gekommen. Durch anhaltend starken Frost hatte sich die ohnehin angespannte Versorgungslage dramatisch verschlechtert, da nun auch die Transportmöglichkeiten über Flüsse und Kanäle entfallen waren. Am 27.05.1947 erklärt der bizonale Ernährungs- und Landwirtschaftsrat das Ruhrgebiet und Hamburg zu Notstandsgebieten. Die Ernährungslage bleibt bis in das Jahr 1948 hinein angespannt.
 
 

1948

Januar 24

 Rückgabe des Lagers Stukenbrock und Gründung des Sozialwerks
Das ehemalige Internierungslager Eselheide für NS-Führungskräfte (CIC No. 7) in der Gemeinde Stukenbrock, zwischen Bielefeld und Paderborn, wird von der britischen Militärregierung offiziell an das Land Nordrhein-Westfalen übergeben. Von 1941 bis 1945 hatte sich dort das Kriegsgefangenlager Stalag 326 für sowjetische Gefangene befunden. Auf Betreiben des Sozialministeriums von Nordrhein-Westfalen entsteht auf dem Gelände 1948 ein Flüchtlings- und Auffanglager, das Sozialwerk Stukenbrock. Beteiligt waren das Evangelische Hilfswerk Westfalen, die Caritas, das Deutsche Rote Kreuz, die Arbeiterwohlfahrt und der Westfälische Blindenverein.
Nach der Schließung des Internierungslagers werden im Sommer 1948 nach umfangreichen Instandsetzungsarbeiten die ersten Flüchtlinge aufgenommen. 140 Baracken und 130 Nissenhütten in elendem Zustand, zumeist unmöbliert, standen auf gut 500.000 Quadratmetern Grundfläche zur Verfügung. Zu den ersten Einrichtungen, die von Flüchtlingen und Vertriebenen bezogen werden können, gehören das Altersheim "Bethesda" mit 282 Plätzen, ein Blindenheim, das Wohnheim "Mutter und Kind" für alleinstehende, meist verwitwete Mütter mit ihren Kindern sowie das Landesjungendheim, in dem 14- bis 18-Jährige familien- und heimatlose Kinder und Jugendliche untergebracht und erzogen werden. Schon in den ersten Jahren nach der Gründung werden die Nissenhütten nach und nach abgerissen, die Baracken renoviert und das Gelände mit Wegen versehen und bepflanzt. Wegen des nicht nachlassenden Flüchtlingsstromes aus den osteuropäischen Ländern wird das Lager zu Anfang der 60er Jahre erweitert und ein Teil der Baracken durch Gebäude in einer Art Plattenbauweise ersetzt. Um die Bedürfnisse der dort lebenden Menschen zu sichern, entstehen u. a. eine Ladenstraße, ein Kino, eine Lesehalle sowie ein Badehaus. Zur medizinischen Versorgung der Flüchtlinge gibt es von Anfang an
ein Behelfskrankenhaus. Außerdem verfügt das Sozialwerk Stukenbrock zunächst über eine Behelfsschule, die später Volksschule wurde, sowie in den späteren Jahren auch über einen Kindergarten. Gottesdienste werden in einer evangelischen und einer katholischen Kirche, beide in umgebauten Baracken untergebracht, gefeiert. Nur die evangelische Kirche ist bis heute erhalten und steht unter Denkmalschutz. ... weiter...
 
 

Juni 20

 Währungsreform in den drei Westzonen
Nach Kriegsende treten "Ami-Zigaretten" als Ersatzwährung an die Stelle der wertlosen Reichsmark. Eine Währungsreform wird zwar von allen Siegermächten als notwendig erachtet, eine gesamtdeutsche Lösung scheitert jedoch an den unüberbrückbaren Gegensätzen innerhalb des Alliierten Kontrollrates. Unter dem Eindruck des sich verschärfenden Ost-West-Konflikts entscheiden sich die Westmächte, im Alleingang eine Währungsreform in ihren Besatzungszonen durchzuführen. Schon im Oktober 1947 wird in den USA mit dem Druck des neuen Geldes begonnen. Am 18.06.1948 geben die drei westlichen Militärregierungen über alle Rundfunksender die Durchführung der Währungsreform in den Westzonen am Sonntag, dem 20.06.1948 bekannt. Die Währungsreform in den Westzonen trägt wesentlich dazu bei, die Spaltung Deutschlands festzuschreiben und ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Errichtung zweier deutscher Staaten.
Jeder Einwohner der drei Westzonen erhält als Kopfquote für 60 Reichsmark den gleichen Nennwert in der neuen Deutschen Mark, wovon 40 DM sofort ausgezahlt werden, die anderen 20 DM innerhalb von zwei Monaten. Sparguthaben werden im Verhältnis zehn zu ein abgewertet; Sachwerte hingegen behalten ihren Wert, so dass die Ausgangslage für alle Westdeutschen von vornherein ungleich ist. Die Auffassung, alle Deutschen in den Westzonen wären am Stichtag 20.06.1948 gleich arm beziehungsweise reich gewesen, ist daher eine Legende.
Die Währungsreform bleibt dem kollektiven Gedächtnis der Miterlebenden aber als ein ungleich wichtigerer Wendepunkt verhaftet als beispielsweise das Kriegsende. Dazu trägt vor allem der Umstand bei, dass am nächsten Tag die bislang leeren Schaufenster der Geschäfte schlagartig mit lange entbehrten Waren aller Art reich gefüllt sind, die in Erwartung einer Währungsreform zurückgehalten worden waren. Anfang Juli, nachdem die ersten Löhne und Gehälter in der neuen Währung ausgezahlt worden sind, herrscht deshalb in den Geschäftsstraßen der Städte reger Publikumsverkehr.
 
 

1949

August 31

 73. Deutscher Katholikentag in Bochum
Bis zum 04.09.1949 findet in Bochum der 73. Deutsche Katholikentag statt, der zweite nach dem Zweiten Weltkrieg. Er steht unter dem Motto "Gerechtigkeit schafft Frieden". Von den programmatischen Entschlüssen des Katholikentages gehen nachhaltige Impulse unter anderem zur Neugestaltung der Sozialpolitik aus. So werden Resolutionen zur Mitbestimmung und zur Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand verabschiedet. Der Bochumer Katholikentag ist die größte katholische Glaubenskundgebung in den Jahren des Wiederaufbaus. An der Schlusskundgebung nimmt rund eine halbe Million Gläubige teil. Papst Pius XII., der als ehemaliger päpstlicher Nuntius das Industriegebiet bereist hatte, hält eine Rundfunkansprache in deutscher Sprache zum Leitthema des Katholikentages.
 
 

Oktober 4

 Aufbau der späteren Stadt Espelkamp
Das Land Nordrhein-Westfalen, das Diakonische Werk und die Evangelische Kirche in Westfalen gründen die "Aufbaugemeinschaft Espelkamp G.m.b.H.", die Träger für den Aufbau der späteren Stadt (seit 03.10.1959) Espelkamp wird. Auf dem Gelände einer ehemaligen Munitionsanstalt des Heeres (Muna) hatten im Juni 1945 erste Flüchtlinge eine notdürftige Unterkunft gefunden, ab waren 1947 Heimkehrer aus der Kriegsgefangenschaft und Heimatvertriebene hinzugekommen. Ihre Betreuung übernahm das "Evangelische Hilfswerk von Westfalen", das zahlreiche soziale Einrichtungen aufbaut. Nach Ratifizierung der Verträge von Moskau und Warschau 1972 kommen vor allem Spätaussiedler aus Osteuropa nach Espelkamp.
 
 

1950

 

 Anlage von Sennestadt
Nach einem Entwurf des Architekten Prof. Dr. Hans Bernhard Reichow entsteht vor den Toren Bielefelds die Sennestadt. Sie ist als "Stadt im Grünen" konzipiert, in der beispielsweise alle Balkone nach Süden gelegen sind und die Bebauung durch viele Grünflächen aufgelockert wird. 1974 wird Sennestadt nach Bielefeld eingemeindet.
 
 

März 1

 Endgültige Aufhebung von Rationierungen
Die unmittelbar vor Beginn des Zweiten Weltkrieges am 27.08.1939 eingeführte Rationierung von Lebensmitteln wird endgültig aufgehoben, nachdem schon am 01.11.1949 die Bewirtschaftung von Brot und Mehl beendet worden war. Am 31.03.1950 wird die Ausgabe von Lebensmittelkarten eingestellt.
 
 

1953

März 10

 Landeswappen, Landesfarben und Landesflagge von Nordrhein-Westfalen werden verbindlich geregelt
Die schon seit Gründung des Landes Nordrhein-Westfalen gebrauchten Landeswappen, Landesfarben und Landesflagge werden durch  Gesetz verbindlich geregelt. Die drei Wappensymbole der Rheinprovinz (ein silberner Wellenbalken), der Provinz Westfalen (ein springendes silbernes Ross) und von Lippe (die lippische Rose) werden zusammengefügt; zu Landesfarben werden endgültig Grün-Weiß-Rot bestimmt.
 
 

1956

Dezember 19

 Errichtung des Bistums Essen
Der Vatikan und das Land Nordrhein-Westfalen schließen den Vertrag über die Errichtung des Bistums Essen. Das Erzbistum Köln gibt zehn Dekanate mit 100 Gemeinden, das Bistum Münster zehn Dekanate mit 82 Gemeinden und das Erzbistum Paderborn neun Dekanate mit 91 Gemeinden an das neue Bistum ab.
Zum ersten Bischof des Ruhrbistums ernennt Papst Pius XII. am 18.11.1957 den Paderborner Weihbischof Dr. Franz Hengsbach. Mit dessen feierlicher Inthronisierung am 01.01.1958 durch den Apostolischen Nuntius in Deutschland tritt die Errichtung des Bistums Essen in Kraft.
 
 

1960

 

 Das "Diakonische Werk" wird gegründet
Das "Evangelische Hilfswerk von Westfalen" und der Landesverband Westfalen der Inneren Mission schließen sich zusammen. 1970 erfolgt die Umbenennung in "Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche von Westfalen".
 
 

1962

Oktober

 Fertigstellung des Opel-Werks Bochum
Nach einer Bauzeit von nur 25 Monaten wird in Bochum das erste von insgesamt drei Werken des Automobilherstellers Opel in Betrieb genommen. Die Werksansiedlung signalisiert den beginnenden industriellen Umbruch im Ruhrgebiet nach der ersten Kohlenkrise 1958. Neben dem ausreichenden Platzangebot in einem industriellen Ballungszentrum ist das große Potential an Facharbeitern aufgrund des Zechensterbens ein wichtiger Beweggrund für die Entscheidung der Konzernleitung.
Gemäß des Slogans "Ein neues Auto aus einem neuen Werk" wird in Bochum der neue Opel "Kadett" produziert. Schon 1966 verlässt der einmillionste Kadett die Bochumer Werkshallen. Automatisierung und Rationalisierung der Fertigung sowie sinkende Absätze sorgen auch in den Bochumer Werken für einen starken Rückgang der Beschäftigtenzahlen. Waren 1992 hier mehr als 19.000 Menschen beschäftigt, sind es Mitte 2003 nur noch knapp über 10.000; die offenbar von der Konzernführung erwogene Schließung des gesamten Standortes wird nicht verwirklicht.
 
 

1964

 

 Erstmalige Vergabe des Adolf-Grimme-Preises
In Marl wird erstmals der Adolf-Grimme-Preis vergeben, den der Deutsche Volkshochschulverband e. V. (DVV) 1961 gestiftet hatte. Der jährlich vergebene Preis gilt als renommierteste Auszeichnung für Qualitätsfernsehen in Deutschland. Bis 1977 wurde der Wettbewerb von der "insel Marl", dem Bildungswerk der Stadt Marl, vorbereitet und durchgeführt. Seit 1977 ist dafür das 1973 gegründete Adolf-Grimme-Institut zuständig.
 
 

1965

Januar 15

 Erzbischof Lorenz Jaeger von Paderborn wird zum Kardinal ernannt
Mit der Ernennung von Erzbischof Lorenz Jaeger zum Kardinal durch Papst Paul VI. wird erstmals einem Bischof von Paderborn die Berufung in das höchste Beratungsgremium des Papstes zuteil. Papst Paul VI. würdigt hierdurch vor allem Jaegers besondere seelsorgerische Leistungen.
Am 30.06.1973 lässt sich Jaeger von allen Aufgaben entpflichten und stirbt am 01.04.1975. Er gilt als eine der großen Gestalten der Paderborner Kirchengeschichte.
 
 

Juli 30

 Eröffnung der Ruhr-Universität Bochum
Als erster vollständiger Neubau einer Universität seit Bestehen der Bundesrepublik wird die Ruhr-Universität Bochum eröffnet. Der Lehrbetrieb wird mit dem Wintersemester 1965/66 aufgenommen.Gegen den Widerstand der SPD, die den Standort Dortmund für eine Universitätsgründung bevorzugt, setzt eine CDU- beziehungsweise CDU/FDP-Regierung den Standort Bochum durch. Entgegen einer verbreiteten Annahme ist die Gründung der Ruhr-Universität aber keineswegs eine Reaktion auf den einsetzenden Strukturwandel im Ruhrgebiet, der sich infolge der Bergbaukrise seit Ende der 1950er Jahre verstärkt.
Die neue Universität ist von "gemäßigter Reformfreudigkeit" (Paul Mikat) geprägt. So wird die Aufsplitterung der traditionellen Fakultäten in 18 Abteilungen (die aber seit 1985 wieder "Fakultäten" heißen) vorweggenommen. Eine wesentliche Reform stellt die Integration der ingenieurwissenschaftlichen Fächer in die Disziplinen der klassischen Universität dar. Die hierin zum Ausdruck kommende Betonung der Interdisziplinarität wird zum Beispiel auch in der Schaffung eines Lehrstuhls für Technikgeschichte in der Abteilung für Geschichtswissenschaft deutlich.
 
 

1966

 

 Beginn der kommunalen Neugliederung Nordrhein-Westfalens
Ausgangspunkt für die kommunale Neugliederung Nordrhein-Westfalens ist der Gedanke, jeweils diejenigen Gemeinden, die zu einem zentralen Ort gehören, zu einer neuen Großgemeinde zusammenzuschließen. Generelles Ziel ist es, auf örtlicher Ebene Selbstverwaltungsträger zu schaffen, welche eine bestmögliche Versorgung der Bevölkerung mit allen Gütern und Dienstleistungen der öffentlichen Daseinsvorsorge gewährleisten.
Nach dem Abschluss der Gebietsreform 1975 ist die Zahl der Regierungsbezirke gegenüber dem Stand von 1961 um einen (Aachen) von sechs auf fünf reduziert, die der Kreise um 26 von 57 auf jetzt 31 und die Zahl der Gemeinden um 1969 von 2365 auf jetzt 396 (davon 23 kreisfreie Städte) reduziert.
 
 

Mai 5

 Borussia Dortmund gewinnt den Europapokal der Pokalsieger
Als erste deutsche Fußball-Mannschaft gewinnt Borussia Dortmund einen europäischen Titel. Im Endspiel um den Europapokal der Pokalsieger im Hampden Park zu Glasgow besiegt der große Außenseiter BVB den favorisierten FC Liverpool sensationell mit 2:1 nach Toren von Siegfried Held und Reinhard ("Stan") Libuda. Bei der Heimkehr der siegreichen Mannschaft am folgenden Tag säumen Hunderttausende die Straßen Dortmunds und feiern die Mannschaft auf dem "Neuen Markt" (heute Friedensplatz).
Drei Jahrzehnte später vermag der Verein mit dem Sieg in der Champions League 1997 sowie dem Gewinn des Weltpokals im gleichen Jahr an diesen Erfolg anzuknüpfen.
 
 

Dezember 21

 Geburtsstunde des Flughafens Münster/Osnabrück
Die Städte Münster, Osnabrück und Greven sowie die Landkreise Münster, Tecklenburg und Steinfurt gründen die "Flughafen Münster/Osnabrück GmbH", um am Schnittpunkt zwischen West-Niedersachsen, nördlichem Ruhrgebiet und den Niederlanden einen Flughafen zu bauen und zu betreiben. 1967 erfolgt in der Hüttruper Heide bei Greven der erste Spatenstich.
Nach seiner offizielle Eröffnung am 27.05.1972 entwickelt sich der Flughafen Münster/Osnabrück zu einem der erfolgreichsten Verkehrsflughäfen in Deutschland. Der weitere Ausbau des Flughafens stößt aber zunehmend auf den Widerstand von Umweltschützern und Anwohnern.
 
 

1968

Dezember 16

 Eröffnung der Universität Dortmund
Die seit dem Jahr 1900 wiederholt unternommenen, aber immer vergeblich gebliebenen Bemühungen, in Dortmund eine Technische Hochschule zu errichten, finden mit der feierlichen Eröffnung der Universität Dortmund ihren Abschluss.
 
 

1969

 

 Geburtsstunde des Flughafens Paderborn/Lippstadt
Auf Veranlassung des Landes Nordrhein-Westfalen wird die "Regionalflughafen Südost-Westfalen GmbH" gegründet, um durch Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur die wirtschaftliche Entwicklung der Region zu fördern. Nach der Aufnahme des Flugbetriebs im Jahre 1971 entwickelt sich der Flughafen Paderborn/Lippstadt zu einem leistungsfähigen Verkehrsflughafen.
 
 

September 5

 Gründung der Universität Bielefeld
Mit der Planung zum Aufbau einer "Reformuniversität" in Ostwestfalen wird 1965 der Soziologe Prof. Dr. Helmut Schelsky (Universität Münster) von Kultusminister Prof. Dr. Paul Mikat beauftragt. Ziel dieser "neuen Universität" ist keine Entlastung der bestehenden Universitäten, sondern die Verwirklichung einer "wissenschaftlichen Reformkonzeption": Nicht die Ausbildung, sondern die Forschung soll im Vordergrund stehen. Die einzelnen Fakultäten sollen sich internen Forschungsschwerpunkten widmen, daneben soll interdisziplinäre Forschung zu speziellen Thematiken betrieben werden.
Als Zeichen dieser Neuausrichtung wird bewusst vor Eröffnung der eigentlichen Universität bereits 1968 das "Zentrum für interdisziplinäre Forschung" (ZiF) als erstes deutsches Center for Advanced Studies eröffnet, wo jährlich wechselnde Forschungsgruppen zu unterschiedlichen Themenbereichen arbeiten.
In der Praxis kann die Universität Bielefeld von Anfang ihrem Anspruch nicht gerecht werden, da der Zulauf an Studierenden die zunächst geplanten und später erweiterten Kapazitäten bei weitem übertrifft.
 
 

1972

August 1

 Gründung der Universität Paderborn
Aufgrund eines Kabinettsbeschlusses der nordrhein-westfälischen Landesregierung vom 27.04.1971 wird die Universität Paderborn als Gesamthochschule gegründet. Die Gesamthochschule Paderborn verteilt sich auf die vier Standorte Paderborn, Höxter, Meschede und Soest und geht aus einer ganzen Reihe von Vorgängereinrichtungen hervor. Seit 01.01.1980 darf sich die Gesamthochschule Paderborn Universität nennen.
In den 2000 bis 2002 erfolgt eine tief greifende Umstrukturierung, die eine Konzentration auf den alleinigen Standort Paderborn zur Folge hat. Die bisherigen Fachhochschulabteilungen in Höxter, Meschede und Soest scheiden aus der Universität aus und bilden seitdem Teile der Fachhochschule Lippe und Höxter beziehungsweise der Fachhochschule Südwestfalen.
 
 

August 1

 Gründung der Gesamthochschule Siegen
In Siegen wird die Gesamthochschule gegründet, die 1980 in den Rang einer Universität erhoben wird. Die Universität Siegen steht in der Tradition mehrerer älterer Fachschulen und bündelt deren unterschiedliche Wege der Ausbildung: Sie setzt die Geschichte der 1853 gegründeten Wiesenbauschule und der 1900 gegründeten Fachschule für Eisen- und Stahlindustrie fort und knüpft an die Pädagogische Hochschule in Hüttental-Weidenau an, die seit 1964 bestand.
 
 

1973

Mai 1

 Einrichtung der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen in Dortmund
Aufgrund des Staatsvertrages über die Vergabe von Studienplätzen vom 20.10.1972 wird die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) mit Sitz in Dortmund eingerichtet. Die ZVS ist bundesweit für die Verteilung von Studienplätzen für das erste Fachsemester an staatlichen Hochschulen in jenen Studienfächern zuständig, für die an vielen oder allen Hochschulen die Nachfrage größer ist als das Angebot und für die deshalb bundesweit Zulassungsbeschränkungen (Numerus Clausus) gelten.
 
 

1974

April 2

 Eröffnung des Dortmunder "Westfalenstadions"
Als am 02.04.1974 das Westfalenstadion in Dortmund eröffnet wurde, endete eine über zehnjährige Planungsphase. Borussia Dortmund bekam eine neue Spielstätte, die Maßstäbe für den Bau und Ausbau vieler Stadien setzte. Es war das erste reine Fußballstadion in Deutschland, keine Laufbahn trennte die Zuschauer vom Spielfeld. Im Zusammenspiel mit der Dachkonstruktion, die für eine besondere Akustik sorgte, schuf das eine "englische Atmosphäre", meinte der Sportjournalist Dieter Kürten und verwies dabei auf die geradezu legendäre Stimmung im Mutterland des Fußballs. Entsprechend begeistert fiel das Presseecho auf die Eröffnung aus: Von einer "Fußball-Arena von Weltklasse" und einem "Prachtstück" war die Rede, in dem die Arbeitsbedingungen weit besser seien als in der Fußballhochburg München.
Die fußballerische Ära im Westfalenstadion begann mit einem Klassiker, einem Freundschaftsspiel zwischen dem "Ballsportverein Borussia " - kurz: BVB - und seinem Erzrivalen FC Schalke 04. Das erste Tor war allerdings schon im Vorprogramm gefallen: In der 18. Spielminute der Begegnung der Frauenteams des TBV Mengede und des VfB Waltrop schoss Margarethe Schäferhoff Mengede in Führung...
Schon lange hatten sich die Dortmunder Hoffnungen auf ein neues Stadion gemacht. 1961 hatte sich der Sportausschuss der Stadt erstmals mit der Erweiterung der "Kampfbahn Rote Erde", der damaligen Spielstätte des BVB, befasst, die den Erfordernissen eines professionellen Fußballbetriebs nicht mehr entsprach. 1965 beschloss der Haupt- und Finanzausschuss den Neubau eines "Zwillingsstadions" parallel zur "Roten Erde". Doch die Frage der Finanzierung schien unlösbar. Die Stadt Dortmund sah sich im Zeichen der beginnenden Krise der Montanindustrie außer Stande, eine solche Investition zu leisten.
1966 schien eine Lösung in Sicht. Der Deutsche Fußballbund (DFB) erhielt den Zuschlag für die Ausrichtung der Weltmeisterschaft 1974. Den austragenden Städten wurden hohe Zuschüsse für den Ausbau ihrer Stadien zugesagt, so dass sich Dortmund als WM-Stadt bewarb. Dass die "Rote Erde" für die ständig steigenden Zuschauerzahlen zu eng wurde, machte ein legendärer Zwischenfall am 06.09.1969 mehr als deutlich: Beim Spiel gegen Schalke standen die Zuschauer dicht gedrängt bis an die Seitenauslinie, beim Schalker Führungstreffer stürmten sie das Spielfeld. In diesem Durcheinander wurden zwei Schalker Spieler von Hunden der Ordner gebissen, ein Spieler schied verletzt aus. Anschließend wurden die Zuschauer durch Gitter vom Spielfeld getrennt. ... weiter...
 
 

Mai 2

 Eröffnung des "Allwetterzoos" in Münster
In Münster wird als Nachfolger des Ende 1973 geschlossenen "Westfälischen Zoologischen Gartens" an der Himmelreich-Allee der "Allwetterzoo" eröffnet. Der Allwetterzoo ist der damals modernste Tierpark Europas. Seinen Namen trägt er, weil alle großen Tierhäuser mit überdachten Wegen verbunden sind.
 
 

1975

Januar 1

 Abschluss der kommunalen Neugliederung in Lippe
Nach Abschluss der kommunalen Neugliederung besteht der Kreis Lippe nur noch aus 16 Städten und Großgemeinden. In ihnen sind die ehemals 158 politisch selbständigen Gemeinden und 10 Städte aufgegangen.
 
 

Oktober 4

 Start der Fernuniversität Hagen
Beginn des Studienbetriebes an der Fernuniversität Hagen, die es Berufstätigen ermöglicht, ein Studium zu absolvieren. Sie ist die einzige Einrichtung dieser Art in Deutschland.
 
 

1976

Dezember 31

 Stilllegung der letzten Kleinzeche im Ruhrgebiet
Als letzte Kleinzeche im Ruhrgebiet wird die Zeche Egbert in Witten-Herbede zum Jahresende 1976 stillgelegt.
Die Kleinzechen sind eine Erscheinung der unmittelbaren Nachkriegszeit, als die ungeheure Kohlennot vor allem im harten Winter 1945/46 dazu zwingt, im Süden des Ruhrgebiets oberflächennahen Kohlenabbau zu betreiben, um den Mangel an Brennmaterial zu lindern. Als Kleinzechen werden dabei Betriebe mit maximal 100 Beschäftigten beziehungsweise höchstens 100 Tonnen Tagesförderung bezeichnet. Die durchschnittliche Betriebsdauer liegt denn auch bei nur etwa einem Jahr. Zu Beginn der 1950er Jahre erreicht die Zahl der Kleinzechen ihren Höchststand, als in 260 Betrieben bis zu 5.800 Bergleute beschäftigt sind. Mit Beginn des Kohlenüberflusses Mitte der 1950er Jahre setzt ein rascher Niedergang der Kleinzechen ein.
 
 

1980

April 23

 "Jahrhundertvertrag" zwischen Steinkohlenbergbau und Elektrizitätswirtschaft
In einer als "Jahrhundertvertrag" hoch gelobten Vereinbarung zwischen dem Gesamtverband des Deutschen Steinkohlenbergbaus und der deutschen Elektrizitätswirtschaft wird die steigende Abnahme heimischer Steinkohle zur Stromerzeugung bis 1995 garantiert. Hierdurch können die Absatzprobleme für die heimische Steinkohle zwar gemildert, letztlich aber nicht beseitigt werden, so dass weiterhin einschneidende Maßnahmen zur Beschränkung der Steinkohlenförderung notwendig werden.
Nach Auslaufen des Vertrages 1995 ist deshalb eine neuerliche Vereinbarung unumgänglich, um den deutschen Steinkohlenbergbau am Leben zu erhalten. Am 13.03.1997 wird ein neuer Vertrag zwischen dem Bund, den betroffenen Bundesländern und den Steinkohlenbergbaugesellschaften geschlossen. Danach soll der Steinkohlenbergbau durch weitere Zechenschließungen und Rationalisierungsmaßnahmen auf ein lebensfähiges Maß schrumpfen. Gleichzeitig werden die staatlichen Subventionen bis 2005 langsam zurückgefahren. Außerdem wird der Steinkohlenbergbau wird in der Deutschen Steinkohle AG zusammengefasst, die im November 1997 aus der Fusion von Ruhrkohle AG und Saarbergwerke AG entsteht.
 
 

1983

Mai

 Privatuniversität Witten-Herdecke nimmt Studienbetrieb auf
Die erste Privatuniversität Deutschlands nimmt in Witten-Herdecke den Studienbetrieb auf. Sie war aus der Unzufriedenheit einiger Hochschullehrer mit dem Stillstand in der Universitätsentwicklung Ende der 1970er Jahre geplant worden und hatte 1982 die staatliche Anerkennung erhalten. Die Universität Witten-Herdecke wird zum Vorbild für viele Neugründungen, nimmt aber unter den privaten Hochschulen eine Sonderstellung ein, da sie unter anderem ein breites Fächerspektrum anbietet und ein kulturwissenschaftlich-künstlerisch ausgerichtetes "Studium fundamentale" für Studierende aller Studiengänge obligatorisch ist.
 
 

1985

 

 Betriebsgenehmigung für den T-HTR 300 in Hamm-Uentrop
Nach fünfzehnjähriger Bauzeit und Kosten von rund 4 Mrd. DM wird dem Thorium-Hochtemperaturreaktor (T-HTR 300) in Hamm-Uentrop mit einer Nennleistung von knapp 300 Megawatt die vorläufige Betriebsgenehmigung erteilt. Nach nur vierjähriger Betriebsdauer wird der Reaktor 1989 stillgelegt, sein Kühlturm 1991 abgerissen. Der vollständige Rückbau wird noch mindestens bis 2009 dauern und mehrere Milliarden Euro kosten.
 
 

1985

August 15

 Inbetriebnahme der Urananreicherungsanlage in Gronau
Die bundesweit einzige Urananreicherungsanlage, in der Uranhexafluorid auf die von Kernkraftwerken benötigten Konzentrationen angereichert wird, nimmt in Gronau ihren Betrieb auf. Seitdem wird die Kapazität der Anlage der Firma Urenco Deutschland GmbH kontinuierlich ausgebaut. Die 1998 beantragte atomrechtliche Genehmigung für den Endausbau wird für das 2. Quartal 2004 erwartet. Gegen Betrieb und Ausbau der Gronauer Anlage sowie ihrer Schwesteranlage im ca. 30 km entfernten niederländischen Almelo kämpfen zahlreiche Bürgerinitiativen, Umwelt- und Naturschutzorganisationen.
 
 

1989

 

 Beginn der Internationalen Bau-Ausstellung (IBA) Emscher-Park
Die Internationale Bau-Ausstellung (IBA) Emscher-Park wird vom Land Nordrhein-Westfalen gegründet. In Weiterentwicklung der Konzeptionen früherer Bauausstellungen ist die IBA keine herkömmliche Ausstellung, sondern ein Zukunftsprogramm zur ökologischen und städtebaulichen Erneuerung des nördlichen Ruhrgebiets. Ihr Ziel ist es, durch architektonische, städtebauliche, soziale und ökologische Maßnahmen die Grundlagen für den wirtschaftlichen Wandel dieser Industrieregion zu schaffen.
An der IBA beteiligen sich 17 Kommunen (Bergkamen, Bochum, Bottrop, Castrop-Rauxel, Dortmund, Duisburg, Essen, Gelsenkirchen, Gladbeck, Herne, Herten, Kamen, Lünen, Mülheim an der Ruhr, Oberhausen, Recklinghausen, Waltrop), vorwiegend aus dem westfälischen Teil der Region sowie die beiden Kreise Recklinghausen und Unna. Während der zehnjährigen Laufzeit der IBA bis Oktober 1999 werden mehr als 120 Einzelprojekte mit einem Fördervolumen von rund 5 Mrd. DM öffentlicher und privater Mittel entwickelt und realisiert.
 
 

1992

Juni 25

 Erste "Castor"-Behälter werden im Zwischenlager Ahaus eingelagert
Die ersten "Castor"-Behälter mit abgebrannten Brennelementen aus dem 1989 stillgelegten Hochtemperaturreaktor Hamm-Uentrop werden im Zwischenlager Ahaus eingelagert. Ursprünglich nur als Zwischenlager für Atommüll aus dem Hochtemperaturreaktor Hamm-Uentrop geplant, wird die Kapazität des Lagers seit seiner Fertigstellung 1989 schrittweise erweitert und nimmt zunehmend Atommüll aus anderen Atomkraftwerken auf. Seit Bekanntwerden der Pläne für den Bau eines Zwischenlagers in Ahaus im Jahr 1977 kämpfen die Bürgerinitiative "Kein Atommüll in Ahaus" e.V. und andere Gruppen der Anti-Atomkraft-Bewegung gegen den Betrieb des Zwischenlagers.
 
 


2000


2004

April 12

 Erste grenzüberschreitende Landesgartenschau in Gronau und Losser (NL)
Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Peer Steinbrück eröffnet die Landesgartenschau 2003 in Gronau und in der niederländischen Gemeinde Losser. Zum ersten Mal wird eine Landesgartenschau grenzüberschreitend geplant und durchgeführt. Mit 1,15 Millionen Besuchern ist die "Laga 2003" eine der erfolgreichsten Landesgartenschauen.